Corporate Publishing

brand eins Thema Innovation // 2017

Goliath

Als Microsoft im Juni 2015 das Berliner Start-up 6Wunderkinder kaufte, diskutierte die Branche zwei Fragen: Was macht die 60-Mitarbeiter-Firma und ihre To-do-App Wunderlist so wertvoll, dass es einen Kaufpreis von 100 bis 200 Millionen Dollar rechtfertigt, wie unter anderen das Wall Street Journal meldete? Und wenn 6Wunderkinder so ein besonderes Unternehmen ist: Was bleibt davon nach der Integration in einen etwas in die Jahre gekommenen Softwarekonzern wohl noch übrig?

Zum Zeitpunkt des Verkaufs war 6Wunderkinder gerade fünf Jahre alt, und die App, mit der man Notizen machen und To-do-Listen verwalten kann, hatte 13 Millionen Nutzer. Weil Wunderlist einfach zu bedienen ist, gut aussieht und sich auf unterschiedlichen Systemen und Geräten synchron nutzen lässt, hatte sich schnell eine stabile Nutzergemeinde etabliert. Die Basis-Version ist bis heute gratis, Geld verdient wird mit Premium-Angeboten: Wunderlist Pro und Wunderlist for Business, einer Software für Unternehmenskunden.

Bis zur Microsoft-Akquise war 6Wunderkinder bloß ein gut geführtes Start-up, das nach einigen Fehlschlägen (mit dem Wunderlist-Vorläufer Wunderkit) ein vielversprechendes Produkt besaß. Von den 100 Millionen Nutzern weltweit, die Gründer Christian Reber einst als Ziel nannte, war man weit entfernt. Nach dem Verkauf machte sich unter den Fans der App bald Skepsis breit. Vier Monate später verließ zu allem Überfluss Reber das Unternehmen, um für Microsoft als Entrepreneur in Residence zu arbeiten. Es sah nach dem Anfang vom Ende aus: der Abstieg vom smarten Berliner Start-up zum Microsoft-Dienstleister. Doch es kam anders.

Die Nutzerzahlen der Wunderlist-App entwickeln sich weiterhin stabil. Bei der aktuellen Statista-Umfrage unter Branchen-Insidern landet das Unternehmen auf einem Spitzenplatz, außerdem ist es in jedem der drei Innovationsbereiche in der Bestenliste vertreten (siehe Seiten 101–103). Und das in einer Zeit des Übergangs: Die Wunderlist-App weiterzuentwickeln, ohne sie zu einem lieblos verwalteten Feature für Microsoft-Programme zu machen, ist anspruchsvoll genug. Noch herausfordernder dürfte aber der Balanceakt sein, die Integration in das Microsoft-Ökosystem zu managen, ohne von den Konzernstrukturen aufgesaugt zu werden.

In den Büros nahe des Berliner Alexanderplatzes sieht es noch immer nach Start-up aus. Doch Jenny Herald, leitende Produktmanagerin im Bereich Apps, benennt schnörkellos, was sich seit der Übernahme verändert hat: „6Wunderkinder war eine sehr flache Organisation. Zum Beispiel war transparent, wer wie viel verdient hat. Eine Hierarchiestufe wie das mittlere Management gab es nicht. Microsoft ist eine viel stärker durchstrukturierte Organisation.“ Heute arbeitet Herald als Teil des Leitungsteams selbst im Management. Und 6Wunderkinder ist eine weisungsgebundene, berichtspflichtige Tochter eines Weltkonzerns.

Das wahre Wunder: Kommunikation statt Silos

Danny Amirault sieht das etwas anders. Der Amerikaner, bei 6Wunderkinder Engineering Lead Backend, kommt aus der Zentrale des Mutterkonzerns in Redmond bei Seattle. In Berlin soll er die Transformation begleiten, indem er Technologien von Microsoft einbringt und „aufregende Ideen von hier zurück nach Redmond“ kommuniziert. Er findet es „erfrischend, jetzt sehr viel enger mit anderen Bereichen wie Marketing oder Design zusammenzuarbeiten. Das wäre in Redmond so nicht möglich.“ Deshalb wird die Start-up-Kultur weiter gehegt und gepflegt, das erzählen auch die Kollegen. „Wir achten darauf, zusammen zu denken, statt Abteilungen abzuschotten“, sagt etwa Benjamin Mateev, der leitende Produktmanager für die Bereiche Ecosystem und Integrationen.

Mateev fliegt einmal im Monat nach Redmond und zwischendurch zu den Kollegen in Tokio oder Peking. Er ist unter anderem für die Integration von 6Wunderkinder in die Microsoft-Welt zuständig. Keine kleine Aufgabe, denn sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden ist nicht unkompliziert. Man muss zum Beispiel lernen, wo im großen Microsoft-Reich die Experten sitzen, die den Berlinern bei ihren Projekten helfen können. Microsoft ist ein komplexer Konzern mit vielen sich selbst steuernden Einheiten. Darin seinen Platz zu finden und sich mit all den unterschiedlichen Teams auszutauschen ist Arbeit.

Im Moment versucht Mateev, für sich eine geistige Landkarte dieser neuen Umgebung zu entwickeln. Knapp zwei Jahre nach der Übernahme ist seine Haltung gegenüber dem Mutterkonzern ziemlich selbstbewusst: „Wir wollen Microsoft verändern, bit by bit. Wir wollen die anstehenden Veränderungen innerhalb des Unternehmens mit anführen und gestalten.“ Der Winzling mit 60 Leuten will dem Riesen mit 114 000 Mitarbeitern helfen, sich zu erneuern.

Dass die Idee nicht als größenwahnsinnig, sondern vernünftig gilt und im Mutterkonzern nicht für Ärger, sondern eher für Sympathie sorgt, liegt auch an Satya Nadella. Der Informatiker ist seit 2014 als Nachfolger von Steve Ballmer der CEO von Microsoft. Das 6Wunderkinder-Team hat ihn vor gut einem Jahr getroffen. „Er hat gesagt, passt euch nicht an, werdet nicht wie der Rest von Microsoft, sondern verändert den Konzern“, erinnert sich Mateev. „Etwas zugespitzt war die Botschaft: Lasst euch von uns nicht stören, wir haben euch gekauft, weil ihr seid, wie ihr seid“. Seine Kollegin Jenny Herald war überrascht, wie viel Freiheit man ihnen gegeben habe, weiter so zu arbeiten, wie sie es richtig finden. Für sie war Nadellas zentrale Aussage: „Microsoft brauche Veränderung und mehr Innovation im Unternehmen.“

Das klingt nach Silicon-Valley-Folklore – ein großer Konzern gibt sich jung, frisch und experimentierfreudig. Aber es ist wohl so gemeint. Nadella hat dem Software-Dinosaurier einen Strategiewechsel verordnet: mehr Wagemut, neue Produkte, schnellere Lernprozesse. Damit hat der neue CEO in den vergangenen Jahren für ein Comeback des Tech-Riesen gesorgt, der auf Geschäftsfeldern wie Smartphones oder Cloud-Technologien den Anschluss zu verlieren drohte. Der Kauf von 6Wunderkinder ist Teil einer Strategie, Microsoft innovativer zu machen. „Satya identifizierte die Schwachstellen“, sagt Basak Haznedaroglu, die Design-Verantwortliche bei 6Wunderkinder. „Jetzt investiert die Firma mehr in mobile Anwendungen und die Cloud. Und das ist erst der Beginn. Der nächste Schritt ist künstliche Intelligenz.“

Handwerkerstolz triff auf Nutzerorientierung

Microsoft-Kunden sind nicht mehr wie früher in geschlossenen Systemen unterwegs, sondern nutzen zumindest privat auch iOS und Android – und Wunderlist funktioniert längst auf allen gängigen Systemen. Außerdem verschwinden zunehmend die Grenzen zwischen Business- und Privat-Anwendungen, sodass es gut wäre, wenn die Produkte des Konzerns auch spielerisch genutzt würden. Microsoft soll werden, was Apple zu seinen besten Zeiten war: ein Konzern, dessen Produkte man benutzt, weil man sie mag und irgendwie cool findet.

To-do-Apps gibt es viele. Aber weil sie den Nutzer vor allem an Termine erinnern, die er nicht verpassen darf, sind sie eher eine lästige Notwendigkeit als ein digitales Spielzeug, das Freude bereitet. Wunderlist dagegen soll genau das machen: Spaß. Dafür wird bei 6Wunderkinder viel getan. Damit Anmutung und Anwendung möglichst unkompliziert sind, muss die dahinterstehende Technik besonders ausgefeilt sein. Die Kunden sollen nicht gestresst werden. Wunderlist soll einfach „die beste To-do-App der Welt“ sein, bringt es Christian Lang, Engeneering Lead Apps, auf eine knappe, unbescheidene Formel.

Der Hang zur Perfektion ist Bestandteil der Firmenkultur. Im Gegensatz zu vielen anderen Berliner Start-ups wurde 6Wunderkinder nicht von MBA-Absolventen auf der Suche nach einer Marktlücke gegründet, sondern von IT-Nerds. Das prägt die Kultur: Statt sich an der branchenüblichen Eigen-PR zu berauschen, feilt das Unternehmen mit dem Arbeitsethos guter Handwerker an seiner App, um sie für die Anwender so praktisch wie möglich zu machen. Das Selbstbewusstsein, mit dem Benjamin Mateev davon ausgeht, dass Microsoft von 6Wunderkinder lernen könnte, hat auch mit Handwerkerstolz zu tun: Wir wissen, was wir können.

„Das Besondere ist, dass wir uns nicht nur auf die Technologie konzentrieren, sondern auch auf die Nutzererfahrung“, sagt Basak Haznedaroglu. „Wir fragen uns immer wieder: Wie können wir Anwendungen angenehmer, intuitiver machen? Ein gutes Produkt heißt nicht nur Funktionalität.“

Wichtig sei vor allem die Liebe zum Detail. Der „Ding“, auf den alle stolz sind, ist dafür ein schönes Beispiel. Eigentlich ist es nur ein Soundsignal, aber eines, das die Kunden lieben. Die Designer haben zahllose Stunden damit zugebracht, Varianten zu probieren, um eine Feel-Good-Wirkung zu erreichen, erinnert sich Haznedaroglu.

Eine andere Qualität von Wunderlist ist, dass sie problemlos zweckentfremdet werden kann. Das ist gewollt, schließlich kann kein Informatiker alle möglichen Anwendungen vorhersehen. Die oberste Designerin erzählt, dass ein kleines Mädchen Wunderlist als Katalog für ihre Barbiepuppen nutzt. Und ein Achtjähriger nannte die App „Meine Monster“: Er listete alles auf, wovor er Angst hatte, und hakte Monster ab, wenn er eine Angst überwunden hatte.

„Wir machen alles, damit die Leute Wunderlist lieben“, sagt Benjamin Mateev. Und das scheint zu funktionieren. Als im November vergangenen Jahres der Service einen Tag nicht erreichbar war, hagelte es keine Beschwerden. Die Nutzer boten stattdessen Hilfe an, erzählt Mateev. „Die Anwender-Basis ist Teil unserer Community. Wir wollen Nutzer zu Fans machen. Und genau davon will Microsoft lernen. Das war definitiv ein Grund für den Kauf.“ Vor zehn Jahren ging es in der Softwareindustrie darum, Kunden alle paar Jahre ein Softwarepaket zu verkaufen. Heute geht es um eine permanente Beziehung. Da können Fans nicht schaden.

Schwierig ist die Integration trotzdem. Produkte für Unternehmen sind viel restriktiveren Regularien unterworfen als eine Organisations-App. „Wenn wir zu Office-Programmen beitragen, müssen wir bestimmten Compliance-Regeln genügen“, hat Mateev gelernt. „Unsere Software wurde dafür nicht entworfen, also sind viele Änderungen notwendig. Das ist ein sehr mühsamer Prozess, aber es geht nicht anders.“ Die großen Unternehmen der Welt hätten nun einmal bestimmte Bedürfnisse, von der Datensicherheit bis zu juristischen Notwendigkeiten. Da gebe es keine Fehlertoleranz, sagt er. Und man ahnt, dass es durchaus ernst gemeint ist, wenn er die nötigen Anpassungen schmerzhaft nennt, auch wenn er dabei lacht.

Sie wollen alles – aber Schritt für Schritt

Man muss eben Prioritäten setzen. Aber welche? Soll die App für die User angenehmer werden? Oder so komplex und sicher, dass sie Weltkonzerne für interne Abläufe nutzen können? „Natürlich wollen wir beides, aber wir können nur Schritt für Schritt arbeiten“, erklärt Christian Lang. Das Ziel sei eine App, die jeder nutzen könne, Kinder ebenso wie Forschungseinrichtungen, Krankenhäuser oder Behörden.

Wenn die 6Wunderkinder-Mannschaft von den Komplikationen der Microsoft-Integration erzählt, ist das einerseits ein Bericht über mühsame Feinarbeit. Andererseits ist es aber auch die Geschichte eines Lernprozesses. Der Zugang zu den Microsoft-Ressourcen eröffnet ganz andere Möglichkeiten. „Welche neuen Anwendungen sind möglich? Und welche Möglichkeiten entstehen in dem Öko-System Windows?“, formuliert Basak Haznedaroglu die neuen Fragen.

6Wunderkinder arbeitet jetzt auch mit Microsoft-Teams, die zu virtueller Realität und künstlicher Intelligenz forschen. „Das sind einige der klügsten Leute auf dem Planeten, die an etwas Superfaszinierendem arbeiten – und wir können das nutzen, um unsere App zu verbessern“, schwärmt die Designerin und malt sich die Zukunft aus. Mit künstlicher Intelligenz werde eine Nutzeranfrage, ein Task, künftig mehr als nur ein Text sein. „Das System versteht, was dahintersteckt, und setzt eigenständig eine Kette von Algorithmen in Gang, wenn der Task zum Beispiel eine Restaurantreservierung oder einen Termin im Dienstplan beinhaltet. Davon hätten wir als Start-up nicht mal träumen können.“

Ein Effekt der Integration ist jetzt schon absehbar: Die Zahl der potenziellen Wunderlist-Nutzer wird mit der Integration in Microsoft-Programme enorm steigen. Das dauert noch, der große Sprung komme erst, meint Benjamin Mateev. Doch wenn die App ein Teil von Office oder Windows wird, würden deutlich mehr als die vom Gründer Christian Reber avisierten 100 Millionen Nutzer Wunderlist auf ihrem Smartphone oder Tablet haben. Christian Lang bringt die künftige Situation auf den Punkt: „Nichts hat sich geändert – wir wollen immer noch die beste To-do-App der Welt machen. Aber alles hat sich geändert – durch die neue Umgebung.“ //

„Wir wollen Nutzer zu Fans machen. Und genau davon will Microsoft lernen.“

Benjamin Mateev, 6Wunderkinder

Mehr aus diesem Heft

 

Fahrt doch mal nach Erlangen!

Muss man wirklich ins Silicon Valley reisen, um zu verstehen, wie das Neue in die Welt kommt? Absolut nicht, sagt die Innovationsforscherin Kathrin Möslein. Ein Gespräch über die Innovationskraft von Bedenkenträgern und den Nutzen verbindender Spiele.

Lesen

 

Abstand halten

In naher Zukunft werden Maschinen mit künstlicher Intelligenz große Teile unseres Lebens begleiten. Gut so, meint Wolfgang Wahlster, der das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz leitet. Wenn sich auch der Mensch weiterentwickelt.

Lesen