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brand eins Thema: Innovation

Frank Salzgeber

„Ich suche die Verrückten“

Als Leiter des Technology Transfer Programme Office (TTPO) der ESA sorgt Frank Salzgeber dafür, dass Innovationen aus der Raumfahrt nicht im All verpuffen. Mit einem Jahresbudget von rund 5,5 Millionen Euro und einem europaweiten Netzwerk von 14 Technologiebrokern ist die Aufgabe des TTPO, europäische Unternehmen zu inspirieren, Technologie aus der Raumfahrt auch auf der Erde zu nutzen. Damit soll die europäische Wirtschaft weltweit wettbewerbsfähig gehalten werden. Seit 1991 hat die TTPO rund 300 Transfers, 380 Start-ups in den ESA Business Incubation Centres und rund 450 Patente zu verbuchen. Der Entwicklung hat sich der studierte Wirtschaftsingenieur auch in früheren Positionen verschrieben. Bevor er das TTPO übernahm, war Salzgeber bei der ESA Leiter der kommerziellen Entwicklung der bemannten Raumfahrt. Davor arbeitete er als Chief Operating Officer und Chief Financial Officer beim Münchner Start-up Tendi.com, das er mit der deutschen IT-Firma Cancom fusionierte. Salzgebers Credo: „Eine Gesellschaft, die ihre Forschung stoppt, stoppt ihre Entwicklung.“

Herr Salzgeber, besitzen Sie einen Akkuschrauber?

Ja, klar! Als guter deutscher Handwerker … Sie spielen vermutlich darauf an, dass der Akkuschrauber ein Abfallprodukt der Apollo-Missionen war. 

Genau. Aber warum musste man erst zum Mond fliegen, um etwas so Profanes wie den Akkuschrauber zu erfinden? 

Im Weltraum herrschen verschärfte Bedingungen. Die von der Erde mitgenommenen Dinge müssen klein sein, robust und kompakt. Jedes Kilo, das wir mit der Rakete hochbringen, kostet uns rund 100 000 Euro. Da überlegt man sich jedes Gramm. Und Steckdosen gibt es nicht. Es musste also eine neue Lösung gefunden werden, um Reparaturarbeiten zu erledigen – so entstand der Akkuschrauber. Dass er später auch Hobbyhandwerkern nützlich sein würde, ahnte man damals nicht.

Das war eine Innovation der NASA. Hat die European Space Agency (ESA) ähnliche Spuren in deutschen Haushalten hinterlassen?

Die Innovationen der Raumfahrt haben sich überall im täglichen Leben etabliert – zum Beispiel in der Wettervorhersage, der Klimaforschung oder der Satelliten-Kommunikation und -Navigation. Jeder, der mit Navi fährt oder Fernsehen per Satellitenschüssel empfängt, nutzt Technologien der ESA. Auch wer auf dem Sofa lümmelt und Chips isst, tut das vielleicht. Denn das Befüllungstempo der Tüten mit den zerbrechlichen Knabbereien konnte um 50 Prozent gesteigert werden, seit man eine Technologie nutzt, die Raumfähren den Eintritt in die Atmosphäre erlaubt.

Das ist ein Witz!

Nein, ganz im Ernst. Das Verhalten einer Raumsonde wie Cassini-Huygens, die auf dem Saturnmond Titan landet, hat durchaus Ähnlichkeiten mit einem Kartoffelchip, der in einer Tüte landet. Beide sollen heil bleiben!

Technologie aus der Raumfahrt kommt mittlerweile in allen Branchen und Lebensbereichen zum Einsatz. Die Me­talle in MRT-Scannern werden mit einer Goldfolie gekühlt, die einst die Geräte einer Rakete vor Kälte schützen sollte. Landbewohner, die früher auf selten verkehrende Busse angewiesen waren, können heute mit einem On-demand-System in Echtzeit eine Abholung anfordern. Logistiker und Zahnärzte verwenden bei ihrer Arbeit am Kopf befestigte Info-Displays, die für Astronauten entwickelt wurden. Die Liste ist lang.

Im Gegensatz zum Akkuschrauber liegen solche Innovations­transfers nicht auf der Hand. Wie sorgen Sie dafür, dass die Technik unseren Alltag erreicht? 

Wir denken anders. Früher waren die Transfers eine Art Abfallprodukt – heute betrachten wir sie als wertvolle Wiederverwendung. Wir versuchen wirklich alles aus der Weltraumtechnologie herauszuholen. Mein Büro ist, wenn Sie so wollen, das Innovations-Recyclingbüro der ESA. Warum soll man eine Idee oder eine Technik nicht mehrmals verwenden? Wer heute nicht recycelt, verschwendet Ressourcen. Genauso ist es mit den Ideen aus Weltraummissionen. Es wäre völlig unwirtschaftlich, sie hier auf der Erde nicht zu nutzen. 

Ausstellungshalle der Esa-Space-Expo in Noordwijk/Niederlande

Wie genau laufen die Transfers ab? Klopfen die Unternehmen bei Ihnen an?

Einige Konzerne kommen direkt auf uns zu, aber wir warten nicht vor dem Fax oder PC, bis interessante Anfragen reinkommen. Um kleinere Firmen und Start-ups für Transferprojekte zu gewinnen, organisieren wir zum Beispiel Wettbewerbe, tummeln uns auf Gründer-Events und machen Promotion auf Raumfahrt-Veranstaltungen. Und den Unternehmernachwuchs sprechen wir auf Events wie Space App Camps oder ActInSpace an. Dort werden vor allem Programmierer und Ingenieur- oder Wirtschaftsstudenten eingeladen, konkrete Weltraumthemen zu bearbeiten. 

Als Kontaktpersonen in den einzelnen EU-Staaten haben wir europaweit bislang 14 Technologiebroker bei Forschungseinrichtungen etabliert, die sowohl Ahnung von der Raumfahrttechnologie als auch Kontakte zu verschiedenen Indus­trien haben. Sie stellen Verbindungen zu Interessenten aus der Wirtschaft her.

Der Zulauf dürfte groß sein. 2012 befragte die EU-Kommission die Bevölkerung ihrer Mitgliedsländer zu ihrer Einstellung zur Raumfahrt. 70 Prozent der Deutschen sprachen sich für eine Ausweitung der europäischen Weltraumforschung aus. Surfen Sie auf der „Star Wars“-Welle? 

Der Hype hilft uns sicherlich. Raumfahrt fasziniert die meisten Menschen. Das ist für uns ein super Türöffner. Aber nicht alle Begeisterten sind auch bereit, die nächsten Schritte zu gehen. Ihr Denken ist oft sehr in den alten Mustern verhaftet. Besonders in Konzernen ist das „Not invented here“-Syndrom noch immer verbreitet: Was nicht von den eigenen ­Ingenieuren erfunden wurde, kann nichts wert sein – selbst wenn es aus dem Weltraum kommt. Mit Leuten, die so denken, können wir keine Geschäfte machen. Wir brauchen Partner, die in der Lage sind, in ganz anderen Sphären zu denken. 

Was meinen Sie damit?

Ich meine das wörtlich: Raumfahrt ist eine Art zu denken. Alles muss leicht sein, sicher, energiesparend, nicht reparaturanfällig und selbstheilend. Und das sind Eigenschaften, die auch für viele Waren hier auf der Erde wünschenswert sind. In der Raumfahrt gilt „Failure is not an option“. Wenn also eine Technologie in der Raumfahrt funktioniert, kann man davon ausgehen, dass sie auch auf der Erde für höchste Qualität und Präzision steht. Das ist ein enormer Mehrwert. 

Müssten da die Ingenieursherzen nicht höher schlagen?

Anfangs sicherlich. Aber dann kommt schnell die Ernüchterung. Denn das Erste, was wir bei der Transferarbeit tun, ist das Eliminieren der Raumfahrt aus dem Projekt.

Wie bitte?

Wir schauen uns nicht an, was eine bestimmte Technik im Weltraum kann, sondern was sie hier auf der Erde ermöglichen könnte. Denn bei unserer Arbeit geht es nicht um Raketenwissenschaft, sondern um Anwendungen, die einen Mehrwert für die gesamte Gesellschaft haben. Daher sage ich immer: Es gibt keine Raumfahrttechnologie. Es gibt nur Technologien aus der Raumfahrt, die Unternehmen für ihre Aufgabenstellungen adaptieren können. Mit diesem Ansatz holen wir unsere space-begeisterten Gesprächspartner schnell auf den Boden der Tatsachen zurück.

Wie finden Sie Ihre Geschäftspartner?

Ich suche nicht nach normalen Technikern mit beeindruckenden Lebensläufen – ich suche die Verrückten. Diejenigen, die mit ganz anderen Augen auf die Welt schauen. Bei den Transfers muss man um die Ecke denken können und offen sein für alles, was kommt. 

Europäische Landekapsel in der Space-Expo
Frank Salzgeber

Man muss die rechte und die linke Gehirnhälfte zusammenbringen. Und dann ist es wirklich erstaunlich, was daraus entsteht. Es ist doch so: Der eine sieht in einem Bild nur das, was offensichtlich abgebildet ist, doch ein anderer mit mehr Fantasie sieht vielleicht mehr. Oft ist es dafür gar nicht schlecht, kein Experte zu sein. Das hilft, die richtigen Fragen zu stellen und mehr als bloß eine Lösung zu finden. Erst so erfasst man das gesamte Potenzial einer Idee. Die erste Lektion, die ich gelernt habe, ist: Es gibt keine verrückten Transfers.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen Sie die Idee eines Start-ups, das das Luft-Recycling-System der ESA-Astronauten nutzt. Damit wird im Weltraum die ausgeatmete Luft der Astronauten in Sauerstoff verwandelt, sodass längere Raumflüge möglich sind. Unter dem Motto „Plug and play CO2“ stellt diese Firma nun verschiedenen Branchen hoch konzentriertes Kohlendioxid zur Verfügung. Sein Einsatz lässt sich genau steuern und dosieren. Zum Beispiel in Gewächshäusern, wo es wie Dünger wirkt, oder für Softdrinks, die sprudeln sollen. 

Ein anderes Beispiel: Alexander Gerst hat auf der ISS unter anderem getestet, warum sich bestimmte Metalle in der Schwerelosigkeit verbinden, obwohl sie es auf der Erde nicht tun. Solche Erkenntnisse können vielen Branchen von Nutzen sein: Medizintechnikherstellern, die mit diesem Wissen ihre Herzklappentechnologie verbessern, oder Maschinenbauern, die damit ihre Turbinenschaufeln leichter und stärker machen. Selbst ein Lebensmittelprodu­zent kann womöglich daraus lernen, wenn er sich fragt, warum sich bestimmte Inhalte seiner Salatsoßen nicht ver­binden lassen. Klingt verrückt, ist es aber nicht. 

Wo finden Sie Leute, die so denken können?

In großen Firmen leider nicht so häufig, wie wir uns das wünschen. Da wird die Innovationskultur oft in Strukturen und Buchhaltung erstickt. Der Mittelstand ist in der Regel viel offener. Auf besonders offene Ohren stoßen wir in Firmen, in denen der Leidensdruck sehr hoch ist. Insofern spielt uns die Krise in einigen EU-Ländern durchaus in die Hände. Wer bis zum Hals im Dreck steckt, ist eher bereit, neue Wege zu gehen. Denn er weiß, wohin ihn die alten Wege geführt haben. 

Sie suchen also die jungen Kreativen? 

Nicht nur, Offenheit hat nichts mit dem Alter zu tun. Die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind zwischen 18 und 65 Jahre alt. Wichtig ist vor allem, nicht zu viele Ingenieure in einem Team zu haben. Die Engländer sagen dazu „Don’t marry your cousin“: Selbstbefruchtung funktioniert in unserem Business nicht. 

Die besten Teams sind die, die gut durchmischt sind. Das ist wie auf einer Party. Wenn sich alle kennen, ist es meist grottenlangweilig. Am liebsten gehe ich auf Mixed-Pickles-Partys. Das sind Feiern, auf denen ich von 50 Gästen keine zehn kenne. Da wird es spannend, man entdeckt neue Menschen und neue Ansichten. Genauso ist es im Job. Durch neue Sichtweisen befruchtet man sich gegenseitig und entwickelt so neue Ideen. 

Ihr eigenes Team bei der ESA ist vermutlich auch ein Mixed-Pickles-Team?

Jawoll. Ich habe zwölf Leute, davon die Hälfte Frauen. Darunter sind Ingenieure, Juristen, ITler und Marketingleute. Drei Franzosen, drei Spanier, zwei Deutsche, zwei Holländer, ein Schwede und eine Italienerin. Je unterschiedlicher die Leute, desto besser die Ergebnisse. 

Nach welchen Kriterien wählt Ihr Team Bewerber aus der Wirtschaft aus? Wie läuft so ein Space-Pitch ab?

Ganz bodenständig. Wir arbeiten in den 22 ESA-Mitgliedsländern mit lokalen Banken, Universitäten und Gründerzentren zusammen. Gemeinsam mit ihnen laden wir vielversprechende Gründer zu einer Kennenlernrunde ein: 15 Minuten Präsentation, 15 Minuten Fragen und Antworten, das übliche Programm. Prinzipiell kann sich jedes Start-up bewerben, das nicht älter als fünf Jahre ist und irgendeinen Bezug zur Raumfahrttechnologie hat. Das Konsortium wählt dann aus, wer in einem unserer ESA Business Incubation Centres – in Deutschland sind es das ESA BIC Bavaria und das ESA BIC Darmstadt – aufgenommen werden kann.

Unsere Rolle gleicht der eines Patenonkels. Wir unterstützen die ausgewählten Start-ups mit 50 000 Euro sowie dem ESA-Branding, mit technologischem Support und natürlich mit Rat und Tat. Ermöglicht wird das durch unsere lokalen Partner, die einen Großteil der Finanzierung und der lokalen Unterstützung leisten. Aber natürlich müssen die Firmen irgendwann selbst zurechtkommen. Bisher haben wir 380 Start-ups unterstützt und damit auch für viele neue Jobs gesorgt.

Mit diesem Engagement sollen Sie die europäische Wirtschaft stärken. Doch die Konkurrenz ist groß, besonders aus den USA. Existiert so etwas wie ein Wettbewerb zwischen der ESA und der NASA?

Nein. Das wäre auch ein unfairer Kampf. Die NASA beschäftigt doppelt so viele Mitarbeiter im Technologietransfer wie wir; ihr Budget liegt bei umgerechnet rund 18 Millionen Euro, unseres bei gerade 5,5 Millionen Euro. 

Aber wir verfolgen auch unterschiedliche Ansätze. Die NASA ist eine zentral gesteuerte Einbahnstraße. Die ESA ist mit ihrem Verbund aus 22 Mitgliedsstaaten viel mehr auf ­Kooperationen und Austausch angewiesen. Das ist für uns eine große Chance. Unser Ziel ist es, eine Gemeinschaft für unsere Kooperationspartner zu schaffen, in der sie sich nicht nur mit uns austauschen können, sondern sich auch unter­einander befruchten.

Die NASA setzt neuerdings auch auf Crowdsourcing. Wo sehen Sie die Zukunft des Technologietransfers?

Crowdsourcing ist eine exzellente Idee. 14 Ideenfinder zu haben ist gut, aber 1400 zu haben ist natürlich viel besser. Viele Innovationen kommen eben von Leuten, die keine Spezialisten sind. Ich selbst träume von einer weltweiten Vernetzung aller Weltraum-Center oder zumindest weiteren ESA-Transfer-Centern jenseits unseres Kontinents. Europa könnte als ein weltweiter Hub für Geschäfte zwischen Weltraumagenturen und der Wirtschaft etabliert werden. Da wären dann auch Geschäfte zwischen Start-ups möglich. 

Transfergeschäfte werden künftig keine Einbahnstraße mehr sein. Wir müssen uns für alles öffnen und können nicht mehr alles kontrollieren. Es geht nicht mehr um Eins-zu-eins-Kommunikation – es geht um das Teilen von Ideen. Unsere Aufgabe sehe ich künftig darin, uns überall da zu tummeln, wo die interessanten Leute sind. Und dort dann für sie den Whisky bereitzustellen. //

Europa im Weltall

Seit 1975 steuert die European Space Agency die europäischen Aktivitäten im All. Ihre Aufgaben reichen von der Erforschung der Erde und des Universums bis zur Entwicklung und Förderung ­neuer Hightech-Industrien. Zu den bekanntesten Weltraum­missionen, die unter der Leitung der ESA standen oder an denen sie beteiligt war, gehören Hubble (Weltraumteleskop), Galileo (Satelliten­navigationssystem), der Mars Express (Marssonde) sowie Rosetta (Kometensonde mit Landesonde Philae). Das ESA-Jahresbudget von zuletzt 4,4 Milliarden Euro wird von den 22 Mitgliedsstaaten finanziert; die Anteile der einzelnen Staaten richten sich nach dem jeweiligen Bruttoinlandsprodukt, Deutschland trug 2015 knapp ein Viertel. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) vertritt die Interessen der Bundesrepublik bei der ESA.

esa.de

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