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brand eins Thema: Unternehmensberater // 2016

Das Phantom der Beratung

Neulich hat er es wieder getan. Schon die Betreffzeile der Mail hatte ihn neugierig gemacht: „In 2016 etwas bewegen? Dann steige ein in unsere neue Challenge für die Hochbahn!“ Der 20-jährige Tobias Klotz lässt alles stehen und liegen, informiert sich über die Ausschreibung und reicht eine Idee zur Verbesserung des Service der Hamburger Hochbahn ein. „Ich mag Herausforderungen und messe mich gern mit anderen“, sagt er. Tobias Klotz ist ein „Phantomind“, ein erfolgreiches noch dazu. Zweimal hat der Student mit seinen Ideen schon eine Prämie gewonnen.

Phantominds – ausgedacht haben sich den Begriff und das Konzept dahinter die Unternehmensberater Mirko Bendig, 35, und Alexander Peter, 39. „Phantom“ steht für Fantasie, das Überraschende, das Geheime, „Minds“ für Kreativität, Wissen und Denken. Mit dieser Kombination sind die beiden Consultants vor rund zwei Jahren angetreten, um eine Nische im Beratungsmarkt zu besetzen. Ihre Dienstleistung: Crowdsourcing, verbunden mit professioneller Beratungsleistung. Sie stellen ihren Auftraggebern eine selbst rekrutierte Crowd von mittlerweile rund dreieinhalbtausend Personen zur Verfügung, die gemeinsam an Lösungen für eine Problemstellung des Kunden arbeiten.

Das Prozedere ist eigentlich ganz simpel: Jeder, der bei der Crowd mitmachen will, registriert sich zunächst bei der nicht öffentlichen Onlineplattform – und kann danach Ideen zur Lösung des Problems einreichen. Die Vorschläge werden von den Phantominds-Mitarbeitern und anderen Crowd-Teilnehmern ähnlich wie auf der Pinnwand eines sozialen Netzwerks kommentiert und weiterentwickelt. Drei bis vier Wochen dauert der Ideenfindungsprozess, den die Berater im Hintergrund steuern. Am Ende bewerten, clustern und präsentieren Bendig und Peter die Ideen und ihre Empfehlungen dem Kunden. Das Ergebnis ist nicht öffentlich und nur für den Auftraggeber bestimmt, der natürlich auch entscheidet, ob und wie er die Vorschläge umsetzt. Phantominds wird für die Prozesssteuerung mit einer Pauschale bezahlt, die drei besten Vorschläge honoriert der Klient außerdem direkt mit Prämien für die Ideengeber.

Die Qualität der Dienstleistung steht und fällt mit der Gruppe. „Eine aktive Crowd ist das Wichtigste“, sagt Alexander Peter. Phantominds sucht neugierige Menschen, die unternehmerisch und gestalterisch denken und Expertise mitbringen, ganz egal, in welchem konkreten Fach. Die ersten Teilnehmer für ihre Gruppe rekrutierten Bendig und Peter im Bekanntenkreis und in beruflichen Netzwerken, mittlerweile kommen neue Mitglieder selbst auf Phantominds zu – über Facebook und Twitter. Je nach Projekt sind in der Regel 300 bis 400 Teilnehmer aus dem Netzwerk aktiv.

Sie kommen immer dann zum Zug, wenn es um die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen geht und der direkte Draht zum Kunden gefragt ist. „Vor allem Unternehmen aus der Tourismusbranche, dem Bankensektor oder dem Mobilitätsbereich haben große Probleme damit, digitale Innovationen schnell genug auf den Weg zu bringen“, sagt Bendig. „Das ist unsere Zielgruppe, da können wir helfen.“ Phantominds-Vorschläge sind flink, schlau und kostengünstig – zu den Kunden zählen deshalb Konzerne genauso wie Start-ups.

Erst die Idee, dann die Beratung

„Crowdsourcing liegt im Trend“, sagt Mirko Bendig. Jedes fünfte Großunternehmen hierzulande habe damit schon Erfahrungen gemacht, sei es durch den Einsatz eigener Plattformen für den Kundendialog, durch Ideenwettbewerbe oder Start-up-Acceleratoren. Auch international ist die Schwarm-intelligenz gefragt: Laut einer Studie der französischen Platt- form „eYeka“ haben 85 Prozent der 100 weltweit stärksten Marken die Methode seit 2004 angewandt.

Peter und Bendig verstehen sich allerdings nicht nur als Ideengeber – die ehemaligen Unternehmensberater liefern das Umsetzungswissen gleich mit dazu. 2009, als sie sich bei einer Hamburger Beratungsfirma kennenlernten, stellten sie schnell fest, dass sie gut zusammenarbeiten konnten. Und es waren auch ähnliche Dinge, die sie am Beratungsalltag störten. „Zum Beispiel wurden häufig die besten Ideen in die Schublade gepackt, weil der Kunde etwas anderes kaufen sollte“, sagt Bendig. Als der promovierte Volkswirt an einer Studie für das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie über die Haupttrends in der Gründungsförderung mitarbeitete, sei ihm das „Crowd-Thema“ zum ersten Mal aufgefallen. Crowdinvesting, Crowdfunding, Crowdsourcing.

„Wieso macht man aus der Crowd nicht eine eigene Unternehmensberatung?“, fragte er Alexander Peter beim Feierabendbier. Peter war begeistert, sie fingen an zu tüfteln. Anfang 2014, als Bendig eigentlich Projektleiter mit eigenem Team werden sollte, kündigte er. Peter folgte wenig später. Im April 2014 starteten sie ihr Unternehmen. Mit ihrem Ersparten und zwei Förderprogrammen im Rücken arbeiten sie seitdem an ihrer Onlineplattform – und kehren um, was sie zuvor beklagten: Phantominds verkauft erst die Idee und dann die Beratung.

Den ersten Auftrag bekamen die Gründer im vergangenen Frühjahr von TUI. Der Touristik-Konzern suchte mithilfe von Phantominds ein emotionales Feature für die Website der Marke Robinson. „Und obwohl unsere Crowd damals noch nicht so groß war, lief das Projekt super“, sagt Peter. 47 ausgearbeitete Ideen habe man TUI präsentieren können. Darunter auch eine von Tobias Klotz, dem gelernten Mediengestalter und Studenten der Fachrichtung User Experience Design. Er entwickelte und designte ein auf einprägsamen Bildern basierendes Tool, mit dem der Endkunde mit wenigen Klicks den passenden Robinson-Club finden sollte. Seine Idee überzeugte nicht nur die Crowd, sondern auch den Auftraggeber – inzwischen setzte TUI sie in Teilen als Facebook-Applikation um.

Innovationen, darum geht es im Kern

„Wir waren sehr gespannt, ob diese Art der Ideengewinnung zum Erfolg führen kann“, sagt Timo Hinz, der das Projekt auf Kundenseite begleitete. „Doch dann hatten wir mehr gute Ideen, als wir umsetzen konnten. Viele von ihnen fingen klein an, wurden verfeinert und dann groß.“ TUI hat sich für eine der Ideen entschieden, die auch Phantominds favorisiert hatte. Es komme aber auch vor, sagt Alexander Peter, dass der Kunde eine Idee spannend finde und verwirkliche, die er nicht offiziell auszeichne. Der Wettbewerb hat seine Augen und Ohren schließlich überall.

Vier Projekte hat Phantominds im vergangenen Jahr gestemmt, drei Kunden haben Ideen oder Teilideen umgesetzt. Die Gründer stehen noch am Anfang und suchen derzeit nach einem Investor. Der soll sich allerdings weniger für das Consultinggeschäft interessieren: Phantominds will vielmehr als Innovationsagentur wahrgenommen werden, die neue Produkte hervorbringt, die noch niemand auf dem Schirm hat, erklärt Bendig. „Und das am liebsten weltweit.“

Ein Blick in die noch kleine Branche gibt durchaus Anlass zur Hoffnung. Das Münchner Unternehmen Hyve etwa ist mit einem ähnlichen Ansatz schon länger auf dem Markt. Es versteht sich als Innovationsagentur und nutzt Crowdsourcing vor allem für spezialisierte wissenschaftliche Projekte. Innosabi, ein inzwischen fünf Jahre altes Start-up, hat sogar eine eigene Crowdsourcing-Software konzipiert, die es an seine Kunden weitergibt. Das Konzept der Münchner findet vorwiegend in der Konsumgüterindustrie Zuspruch.

Ob sich Crowdsourcing als Methode innerhalb der Beratungsindustrie durchsetzen wird, ist hingegen fraglich, meint Christoph Weyrather, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater. Denn auch wenn viele Beratungsfirmen intern schon lange auf vernetztes Wissen setzten, sei der Anteil der Crowdsourcing-Beratungen nicht nennenswert. Die Richtung stimme allerdings, vereine der Ansatz doch zwei große Trends der Branche: Digitalisierung und Kundenbindung. Im klassischen Geschäft verschwindet mit den Beratern schließlich oft auch deren Know-how wieder aus dem Unternehmen. Auf das Wissen der Crowd kann der Kunde indes immer wieder zugreifen.

Marktforschung ist gut, der Schwarm ist besser

Die legt sich nur zu gern ins Zeug – und das umso intensiver, je direkter und persönlicher sie sich von einer Fragestellung angesprochen fühlt. Der aktuelle Auftrag der Hamburger Hochbahn AG ist so ein Fall. Das 104-jährige Unternehmen tut sich schwer damit, die passenden Services für die Zielgruppe der 15- bis 30-Jährigen zu entwickeln. „Viele dieser Menschen stehen kurz vor dem Autokauf“, sagt Christoph Kreienbaum von der Hochbahn. Wenn aus ihnen Kunden werden sollen, muss das Unternehmen etwas Besonderes bieten. „Natürlich betreiben wir auch Marktforschung“, sagt der Bereichsleiter Unternehmenskommunikation, „aber das Pilotprojekt mit Phantominds hat eine andere Intensität. Wir haben das Gefühl, gut verstanden zu werden.“ Vielleicht würden am Ende nur Teilideen umgesetzt, entscheidend sei es, den Denkprozess auszulösen. Für Bendig und Peter sprengt das Projekt schon jetzt die bisherigen Dimensionen. Bereits 70 Ideen hatten sie nach nur einer Woche und damit einen neuen Rekord. Der Erfolg ermutigte sie, zwei weitere Mitarbeiterinnen einzustellen.

An einem anderen Problem schrauben sie noch: der Entlohnung der Crowd-Mitglieder. „Zunächst hören sich 1000 Euro Prämie nach viel Geld an, aber was passiert, wenn das Unternehmen mit meiner Idee großen Erfolg hat?“, fragt sich Tobias Klotz. „Wir wollen irgendwann gewährleisten, dass unsere Ideengeber auch über die Rechte an ihren Ideen am Erfolg beteiligt werden“, sagt Alexander Peter. „Da müssen wir noch Pionierarbeit leisten.“

Für die Hochbahn-Runde sieht Klotz für sich da kein Problem. Leider: Bei seinem aktuellen Vorschlag, einer App mit Flirtfunktion, hat er kein gutes Gefühl. Zu Recht, wie sich gezeigt hat: Die Challenge ist inzwischen entschieden. Tobias Klotz zählt diesmal nicht zu den Gewinnern. //

Gewusst wie

Wissen aus Wirtschaft und Wissenschaft

Seit fast sechs Jahren bietet das Leipziger Unternehmen Nimirum seine Dienstleistungen an. Nimirum versteht sich als Berater und nennt sich selbst einen Full-Service-Anbieter für Wissen. Anja Mutschler und Christophe Fricker, die beiden Gründer, wollen mit ihrer Dienstleistung Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbringen: Ihr Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, im Auftrag seiner Kunden weltweit Informationen zusammenzutragen, zu sortieren und in der jeweils gewünschten Form aufzubereiten.

Dabei greifen die Kommunikationsexpertin und der in Großbritannien lebende Wissenschaftler auf ein großes Unterstützer-Netzwerk zurück. Die „Crowd“ für Nimirum bilden allerdings keine zufällig interessierten Privatpersonen, sondern mehr als 350 Experten aus aller Welt – vor allem Wissenschaftler, Fachjournalisten oder Industrie-Insider verschiedener Fachgebiete – die ihr Know-how zu Märkten, Branchen und Kulturen als freie Mitarbeiter zuliefern.

Nimirum erfüllt die unterschiedlichsten Kundenwünsche und erstellt länderübergreifende Trend-, Begriffs-, Markt- oder Zielgruppenanalysen, standardmäßig aufbereitet in Deutsch oder Englisch, auf 10, 80 oder auch 250 Seiten, in Form eines Dossiers, einer Studie oder direkt als Handlungsempfehlung im Folienmaster des Auftraggebers.

Die geplante Kampagne arbeitet mit besonderen sprachlichen Gepflogenheiten oder kulturellen Eigenarten, und die Claims sollen weltweit funktionieren? Die Nimirum-Länderexperten decken 65 Sprachen und Kulturräume ab. Der Kunde benötigt ein fundiertes Agentur-Briefing? Eine Werbeagentur braucht für den anstehenden Pitch die wesentlichen Kennzahlen der Industrie in den europäischen Kernmärkten samt Kunden- und Wettbewerbsanalysen? Nimirum liefert innerhalb weniger Tage und vermittelt seine Experten im Zweifel auch als Sparringspartner am Telefon oder persönlich.

Zu den Auftraggebern zählen Agenturen, Beratungsfirmen und mittelständische Unternehmen, aber auch die Strategie-, Marketing- oder Einkaufsabteilungen von Konzernen. Und das Geschäft nimmt immer mehr Fahrt auf: Im vergangenen Jahr hat Nimirum nach eigenen Angaben mehr als 500 Projekte abgewickelt, vor allem in den Bereichen Research und Internationalisierung.

www.nimirum.info

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