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brand eins Thema Innovation // 2017

Infarm

Der Treibhaus-Effekt

Wenn man sich entschließt, ein Künstlerleben aufzugeben, um Gemüsebauer zu werden, und die Wahl hat, dafür auf der kanarischen Insel La Gomera zu bleiben oder zurück nach Berlin-Neukölln zu ziehen, geht man – nach Neukölln? Das klingt abwegig, aber genau so haben es Osnat Michaeli, ihr Partner Erez Galonska und dessen Bruder Guy 2012 entschieden. Die jungen Israelis tauschten das milde Klima der immergrünen Insel vor Nordafrika, auf der sie gelebt hatten, gegen eine Mietwohnung in der Hauptstadt mit ihrem halbjährig nasskaltem Wetter.

Doch die Logik dahinter erschließt sich, wenn man weiß, wie Michaeli und die Galonska-Brüder ihre Gemüse, Salate, Keimlinge und Kräuter ziehen: nämlich ausschließlich innerhalb der festen Mauern, zum Teil in mehr als 100 Jahre alten Gebäuden mitten in der Stadt. Ihre Firmenzentrale befindet sich dazu passend in einem Gewerbebau in Kreuzberg, nicht weit entfernt von der Werkstatt in Neukölln, in der sie angefangen hatten, mit Hydrokulturen zu experimentieren.

Infarm leitet sich von Indoor-Farming ab. Und genau das tun sie: Gemüse in Innenräumen anbauen. Sie arbeiten dabei nicht horizontal, sondern vertikal – und ohne Acker. Die Salate und Kräuter im Firmen-Loft gedeihen in gläsernen Hightech-Gewächshäusern, die an große Weinkühlschränke erinnern. Sie werden über Pumpsysteme automatisch mit Wasser, LED-Licht und Nährstoffen gespeist. Jeder Schrank fasst mehrere Etagen voller Pflanzen. Erde wird nicht gebraucht, stattdessen wird ein Substrat genutzt, etwa aus Kokosfasern.

Sicherheitslabor für unerforschtes Geschäftsmodell

Diese Art der Kultivierung nennt sich hydroponisch und wird anderswo, in Gewächshausplantagen zum Beispiel, schon lange angewandt. Allerdings sind diese Anlagen auf große Flächen ausgelegt – die Infarm nicht braucht. Stattdessen wird hier das mit Nährstoffen angereicherte Wasser alle zwei Stunden tröpfchenweise an die Pflanzen abgegeben, so sparsam, dass es den herkömmlichen Wasserbedarf um 90 Prozent unterschreiten soll. Licht kommt über rotierende LED-Leisten, die das Licht-Schatten-Spiel eines bewegten Sonne-Wolken-Mix imitieren. Die Wärme liefern Heizungen.


Die Pflanzschränke in der Firmenzentrale stehen an den Wänden oder sind frei im Raum übereinander montiert. Weil sie violett, weiß oder rosé leuchten, wirken sie recht klinisch, wie Teile eines Sicherheitslabors für unerforschte Spezies. Der Eindruck kommt nicht von ungefähr. Ein wenig verhält es sich auch so – auch was das Geschäftsmodell von Infarm angeht. Die drei Firmengründer wollen, sagen sie, nichts Geringeres vorantreiben als einen globalen „Paradigmenwechsel“ in der Lebensmittelversorgung der Menschheit.

Das klingt gewaltig. Doch wenn man davon ausgeht, dass in nicht einmal 15 Jahren 60 Prozent der heute 7,5 Milliarden weltweit lebenden Menschen in Städten wohnen werden, liegt es auf der Hand, nach Wegen zu suchen, wie sich Metropolen zumindest teilweise selbst mit Obst und Gemüse versorgen können und ob man damit Geld verdienen kann.

Bei Infarm wird ein möglicher Weg erforscht. Die drei Israelis haben ihre Idee von Anfang an ernsthaft verfolgt, aber spielerisch begonnen. Die Galonska-Brüder tüftelten und bastelten an ihrer Technik zunächst mithilfe von Youtube-Anleitungen. In ihrer Wohnküche in Neukölln kletterten bald zehn Meter lange Schläuche und Leitungen für Licht und Wasser die Wand hinauf zu Kräutern, Tomaten, Salaten oder auch mal einem Kürbis. Freunde wähnten sich manchmal in einer Marihuanaplantage. Doch wurden sie von Guy, der früher als Koch gearbeitet hat, mit dem frisch von der Wand gepflückten Grün verköstigt, war die Freude über die Aromen groß. Und das Beste: Draußen konnte es schneien.

Die Galonska-Brüder, heute 28 und 35 Jahre alt, zählten schnell zur Avantgarde der blühenden Urban-Gardening-Szene Berlins. Als sie 2013 in den Kreuzberger Prinzessinnengärten in einem Airstream, einem amerikanischen Wohnmobil, ihre Anbaumethode präsentierten, wurden sie von Werner Aisslinger entdeckt. Der erfolgreiche Designer entwarf gerade das Interieur des 25hours Hotels im damals frisch umgebauten Bikinihaus am Bahnhof Zoo.

Aisslinger soll sofort begeistert gewesen sein: Blattgemüse, Weizengras und Kräuter nicht mehr aus Spanien oder Israel einfliegen, sondern gleich neben der Küche wachsen lassen? Auch mitten im Winter? Ja! So kam Infarm zu seinem ersten Auftrag: einem kleinen Indoor-Kräutergarten für das Hotelrestaurant, der zum Teil illuminiert in einer Glasloggia steht und aussieht wie nachwachsende Kunst.

Das brachte dem Start-up viel Publicity und war besseres Marketing als die großen Essen, die die Galonska-Brüder eine Zeit lang in ihrem heutigen Besprechungsraum in der Glogauer Straße gegeben hatten. Ihnen wurde klar, dass sie ein Business-to-Business-Geschäft aufziehen könnten. Nun hatten sie nicht mehr den Endverbraucher im Blick, den hippen, sich selbst versorgenden Szene-Schrebergärtner, sondern den Großhandel, Krankenhäuser oder Hotels. Mit dieser Vision ließt sich das Trio seine Technik patentieren.

Dafür, dass sie erst 2013 in ihrer Neuköllner Küche gestartet waren, überzeugte ihr Konzept schnell. 2015 stiegen zwei Investoren ein. Zudem fördert die EU Infarm mit 1,9 Millionen Euro. Heute sind 39 Mitarbeiter für das Unternehmen tätig, darunter Biologen, Ingenieure, Betriebswirte, Programmierer – und inzwischen auch ein paar Gärtner. Es seien Israelis, Griechen, Portugiesen, Italiener und Deutsche, die hier arbeiten, erzählt die Marketingbeauftragte Rebecca Griffiths, die aus Neuseeland stammt. Deutsch zu lernen sei in Deutschlands Hauptstadt recht schwer, sagt sie: „Alle sprechen Englisch.“


Chefs und Mitarbeiter sind zwischen Mitte 20 und 40. Und sie finden eine Erfüllung in ihrer Arbeit, die sie nicht erwartet hatten. Der gebürtige Italiener Alain Scialoja zum Beispiel, der Digitalchef, hat Robotik studiert und sich auf Datenanalyse sowie künstliche Intelligenz spezialisiert, liebt aber auch die Botanik. Bei Infarm kann er seine Leidenschaften verbinden. Hält er sein Smartphone an ein Pflanzenregal, erscheinen auf dem Display alle möglichen Diagramme zum Zustand der Anlage, von der Luftfeuchtigkeit bis zur Lichtmenge. Wieso lohnt es sich eigentlich, mitten in der Stadt mit hohem Energieaufwand Pflanzen zu züchten? Das sei leicht beantwortet, sagt er: „Der Energieaufwand ist nicht hoch.“ Dafür sorgen LED- und Tröpfchen-Technik.

Und vielleicht kann man den Energieverbrauch noch weiter senken. Deshalb misst Scialoja Größe, Form, Dichte und Farbe der Pflanzen per Kamera. Die Daten werden mit einer Software bearbeitet und sollen viele Fragen beantworten: Wie muss das Licht einfallen, damit die Blätter größer werden? Was hat die Größe des Basilikums mit dem pH-Wert zu tun? Jeder Parameter wird wichtig, jetzt bei der Expansion.

Im Großhandelsmarkt ist jeden Tag Ernte

Die Metro Group hat sich Anfang 2016 auf das Experiment eingelassen, in ihrem Cash-&-Carry-Markt in Berlin-Friedrichshain eine Indoor-Farm aufzustellen – die erste in einem Großhandelsmarkt. Fünf Quadratmeter beträgt ihre Grundfläche, jeder Quadratmeter hat sieben Etagen – macht 35 bepflanzbare Quadratmeter. Infarm bekommt dafür von der Metro eine monatliche Gebühr und bewirtschaftet sie selber – wie alle Anlagen. Jeden Tag kommt ein Mitarbeiter, kümmert sich um Pflanzen und Elektronik, pflückt und verpackt reife Produkte.

Die Metro-Kunden, Restaurantbetreiber, Händler und so weiter haben die Wahl zwischen frisch geerntetem Zimtbasilikum, Weizengras, Salate oder Sprösslingen. Die Ware kostet so viel wie Biogemüse, muss aber keinen Meter gefahren und keine Minute gekühlt werden. Und, sagt die 40-jährige Osnat Michaeli: „Die Chefs lieben es!“ Neben den aromatischen Kräutern besonders den Salanova.

Mit Chefs meint sie die Spitzenköche der ambitionierten Berliner Restaurantszene. Die verarbeiten die dekorativ symmetrisch wachsende Salatsorte Salanova auch deshalb gern, weil man sie nicht putzen muss. Man nimmt den Kopf einfach aus seiner kleinen Kokosfasermanschette, schnippelt die Wurzeln ab – und, voilà, es ist angerichtet.

Neben der Anlage in Berlin-Friedrichshain steht seit vergangenem Jahr eine zweite im belgischen Antwerpen, ebenfalls bei Metro. Im Laufe dieses Jahres sollen drei, vier weitere in verschiedenen europäischen Ländern hinzukommen. Die Kosten dafür betragen, je nach Größe, einige Zehntausend Euro pro Anlage. Aber was ist das schon angesichts der Idee, die Michaeli verfolgt: „Wir wollen die Lieferkette im Gemüsemarkt auf ein Minimum runterfahren.“

Noch scheint es ein Zuschussgeschäft zu sein. Denn so wortreich sich Michaeli und Griffiths über den bahnbrechenden Charakter ihrer Art des Gemüseanbaus und die Effekte für die Umwelt äußern, so eisern schweigen sie über ihre Umsätze. Auch zu den Business Angels, die sich 2015 an der Firma beteiligt haben, wollen sie sich nicht äußern. Wirklich lukrativ – ökologisch wie ökonomisch – wird ihr Geschäft wohl erst, wenn ihre Gewächshäuser in einer Stadt übers Internet miteinander verbunden werden und sich damit in eine virtuelle Großanlage verwandeln.

Schon jetzt wird jede Farm elektronisch überwacht: Temperatur, pH-Wert, Nährstoffzufuhr, Wachstum – alles ist online ablesbar. Das ist die Basis für die Zukunftsvision: Wenn mehrere Treibhäuser miteinander vernetzt sind, könnte Infarm feste Liefermengen garantieren und damit auch den Bedarf zum Beispiel an Blattgemüse einer Hotelkette oder eines Krankenhauses decken. Ein einzelner Pflanzenhochschrank produziere schon heute auf zwei Quadratmetern Grundfläche 28 Salatköpfe pro Tag, sagte Guy Galonska kürzlich einer Zeitung.

Von ihrer Anfangszeit am Küchentisch ist Infarm mittlerweile weit entfernt. Die Firma wächst so schnell wie ihr Gemüse. Auch darum ist ein besonderes Ereignis auf der Nahrungsmittelmesse „Fruit Logistica“ in Berlin enorm wichtig. Draußen herrschen Minusgrade, doch drinnen hat sich das Messegelände am Funkturm für ein paar Tage in einen Garten Eden verwandelt. Die Hallen bersten vor prachtvoll zur Schau gestellten Früchten und Gemüse, Blattwerk und exotischen Wurzeln aus aller Welt.

Im abgeschiedenen, grau gehaltenen Presseraum sitzt Infarm-Finanzchef Martin Weber vor komplett gefüllten Stuhlreihen und wartet auf seinen Auftritt. Der junge Betriebswirt und international erfahrene Start-up-Experte weiß, dass raffinierte Apps und gute Aromen auf Dauer nicht viel nützen, solange sein Unternehmen nicht als Gartenbaubetrieb nach anerkannten Standards geprüft ist. Doch heute ist es so weit: Das unabhängige Institut SGS überreicht Weber öffentlichkeitswirksam ein Zertifikat nach dem international geltenden Qualitätsstandard „GLOBALG.A.P.“.

Infarm bekommt die Auszeichnung als erste Indoor-Farm der Welt. Das zu erreichen, sagt Weber, „war echt schwer. Es hat mehr als ein Jahr gedauert.“ Anfangs habe es generell Widerstände gegen ihre Form des Gemüseanbaus gegeben. Aber dann seien neue Prüfkriterien erarbeitet worden, die es möglich machten, auch den vertikalen Gemüseanbau in geschlossenen Räumen aufzunehmen.

Das Gütesiegel ist wichtig, um im Handel bestehen zu können. Viele Supermärkte verlangen von ihren Zulieferern so ein Zertifikat, bevor sie deren Produkte ins Sortiment aufnehmen. Dass der Salat nie Humus oder Sonnenlicht gesehen hat, erscheine manchen Kunden dennoch nach wie vor unheimlich oder unnatürlich, erzählt die Marketingbeauftragte Rebecca Griffiths. „Doch sobald sie ihn probiert haben, sind die Zweifel weg.“ Und selbstverständlich sei ihre Ware 100 Prozent Bio, auch die Samen.

„Indoor-Farming liegt total im Trend.“

Viele der Samen stammen von dem niederländischen Gemüsezüchter Rijk Zwaan, einer der Weltmarktführer im Erfinden neuer und resistenter Sorten. Der Deutsche Jörg Werner, zuständig für die Geschäftsentwicklung bei Rijk Zwaan, hat im gerade in Berlin eröffneten Retailcenter seines Konzerns sogar einen kleinen Infarm-Schrank installieren lassen. Seine hauseigene Marktforschung habe nämlich ergeben: „Indoor-Farming liegt total im Trend. Das wird noch ein großes Ding.“ Schon heute würden sich die Einkäufer großer Handelskonzerne in seinem Showroom beraten lassen, wie in Zukunft die perfekte Obst- und Gemüseabteilung in ihren Märkten aussehen könnte. Dabei lernen sie auch das vertikale Gewächshaus kennen.

Jörg Werner berät die Infarm-Gründer schon eine Weile. Er wirkt eher hemdsärmelig, weiß aber viel über diesen knallharten Markt, auf dem halbe Cents beim Kilopreis über Aufstieg oder Fall eines Wettbewerbers entscheiden können. Als Infarm anfing, aus den Kinderschuhen zu wachsen, sagte er den Galonskas: „Ihr braucht nicht nur Apps, ihr müsst auch ein paar Gärtner einstellen!“ Das taten sie brav. Spannend werde der nächste Sprung, prognostiziert Werner seinen jungen Geschäftspartnern – wenn es darum gehe, Kapital für viele große Anlagen aufzutreiben und diese profitabel zu bewirtschaften. „Das müssen sie jetzt schaffen.“

Der Wunsch, ausgerechnet nach Berlin zu gehen, um den Traum einer sich selbst versorgenden Metropole zu verwirklichen, kam übrigens von Osnat Michaeli. „Ich bin ein totaler Stadtmensch“, gesteht sie. „Dauerhaft auf La Gomera zu bleiben wäre für mich nicht infrage gekommen. Aber in meiner Heimat Tel Aviv braucht keiner Indoor-Farming, dort ist das Wetter viel besser. Und Berlin ist zurzeit einfach die beste Stadt der Welt.“

Dort werden sie wohl auch bleiben. Anfang des Jahres hat Infarm eine 5000 Quadratmeter große Halle angemietet. Darin soll eine „City Hub Farm“ entstehen, der elektronische Nabel all ihrer Gewächshäuser inmitten der Stadt. //

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