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brand eins Thema: Unternehmensberater // 2016

Das streamende Klassenzimmer

Schöne neue Schulwelt: Während die Kleinen spielerisch lernen und üben (oben), arbeiten die Programmierer im Backoffice am System „Montessori 2.0“.

Das Programm: 3, 2, 1 – Erfolg

Schulbeginn in der AltSchool in San Francisco. Bis 9 Uhr sind die rund 30 fünf bis sieben Jahre alten Kinder angekommen und von einer der fünf Lehrerinnen auf einem Tablet-Rechner eingecheckt worden. Nun versammeln sie sich vor einem großen interaktiven Whiteboard, auf dem ein Video mit Morgengymnastik läuft. „Nachdem wir unseren Körper geweckt haben, ist es Zeit, auch unseren Geist zu wecken“, verkündet eine Stimme aus dem Off. „Wir beruhigen uns. Nehmt bitte die Mountain-Pose oder die Prayer-Position ein.“ Den Erstklässlern muss man die Yoga-Stellungen nicht erklären. Sie halten inne und sehen zu, wie eine überdimensionale Seifenblase über Zeichentrick-Hügel schwebt. „Schön weiter atmen, während wir fliegen. Wir senken unseren Puls und bereiten uns darauf vor zu lernen. 3, 2, 1 – Erfolg!“

Anschließend teilen sich die Mädchen und Jungen in mehrere Gruppen auf. Traditionelle Klassenzimmer gibt es hier nicht, nur ineinander übergehende Arbeits- und Aktivitätsbereiche wie in dem Großraumbüro eines Start-ups: hier ein paar Stühle und Tische vor einer interaktiven Tafel, dort ein von flexiblen Trennwänden abgeteilter Raum für den Deutschunterricht, weiter hinten Bastelstationen.

Ein Dutzend Kinder setzt sich im Schneidersitz in einen Kreis und diskutiert, was Adjektive sind. Eine zweite kleine Gruppe arbeitet an einer deutschen Zeitung, die später hochgeladen und an Verwandte in Übersee geschickt wird. Danach werden einige Kinder ein MacBook auseinandernehmen und versuchen, die Teile zu identifizieren. Neben der Garderobe hängt für jeden Schüler ein Tablet-Rechner samt Kopfhörer, auf dem der persönliche Lehrplan für die Woche, die sogenannte Playlist, aufgerufen und abgearbeitet werden kann.

Interessierte Eltern können den schulischen Alltag ihrer Kinder mit einer Smartphone-App verfolgen, die von den Lehrern täglich mit Fotos und anderem Material aktualisiert wird. Wer seinen Nachwuchs nicht zum offiziellen Schulschluss um 15:15 Uhr abholen möchte, kann per App in 15-Minuten-Schritten eine andere Zeit vereinbaren.

Das Modell: Hightech-Dorfschule

AltSchool ist der Versuch, den Schulalltag mit viel Enthusiasmus und noch mehr Technik auf die nächste Generation zuzuschneiden. Das drei Jahre alte Start-up betreibt bislang in San Francisco, Palo Alto und New York sechs sogenannte Microschools, jede kaum größer als eine Dorfschule. Wenn in diesem Jahr neue Standorte in San Francisco, New York und Chicago hinzukommen, soll sich die Zahl der Schüler von 320 auf rund 500 erhöhen.

Langfristig hat das Unternehmen weitreichende Pläne: Es will eine neue Form der Lehranstalt entwickeln, in der mithilfe modernster Technik individuell und projektbezogen gelernt werden kann. Sämtliche dabei anfallenden Daten sollen systematisch analysiert werden, um den Betrieb stetig zu verbessern – und um allgemein nutzbare Lehrmittel zu entwickeln.

Woanders bleibt der Kopfhörer aus, in der AltSchool zählt er zum Unterrichtsmaterial.

All dies soll eine neue Generation digitaler Bildungsbürger hervorbringen, Digital Natives 2.0 quasi: Menschen, für die das Start-up-Prinzip von Versuch und Irrtum und der rasende technische Wandel ebenso normal sind wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Die von allem schon einmal etwas gehört haben und wissen, wo man zu den jeweiligen Themen mehr findet. Die genauso gut lernen wie umsetzen können und in der Lage sind, all das zu kommunizieren. Menschen, die kurz gesagt Spezialisten sind: für permanente Innovation.

Die Vision des Gründers: Skalierbarkeit

Der geistige Vater der AltSchool ist der ehemalige Google-Manager Max Ventilla. Der Sohn ungarischer Einwanderer studierte Mathematik, Physik und Betriebswirtschaft, bevor er bei Google für die Personalisierung der Dienste verantwortlich war. Das Prinzip der ständigen Anpassung an aktuelle Entwicklungen, das seinen früheren Arbeitgeber so erfolgreich gemacht hat, wendet der 35-Jährige nun auf den Schulbetrieb an. Ventilla nennt seine Vision Montessori 2.0, in Anlehnung an das Konzept der italienischen Pädagogin Maria Montessori, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eine Ausbildung propagierte, die an den individuellen Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes ausgerichtet ist.

„Wenn man davon überzeugt ist, dass die Schule unsere Kinder auf die Zukunft vorbereiten soll, und außerdem glaubt, dass die Zukunft einen enormen Wandel mit sich bringen wird, dann muss man dafür sorgen, dass sich Schulen verändern“, sagt Max Ventilla. „Das Problem ist nur, dass sie das aus strukturellen Gründen nicht können.“

Traditionelle Lehreinrichtungen sind nun einmal hierarchisch organisiert – Entscheidungen werden von oben nach unten weitergegeben. Wächst der Bildungsapparat, kommen mehr Verwaltungsebenen hinzu – und es wird noch schwieriger, gute Ideen von der Basis nach oben zu befördern oder auch nur zügig auf negative Entwicklungen zu reagieren. „Es gibt einfach keine Skalenerträge“, formuliert Ventilla im Jargon der Gründer und Betriebswirte, die sonst Webdienste für Verbraucher und Unternehmen hochziehen.

Dem ehemaligen Google-Manager schwebt ein Schulmodell vor, in dem das intelligente Design aus der Chefetage durch die konstante Evolution im Sinne Darwins ersetzt wird. Techies haben dafür einen Fachbegriff: die verteilte Versionskontrolle. In diesem Modell tragen viele Mitwirkende zu einem Ganzen bei, ohne dass ein zentrales Gremium entscheidet, was übernommen wird und was nicht. Das Prinzip der genetischen Variationen funktioniert genauso. „Mutationen bewirken viele kleine Veränderungen, die sich mit der Zeit addieren. Deshalb ist die US-Wirtschaft so stark und innovativ, deshalb besitzt das Silicon Valley ein so starkes Ökosystem aus investorenfinanzierten Unternehmen. Aber das ist eben auch der Grund, weshalb sich das bestehende Schulwesen nicht verändern kann.“

Wer das Klassenzimmer reformieren will, sagt Ventilla, hat drei Möglichkeiten: „Wenn man 200 bis 300 Jahre warten will, kann man auf die Veränderung eines Systems hoffen, das sich so langsam bewegt wie ein Gletscher. Man kann auch eine Revolution anzetteln und das alte System stürzen. Oder man sorgt für Disruption im klassischen Sinne: Man startet seine Idee im Kleinen und verbessert sie kontinuierlich, sodass sie mit der Zeit gut genug ist, um es erfolgreich mit dem alten System aufzunehmen.“

Der Markt: Riesig

Der Markt für Bildungstechnologie kommt gerade erst in Fahrt. Ging es anfangs vor allem um Hardware – iPads von Apple oder Chromebooks von Google – richtet sich das Augenmerk jetzt auf Software, um den Schulbetrieb und die Lehrpläne zeitgemäßer und wirtschaftlicher zu gestalten, aber vor allem um das Lernen zu verbessern. In den USA können öffentliche Schulen in 13 500 Schulbezirken unter fast 4000 Programmen und pädagogischen Apps wählen. Institutionelle Investoren steckten im vergangenen Jahr an die drei Milliarden Dollar in Bildungs-Start-ups. Microsoft will demnächst das beliebte Game „Minecraft“ als besondere „Education Edition“ für den Einsatz im Klassenzimmer anbieten.

Old School: Zeichnen und malen lässt sich übrigens auch ganz ohne Tablet.

Ventillas Vision hat große Namen aus dem Silicon Valley angelockt, die bisher rund 133 Millionen Dollar in seine Idee investiert haben – von dem bekannten Investor John Doerr über Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und die VC-Firma der Netscape-Legende Marc Andreessen bis zu Laurene Powell Jobs, der Witwe des Apple-Gründers. Sie sehen in der AltSchool eine erfolg- und gewinnversprechende Chance, das Bildungswesen mit den Regeln der Start-up-Welt zu revolutionieren. Dazu gehört, aus den riesigen, unaufhörlich erhobenen Datenmengen neue Einsichten über jeden einzelnen Schüler zu gewinnen, getreu der Maxime: Du kannst nur managen, was du messen kannst.

Das Klassenzimmer: Filmreif

Die Warnung hängt prominent an jedem Eingang: „Sie betreten ein Learning Lab, in dem wir den ganzen Tag Ton und Bild aufzeichnen.“ Jede Schule ist mit vier bis fünf Webcams ausgestattet, die kontinuierlich aufnehmen, was passiert. In der Regel sind sie direkt neben den Tafeln angebracht. Hinzu kommen bis zu einem Dutzend von der Decke hängende Mikrofone. Die Aufnahmen sollen den Lehrern helfen, für jedes Kind eigene Lehrpläne zu entwickeln und sie regelmäßig anzupassen.

Dazu sollen auch die sogenannten Cards beitragen: Aufgaben, von denen jeder Schüler jede Woche neue auf sein Tablet geschickt bekommt. Neben dem Unterricht mit Papier und Stift sowie den Musik- und Sportstunden klicken sich die Schüler durch ein wöchentlich aktualisiertes elektronisches Pensum. Sie haken dabei nicht nur Rechenaufgaben oder Lesestoff ab, sondern liefern so auch Daten für das AltSchool-System, das daraus Lernfortschritte oder mögliche Probleme erkennen soll.

Der Techniker und seine Vision: Superman

AltSchools Chief Technology Officer Bharat Mediratta soll die Werkzeuge für die Auswertung der Daten liefern. Er war zuvor gut zehn Jahre bei Google dafür verantwortlich, die Infrastruktur hinter der Startseite aufzubauen und zu verfeinern. Seit März 2015 macht er bei AltSchool mit und sagt, er habe das Gefühl, jetzt etwas ähnlich Aufregendes zu entwickeln, das ebenso tief greifende Auswirkungen auf unsere Welt haben werde. Der 45-Jährige nennt aber auch ein persönliches Motiv für seine Arbeit: Bis sein jüngster Sohn, der gerade ein Jahr alt ist, in die Schule kommt, will Mediratta die Lehr- und Lernwerkstatt seiner Träume entwickelt haben.

Sein Plan ist ehrgeizig. Er will mit möglichst vielen individuellen Datenströmen „allen Lehrern Superkräfte verleihen, damit sie jedem Kind eine so hochwertige Lernerfahrung wie möglich bieten können“. Dafür hat sein Team aus 28 Programmierern schon einiges entwickelt. Zum Beispiel die individualisierten Lehrpläne, die Playlists: „Jeder Schüler hat seine eigene Playlist, also gibt es streng genommen 320 Lehrpläne, die aus Tausenden von Cards zusammengestellt werden“, erklärt Mediratta. Jeder Lehrer kann selbstständig neue Karten anlegen oder bestehende abwandeln, die wiederum Kollegen an anderen Standorten übernehmen können. Grundsätzlich steht der individuelle Bedarf im Vordergrund. „Wenn es ein Buch in fünf Leseniveaus gibt, kann man jedem Kind einer Gruppe das Buch in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden geben und das wieder ändern, wenn sich zeigt, dass die aktuelle Version zu einfach oder zu schwer ist.“

Die Mission: Aufmerksamkeit und Ableger

Die bisher existierenden AltSchools sollen Aufmerksamkeit generieren, praktische Erfahrungen sammeln und Daten validieren – nicht zuletzt um daraus ein Paket von technischen und pädagogischen Werkzeugen und Prozessen zu entwickeln, die so skalierbar sind wie die Dienste von Google. Solche Produkte will die AltSchool in einigen Jahren anderen Bildungseinrichtungen und den Schulbehörden anbieten, damit auch sie sich ins Bildungswesen der Zukunft einloggen können. „Unser Modell heißt zwar Montessori 2.0“, sagt Ventilla, „doch Montessori hat sich über mehr als 100 Jahre zu dem entwickelt, was es heute ist. Wir wollen es in fünf Jahren schaffen, eine tragfähige Alternative zum herkömmlichen Bildungsmodell zu entwickeln.“

Noch befindet sich die AltSchool, wie der Gründer selbst sagt, in der ersten Phase ihres Ausbaus. Zurzeit gehe es darum, über fünf Jahre ein Netz von Ablegern zu eröffnen und zu betreiben, in denen eine oder mehrere Klassen nach den neuen Methoden unterrichtet werden – vom Vorschulalter bis zum Ende der Middle School, der achten Klasse, nach der der Übergang in die High School erfolgt.

Das Bewerbungsgespräch: Familiensache

Bislang gibt es für die AltSchool mehr Bewerber als Plätze, obwohl sogar die Lehrer sagen, dass sie nicht für jeden geeignet ist. Selbstbestimmtes Lernen in kleinen Gruppen ist eben etwas anderes, als brav am Tisch zu sitzen und auf die Tafel zu schauen – Freiraum und Kreativität können auch verwirren. Erst recht, wenn neben Lesen und Schreiben unübersichtliche Fächer wie Design Thinking oder Robotik auf dem Stundenplan stehen. Die Kinder müssen sich im Unterricht zum Beispiel überlegen, wie sie das Ökosystem Ozean nachbauen wollen, welcher Leitspruch den Respekt vor diesem lebenden System fördert und wie ihre Lego-U-Boote zum Einsammeln von Plastikmüll aussehen könnten.

Beieinander und doch jeder ganz bei sich: Beim konzentrierten Arbeiten hilft modernes Gerät.

Aber es ist auch nicht einfach, in der AltSchool aufgenommen zu werden. Eltern, deren Kinder hier lernen sollen, müssen ein Bewerbungsgespräch absolvieren und ihren Nachwuchs für eine Beobachtungsstunde mitbringen. Schon was die Mitarbeiter dort notieren oder aufnehmen, fließt später in die Datenbank des Schülers ein.

Ein Drittel der Eltern bekommt finanzielle Unterstützung, um die Schulgebühr von rund 25 000 Dollar im Jahr zahlen zu können. „Ich sehe den Preis wie bei den Autos von Tesla“, sagt der für Bewerbungen zuständige AltSchool-Manager Dan Rosenthal. „Die ersten Modelle sind teuer, aber die Technik gelangt früher oder später in den Massenmarkt. Und dann wird sie erschwinglich.“

Daten, Daten, Daten: Überall

In der AltSchool wird nicht nur alles aufgenommen – die Aufnahmen werden auch zehn Jahre lang gespeichert, um Lehrern jederzeit den Zugriff auf bestimmte Momente im Unterricht zu ermöglichen. Zudem gibt es neben den Tafeln Bookmarking-Knöpfe, mit denen die Lehrer Stellen markieren können, um sie später wiederzufinden. „Wir suchen noch nach der besten, unauffälligsten Variante dafür“, sagt CTO Mediratta. „Vielleicht funktioniert ein Knopf am Handgelenk, auf den man tippen kann.“

Gleichzeitig plant die Schule, die automatische Auswertung von Audio- und Videoaufnahmen auszubauen, etwa durch Gesichts- und Stimmerkennung oder Wärmebildtechnik. Wurde bisher die gesamte Software im eigenen Haus entwickelt, will das Technikteam fortan stärker mit Unternehmen wie Google oder Start-ups wie Second Spectrum zusammenarbeiten, die die Bewegungen von Hochleistungssportlern erfassen und auswerten. „Jeder, der im Bereich Big Data aktiv ist, hat großes Interesse am Bildungsbereich“, sagt Mediratta.

Wenn alles aufgezeichnet wird, soll es zum Beispiel möglich sein, für jeden Schüler eine „Wortwolke“ anzulegen, in der ein Algorithmus automatisch das Vokabukar erkennt – und den möglichen Nachholbedarf. „Das würde den enormen Stress verringern, unter dem die Kinder im normalen Schulsystem stehen, weil sie ständig für einen Test büffeln. Die Erfassung des Lernerfolgs liefe stattdessen im Hintergrund ab. Lehrer können selbstverständlich nicht überall sein, aber sie würden post-facto allwissend und könnten ihre Einsichten sogar mit den Eltern teilen“, schwärmt Mediratta.

Erste Prototypen sollen noch in diesem Jahr zum Einsatz kommen. Zum Beispiel eine Kabine, in der Schüler morgens vor eine Kamera treten und auf einen von fünf Smileys tippen, um zu zeigen, wie sie sich fühlen: Das Stimmungsbarometer soll Lehrer darauf hinweisen, wer gerade mehr Aufmerksamkeit benötigt. Oder eine Lese-Ecke, in der Kinder aufgenommen werden, wenn sie sich selbst vorlesen – eine neue Software erfasst und analysiert ihre Leistung automatisch.

Die Eltern: Euphorisch bis skeptisch

Die Eltern bekommen von der konstanten Datensammlung nur einen Bruchteil mit, unter anderem in Form eines Streams, über den sie den Alltag im Klassenzimmer verfolgen können. Statt Zeugnissen mit Noten erhalten sie Folien, auf denen die Lernfortschritte ihres Kindes als farbkodierte Balkengrafik dargestellt werden.

Mit der Eltern-App lassen sich jederzeit die Abholzeiten verändern oder Familienurlaube ankündigen, die sich nicht mit den üblichen Schulferien decken müssen. Unterrichtseinheiten, die ein Kind verpassen würde, können die Schüler als Paket aus Papier und Apps mitnehmen. Regelmäßige Online-umfragen, die ein „Parent Satisfaction Team“ verschickt, sollen zudem die Stimmung in den Familien ausloten – ganz so, wie es sonst Onlinehändler tun.

Es sieht nicht so aus, aber in diesem Gebäude wird Zukunft gemacht:
Die Kameras (links eine von vielen) zeichnen jede Bewegung auf.

So viel Service begeistert – doch hinter vorgehaltener Hand geben manche Eltern zu, dass sie nicht sicher sind, ob ihren Kindern die Struktur einer herkömmlichen Schule langfristig nicht doch fehlt und wie gut ihre Sprösslinge den Übergang auf die weiterführenden Schulen meistern werden. Einige fragen sich auch, ob das unablässige Datensammeln wirklich nützt oder nur dabei hilft, die künftigen Produkte der AltSchool zu verbessern – so wie jede Google-Anfrage den Suchriesen schlauer macht.

„Wir sind alle Teil eines Experiments, mit sämtlichen Vor- und Nachteilen“, sagt eine Mutter. Und manchmal, schiebt sie nach, beschleiche sie der Verdacht, dass sie ihre eigene Technikbegeisterung und ihren professionellen Big- Data-Fimmel auf ihre Kinder projiziert habe.

Die Lehrer: Offen und neugierig

Für Pädagogen besteht der Reiz, für die AltSchool zu arbeiten, nicht unbedingt in der Faszination für Technik. „Es geht hier nicht in erster Linie um Tablets oder Laptops“, sagt Annette Bauer, die den Standort Dogpatch in San Francisco leitet. Sie schätzt, dass die Vorschüler und Erstklässler unter ihrer Aufsicht nicht mehr als eine halbe Stunde am Tag vor diversen Bildschirmen verbringen. In der Schule wird auch gebastelt und gekocht, es werden Ausflüge ans Meer gemacht, ins Theater oder in die Oper, es gibt Sport- und Musikstunden.

Neben einem überdurchschnittlichen Verdienst ist es wohl die Freiheit zum Experiment, die dafür sorgte, dass sich mehr als 3000 Pädagogen auf 40 ausgeschriebene Stellen bewarben. „Mich selbst reizte die Möglichkeit, eine neue Art des Lernens zu entwickeln, das am einzelnen Kind ausgerichtet ist“, erzählt die Deutschamerikanerin Bauer, die zuvor unter anderen an internationalen Schulen in Berlin und im Libanon unterrichtete. „Die AltSchool steht für die Mentalität, Dinge neu zu erfinden und ehrlich mit Chaos umzugehen. Wenn etwas nicht funktioniert, können wir es relativ schnell verändern, in etwa einem Monat. Wir müssen nicht bis zum Ende des Schuljahres warten.“ Die aus Deutschland stammende Pädagogin Sabrina Strauss sieht das ähnlich: „Ich erzähle meinen Bekannten vor allem, dass ich an einer Privatschule mit gezielter Förderung und Unterricht in kleinen Gruppen arbeite. Den technischen Aspekt, der zu einem Start-up gehört, erwähne ich viel später.“

Das Ziel: Impulse geben, Vorbild sein

Unternehmensgründer Max Ventilla plant für seine AltSchool bereits die Phase 2, die das kommende Jahrzehnt beanspruchen wird. In diesem Zeitraum will er seine Vorzeige-Klassen so positionieren, dass ein „Ökosystem“ entsteht, in dem sich andere Schulen an der AltSchool orientieren und ihre Lösungen übernehmen – entweder als kostenlose Werkzeuge, um den Lehrbetrieb punktuell zu modernisieren, oder als bezahlte Komplettlösung. „Das lässt sich mit dem Outsourcing anspruchsvoller Leistungen wie Buchhaltung oder Rechtsfragen vergleichen: Wir betreiben auf unserer eigenen Plattform ein Vorzeigeprojekt, dessen Backend-Funktionen auch anderen Bildungseinrichtungen helfen können, sei es bei der Gründung einer Schule, beim Betrieb oder in der Lehrerfortbildung.“

Max Ventilla vergleicht seinen Plan für Phase 2 mit Amazon.com, das sich von einem kleinen Onlinebuchladen zu einem globalen Dienstleister entwickelt hat, der mit der Vermietung von Rechnerleistung und Speicherplatz, einem Bezahlsystem und eigenen Medienproduktionen inzwischen Milliarden umsetzt. „Wir machen vor, wie eine Gruppe von sechs Lehrern mit 100 Kindern und 800 Quadratmetern Fläche an jedem Ort in den USA eine Schule fürs 21. Jahrhundert starten kann – und das zu sehr konkurrenzfähigen Kosten.“ Dass dieses Vorzeigemodell von einem gewinnorientierten Unternehmen kommt, findet er nicht überraschend. „Wenn Technologie eine tragende Rolle in der Zukunft des Bildungswesens spielen soll, muss man akzeptieren, dass mit Venture Capital finanzierte Firmen dazugehören. Denn sie können sich die langfristige Forschung und Entwicklung leisten, die wir dringend brauchen.“

„Wir stehen als Start-up für Disruption“, gibt Ventilla zu, „aber wir wollen nicht Marktanteile auf Kosten etablierter Bildungseinrichtungen erobern, wie Uber im Taxigeschäft. Wir wissen, dass wir es leichter haben, etwas Neues auszuprobieren, als ein öffentlicher Schulbezirk mit seinem knappen Budget und den vielen Beschränkungen. Auch deshalb sind wir sicher, dass wir etwas Wertvolles entwickeln können, um zur Lösung eines großen, komplexen Problems beizutragen.“ Doch selbst Ventilla geht davon aus, dass das noch dauert: Bis die AltSchool in Phase 3 einen neuen Standard definiert und damit den Alltag in Tausenden von Schulen verändert, sagt er, könne durchaus ein Jahrhundert vergehen.

Vorerst besitzt die AltSchool akademische Narrenfreiheit: In Kalifornien erhalten neue Schulen für die ersten fünf Jahre ihres Bestehens nur eine vorläufige Zulassung – bis genügend Daten vorliegen. Man kann schließlich nur managen, was man messen kann. //

Anmerkung der Redaktion: Die Tochter unseres Autors Steffan Heuer geht auf eine AltSchool in San Francisco. Er schreibt uns dazu: Unsere Tochter hat unser anfängliches Misstrauen bislang zerstreut. Sie ist in der kleinen Gruppe aufgeblüht, kann mir Roboter-Einzelteile oder die Aufzucht von verwaisten Seehunden erklären und lässt sich beim Abholen kaum loseisen, während sie früher immer schon darauf wartete, nach Hause zu dürfen. Und dass jeder ihrer Handgriffe und Einträge aufgezeichnet wird, entgeht ihr.

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