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brand eins Thema: Innovation

Ein Plädoyer gegen Fachidiotie

Raus hier!

Es war einmal eine Ansammlung von kleineren und größeren Ländern, die sich ungefähr die gleiche Sprache teilten und den Glauben an einen Satz des französischen Philosophen und Mathematikers Blaise Pascal, der meinte, das ganze Unglück der Menschen rühre daher, dass sie nicht imstande seien, ruhig in ihrem Zimmer zu bleiben. Die Deutschen hielten sich daran, erst recht in den tur­bu­lenten Jahren des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Draußen, da herrschten Revolution, Krieg und Veränderung, und wer das Zimmer verließ, kam selten wieder, jedenfalls nicht unversehrt. So wurde ihnen ihr Zimmer zur Welt, kulturgeschichtlich nennt man das Biedermeier. Das ist mehr Welt­anschauung als Stilrichtung und bildet den harten Kern der heimischen Leitkultur. Der Wappenspruch lautet: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Und unter deinesgleichen. 

Diese Kultur führt wie eine Spirale nach innen, zum abgeschlossenen System. Spezialisten sind Experten für die eigene Welt, und auch wenn sie darin die Besten sind – sie lassen alles andere nicht an sich heran. Wenn sich das Neue gar zu sehr aufdrängt und sich nicht verhindern lässt, wird es durch Regeln und Normen gebändigt. Aber es erscheint weiterhin als Fremdkörper, als etwas, wovor man sich hüten sollte.

Die Entwicklung, die natürlich auch dabei entsteht, führt in die Tiefe, aber selten in die Breite, wo jene Welt anfängt, die neu ist und erklärt werden muss. Der Experte bohrt gern immer tiefer, und was er entdeckt, ist für den Laien kaum noch zu verstehen. Das aber wird beim Eintritt in die Wissensgesellschaft zum Pro­blem. Denn hier geht es um vernetzte und personalisierte Produktion – alias Industrie 4.0 – und um Ideen, die erst dann etwas wert sind, wenn sie von anderen verstanden werden. Hier muss man nicht mehr nur über Wissen verfügen – man muss es auch teilen können. 

Warum das so ist, beschreibt bereits der erste Satz des Cluetrain-Manifests: Märkte sind Gespräche. Und das war nie anders. 

Zugegeben, manchmal sind maulfaule Experten, Fachchinesen, autistische Spezialisten im Vorteil. In der zweiten industriellen Revolution wurde Deutschland groß; aus dem Kleinstaatenflickenteppich wurde ein Staat, aus den Tugenden des Biedermeiers die Voraussetzung für einen lange währenden Erfolg. Hohe Spezialisierung und Routinen sind das Fundament für eine funktionierende Massenproduktion. Hier hängt unternehmerischer Erfolg von Planbarkeit und Kon­trolle ab. Und die Rolle des Experten ist klar: Er ist der Ausführende einer höheren Idee, der Ingenieur, der den großen Plan in die Tat umsetzt. 

Das ist das Gegenteil von Open Innovation. In der alten Inustriewelt spielen Märkte bei der Innovation kaum eine Rolle. Was getan werden muss, weiß der Staat, die Behörde, die Konzernleitung. Mit dieser Haltung lassen sich sehr effizient die Grundbedürfnisse befriedigen, also jene, die bei allen Menschen gleich sind. Für weitergehende Begehren müsste man die gute Stube verlassen und vor die Tür gehen. Aber wie gesagt: Das ist gefährlich. 

Ganz anders ist das, was die Amerikaner praktizieren. Ihre Innovationen entstehen in Absprache mit den Bedürfnissen der Kunden, also am Markt. Dort gilt: Es genügt nicht, eine Idee zu haben, man muss sie der Öffentlichkeit auch verständlich erklären, sie teilen können. Die deutsche und die amerikanische Innovationskultur unterscheiden sich erheblich. 

Hierzulande ist das Modell Werner von Siemens’ prägend – ein brillanter Erfinder, der seine Aufträge fast immer von Staat und Behörden erhält, die sie anschließend per Dekret dem Volk verordnen. Der dazugehörige Experte kümmert sich kaum oder gar nicht um die künftigen Anwender. Der Markt spielt keine Rolle. 

Siemens’ amerikanischer Zeitgenosse Thomas Edison setzt in seinem Thinktank Menlo-Park bei New York auf das Gegenmodell: Er und seine Ingenieure arbeiten nach dem Prinzip, bei jeder Innovation die praktische Anwendung gleich mitzudenken – und die richtigen Bilder und Worte dafür zu finden. Edison hört auf den Markt. 

Neues will erklärt werden 

Natürlich gibt es in beiden Systemen ­Innovationen. Aber wer das, was er tut, nicht darstellen kann, gibt seine Idee auf – oder in andere Hände. Das sind die möglichen Alternativen, wenn man sich den Gesprächen auf den Märkten verweigert. Wissen ist machtlos, wenn man es nicht begreifbar machen kann. Orientierung, das Zugänglichmachen und die Übersetzung hoher Komplexität in die Alltagssprache sind die wichtigsten Fähigkeiten in der Wissensökonomie. Innovationen, die der Mensch nicht versteht, sind wertlos. 

Deshalb ist es nötig, dass sich die Träger der Innovation mitteilen. Sie müssen in der Lage sein, ihr Handeln und ihre Arbeit gleichermaßen klarzumachen. Die von den Vereinigten Staaten und Großbritannien ausgehende Erklär-Kultur wird aus gutem Grund weltweit als Vorbild angenommen. Dort ist es normal, wenn der führende Astrophysiker des Landes – wie etwa Carl Sagan einer war – gleichzeitig auch ein populärer Fernsehpräsentator ist. Es ist normal, wenn der Chef von Apple sein neuestes Produkt persönlich vor Publikum erklärt, und natürlich ist es normal, wenn einer der Entwickler dazu auf die Bühne kommt und ebenso nachvollziehbar erzählt, wie und warum es zu dieser Innovation kam. Noch entscheidender aber – und völlig natürlich – ist das Denken dieser Menschen in der Edison-Kategorie, also schon bei der Entwicklung der Innovation ihren (möglichst selbsterklärenden) Charakter im Kopf zu haben. 

Plan und Kontrolle haben ausgedient

Die deutschen Defizite im Umgang mit den Märkten sind umso deutlicher erkennbar, je höher die Industrie und die Wissensgesellschaft die Evolutionsleiter hochklettern. Schon Industrie 3.0 – angewandte Informatik und Datentechnik für alle – war eine Übung, die man hierzulande weitgehend nicht beherrschte. Die PC-Revolution war eine, die man erklären musste.

Komplexe Technik musste sich zugänglich machen, sich erschließen, ein Prozess, der bis heute andauert. Aber Tablets oder Smartphones kann man nur bauen, wenn man diese Form von marktgerechter, verständlicher Informatik beherrscht. Und das gilt noch mehr für Software, Assistenten oder abstrakte Wissensprodukte, die erklärt und erschlossen werden müssen. 

Das Internet und die von ihm ausgelöste vierte indus­trielle Revolution machten das überdeutlich: Die Technik war lange Jahre erfolglos geblieben, weil es keine Verstehens-Technik gab, um sie zu erschließen. Erst Tim Berners-Lee lieferte 1990 mit seinem HTML den Schlüssel dazu. Das war kein Zufall, sondern das Leitmotiv aller Wissensökonomie, die darin besteht, aus scheinbar chaotischer Komplexität zugänglichen Nutzen zu erzeugen. Das Neue ist, was wir begreifen können. 

Die abwartende Haltung gegenüber Industrie 4.0 alias Wissen 1.0 in Deutschlands Unternehmen liegt in der alten Kultur des Nach-innen-Denkens begründet, in der Markt-skepsis und der Vorliebe für Plan und Kontrolle. 

Aber jetzt geht es gar nicht mehr anders. Wir müssen rauskommen aus den alten Bohrlöchern. In den Unternehmen, wo die Abteilungs- und Kompetenzgrenzen fallen, genauso wie auf den Märkten, wo Produkte, Prozesse, Dienstleistungen und deren Nutzen begriffen werden wollen. Eine Netzwerkökonomie, bei der man einander nicht versteht, wird es nicht geben. 

Klarmachen, offenes Denken, Rausgehen, Lüften – das sind die Sofortmaßnahmen, damit die Ökonomie und die von ihr abhängige Wohlstandsgesellschaft nicht zum Selbstzweck verkommen. Das Gegengift zum neuen und alten Biedermeier ist der Markt, der Austausch von Wissen. Alles 

Unglück in der Wissensgesellschaft kommt daher, dass die Leute zu Hause sitzen bleiben. Das kann nicht so bleiben.
Los, raus hier! //

 

 

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