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brand eins Thema: Innovation

Alexander Kluge

„Wir brauchen einen Überschuss an Möglichkeiten.“

Alexander Kluge, 84, ist Schriftsteller, Filmregisseur, promovierter Jurist und unabhängiger Fernsehproduzent. In seinen Büchern und Filmen bewegt er sich zwischen Theorie, Geschichte und Fiktion, zwischen Facts und Fakes. Schon für seinen ersten Spielfilm „Abschied von gestern“ erhielt er 1966 den Silbernen Löwen der Filmfestspiele von Venedig; für sein literarisches Werk wurde er unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt, dem wichtigsten Literaturpreis der Bundesrepublik.

Herr Kluge, wie kommt das Neue in die Welt?

Das Neue kommt die ganze Zeit in die Welt, unaufhörlich. Wir sind gar nicht dazu fähig, in einem Status quo zu verharren. Die verrückteste Utopie wäre der Versuch, die Gegenwart einzufrieren.

Ein Konservativer ist im Grunde nicht realistisch. Genauso wenig wie jemand realistisch ist, der die Zukunft der Gesellschaft planen will. Kein Subjekt kann die Evolution, auch nicht die Evolution von Gesellschaften, steuern. Man kann sich versammeln und sagen, wir sind jetzt das Zentralkomitee und organisieren die Zukunft. Das funktioniert aber nicht. Dafür sind wir als Lebewesen zu komplex.

Gibt es Milieus und Unternehmenskulturen, in denen die Innovation besonders gut gedeiht?

Die gibt es gewiss, und es gibt das Gegenteil. Saudi-Arabien wendet viel Geld auf, um seinen Rang in internationalen Hochschul-Rankings zu verbessern und eine Elite-Universität zu errichten. Das gelingt dem Land nur bedingt, weil seine Sittengesetze für Wissenschaftler völlig unattraktiv sind. Man möchte dort nicht leben. Die Lebensqualität und die Promiskuität einer Universität wie Stanford oder Harvard ziehen die Genies an. Das sind Gärten des Wissens, die man allein mit Geld nicht kaufen kann. Dazu gehört auch die Möglichkeit, sich irritieren zu lassen. Wenn man sich nicht mehr irritieren lässt, ist man eigentlich schon tot.

Damit Gärten des Wissens entstehen, muss man ihre Selbstorganisation achten. Keine Regierung kann einfach sagen, wir möchten jetzt auch hier ein Silicon Valley ansiedeln, auf Bestellung. Innovationen siedeln unabsehbar.

Weshalb geben sich Gesellschaften oder Unternehmen so große Mühe, Innovationen zu entwickeln?

Zum einen aus Lust, aus Entdeckerfreude, aus Produzentenstolz, aus Neugier. Zum anderen entwickeln wir Innovationen, um uns in einer gefährlichen Umwelt zu behaupten. Wir können beobachten, dass sich Menschen und andere Lebewesen, wenn sie in Not sind, besondere Mühe geben.

Karin Mölling, eine führende Virologin, berichtet, dass sich das bei Viren im Experiment untersuchen lässt. Wenn man Viren in ein Milieu gibt, in dem es ihnen an nichts fehlt, weder an Nahrung noch an angenehmer Temperatur, regredieren sie und strengen sich nicht mehr an. Kommen sie in Not, entwickeln sie Differenz. Das erhöht die Chancen auf Mutationen. Das ist ein evolutionärer Prozess.

Mit diesen Viren haben wir Gemeinsamkeiten. Manche Völker, die einst unter ökologisch günstigen Umständen lebten, mussten nicht nach Auswegen aus der Not suchen. Der Prähistoriker Hermann Parzinger beschreibt, dass im Süd­sudan vor einigen Jahrtausenden paradiesische Zustände herrschten. Man musste die Nahrung nur noch einsammeln, man konnte gar nicht so schnell essen, wie sie wuchs. Ähnliches gilt auch für verschiedene Eskimovölker, die überreich mit Fischschwärmen und Robben versorgt waren.

Diese satten Völker haben die gesamte Bronze- und Eisenzeit verschlafen. Sie haben friedlich ihre Mahlzeiten verdaut. Gesellschaftlichen oder technologischen Fortschritt kann man dort nicht erkennen. Ich sage nicht, dass die Menschen dabei unglücklich waren, aber ihre Gesellschaften entwickelten sich nicht weiter. In dem Moment der Gefährdung werden dagegen alle Sinne aktiviert. Spinoza spricht von Conatus, der ­angeborenen Lust zu leben, die allen Lebewesen innewohnt. Das ist mehr als verzweifelter Überlebenswille.

Kluges neues Buch „Kongs große Stunde“ (Suhrkamp Verlag, 680 Seiten), versammelt mehrere Hundert Geschichten, in denen es unter anderem um Alexander Kluges Vater, das Zwerchfell der Krokodile, Schiffbrüche und Bankrotte, Hoffnungsträger auf Reisen, Napoleon, Thomas Mann und King Kong in New York geht. Kluge nennt sein Buch im Untertitel eine „Chronik des Zusammenhangs“.

In Notlagen haben wir gar keine andere Möglichkeit, als neue Wege auszuprobieren?

So ist es. Dass Not erfinderisch macht, ist ein Satz, der weit zurückreicht. In der frühen Vorzeit laufen kleine Gruppen von Menschen durch die Savannen. Die Beute ist weit weg, ihre Jagdwerkzeuge sind primitiv. Sie können nicht wissen, ob sie am Abend etwas zu essen haben. Dadurch kommt Kooperation zustande, sie jagen gemeinsam. Diese Menschen in Afrika sind unsere direkten Vorfahren. Irgendwann haben sie durch Zufall gelernt, das Feuer zu handhaben. Es dauert viele Generationen, bis sie wissen, wie sie es sicher in die Höhle bringen können. Um dieses Feuer sitzen sie und erzählen sich Geschichten.

Kooperation, Feuer, Geschichten erzählen – das sind große Innovationen. Von diesen Innovationen leben wir immer noch. Eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte ist die Nähnadel. Eine Erfindung, die im Rückblick abrupt erscheint, nimmt einige Tausend Jahre in Anspruch. Die Nähnadel wurde 70-mal oder öfter erfunden und wieder vergessen. Ohne sie wäre die Geschichte der Gattung anders verlaufen.

Unsere Vorfahren fangen an, Höhlenwände zu bemalen. Was sie malen, ist nicht realistisch. Das sind virtuelle Horizonte. Es gibt einen Unterschied zwischen diesen ersten Bildern, der Imagination, und dem, was diese frühen Menschen wirklich erleben; das ist zum Teil fürchterlich und zum Teil wunderbar. In einer Höhlenmalerei ist ein Hirsch ganz klein, der Jäger mit seinen Pfeilen sehr groß. Das war in Wirklichkeit nicht so. Aber der Maler wollte es so zeigen, vielleicht weil das der Wirklichkeit seiner Wünsche entsprach.

40 000 Jahre später drehen wir Filme. Das Prinzip des Kinos ist so alt wie die Höhlenmalerei. Die Differenz zwischen der Imagination und den Fakten, das Oszillieren zwischen dem, was wir wirklich erleben, und unseren Wünschen und Erzählungen, ist uns geblieben. Das ist der Antirealismus des Gefühls.

Wenn Not erfinderisch macht, ist dann auch die Kunst in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Krisen experimentierfreudiger als in Zeiten friedlichen Wohlstands?

Vielleicht ist die Kunst nur eine Obertonreihe, ein Echo oder eine Fortsetzung dessen, was alle Menschen machen, die Glück suchen. Im Unglück suche ich einen Ausweg. Nicht alle der Millionen Menschen, die 1918 nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs in Not sind, werden Künstler. Aber in der Kunst der Zwanzigerjahre können wir etwas von dieser Suche nach einem Ausweg sehen.

Viele werden nicht Künstler, sondern wollen weg, in die nächste größere Stadt, nach Berlin, ins Ausland. Das sind große Wanderungsbewegungen, die man in den Zwanzigerjahren in ganz Mitteleuropa sehen kann. Diese Menschen, die von Schlesien nach Berlin ziehen oder von Galizien in die USA, sind auf der Suche nach einem glücklichen Leben. Der Chef der Vereinigung der New Yorker Taxifahrer kommt in den Zwanzigerjahren aus Galizien in die USA, ursprünglich hatte er statt eines Taxis nur ein Fuhrwerk mit einem Pferd. Zwanzig Jahre später organisiert er die New Yorker Taxifahrer.

Heute legt eine ganze Familie in Somalia ihre Ersparnisse zusammen, damit der klügste oder stärkste Sohn versuchen kann, gegen alle Widerstände nach Europa zu gelangen. Alle Hoffnungen dieser Familie gehen mit ihm, sie setzen alles auf diese Karte. Dieser Sohn geht ins Unbekannte, um seinen Angehörigen Geld zu schicken, wenn er in Europa Arbeit gefunden hat. Das ist ein Familienvertrag.

So sind vor etwa 200 Jahren viele süddeutsche Familien vor der Not geflohen und in die USA ausgewandert. Die ­Bereitschaft zu solchen Wanderungsbewegungen, selbst bei Gefährdung des eigenen Lebens, gehört zum großen Innovationspotenzial des Menschengeschlechts.

Entwickeln wir Erfindergeist, weil wir mit der Wirklichkeit unzufrieden sind?

Das ist ein Antrieb. Aber ich will die Not und den Mangel nicht romantisieren. Man kann in solchen Zuständen auch verhärten. Dann entsteht gar nichts, höchstens Aggression. Innovation kommt auch aus der Utopie, also aus den Wünschen. Die Innovation braucht das freie Spiel. Die Menschen erfinden die Kunst, das Feuer zu beherrschen, nicht einfach, weil sie Fleisch rösten wollen. Zunächst wissen sie noch gar nicht, welche Möglichkeiten ihnen das Feuer eröffnet. Das sind keine gerichteten Suchbewegungen. Die praktische Anwendung setzt sich wie ein Parasit auf das zweckfreie Rumprobieren und Spielen.

Dieses ziellose Spielen ist eine Art von Luxus, der erst in dem Moment möglich wird, an dem mich die äußerste Not nicht mehr bedrängt. Dieses Spiel nennt man heute Grundlagenforschung. Man weiß nicht unbedingt, was man sucht. Und das, was man findet, war nicht unbedingt das, was man gesucht hat.

Bis zu 10 000 Wissenschaftler arbeiten am 1954 gegründeten CERN. Um sich zu verständigen, entwickeln sie in der Frühphase des Projektes ein System des Datenaustauschs, das 1989 von Tim Berners-Lee zum World Wide Web weiterentwickelt wird. Das Pentagon lernt von den Anfangsbemühungen und würde daraus gern ein exklusives militärisches Werkzeug machen. Der Versuch, das geheim zu halten, misslingt. Heute partizipieren Milliarden Menschen an dieser Form der Kommunikation im Internet. Das war weder von den Erfindern im CERN noch von den Anwendern im Pentagon intendiert.

Das Einsammeln, Benutzen, Adaptieren für die eigenen Bedürfnisse ist mindestens so innovativ wie die reine Erfindung neuer Technologien. Neue ökonomische Großreiche entstehen und werden wieder von anderen verdrängt. Niemand weiß, ob Google in zehn Jahren noch wichtig ist. ­Ständig entstehen Start-ups und Versuche, neue Anwendungsmöglichkeiten neuer oder vorhandener Technologie zu erschließen. In diesem Erkunden vielfältiger Anwendungsmöglichkeiten steckt die eigentliche Innovation.

Wie kann man die vielfältigen Anwendungen neuer und alter Technologie sicherstellen?

Innovation braucht die Freiheit von Besatzungsrechten, die das Wissen monopolisieren wollen. Es werden pausenlos Erfindungen gemacht. Heute stoßen viele Erfinder auf ältere Patente, die einen Teil ihrer Erfindungen überlappen und deren Anwendung blockieren. Das Patentrecht, das Erfinder schützen soll, bewirkt das Gegenteil und verhindert Innovation. Die Erfindungskraft junger Forscher wird reglementiert durch das tote Erbe. Nur ein Bruchteil der möglichen Innovation kommt durch dieses Nadelöhr. Die Besitzer der alten Patente, die ihre Rechte horten und wie die Drachen bewachen, sind eigentlich parasitäre Schatzhändler.

In Ihrem neuen Buch „Kongs große Stunde“ sagt ein Evolutionsbiologe den Satz: „Eine Mutation eröffnet glückliche Aussichten.“ Worin liegt das Potenzial der Mutation?

Durch winzige Lesefehler in der Duplikation der DNA der Lebewesen, durch einen Irrtum in der Natur, entstehen Varianten. Das sind lauter neue Möglichkeiten. Ein Großteil dieser Varianten ist unwirksam oder schädlich. Aber einige davon sind Glücksfälle. Diese Goldfunde der Mutationen, ein Überschuss an Möglichkeiten, sind das Reservoir der Evolution. Die Evolution arbeitet mit einem ungeheuren Stau an Zufällen, ein Cluster aus immer neu entstehenden Varianten.

Brauchen auch Unternehmen oder Gesellschaften mehr Optionen, als sie realisieren können, also mit Ihren Worten: einen „Überschuss an Möglichkeiten“?

Davon bin ich überzeugt. Wo kommt die Zukunft her? Sie hat ihre Wurzeln in der Gegenwart, aber manchmal ist die Gegenwart nur ein Durchzugsland. Manchmal ist es ein ­Katapult in der Vergangenheit, das die Zukunft verändert. Es sind alte Hoffnungen, Irrtümer, Desillusionierungen, Wünsche, Traditionen, deren Energie auf einmal wirksam wird und in die Zukunft schießt.

Das geschieht nicht unbedingt linear. 2017 feiern wir 500 Jahre Reformation. Dieser Umbruch von 1517 war ein disruptiver Innovationsakt, der ganz Mitteleuropa gespalten hat. Wie grausam die europäischen Religionskriege sind, sehen Sie in der Oper „Die Hugenotten“ von Giacomo Meyerbeer. Wie hätte sich Europa entwickelt, wenn die Aufständischen in den Hugenotten- und Bauernkriegen nicht massakriert worden wären? Die Summe dieser gescheiterten Hoffnungen wälzt sich in die Zukunft.

Lernen Gesellschaften aus Katastrophen?

Bei Aischylos gibt es die Formulierung „Aus Schmerzen lernen“. Heiner Müller sagt: „Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken.“ Weil ich Heiner Müller vertraue, nehme ich diesen Satz ernst.

1945 sind alle Glücksversprechen der Nationalsozialisten von der Wirklichkeit vollständig dementiert. Der Charismatiker Hitler hat offenkundig versagt, er hat nur Unglück gebracht. Vielleicht war diese Zerstörung und restlose Entleerung die Voraussetzung dafür, dass etwas Neues entstehen konnte. Die völlige Desillusionierung schafft eine Freifläche. Aber es wäre sehr zynisch und anmaßend, damit die Katas­trophen der Geschichte und das Unglück der Menschen zu rechtfertigen. //

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