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brand eins Thema Innovation // 2017

Wearables

Magie und Alltag

Okay. Nehmen wir an, alles wäre möglich. Dank Magie. Wir könnten magische Kräfte nutzen und damit erschaffen, was immer wir uns vorstellen.

So wie Janne Kyllönen.

Ihn traf das Licht der Erkenntnis auf einem Flughafen. „Sie kennen das, viele Leute, viel Lärm“, erzählt der enthusiastische Finne in rauem Englisch. „Doch dann setzte ich in einem Elektronik-Shop einen Lärmschutzkopfhörer auf – und entspannte mich. Ein Kollege kam vorbei und fragte, ob ich ein Bier trinken wolle, aber ich sagte: Schon gut, ich fühle mich hier gerade sehr wohl.“ Den Kopfhörer wollte der Produktmanager, der 15 Jahre für Nokia gearbeitet hat, trotzdem nicht kaufen: Er war zu teuer, zu sperrig – er würde ihn nie mitnehmen. „Ich dachte nur: Wäre es nicht großartig, wenn es Ohrstöpsel gäbe, die genau so funktionieren, weil sie eine magische Technologie in sich haben?“

Das ist der Beginn der Magie. Kein Zauberspruch, keine geheimnisvolle Handbewegung, kein tiefes Wissen um das Wesen des Universums. Sondern die Fähigkeit des Magiers, eine zukünftige Realität zu imaginieren, die sein Zauber dann Wirklichkeit werden lassen kann.

Kyllönen fragte einen Bekannten, ob er seine Idee für technisch machbar hielt. Gemeinsam bauten sie einen Prototyp, der von Nagellack zusammengehalten wurde – aber funktionierte. Nun haben die beiden eine Firma: QuietOn.

Die Ohrstöpsel sehen gut aus, schalten sich automatisch ein, wenn man sie aus ihrer Box nimmt, die zugleich als Ladestation dient, und funktionieren wie Lärmschutzkopfhörer. Ihre Magie ist simpel: Ein eingebautes Mikrofon nimmt die Schallwellen in der Umgebung auf und gibt sie an eine Apparatur weiter, die eine Gegenwelle erzeugt, die die ursprünglichen Schallwellen neutralisiert. Besonders gut funktioniert das bei niedrigen Tonfrequenzen, und so wird ein Einsatzgebiet wohl die Eherettung sein: Die Stöpsel sind klein genug, um damit zu schlafen – und vor Schnarchern zu schützen. „Wir haben bereits für 1,3 Millionen Dollar Produkte verkauft“, erzählt Kyllönen. „Ohne jegliches Marketing!“

Misstrauensantrag gegen die Menschheit

QuietOn gehört zu den 29 Finalisten des „Wearable Technologies Innovation World Cup 2017“, der Anfang Februar in München parallel zur Sportmesse ISPO stattfand. Wearables sind elektronische Geräte, die am oder im Körper getragen werden. Die ersten Vorläufer waren einfache Maschinen wie Walkman oder Herzschrittmacher, denen in ihrer Absehbarkeit allerdings jegliche Magie fehlte.

Vor gut zehn Jahren wurde der Begriff gebräuchlich, doch auch damals bezeichnete er noch etwas recht Profanes: Kleidung, in die Elektronik eingebaut war. Das große Zukunftsversprechen lautete zu der Zeit, dass man bald einen ganzen Technologiepark mit sich herumtragen müsste, inklusive Rechenzentrum, Batterien, Datenausgabe und so weiter.Dank der rasanten Miniaturisierung sämtlicher Bauteile sowie der enormen Steigerung der Rechnerkapazitäten sind Trägermedien wie Textilien heute obsolet. Das populärste Wearable ist zurzeit das Smartphone, das aber im Vergleich zu dem, was möglich wäre, wie eine Axt wirkt, die in einem Fantasy-Spiel gegen einen magischen Ring antritt.

Man muss diese Entwicklung nicht gut finden. Und vielen Menschen gefällt sie auch nicht. Die Verbindung unzähliger elektronischer Kleinteile zu riesigen Datennetzen, die mit über Bluetooth oder WLAN kommunizierenden Smartphones begann, sich im Aufbau der vernetzten Produktion, der Industrie 4.0, gerade fortsetzt und am Ende im Internet der Dinge münden soll, in dem alles mit allem Daten austauscht, ängstigt so manche. Fortschrittsgläubige tun die oft vagen Befürchtungen gern als Maschinenstürmerei ab oder als Technikangst, die in unserer Gesellschaft seit der industriellen Revolution gärt. Doch so simpel ist es nicht.

Denn die Auswirkungen der neuen Technologien sind tatsächlich völlig unabsehbar. Vorstellbar ist vieles, wie es der britische Satiriker Charlie Brooker in seiner gefeierten TV-Serie „Black Mirror“ gezeigt hat: vom Statusterror per Social-Media-Likes bis zur totalitären Brot-und-Spiele-Gesellschaft. Gemein ist vielen Visionen nur, dass sie einer neuen Form der Fortschrittsangst folgen.

Früher galt die Angst meist der Technik selbst: Als die Eisenbahn erfunden wurde, fürchteten Menschen, damit zu fahren, weil sie glaubten, die Geschwindigkeit nicht ertragen zu können. Als Fernseher aufkamen, machten vermeintliche TV-Strahlen Angst. Ganz zu schweigen von neuen Chemikalien oder Medikamenten, denen stets Entsetzliches unterstellt wird. In der Datenwelt ist es genau anders. Da ist die Kritik an der Technik selber, an Algorithmen etwa, Minderheiten vorbehalten, obwohl etwas mehr Skepsis durchaus ratsam wäre. An ihre Stelle ist ein Misstrauensantrag gegen die Menschheit getreten.

Denn nicht mehr die Technik ist das Problem, sondern ihr Missbrauch. Was ist, wenn die vielen Daten benutzt werden, um uns zu manipulieren und zu beherrschen? Darüber ließe sich lange streiten, aber am Ende wäre es ein unlösbarer Disput, da er letztlich auf dem persönlichen Menschenbild beruht: Ist der Mensch gut? Oder schlecht?

Sicherlich gibt es auch in der Computerindustrie einige Konzerne, die sich für nichts interessieren als ihre Rendite – und das finden mittlerweile wohl nur noch härteste Fans des Neoliberalismus gut. Doch die treffen sich nicht in München. Hier sind die unterwegs, die die Welt seit dem ersten Rad am Laufen halten: die Träumer und Erfinder, die Verrückten und Bastler. Die inzwischen erstaunlich oft in großen Unternehmen agieren. Aber dazu kommen wir noch.

Bei vielen Produkten ist ein Missbrauch nur schwer vorstellbar. Nehmen wir Fibo/First Bond. Der elegante Armreif für Männer, der aussieht, als käme er aus einem James-Bond-Film, erlaubt Vätern, schon während der Schwangerschaft das Leben ihrer zukünftigen Kinder zu teilen. Die Mutter trägt dafür einen Sensor auf ihrem Bauch, der die Bewegungen des Ungeborenen aufzeichnet und an den Armreif sendet, der sie mittels eingebauter beweglicher Perlen am Handgelenk simuliert: Wenn das Kind tritt, spürt das auch der Vater, egal ob er auf der Arbeit ist, unterwegs oder im Bett. Zudem werden die Bewegungsmuster gesammelt und dienen später als Grundlage eines Schmuckstücks, das an die Schwangerschaft erinnern soll.

Fibo wurde von drei jungen Schmuckdesignerinnen entwickelt, die an der KEA – Copenhagen School of Design and Technology studieren. Sie kamen auf die Idee, weil in ihrem Viertel viele „Hipster-Dads“ unterwegs sind, die ihren Kindern am liebsten von Anfang an so nah wären wie die Mutter. Dem Trio ist klar, dass ihr Produkt nicht das ist, was ein Großunternehmen als zukunftsträchtig betrachten würde – aber da sehen sie sich als Vorreiter. „Es wird in Zukunft mehr Leute wie uns geben, die Dinge entwickeln, die sehr emotional sind und auf persönlichen Erfahrungen basieren“, sagt Sandra Pétursdóttir. Technische Kenntnisse würden dafür kaum noch benötigt, glaubt die 25-jährige Isländerin. „Wir sind Schmuckdesigner, keine Techniker. Deshalb gibt es auch noch keinen funktionierenden Prototyp. Na und? Für die Umsetzung brauchen wir eben noch ein paar Geeks. Professionelle Geeks.“

Die dürften die drei Nornen problemlos finden. Zum Beispiel bei IBM. Im Februar hat der Konzern in München sein Watson IoT Center eröffnet, ein Zentrum für den Geschäftsbereich Internet of Things (Internet der Dinge), zu dem auch Wearables gehören. Watson ist IBMs künstliche Intelligenz, die Sprache, Bilder und Klänge verstehen und auswerten kann und damit in Zukunft Menschen in vielen Bereichen beratend unterstützen soll.

Bei der Wearable Technology Conference stellt Dirk Mühlenweg das Zentrum vor. Er ist seit 17 Jahren bei IBM, davon 12 Jahre als IT-Berater. Heute ist er Head of Sales, Global Watson IoT Center and Digital Sales Europe. Mühlenweg erklärte in einem Vortrag, dass das Zentrum ein offenes Laboratorium für alle interessierten Unternehmen sei, dass IBM bei der Entwicklung neuer Produkte helfen könne und auch die Infrastruktur für Betrieb und Vermarktung böte.

Man muss sich das kurz vorstellen: Da wirbt eine der größten Firmen der Welt, die mit Watson eines der fortschrittlichsten Computersysteme überhaupt entwickelt hat, um einen Saal junger Unternehmer, von denen nicht wenige ihre Prototypen per Crowdfunding finanziert haben.

Es scheint, als hätte ein Zauber die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Aber tatsächlich ist das nur eine vernünftige Reaktion auf die neuen Technologien.

Lebenskünstler statt Fachidioten

Mühlenweg ist ein gewitzt wirkender Mann, er erinnert an einen erwachsenen Emil Tischbein oder auch den Tollenträger Tim aus „Tim & Struppi“. Eben einer dieser Träumer, die die Welt am Laufen halten. Er spricht über die Zukunft mit der Selbstverständlichkeit einer Person, die dort lebt. Die Menschen, sagt er, werden bald mit diversen Geräten Daten über sich sammeln, Puls, Temperatur, Blutdruck, Qualität des Schlafs und so weiter, die mit weiteren Daten zusammengeführt werden – etwa über das Wetter, auch dafür habe IBM The Weather Company gekauft –, um so zu völlig neuen Erkenntnissen zu gelangen.

„Beim Auto“, sagt Mühlenweg, „ist es normal, ein Checkheft zu haben. Da kennen Sie jedes Detail. Aber wissen Sie, wann Sie im vergangenen Jahr krank waren? Wie lange? Und unter welchen Umständen? Der Computer wird es Ihnen in Zukunft sagen können. Und er wird Ihnen helfen, informierte Entscheidungen für Ihre Gesundheit zu treffen.“

Irgendwann soll Watson, beziehungsweise ein Service, der über Watson läuft, dem Nutzer raten können, welche Art von Sport abends gut für ihn wäre oder welches Essen. So etwas funktioniert nur mit lernenden Systemen, die folgerichtig nicht nur programmiert, sondern auch trainiert werden. Aber das ist bloß die Basis, eine Art Rennbahn, auf der läuft, was auch immer Menschen einfällt. „Programmieren wird immer einfacher“, sagt Mühlenweg. „Man muss mit einigen Systemen nicht einmal mehr Code schreiben, sondern kann fertige Module zusammenstecken. Sie brauchen nur einen Sensor, ein kleines Programm und einen Sender, der Daten ins Internet schickt – fertig ist Ihr Gerät. Wollen Sie eine Lego-Sortiermaschine? Dafür brauchen Sie keinen Doktor. Sie entwickeln sie einige Abende, schreiben ein kleines Programm, kaufen Teile im Elektromarkt. Wir benötigen in Zukunft keine Fachidioten mehr, die programmieren. Wir werden Menschen brauchen, die sich für das Leben interessieren.“

Okay. Nehmen wir also an, wir könnten magische Kräfte nutzen. Und damit erschaffen, was auch immer wir uns vorstellen. Was tut dann der Magier, der früher als Einziger zaubern konnte? Ganz einfach: Er liefert fortan die nötige Magie.

Magische Apparate gab es schon immer. Das Radio galt manchen in seiner Anfangszeit als magische Maschine, die Stimmen aus dem Nichts transportierte. Beim Fernsehen war es ähnlich. Selbst elektrisches Licht galt einst als magisch. Doch eines hatten all diese Errungenschaften gemeinsam: Es waren die großen Magier, Erfinder und Konzerne, die zauberten. Denn für all das brauchte man Technologie, die gedacht, entwickelt und gebaut werden musste. Das ist heute anders.

Luftdrucksensoren als Alarmanlage

In München spricht auch ein Abgesandter von Infineon. Über Luftdruckmesser. Das klingt nicht so interessant, hm? Aber. Die Luftdrucksensoren, um die es geht, sind so sensibel, dass sie wenige Zentimeter Höhenunterschied wahrnehmen. Man kann sie deshalb zum Beispiel als Schrittzähler benutzen. Oder man legt einen in ein geschlossenes Gefäß, und er reagiert, wenn der Deckel abgenommen wird – perfekt gegen Keksdiebe. Nein, im Ernst: Liegt der Sensor in einem Raum, meldet er, wenn die Tür oder ein Fenster geöffnet wird – eine neue Form der Alarmanlage.

Und das sind nur die Anwendungen, auf die man bei Infineon gekommen ist. Wozu der Luftdrucksensor noch gut sein könnte? Ist schwer zu sagen. Aber vielleicht hat dazu jemand eine große Idee, die die Welt verändert. Zum Beispiel in München. Per Crowdfunding finanziert? Ist doch egal.

Und das ist nur ein Beispiel. Neue Technologien existieren in unüberschaubaren Mengen. Nur: Was kann man mit ihnen machen? Das wird ein einzelnes Unternehmen nicht herausfinden. Wie es auch in letzter Konsequenz nicht die Frage beantworten kann, was mit einer AI, einer funktionierenden künstlichen Intelligenz möglich ist. Also stellen die Firmen ihre Technologie jedem zur Verfügung, der zaubern möchte und eine Idee hat. Und Ideen? Gibt es genug.

Beim World Cup sind Armbänder zu sehen, mit denen Taucher unter Wasser per Ultraschall kommunizieren können. Eine Jacke erwärmt sich, wenn der integrierte Sensor feststellt, dass der Träger friert. Ein Rucksack leitet seinen Träger per Anstupsen durch fremde Städte. Ein Armband bringt Leute dazu, sich umzudrehen, wenn sie schnarchen. Auf ein interaktives Schmuckstück, einen Anhänger, lassen sich per App immer wieder neue Motive laden.

Einige Sachen sind total sinnlos – aber vielleicht findet es trotzdem jemand toll, wenn eine an der Brille montierte Kamera jedes Mal ein Foto macht, wenn der Brillenträger ein Auge zusammenkneift. Vieles dient der Selbstkontrolle, insbesondere im Sportbereich gibt es einen enormen Bedarf für Daten, die helfen, die Leistung zu optimieren. Und einiges ist alles zugleich: interessant, zweifelhaft, sinnlos und nützlich.

Wanderwatch zum Beispiel. Die Smartwatch soll Kinder ermuntern, mehr Zeit im Freien zu verbringen. Dafür bietet sie diverse Möglichkeiten „für interaktive, aber nicht strukturierte Spiele“, wie es Ellie Karssemakers ausdrückt, „also Spiele, deren Regeln die Kinder selbst bestimmen.“ Die Niederländerin, die die Wanderwatch ursprünglich für ihre eigenen Kinder entwickelt hat, die „immer im Zimmer hockten“, erzählt von einer Studie, laut der Kinder sich seltener im Freien aufhalten als Gefängnisinsassen.

Nun hat die Wanderwatch aber auch einen GPS-Tracker, mit dem Eltern jederzeit sehen können, wo sich ihre Kleinen gerade befinden – ist das nicht ein bisschen wie Knast? „Wir sind nicht für Totalüberwachung“, erklärt die ehemalige Strategieberaterin eilig, aber durchaus glaubwürdig. Und ja, die Ambivalenz sei ihr bewusst. „Aber wissen Sie: Viele Eltern wollen so etwas.“

Sona Shah hat als Lehrerin in Kenia gearbeitet und basierend auf ihren dortigen Erfahrungen tragbare Sensoren entwickelt, die in unterbesetzten Krankenhäusern das Personal auf Neugeborene aufmerksam machen sollen, die akut Hilfe brauchen. Die Sets, die sie mit ihrer Firma Neopenda herstellt, werden gerade in Uganda getestet. „19 von 1000 Babys sterben dort in den ersten Tagen im Krankenhaus“, sagt die Amerikanerin, „aber 80 Prozent der Todesfälle wären vermeidbar. Doch es fehlt an Personal.“

Shah ist davon überzeugt, dass mit ihrem Produkt in der Dritten Welt viele Leben gerettet werden könnten. Die nötige Infrastruktur sei in der Regel schon vorhanden, und mit 75 Dollar pro Stück seien die Sets durchaus erschwinglich. Aber? „Aber sie werden nicht von jedem gern gesehen. Die Geräte gelten als unnatürlich. Die Menschen in Uganda zum Beispiel denken teilweise ganz anders als wir in den USA. Wir bauen deshalb jetzt in Uganda ein Netzwerk auf. Es braucht viel Kommunikation, man muss ständig vor Ort sein und mit allen Beteiligten reden.“

Magie mag die Welt ändern. Aber nicht die Menschen. Am Anfang gilt für neue Geräte, was auch für neue Ideen gilt: Es braucht viel Kraft und Zeit, um sie zu verbreiten.

„Viele innovative Produkte blieben in den vergangenen zehn Jahren auf der Strecke, weil sie im Handel falsch platziert und zu wenig erklärt wurden. Ich sage immer: Denkt nicht über die Technologie nach – denkt lieber darüber nach, was eure Zielgruppe wirklich benötigt.“ Das erklärt Christian Stammel, und der sollte es wissen, denn er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Wearables. 2006, als noch nicht absehbar war, welches Potenzial der Bereich hat, startete er Wearable Technologies als internationale Plattform. Mittlerweile ist es eine AG, die große und kleine Unternehmen vernetzt und dafür unter anderem weltweit jährlich vier Konferenzen veranstaltet, auch die in München.

Smartphone, Smartwatch oder Datenbrille?

Stammel kommt aus dem Marketing, hat sich mit Technologietransfer in der Raumfahrttechnologie beschäftigt und ist Sportler – für Wearables ein perfekter Mix. Die Ära der tragbaren Geräte hat für ihn gerade erst begonnen. „Da wird sich in nächster Zeit viel tun, nicht zuletzt, weil es heute extrem einfach ist, Prototypen zu bauen. Es gibt Entwicklungs-Kits, die sofort mit mobilen Geräten kommunizieren. Da braucht man nur noch einen 3-D-Drucker für die Hülle und fertig!“ Selbstverständlich sei die Entwicklung vermarktbarer Modelle immer noch aufwendig, aber testen kann man Prototypen fast sofort. Eines sollte allerdings allen Beteiligten klar sein: „Wearables müssen über die Cloud mit Zusatzinformationen vernetzt sein, sonst ergeben sie wenig Sinn. Wer mit dem Teilen von Daten Probleme hat, kann Wearables vergessen.“

„Seit zehn Jahren“, sagt Stammel, „ist die Welt der Wearables neu, spritzig und innovativ.“ Das klingt nach Marketing, doch die Veranstaltung in München strahlt exakt das aus: Das Summen der Zukunft zieht durch die Halle, als stände man in einer dieser legendären Garagen des frühen Computer-Zeitalters. Am Anfang sei Sport der wichtigste Bereich gewesen, erklärt Christian Stammel, heute trieben medizinische Anwendungen das Feld. Das nächste große Ding, glaubt er, werden „smart patches“ sein, vernetzte Pflaster, die auf den Körper geklebt werden. Damit können Daten sicher und präzise gesammelt werden, und dank gedruckter Elektronik gibt es auch keine technischen Probleme mehr.

Klar, das ist Spökenkiekerei, denn sicher ist in einem so dynamischen Feld nur dies: Es wird Überraschungen geben. Viele glauben, das Smartphone habe seine beste Zeit hinter sich, die Frage sei nur, was ihm folgt: die Smartwatch oder die Datenbrille? In der Industrie 4.0 sieht es nach einem Siegeszug der Brille aus, weil sie in alle Abläufe integriert werden kann. Und setzt sie sich dort durch, wird ihr Einsatz im Alltag wahrscheinlicher, weil billiger. Andererseits: Vielleicht haben die Menschen bald genug von der Datenflut, gerade weil sie schon auf der Arbeit damit konfrontiert sind. Kommt dann die Datenmüdigkeit und die Datenaskese?

Sicher ist nur: Es geht nicht mehr um Technologie, sondern um Anwendung. Das wird neue Menschen in den Bereich ziehen, was in München schon zu sehen ist: Im Vergleich zu anderen Tech-Konferenzen sind viele Frauen dabei, beim Gruppenfoto der Worldcup-Finalisten ist fast die halbe Bühne weiblich besetzt. Diese neuen Menschen werden für alte Probleme neue Lösungen finden, die wir uns noch nicht vorstellen können. Und viele werden kleine, persönliche Lösungen sein, die nicht zur Vermarktung entwickelt werden, sondern für den Hausgebrauch, denn in nicht allzu ferner Zukunft wird der Bau eines persönlichen Wearables so einfach sein wie heute der Bau einer Website. Und dann?

Vielleicht ist das übernächste große Ding „affective computing“: die Einbeziehung von Gefühlen in die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. In Gilching bei München beschäftigt sich damit unter anderem Audeering, ein Start-up, das 2012 als Spin-off der TU München gegründet wurde und auf Paralinguistik spezialisiert ist, also die nonverbalen Teile der sprachlichen Kommunikation.

Florian Eyben, Chief Technology Officer, erklärt das so: „Unsere Technologie erkennt Gefühle und emotionale Zustände aus der Stimme und Kontextsituationen. Dabei messen wir auch aus Sprachfragmenten mehr als 6000 Parameter in Echtzeit, die über ein neuronales Netz analysiert werden, sodass ein Computer daraus Emotionen erkennen kann – unabhängig davon, welche Sprache gesprochen wird.“

Die Methode könnte zum Beispiel zur Früherkennung psychischer Probleme genutzt werden. „Viele Krankheiten“, sagt Eyben, „äußern sich anfangs in der Art, wie man spricht, Depression zum Beispiel oder Burnout.“ Auch für Therapien könnte sie neue Ansätze liefern. Audeering hat eine App für autistische Kinder getestet, die keine Gefühle wahrnehmen können. Die App sagt ihnen, wie Menschen meinen, was sie sagen, ob es lustig ist oder ernst, streng oder freundlich. So lernen die Kinder mit der Zeit, das selber zu erkennen.

Das ist das Niveau, auf dem wir in Zukunft Überraschungen erwarten können. Die emotionale Maschine lehrt den unemotionalen Menschen Gefühle. So etwas gibt es bisher nicht einmal als Science-Fiction.

Also alles prima? Leider nicht. Ausgerechnet an dieser schönen Stelle hebt sich doch noch einmal der hässliche Kopf der Zukunftsskepsis. Denn wozu wird die Technologie bisher vor allem genutzt? Für Marketing und die Schulung von Callcenter-Mitarbeitern. Also für die Verbesserung von Verkaufszahlen und vielleicht der Manipulation von Menschen. Nein, ganz abwegig ist die Angst vor neuen Technologien nicht. Zumindest nicht, solange wir dafür keinen gesellschaftlichen Rahmen haben, der maximalen Nutzen ermöglicht und zugleich unabsehbare Risiken minimiert.

Okay. Nehmen wir an, alles wäre möglich. Dank Magie. Wir könnten magische Kräfte nutzen und damit erschaffen, was immer wir uns vorstellen. Was wollen wir tun? //

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