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brand eins Thema Innovation // 2017

Die Stunde der Amateure

*aus: Manuele Fior: Die Übertragung, Avant Verlag 2013, 176 Seiten, 24,95 Euro

Graphic Novels, also Comics für Erwachsene, sind immer gut für Überraschungen. Auch im vergangenen Jahr gab es dafür wieder schöne Beispiele, wunderbare Geschichten, festgehalten in ebenso wunderbaren Zeichnungen, bemerkenswerte Bücher, die ihren Lesern das Gefühl gaben, dieses Medium befindet sich auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Einerseits.

Andererseits.

Ich habe mit Comics lesen gelernt und die Liebe zu ihnen nie verloren. Werde ich gefragt, warum ich Comics lese, antworte ich meist: weil es das einzige erzählende Medium ist, in dem noch etwas passiert. Das ist natürlich ein bisschen übertrieben. Aber tatsächlich befindet sich das Medium Comic bis heute in der Entwicklung: Ständig entstehen neue Erzählformen, sodass man erfreulich oft nicht schon vorher weiß, wie es hinterher gewesen sein wird. Das unterscheidet Comics von den meisten Unterhaltungsmedien, zu deren Qualitäten eine gewisse Berechenbarkeit gehört: Wer im Kino einen Actionfilm oder eine Komödie sieht, weiß in der Regel ebenso gut, was kommt, wie Spieler großer Computer Games oder Leser, die US-Bestseller, nordeuropäische Krimis, deutsche Literatur oder andere populäre Genres lieben. Letztlich könnte über allen Kinosälen und Regalen stehen: überraschungsfrei.

Das ist bei Comics anders. Das Medium ist jung, und so sind seine Möglichkeiten immer noch nicht völlig erschlossen. Zwar gibt es seit der Antike Beispiele für erzählende Bildfolgen, doch wirklich entwickelt hat sich der Comic erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Und auch das nur für kurze Zeit: Zarte Ansätze von Comics für Erwachsene wurden vom Leitmedium der neuen Zeit, dem Kino, bald niedergewalzt. So blieb dem Comic bloß die Rolle als Kinderunterhaltung. Sicher, es gab Ausnahmen, etwa die schwarz-weißen Bildstreifen in den US-Tageszeitungen, die Comicstrips, die auch in Deutschland populär waren, bis sie langsam von anderen Medien (Fernsehen!) verdrängt wurden. Doch das blieben Nischen. Im Großen und Ganzen war der Comic ein arg begrenztes Medium, in dem schlichten Gemütern einfache Geschichten in übersichtlichen Bildern erzählt wurden. Erst vor einigen Jahrzehnten begann sich das zu ändern.

Als ich in den Achtzigerjahren anfing, Comics für Erwachsene zu lesen, gab es nicht viel mehr als einige Nachzügler der Post-68er-Popkultur. Die handelten häufig von Frauen mit großen Busen, die ständig duschten oder sich umzogen, wenn es nicht ohnehin um Sex ging. Die große Zeigefreudigkeit war das Erbe der sexuellen Revolution, in deren Zeit das Genre entstanden war. Für einen hormonumtosten Jungen wie mich waren solche expliziten Bildergeschichten natürlich attraktiv, aber sogar mir fiel auf, dass da inhaltlich nicht viel passierte: Es waren simple Geschichten in simplen Bildern, im Grunde Kindercomics mit Sex.

Das Ende kam dann auch bald und folgerichtig: In anderen Medien, etwa dem Privatfernsehen, trugen die Frauen zunehmend weniger am Leib – wer brauchte da noch Comics? In dieser Zeit ging es auch den Kindercomics an den Kragen: TV, Video und die aufkommenden Games machten ihnen den Garaus. Ende der Achtziger gab es nichts mehr. Wie in der Bibel nach einem dieser ganz schlimmen Wutanfälle Gottes.

Okay, das ist etwas übertrieben. Doch der Markt war extrem ausgedünnt. Es gab noch die beiden Großverlage Ehapa (Micky Maus, Asterix) und Carlsen (Tim und Struppi) sowie einige Reste der alten Zeit, U-Comics etwa, das ehemalige Flaggschiff des Underground-Comics, das in seinen letzten Zügen Nacktfotos seiner Leserinnen abdruckte. Tja, Verzweiflung macht hässlich. Doch dies war nicht der Untergang des Comics. Im Gegenteil: Es war der Beginn eines goldenen Zeitalters. Denn das war die Stunde der Amateure, der Fans, der Besessenen.

Leute wie Dirk Rehm, der 1991 Reprodukt gründete, bis heute einer der wichtigsten Verlage für Graphic Novels in Deutschland. Rehm setzte von Anfang an auf anspruchsvolle Unterhaltung: Er begann mit Übersetzungen des damals von Kleinverlagen und jungen, experimentierfreudigen Künstlern aufblühenden US-Undergrounds, veröffentlichte bald auch deutsche Künstler und schließlich Werke aus der ebenfalls recht experimentellen französischen Independent-Szene. Sein Programm hatte für einen Kleinverlag ein extrem hohes Niveau. Die Gründe dafür waren simpel:

1. Da sich kaum jemand für Lizenzen anspruchsvoller Comics aus anderen Ländern interessierte, war alles verfügbar, und das auch noch zu Preisen, die mangels Nachfrage überschaubar waren. Es war also möglich, wirklich nur das Beste zu veröffentlichen.

2. Was das Beste war, bestimmten nicht der Markt, nicht die Leser und schon gar nicht der Handel, sondern der Verleger, der selber war und veröffentlichte, was ihm gefiel. Und das waren eben eher die interessanten, komplizierten, ungewöhnlichen Sachen.

3. Comic-Künstler in Deutschland waren in der Regel Überzeugungstäter, die sehr viel Arbeit in Produkte steckten, von denen sie wussten, dass sie davon nicht leben können. So stand auch bei ihnen die Qualität im Vordergrund: Wenn es schon kein Geld bringt, soll es wenigstens grandios sein.

4. Und die Leser honorierten das: Denn die waren ebenfalls s, die für neue Ideen, Perspektiven und Erzählformen durchaus offen waren.

5. Genau wie der Fachhandel, über den der Vertrieb damals zum weitaus größten Teil lief. Er war zu der Zeit noch sehr von Sammlern abhängig, die Comics ihrer Kindheit secondhand oder deren Fortsetzungen kauften. Die neuen Comics für Erwachsene waren zwar selbst in diesen Läden anfangs eine Nische – aber sie brachten ein wenig Geld in die Kasse.

Dirk Rehm war der profilierteste neue Comic-Verleger, aber selbstverständlich nicht der einzige. Doch die Szene blieb überschaubar: Jahrelang war es für mich bezahlbar, jeden neuen Comic zu kaufen, der auch nur halbwegs interessant war. Das änderte sich nicht einmal, als Johann Ulrich, ebenfalls ein Comicfan, 2001 den Avant Verlag startete, das bis heute zweite wichtige Haus für Erwachsenen-Comics. Ulrich war zum Verleger geworden, nachdem er auf der Frankfurter Buchmesse gesehen hatte, wie viele schöne Comics es nicht nach Deutschland schafften, und finanzierte sein Programm lange über einen anderen Job. Das limitierte seinen Output – und konzentrierte ihn. Zu diesem Zeitpunkt sah es für mich aus, als wäre die Welt voller großartiger Comics. Dann kam im vergangenen Jahrzehnt die Graphic Novel.

Comics für Erwachsene waren interessant, innovativ, unterhaltsam – erfolgreich waren sie nicht. Das sollte die Graphic Novel ändern. Der Begriff stammt aus den USA und ist, vorsichtig gesagt, unscharf. Was eine Graphic Novel ist, ist unter s umstritten. Aber das war egal, denn der Begriff sollte kein neues Genre definieren: Er war eine Marketingmaßnahme der etablierten Verlage. Die Idee war einfach: Es gibt viel mehr Leute, die keine Comics lesen, als Leute, die Comics lesen – also müssen wir die erreichen. Ja, das klingt ein bisschen irre. So wie: „Wir verkaufen jetzt Fleisch an Vegetarier.“

Doch die Taktik war nachvollziehbar. Mit dem Begriff Graphic Novel wird das simplizitätsverseuchte Wort Comic vermieden, sodass grafische Literatur endlich ins Feuilleton findet und in der Folge dessen Leser die großen Buchläden stürmen, wo es fortan dazu passend Regale für Graphic Novels geben wird.

Und? Überraschung: Es funktionierte. Also zumindest der Teil mit dem Feuilleton und den Buchläden. Gemeinsame Werbemaßnahmen der Verlage, professionelle Pressearbeit, die Popularisierung des neuen Begriffs, all das öffnete Handel und Medien. Das war auch kein Wunder, denn beiden ging es nicht so richtig gut, und neue Produkte beziehungsweise Themen waren gern gesehen, bargen sie doch die Hoffnung auf ein neues Publikum. Ein voller Erfolg für die Verlage also? Wie man’s nimmt. Aufmerksamkeit ist ein zweischneidiges Schwert.

Schon bald wuchs die Konkurrenz. Kleine und große Literatur- und Kunstverlage stiegen in den Bereich ein, denn schließlich hieß es, dort läge die Zukunft. Viele dieser Verlage stiegen allerdings ebenso schnell wieder aus, denn die kommerziellen Prognosen erwiesen sich als sehr optimistisch. Das bemerkte bald auch der Buchhandel, wo Graphic Novels ihre Verkaufsflächen nicht nur gegen Bestseller, Comedy-Beifang oder Lebenshilfe-Ratgeber verteidigen mussten, sondern auch gegen Kaffeebecher, Puzzles, DVDs oder TV-Serien-Zubehör.

Der Buchhandel reduzierte nach einiger Zeit den Regalplatz für das neue Medium und bevorzugte, was kurzfristiges kommerzielles Potenzial vermuten ließ. Daran waren auch die Großverlage interessiert, die dem Segment treu blieben, und so schälten sich zwischen diesen beiden Polen schnell die neuen großen Themenfelder der Graphic Novel heraus: Sachcomics, Biografien, Schicksalsgeschichten (Krebs, Nazis, 3. Welt) und Literaturadaptionen, gern auch kombiniert. Alles Bereiche, die sich als Buch ebenfalls gut verkauften.

Zugleich etablierte sich ein der Gebrauchsgrafik naher Zeichenstil, der die Bücher leicht zugänglich und übersichtlich macht. Comic ist ein komplexes Medium, an das man sich erst mal gewöhnen muss, und das neue Zielpublikum sollte nicht gleich überfordert werden. Vielleicht war das gut gemeint. Für mich als langjährigen Comicleser wirkte es allerdings eher, als sähe ich einem total überladenen Schiff beim Sinken zu. Recht bald waren viele Bände im Grunde wieder Kindercomics, nur diesmal über Kunst, Krieg oder Krebs.

Heute erscheinen in Deutschland mehr einfallslose, schlecht gezeichnete und dünn gedachte Comics für Erwachsene als jemals zuvor. Natürlich kommen, wie gesagt, auch interessante, aufregende und handwerklich solide Arbeiten heraus, aber es sind nicht mehr als vor dem Trend – und sie werden fast ausschließlich von denselben Verlagen wie früher veröffentlicht. Völlig sinnlos war die Einführung des Begriffs Graphic Novel trotzdem nicht: Die kleinen, etablierten Häuser hatten ein paar Bestseller, die ihnen für einige Zeit neue Freiräume verschafften. Zwar bewegen sie sich nicht mehr in einem Markt, der von und für Idealisten existiert, sondern in einem ganz normalen kommerziellen Umfeld – die gemütliche Zeit ist also vorbei. Doch gut möglich, dass es sie sonst gar nicht mehr gäbe: Wer ackert schon Jahrzehnte ohne Zukunftsperspektive vor sich hin?

Der große Erfolg ist allerdings ausgeblieben. Von den kleinen Literaturverlagen, die mit ein, zwei anspruchsvollen Titeln den Markt getestet haben, ist nicht mehr viel zu hören. Branchenriese Ehapa hat seit 2013 versucht, ein anspruchsvolles Graphic-Novel-Programm zu etablieren, doch das werde ab diesem Jahr „zurückgefahren“, wie es offiziell heißt. Bei Suhrkamp, wo seit 2011 regelmäßig Eigenproduktionen deutschsprachiger Künstler auf sehr hohem Niveau veröffentlicht wurden, gab es 2016 nur ein Comic: eine US-Lizenz, als Taschenbuch. Qualität scheint sich auf dem Mainstream-Markt nicht zu rechnen. Und Nachwuchskünstler? Ein befreundeter Verleger erzählte kürzlich, er bekäme laufend unveröffentlichte Graphic Novels angeboten – und die seien alle so schlecht!

Die große Welle, die Graphic Novels gemacht haben, wird bald auslaufen. Es wird ein Alltag einkehren, in dem es von allem ein bisschen mehr geben wird: mehr Comics, mehr Leser, mehr Verlage. Es wird mehr Mittelmaß geben, wie es in anderen Bereichen normal ist, und das wird nur selten ein großes Publikum finden – wie überall. Es wird weiter große Comic-Künstler geben, deren Werke hoch gelobt werden – und viele von ihnen werden in der Zeit angefangen haben, als keiner Comics lesen wollte. Doch es wird kein weiteres goldenes Zeitalter geben, in dem das Medium neu erblüht, weil Produzenten und Konsumenten dasselbe wollen, verbunden von dem gemeinsamen Wunsch, dass alles immer und immer wieder neu sein möge, aufregend und anders.

Oder vielleicht doch? Die nächste große Welle nach den Graphic Novels, der neue große Pool der Kreativität, sind bekanntlich TV-Serien. Wobei schon das Wort falsch ist, denn um Fernsehen geht es bei ihnen gerade nicht. Diese Serien werden unter neuen Bedingungen produziert und verkauft, direkt an die Zuschauer, die nichts anderes wollen als eine tolle neue Serie. Und noch eine. Wie früher bei den Comics. Und dazwischen gibt es keine Filter. Kein Feuilleton, denn das bespricht die Serien oft erst, wenn man sie schon gesehen hat. Und keinen Handel, der seine Produkte an so viele Menschen wie möglich verkaufen will. Solange das System funktioniert, wird wohl niemand in der Lage sein, es im traditionellen Sinn massenkompatibel, also mittelmäßig zu machen. Und wer weiß? Vielleicht wird es gerade deswegen massenkompatibel.

TV-Serien sind nur der größte, auffälligste, erfolgreichste Ausdruck dieser Entwicklung. Da gibt es Musiker, die ihre Tracks über ihre Website oder Services wie Bandcamp verkaufen. Künstler, die ihre zukünftigen Werke über Crowdfunding finanzieren lassen. Menschen, die ihr Publikum direkt finden und deshalb machen können, woran sie wirklich glauben. Und das alles steht noch ganz am Anfang. Die goldene Zeit des Comics mag vorbei sein. Aber gut möglich, dass wir unzähligen goldenen Zeiten entgegengehen. Nicht für das Feuilleton, nicht für den Handel. Nicht für die Zwischenhändler. Aber für alle, die etwas mit viel Verve tun. Und für alle, die sich dafür voller Neugier begeistern können. //

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