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brand eins Thema Innovation // 2017

Baukästen für Ideen

Innovation hat nicht unbedingt immer mit großen Ideen zu tun, sondern manchmal auch schlicht mit der Wahl der richtigen Methode. Ein Blick in die Methodendatenbank, die am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement an der RWTH in Aachen entstanden ist und in der rund 120 unterschiedliche Innovationsmethoden aufgelistet und sortiert wurden, kann dabei durchaus helfen. Wir haben die beiden verantwortlichen Wissenschaftler Frank Piller und Christian Gülpen gebeten, neun Methoden auszuwählen, die aus ihrer Sicht gute Ergebnisse bei vergleichsweise überschaubarem Aufwand liefern. Im Grunde schließt sich damit der Kreis zu Albert Einstein. Schließlich wußte der Ausnahmephysiker: „Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht.“

TRIZ

Die von dem sowjetischen Ingenieur, Wissenschaftler und Science-Fiction-Autor Genrich Saulowitsch Altschuller entwickelte Methode basiert auf den Annahmen, dass erstens vielen Erfindungen wenige Lösungsprinzipien zugrunde liegen, zweitens Innovation durch die Überwindung von Widersprüchen möglich wird und drittens die Entwicklung technischer Systeme bestimmten Mustern folgt.

Deshalb werden bei TRIZ spezifische Probleme in allgemeine Widersprüche aufgelöst, denen dann mithilfe einer Widerspruchsmatrix und einer Liste von 40 innovativen Prinzipien allgemeine Lösungen gegenübergestellt werden, die anschließend wieder spezifiziert werden können. Das klingt kompliziert – und das ist es auch. Es empfiehlt sich, bei Interesse einen erfahrenen Nutzer hinzuzuziehen.

Jobs to be done

Menschen wollen keine Produkte – sie wollen, dass Aufgaben, Jobs für sie erledigt werden. Weiß man, um welche Aufgaben es konkret geht, eröffnen sich neue Perspektiven auf bestehende Angebote oder gar Ideen für ganz neue Produkte. Beispiel Fensterreinigung: Man kann den Service immer weiter verbessern – oder selbstreinigende Fenster erfinden.

Das Vorgehen ist simpel: Über Interviews oder Befragungen werden die Jobs ermittelt, deren Erledigung den Kunden besonders wichtig ist. Sie werden anschließend in einer Umfrage unter einer größeren Menge potenzieller Kunden nach zwei Kriterien bewertet: Wie wichtig ist den Menschen die jeweilige Anforderung? Und wie gut wird sie bereits von Angeboten am Markt erfüllt? So entsteht eine Liste von Jobs, die wichtig sind und zugleich unzureichend befriedigt werden – der Fokus für die weitere Entwicklung.

Personal Analogy

Neue Perspektiven bringen bekanntlich neue Ideen. Bei der Personal Analogy nimmt man eine seltene Sichtweise ein: Der Innovator versetzt sich in die Lage des betreffenden Produktes oder der Dienstleistung und betrachtet aus seiner Perspektive die Umwelt – einschließlich der Kunden und des eigenen Unternehmens. Dabei können auch Fragen gestellt werden: Was wäre mein Ziel, wenn ich mein Produkt wäre? Wie muss ich vorgehen, um dieses Ziel zu erreichen? Welche Beziehungen muss ich aufbauen? Wie sollte ich wahrgenommen werden?

Wichtig ist, die Erkenntnisse, Meinungen, Gefühle und Einstellungen des jeweiligen personifizierten Objektes zu kommunizieren, etwa über Bilder, Geschichten oder Rollenspiele, sodass sie geordnet, interpretiert und zu potenziellen Innovationen weiterentwickelt werden können.

Smart Usage Data Iteration

Der Fachbegriff ist wenig bekannt, das Prinzip dagegen schon: Smart Usage Data Iteration bezeichnet die Verbesserung von Produkten oder Services durch die Auswertung von Daten, die Smartphones und andere datenverarbeitende Geräte über ihre Nutzung durch den Kunden sammeln und an ihre Hersteller senden.

Das Wissen über den alltäglichen Gebrauch eines Gerätes, Services oder einer App gibt einem Unternehmen unter anderem die Möglichkeit, unbekannte Arten seiner Nutzung zu entdecken, möglicherweise sogar in Kooperationen mit Produkten oder Prozessen anderer Anbieter. Solche sogenannten Smart Data können die Grundlage von Weiterentwicklungen oder neuen Varianten des Produktes sein, in manchen Fällen führen sie sogar zur Entwicklung neuer Dienstleistungen oder gar Geschäftsmodelle.

Netnography

In Online-Communitys werden einzelne Produkte oder Dienstleistungen und die damit verbundenen Wünsche, Erfahrungen, Motive und Beobachtungen meist sehr offen diskutiert. Besonders aktive Teilnehmer erweisen sich zudem häufig als Menschen, die mit ihren Ideen dem Markt weit voraus sind. Mit Netnography (Internet Ethnography) lassen sich wertvolle Kunden- und Nutzerdialoge auswerten.

Dafür müssen zuerst das Suchfeld (Produkte, Märkte, Trends) festgelegt und die passenden Online-Communitys gefunden werden. Dann werden die Aussagen (Beobachtung von Diskussionen, Nutzerinnovationen, Profilen) gesammelt und die Daten schließlich qualitativ analysiert und interpretiert. Dabei ergeben sich häufig nicht nur neue Impulse für Produktinnovationen, sondern auch für Marketing, Design und vieles andere.

Prediction Markets

Prediction Markets – Prognosemärkte – sind simulierte Marktumgebungen wie zum Beispiel Onlineplattformen, auf denen Menschen virtuelles Spielgeld oder Punkte in eine von mehreren Produktversionen investieren können, von der sie glauben, dass sie eine besonders hohe oder besonders geringe Erfolgschance auf dem Markt hat. Wie in einem Wettbüro.

Der Wettbewerbscharakter des Spiels oder auch eine mögliche Form der Belohnung (Geld, Gutscheine, Punkte …) führen dazu, dass die Teilnehmer eher in Optionen investieren, zu denen sie eine eindeutige Meinung haben und von denen sie glauben, dass sie eher richtig liegen. Das wird außerdem dadurch gefördert, dass jede Entscheidung begründet werden muss.

Um ein zugleich breites und fundiertes Stimmungsbild zu bekommen, ist es wichtig, die Gruppe für einen Prediction Market so zu wählen, dass unterschiedliches Wissen und individuelle Erfahrungen in das Spiel einfließen können. Nach einer festgelegten Zeit, oft einer Woche, wird der Markt geschlossen. Die Investitionen der Teilnehmer können dann quantitativ wie qualitativ ausgewertet werden.

SCAMPER

Man muss das Rad nicht immer neu erfinden – manchmal genügt es, es zu verbessern. SCAMPER ist ein Fragenkatalog, mit dem man dafür systematisch Ideen suchen kann. Die Fragen lauten:

[Substitute] Was kann ich an mei- nem Produkt oder Prozess ersetzen (Ressourcen, Eigenschaften, Materialien …)?

[Combine] Wie kann ich mein Angebot durch Kombination mit anderen Angeboten, Dienstleistungen oder Ähnlichem verbessern?

[Adapt] Wie kann ich Funktionen verändern oder Teile anderer Angebote in mein Angebot einbeziehen?

[Magnify] Welche Teile meines Angebots kann ich mehr betonen, um es attraktiver zu machen?

[Put to other use] Wie kann mein Angebot in einem anderen Zusammenhang oder für einen anderen Zweck verwendet werden?

[Eliminate] Wie kann ich durch Reduktion und Vereinfachung einen Nutzen erzielen, etwa durch eine kostengünstigere Variante für eine andere Zielgruppe?

[Rearrange] Wie kann ich meinen Prozess umgestalten, umkehren oder neu anordnen, um zusätzlichen Wert zu schaffen?

Broadcast Search

Broadcast Search dient dazu, mittels einer offenen Ausschreibung in einem großen, externen und interdisziplinären Netzwerk eine Lösung insbesondere für technische Probleme zu finden. Dafür werden Probleme über die Onlineplattformen sogenannter Intermediäre, also professioneller Vernetzer, bekannt gemacht und Beiträge zur Lösung erbeten. Die Intermediäre können das Vorgehen auch durch die gezielte Weitergabe der Anfrage an ausgewählte Experten aus ihrer Community unterstützen.

Auf diese Art werden nicht nur ungewöhnlich viele Mitdenker in eine Entwicklung einbezogen, sondern potenziell auch Akteure aus anderen Branchen und Bereichen, deren Sichtweisen und Erfahrungen zu völlig neuen Konzepten führen können. Neben konkreten Problemlösungen können dabei eventuell auch neue Technologien oder mögliche neue Partner identifiziert werden.

Pretendotypes

Pretendotypes sind noch nicht marktreife Prototypen, die präsentiert werden, als seien sie reale Angebote. Eine simple Basis dafür kann eine Website sein, auf der Kunden ein Produkt (oder ein Service) angeboten wird, das es noch nicht gibt, dessen Kauf aber mittels eines Kaufen-Button oder Ähnlichem möglich scheint. Entscheiden sich Kunden für den Kauf, werden sie über den Test aufgeklärt und bekommen zugleich die Möglichkeit, weitere Informationen zu erhalten, sobald das Angebot tatsächlich eingeführt wird.

Die Methode hat zwei Vorteile: Die potenziellen Käufer entscheiden sich für den Kauf viel bewusster als bei klassischer Marktforschung, sodass ein realistisches Stimmungsbild entsteht. Zudem lassen sich potenzielle Kunden frühzeitig ansprechen und über Newsletter möglicherweise langfristig binden. //

Ein Liste aller Innovationsmethoden und mehr zum Thema finden Sie unter www.innovationsmethoden.info.

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