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brand eins Thema Innovation // 2017

Vision possible

Die dänische Politikerin Ida Auken sieht ihren Artikel über unsere mögliche Zukunft weniger als Utopie denn als Weckruf: Ist die von ihr konsequent zu Ende gedachte Sharing Economy tatsächlich die Welt, in der wir leben wollen?

Willkommen im Jahr 2030. Willkommen in meiner Stadt – oder sollte ich eher schreiben in unserer Stadt? Denn Besitz gibt es bei uns nicht mehr. Ich habe kein Auto, kein Haus, keine Geräte und auch keine Kleidung.

Ich weiß, das mag Ihnen seltsam erscheinen, aber hier, in der Stadt, in der ich lebe, ist es nur vernünftig. Man kauft bei uns keine Dinge mehr, man zahlt nur noch für Dienstleistungen. Transportmittel, Wohnraum, Essen, all die Dinge, die wir für unser tägliches Leben brauchen, sind Schritt für Schritt für alle frei zugänglich gemacht worden. Es macht schlicht keinen Sinn mehr, Eigentum zu besitzen.

Die Kommunikation wurde als Erstes digital und frei verfügbar. Die erneuerbaren Energien gaben der Entwicklung weiteren Schub. Sie sorgten dafür, dass Transport plötzlich kaum etwas kostete. Warum sollte man noch ein eigenes Auto besitzen? Wenn wir eines brauchen, können wir innerhalb von Minuten ein fahrerloses Fahrzeug oder für längere Strecken ein fliegendes Auto mieten. Auch der öffentliche Nahverkehr ist sehr bequem und schnell. Außerdem ist er viel organisierter, als es der Individualverkehr jemals sein könnte. Ich kann kaum fassen, wie stoisch wir früher die Staus und die Luftverschmutzung durch Verbrennungsmotoren ertragen haben! Was haben wir uns bloß dabei gedacht?

Zugänge statt Eigentum

Wenn ich Freunde besuchen will, nehme ich manchmal ein Rad. Ich genieße die Bewegung und die Fahrt. Es scheint mir, als sei Radfahren eine der wenigen Arten zu reisen, bei der die Seele mit unserem Körper Schritt halten kann. Ist es nicht erstaunlich, wie zeitlos manche Dinge sind? Wandern, Radfahren, Kochen, Gärtnern – all das erfüllt uns. Vielleicht weil uns diese Tätigkeiten daran erinnern, dass die meisten unserer kulturellen Errungenschaften aus unserer Beziehung zur Natur hervorgegangen sind?

Miete zahlt bei uns in der Stadt niemand mehr, denn sobald wir einen Ort verlassen, wird er von anderen genutzt. In meinem Wohnzimmer finden beispielsweise Geschäftstreffen statt, wenn ich unterwegs bin. Manchmal habe ich Lust, etwas selbst zu kochen. Auch das ist kein Problem. Denn bei uns in der Stadt werden alle dafür notwendigen Küchengeräte in kurzer Zeit an die Haustür geliefert. Seit die Transportkosten gen null gesunken sind, stopft niemand mehr sein Haus mit unnötigem Kram voll. Hand aufs Herz: Stehen Ihre Nudelmaschine und Ihr Crepe-Gerät nicht die meiste Zeit unbenutzt in Ihrer Küche herum? Heute, im Jahr 2030, mieten wir die Sachen, wenn wir sie brauchen.

All diese Entwicklungen haben für den ersehnten Durchbruch in der Kreislaufwirtschaft gesorgt. Denn seit die meisten Produkte zu mietbaren Dienstleistungen wurden, ist es geradezu paradox geworden, in Dinge mit kurzer Lebensdauer zu investieren. Heute sollen Produkte langlebig, recycelbar und reparierbar sein. Und ist eine Sache wirklich mal an ihrem Ende angelangt, werden alle dafür verwendeten Materialien sofort wiederverwertet.

Umweltprobleme kennen wir nicht mehr. Wir nutzen saubere Energiequellen und ebensolche Produktionsmethoden. Unsere Luft und unser Wasser sind rein. Niemand würde es wagen, ein Naturschutzgebiet zu verschmutzen oder zu bebauen, denn wir alle wissen, wie wichtig diese Räume für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen sind. Auch in unseren Städten findet man überall Grünflächen, Pflanzen und Bäume. Mir ist es schleierhaft, wie die Menschen früher in diesen Betonwüsten leben konnten!

Shopping? Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Die meisten von uns leihen nur noch. Manchmal macht es Spaß, sich dabei bewusst für etwas zu entscheiden, doch weitaus häufiger vertraue ich bei der Auswahl Algorithmen. Meist wissen die sowieso viel besser als ich, was mir gefällt oder was ich gerade brauchen könnte.

Seit uns künstliche Intelligenz und Roboter das Gros unserer Arbeit abgenommen haben, haben alle viel mehr Zeit. Wir essen besser, schlafen mehr und haben mehr Freiräume, um wirklich sinnvolle Dinge zu tun. Weil unsere Arbeit nicht mehr an bestimmte Orte oder einen Zeitpunkt gebunden ist, kennen wir auch keine Stoßzeiten auf den Straßen oder im Leben mehr. Ich kann immer und überall arbeiten. Wobei ich gar nicht so genau weiß, ob ich dafür noch das Wort Arbeit verwenden würde. Ich empfinde es viel mehr als Zeit, während der ich in Ruhe nachdenke, kreativ bin oder neue Dinge und Ideen entwickle.

Zu Anfang gab es durchaus Jahre, in denen plötzlich alles nur noch Spiel und Spaß sein sollte. Die Menschen hatten die Lust verloren, sich mit schwierigen Sachen zu beschäftigen. Zum Glück haben wir am Ende verstanden, dass man mit all den neuen Technologien viel sinnvollere Dinge anstellen kann, als bloß unsere Zeit totzuschlagen.

Sorgen mache ich mir eigentlich nur noch um die Menschen, die nicht in unserer Stadt leben, die wir auf dem Weg verloren haben. Einige fühlten sich abgehängt, alt und nutzlos, als künstliche Intelligenz und Roboter den Arbeitsmarkt aufrollten. Sie stellten sich gegen unser politisches System und leben jetzt in kleinen, selbst organisierten Gemeinschaften außerhalb unserer Stadt oder in Dörfern, die aussehen, als befänden sie sich im 19. Jahrhundert.

Natürlich fehlt mir manchmal meine Privatsphäre. Es gibt im Grunde keinen Ort mehr, an dem ich nicht registriert werde. Egal was ich tue, denke oder träume – alles wird irgendwo aufgezeichnet. Ich hoffe sehr, dass das niemals jemand gegen mich verwendet.

Alles in allem leben wir in unserer Stadt aber ein gutes Leben. Und es ist so viel besser als in den Jahren zuvor, in denen wir schmerzhaft zu spüren bekamen, dass es mit unserem endlosen Streben nach Wachstum nicht mehr weitergehen konnte. Es sind grauenhafte Dinge passiert. Man denke nur an all unsere Zivilisationskrankheiten, den Klimawandel, die Flüchtlingskrise, den Raubbau an unserer Umwelt, die überfüllten Städte, die Wassernot, soziale Unruhen und die steigende Arbeitslosigkeit. Wir haben zu viele Menschen verloren, bevor wir realisierten, dass man die Dinge auch ganz anders machen kann. //

Dieser Artikel erschien zunächst auf der Seite des World Economic Forums, für das Ida Auken als Young Global Leader an Fragen der Zukunft und Urbanisierung arbeitet.

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