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Youtube-Blogger

Miteinander reden

Schwierig sind die jungen Leute. Flüchtig wie Morgennebel geistern sie durch die Welt, ohne dass jemand vorhersehen kann, was sie als Nächstes wollen. Selbst die gute alte Bravo, einst sicherste Bank der Jugendzeitschriften, verschmähen sie, und so soll das Echo des ewigen Doktor Sommer ab 2015 nur noch alle zwei Wochen ertönen. Zugegeben, das war absehbar: 2004 lasen 33 Prozent der Jugendlichen regelmäßig eine Zeitschrift, 2013 waren es nur noch 23 Prozent. Überraschender ist die Entwicklung beim Fernsehen. War TV früher ein ewiges Ärgernis zwischen Erziehungsberechtigten und Nachwuchs, ist es heute ein weit abgeschlagenes Konfliktfeld. Gefragt nach dem häufigsten Streitthema mit den Eltern, gaben 2013 nur 28 Prozent der Jugendlichen TV-Konsum als Problem an – das war Platz 9. Auf Platz 1 stand: „Wie viel Zeit ich am Computer verbringe“.

Man könnte noch etliche weitere Umfragen zitieren, aber das Ergebnis bliebe dasselbe: Minderjährige sitzen am liebsten am Rechner – und das Medium ihrer Wahl ist das Internet. Besonders: Youtube. Das Videoportal zieht die Jungen an, als gäbe es da kostenlos Fritten, und das nicht nur mit Musikclips oder illegalen Uploads urheberrechtlich geschützter Werke, sondern zunehmend mit originären Inhalten. Die zahlen sich inzwischen auch für kleine Produzenten aus, denn auf Youtube kann man, wie überall, mit Werbung gutes Geld verdienen. Man braucht dafür nur eine große Reichweite. Und die haben inzwischen einige.

Youtube ist zwar an sich eine sehr demokratische Angelegenheit – jeder kann dort ­Videos hochladen – aber es hat trotzdem seine Stars. Deren Abonnentenzahlen und Views, also das, was früher Einschaltquote genannt wurde, sind oft deutlich höher als alles, wovon im Kabelnirvana siechende Fernsehsender träumen können. Auch mit den Blogs, die zurzeit als Marketinginstrument der Zukunft bejubelt und eifrig professionalisiert werden, halten sie locker mit. Im Oktober 2014 waren die drei populärsten deutschen Youtube-Kanäle: Gronkh (Videogames, 3,3 Millionen Abonnenten), Ytitty (Comedy, 3 Millionen Abonnenten) und Kontor (Musik, 2,6 Millionen Abonnenten).

Auf Platz 4 folgte LeFloid, 2,1 Millionen Abonnenten. Bürgerlich Florian Mundt, 27 Jahre alt. Lebt in Berlin, wo er Psychologie und Rehabilitationspädagogik studiert. Auf seinem nach ihm benannten Kanal kommentiert er montags und donnerstags in LeNews mit viel Humor und Haltung Nachrichten, die wenig relevant scheinen, einem aber trotzdem zu denken ­geben. Dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Grimme Online Award. Daneben betreibt LeFloid weitere Kanäle, zum Teil mit Kollegen, in denen es zum Beispiel um Computergames geht.

Flo, wie der ausgesprochen vernünftig wirkende Mann im Alltag genannt wird, hat zwei Flaschen Mate-Limonade dabei, als er an einem sonnigen Herbstvormittag zum Interview erscheint. Er ist ein wenig müde, sagt er. In der Nacht zuvor hatte er auf Youtube einen Livestream, dem gegen Ende, um etwa zwei Uhr morgens, immer noch 5000 Menschen folgten.

Treffpunkt ist die Wohnung von Marie Meimberg, die an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln wohnt. Die 31-jährige Musikerin, Schauspielerin und Zeichnerin hat ebenfalls einen Youtube-Kanal, in dem es um alles geht, was sie bewegt, von persönlichen Erlebnissen bis zu Kochrezepten und Musik. Mit ihren Filmen erreicht sie ältere Zuschauer als LeFloid: Dessen Hauptzielgruppe ist 13 bis 17 Jahre alt, ihre 18 bis 24, ihre zweitgrößte Zielgruppe sogar 25 bis 34 Jahre alt. Vor einiger Zeit hat sie ein Video mit dem Titel „Ich bin nicht eure Freundin“ gepostet, das sich mit der wachsenden Popularität der Youtube-Stars beschäftigt und wie man damit umgehen kann. Das ist in der Szene offensichtlich ein Thema: Kurz zuvor zeigte Dner (21 Jahre alt, 1,2 Millionen Abonnenten) in einem Video, wie er im Schwimmbad von Fans verfolgt wurde, und bat um etwas Abstand.

Marie Meimberg hat an der Zeppelin Universität Friedrichshafen Communication and Cultural Management studiert, für das Filmunternehmen Ufa einen Youtube-Kanal geführt und beim Onlinevideo-Vermarkter ­Mediakraft gearbeitet, einem sogenannten Netzwerk, bei dem früher auch LeFloid unter Vertrag war. Die Firma vermittelt Youtuber an Werbekunden für, laut Website, „klassische Banner- und Pre-Roll-Ads oder innovative Product-Placements“. Auf dieser Seite heißt es auch, sie sei „das führende Medium für die junge Zielgruppe“ und „der größte Online-TV-Sender in Mitteleuropa“, was für Werbekunden ohne Internet-Erfahrung vermutlich weitaus weniger abwegig klingen dürfte, als es ist. Aber dazu kommen wir noch.

Meimberg erzählt, dass sie nach ihrer Kündigung einige Angebote von Investoren hatte, die mit ihr einen neuen Onlinevermarkter aufbauen wollten – die Youtuber gelten als der neue heiße Scheiß. Sie gründete stattdessen mit 14 weiteren erfolgreichen Youtubern den Verein 301+, deren erste Vorsitzende sie seitdem ist. LeFloid ist zweiter Vorsitzender. Auf der Website der Gruppe steht: „Wir sind Netzwerker. Kein Netzwerk. Wir sind ein Freundeskreis. Keine Crosspromomaschine. Wir sind ein Verein. Kein gewinnorientiertes Unternehmen.“

Wie die Liebe der Fans scheint auch das Interesse des Marketings für Youtuber zum Problem zu werden. Die erste Youtube-Generation hat ihre Videos zum Spaß ins Netz gestellt, vielleicht auch für Freunde. Nun soll sie Teil einer Werbewelt werden, von der sie oft nicht viel hält. Doch der Druck ist groß. Vor allem die junge Zielgruppe, wissen Marketer, der man möglicherweise noch die Zuneigung zu einer Marke fürs ganze Leben einprägen kann, ist nirgends so gut zu erreichen wie auf den Video-Portalen. Bloß wie?

Bisher scheint das keiner so genau zu wissen, und so war es naheliegend, dazu Menschen zu befragen, die dort bereits erfolgreich sind. Wie sich zeigen wird, war das die falsche Fragestellung. Aber der Reihe nach. Noch ist es früh, wir sitzen zum Gespräch um den Küchentisch, und natürlich duzen wir uns. Draußen ist Berlin sonnig wie selten. Drinnen hat der Interviewer ein Buch dabei. Über Kakteen.

Vor diesem Interview war ich noch bei einem befreundeten Verleger, und als ich ihm er­zählte, dass ich zwei Youtuber treffe, von denen einer zwei Millionen Abonnenten hat, hat er mir dieses Buch in die Hand gedrückt und gesagt: ‚Kannst du ihm das geben? Vielleicht kann er das mal in die Kamera halten …‘

Das ist mein Alltag! Ich werde ständig gefragt: ‚Kennst du den und den, kann der das oder das für uns tun?’ Ich sage dann immer: Die Kanäle, in denen unsere Videos laufen, sind keine Werbeplattformen, sondern Plattformen für Inhalte. Die kommen von Menschen, die aus sich selbst heraus etwas kreieren und damit über lange Zeit Glaubwürdigkeit aufgebaut haben. Und die werden sie nicht für ein Buch aufgeben oder irgendwas anderes, das nicht zu ihnen passt. – Marie

Das war vermutlich am Anfang noch nicht so. Wann ging es los?

Ich habe vor fünfeinhalb Jahren mit Youtube begonnen. Damals habe ich in der Schulpsychologie gearbeitet, da nimmt man unheimlich viel mit nach Hause. Deshalb wollte ich etwas machen, was nichts damit zu tun hat. Den Gedanken, ich könnte mit Youtube meine Miete zahlen, hatte ich nicht. Das ging damals auch noch gar nicht. – Flo

Das ist so nicht ganz richtig: Youtube wurde 2005 von drei ehemaligen PayPal-Mitarbeitern gegründet und 2006 für 1,3 Milliarden Euro von Google gekauft. Ab 2007 konnte man in den USA als „Youtube-Partner“ seine Videos monetarisieren, ab 2008 war das auch in Deutschland möglich. Allerdings musste man dafür einige Jahre einen Antrag stellen – LeFloids erster Antrag wurde abgelehnt. Heute kann im Prinzip jeder seine Videos monetarisieren, solange er eigene Inhalte anbietet, also weder aus anderen Medien übernommene Filme noch Videos anderer Youtuber. Geld wird verdient über Anzeigen, wie in anderen ­Medien auch. Grundsätzlich wird dabei zwischen Werbespots vor oder nach Filmen und ­In-Video-Formaten, etwa eingeklinkten Textanzeigen, unterschieden. Die Anzeigen werden auktioniert, was zu Preisschwankungen führt, sodass Youtuber in anzeigenstarken Zeiten, wie etwa zu Weihnachten, mehr einnehmen als im Rest des Jahres.

Die Vermarktung läuft über die Google-Tochter Adsense, die auch mit Suchmaschinenanzeigen und Anzeigen für Webseiten Dritter handelt. Youtubern ist vertraglich verboten, über ihre Einnahmen aus der Videoplattform zu sprechen, Zuwiderhandlungen werden mit Ausschluss geahndet. Auf Socialblade, einer Website, die Daten von Youtube, Twitch und Instagram auswertet, gibt es Schätzungen für die Top-Youtuber. Danach liegen LeFloids Einnahmen zwischen 4000 und 32 000 Euro im Monat. Anders gesagt: Die wissen es auch nicht. Es gibt also doch Geheimnisse im Internet. Sogar bei Youtube.

Die Geschichten der Leute der ersten Generation sind ganz unterschiedlich. Ich habe mit Webvideos angefangen, ein Jahr bevor es Facebook in Deutschland gab. Ich habe das Internet als Erweiterung des öffentlichen Raums betrachtet und gedacht, den muss man auch kreativ bespielen. Es ging mir um den künstlerischen Gedanken, nicht um einen Job. Ich habe zum Beispiel ein Dixi-Klo ,privatisiert’, es mit Handtuch und Seife, Comics und Klopapier ausgestattet – als Beispiel für die ,Privatisierung’ des öffentlichen Raums. Ich habe den Aufbau gefilmt und die Reaktionen der Leute. Damals haben mir alle geraten, lieber was im Fernsehen zu machen. – Marie

Und heute?

Heute gibt es neue Leute, die bewusst bei Youtube antreten, um davon leben zu können. Das finde ich auch völlig legitim, das ist eben eine neue Branche. Zumal darunter inzwischen auch wirklich kreative Leute sind, die das Gefühl haben, woanders dürfen sie nicht so gut sein, wie sie sein könnten, und es deshalb dort versuchen. – Marie

In den USA gibt es inzwischen hochwertige Youtube-Serien wie „Video Game High-School“, die über Crowdfunding finanziert werden. Es gibt allerdings auch sehr herzlose Kanäle, die nur auf Erfolg angelegt sind. Da regen sich die Macher schon auf, wenn sie nach drei Monaten noch nicht davon leben können. – Flo

Einige Leute können heute auch ohne eigene Kanäle von Youtube leben. Die schneiden für andere Youtuber oder Netzwerke Videos, produzieren oder texten. Da entstehen gerade eine ganze Reihe neuer Jobs, die es bis vor Kurzem nicht gab. – Marie

Eine naheliegende Einnahmequelle ist natürlich Werbung innerhalb eurer Filme, also Product-Placements oder Präsentationen. Was haltet ihr davon?

Ich würde nie sagen, dass Werbung auf Youtube grundsätzlich schlecht ist. Wir haben auch Kooperationen laufen. Aber für mich gehen Product-Placements wie auf QVC nicht, wo Leute irgendwas in die Kamera halten. Doch wenn es möglich ist, ein Produkt sinnvoll einzubinden, weil ich zum Beispiel Kekse backe und dabei vielleicht auch Nutella verwenden kann, dann finde ich das okay. Und wenn in der Videobeschreibung steht ‚Dank an Nutella für den Support’, stört das niemanden. – Flo

Marie Meimberg wies später eindringlich darauf hin, dass das Video ihrer 301+-Kollegin Daarum (25 Jahre alt, knapp 900 000 Abonnenten), in dem sie Nutella-Kekse backt, kein Product-Placement war. Das war ihr sehr wichtig. In einem Daarum-Video, in dem es um „Braided-Nutella-Bread“ geht, betont die Lifestyle-Youtuberin auch selbst, dass dies keine Kooperation sei. Offenheit und Glaubwürdigkeit sind in der Szene essenziell. Der Verdacht, es ginge dabei vor allem um den Erhalt des eigenen Marktwertes, lässt sich im direkten ­Gespräch allerdings nicht halten. Es wirkt eher, als ginge es um die persönliche Integrität, um menschliche Werte – schön, wenn aus beidem ein Marktwert wird.

Wichtig ist Transparenz. Ich finde es ekelhaft, wenn man als vermeintlicher Freund, der man als Youtuber in gewisser Weise ist, seinen Leute etwas verkauft, ohne es zu sagen. Wenn einer eine Liste mit zehn Sachen hat, von denen er behauptet, dass er sie gerade toll findet, und eine der Sachen ist geplaced, finde ich persönlich das langweilig – das ist einfach Reklame. Man kann sich aber auch eine Marke suchen, die zu einem passt und mit der inhaltlich kooperieren – das kann spannend sein. Jacksgap, ein britischer Youtube-Kanal, hat zum Beispiel mit Skype kooperiert, um aufwendige Dokus zu drehen. Dafür hatten sie vorher nicht die Mittel. – Marie

Transparenz ist ganz wichtig. Mein Lieblings-Youtuber Caddicarus klatscht ans Ende seiner Videos, wer ihn finanziert hat, zum Beispiel Audible, mit der Aufforderung, deren Website zu besuchen – und das stört mich nicht. Denn erstens ist es absolut transparent. Und zweitens wird da nichts inhaltlich reingepresst. – Flo

Das ist doch auch absurd, wenn sich plötzlich in mehreren Youtube-Kanälen Frauen öffentlich die Beine rasieren – und alle zufällig mit dem gleichen Rasierer ... – Marie

Was wollen die Unternehmen oder ihre Agenturen von euch? Wollen sie mehr oder weniger offensichtliche Reklame, oder sind sie auch an Kooperationen interessiert?

Viele von denen sind unglaublich weit hinterher. Die kommen meist mit einem Konzept für mich, und ich sage dann oft: ‚So geht es nicht, aber wir können uns vielleicht zusammen etwas überlegen.’ Wenn sich herausstellt, dass die Firma passt und es eine Möglichkeit, gibt sie einzubinden, ohne dass es die Zuschauer nervt, kann man durchaus was machen. Aber oft kommt am Schluss von den Firmen: ‚Ach nee, wir wollen es doch lieber so, wie wir das am Anfang gesagt haben.’ Und ich glaube, das liegt häufig daran, dass sie überhaupt nicht wissen, worum es bei mir geht. Diese Leute nehmen sich keine 30 Sekunden, um mal zu schauen, was auf dem Kanal läuft, von dem sie etwas wollen. – Flo

Es gibt zwei Gründe, warum Leute zu einem wie Flo kommen: Entweder sie wollen nur Reichweite – das ist sowieso falsch. Oder sie kommen, weil sie cool finden, was er macht. Aber dann können sie doch nicht wollen, dass er etwas tut, was zu dieser Coolness überhaupt nicht passt. – Marie

Da geht genau das verloren, was man eigentlich haben will.

Richtig! Man muss sich vorstellen, dass LeFloid nach anderthalb Jahren erst 6000 Abonnenten hatte. Für zwei Millionen muss man sehr viel Arbeit und Herzblut investieren. Man baut eine Glaubwürdigkeit auf – und die kann man mit etwas, das nicht echt ist, das nur schnelles Geld bringt, über Nacht verspielen. Es gibt eine kleine Spitze von Leuten, die das verstehen und Lust haben auf Kooperationen, die für beide passen. Aber ich rate allen Youtubern, von dem Rest die Finger zu lassen: Denkt darüber nach, wie viel ihr in fünf Jahren noch wert sein wollt! – Marie

Man muss in dem Zusammenhang vielleicht auch erklären, was Youtube mit einem macht. Das ist nicht wie beim Fernsehen, wo die Studiotür zugeht und du Feierabend hast. Es geht nicht nur darum, ein Video aufzunehmen, zu schneiden und online zu stellen. Wenn man sich darauf einlässt, gibt es kein Leben mehr ohne Youtube. Ich arbeite ungefähr 60 bis 70 Stunden die Woche für meine Kanäle. Und es gibt keinen Tag im Jahr, an dem ich nicht den Youtube-Account im Auge habe oder Kommentare lese oder Twitter, Facebook, Instagram beobachte. Da muss ich mir doch überlegen: Was will ich eigentlich? Wofür stehe ich? – Flo

Heißt das, wer in euren Kanal will, will eigentlich in euer Leben?

Genau. Da greifen Menschen in eine ganz persönliche Sphäre ein. Und wenn wir dort nicht selbst entscheiden dürfen, was wir tun – dann geht das nicht. Aber es dauert lange, bis Leute verstehen, worum es uns geht. – Flo

Über ihren ehemaligen Arbeitgeber Mediakraft durften die beiden Youtuber aus vertraglichen Gründen nicht sprechen, aber das war vermutlich ganz gut so. Denn am Ende ist es auch nur ein Onlinevermarkter von mittlerweile vielen, die sich vermutlich wenig unterscheiden. Das Problem liegt tiefer, es ist ein ganz grundsätzliches Missverständnis, und zumindest dafür ­stehen die Mediakraft-Claims perfekt: „Wir sind das führende Medium für die junge Ziel­gruppe!“ Und: „Wir sind der größte Online-TV-Sender in Mitteleuropa!“

Dass eine Firma oder ein Videoproduzent oder ein Youtuber kein Medium ist, liegt auf der Hand. Etwas weniger offensichtlich falsch ist der zweite Satz. Denn wer etwas ins Internet stellt, ist kein TV-Sender. Und zwar nicht nur, weil nach dieser Logik alles im Internet Fernsehen wäre und damit Blogs quasi Teletext – sondern weil das Internet kein Sender ist. Es ist ein egalitäres Kommunikationsnetz. Das ist so oft gesagt worden, dass es fast ein Klischee ist – aber es scheint nicht anzukommen.

Das ist auch verständlich. Denn was ist der erste Eindruck? Da ist ein Bildschirm, auf dem was läuft wie auf einem Fernseher – also muss ich bloß zusehen, dass es mein Programm ist. Doch so geht es nicht: Im Internet muss niemand umschalten, sich durchzappen, bis er auf Kanal 156 ein passendes Programm findet. Denn es ist immer alles da. Das Internet ist demokratisch, alle haben jederzeit eine Wahl. Und wer jemanden erreichen möchte, interessiert sich entweder für das, was die Zielperson will, und man redet miteinander – oder sie ist weg.

Das ist für das Marketing ein besonders großes Problem, weil es genau diesen Effekt verhindern soll: auf dem freien Markt. Man kann gegen den freien Markt viel sagen, sicher ist er nicht die Lösung für alles – aber im Kern ist er demokratisch. Gefällt den Menschen nicht, was sie sehen, klicken sie es weg. Das hat weitreichende Konsequenzen. Nehmen wir eine dieser überfüllen Kühltruhen, die uns in jedem Supermarkt anbrüllen: Keiner braucht dort zum Beispiel noch eine weitere Salami-Pizza. Doch es gibt immer wieder neue, und damit die eine Chance haben, auch nur gesehen zu werden, soll das Marketing etwas erschaffen, was aus der nächsten Pizza mehr macht, als sie ist. Das ist die Aufgabe: einem Produkt ein zweites Produkt überzustülpen, ein Konzept, um ihm damit einen Wert zu geben, den es aus sich selbst heraus nicht besitzt.

Dafür sendet das Marketing permanent Botschaften an so viele Menschen wie möglich. Ohne Feeedback-Kanal, versteht sich. Und was heißt das? Genau: Marketing ist Fernsehen. Und Fernsehen ist nicht demokratisch. Ich kann mir den Sender aussuchen, aber nicht, was läuft. Deshalb besitzen in „1984“ und anderen Science-Fiction-Dystopien die Diktatoren oft TV-Sender.

Doch das Internet funktioniert nicht so. Das zeigt sich in Shitstorms oder Candystorms, die Menschen, Organisationen und Unternehmen in kürzester Zeit zu Stars wie zu Parias machen können, aber auch in politischen Bewegungen, die zu plötzlichen Machtverschiebungen führen. Würden. Wenn man sie ließe. Leider führen sie stattdessen recht häufig zu Massenverhaftungen oder Bürgerkriegen, weil sich die Mächtigen nicht entmachten lassen wollen. Und an genau diesem Punkt steht zurzeit auch das Marketing.

Vermutlich muss für eine sinnvolle Kooperation zuerst einmal das Produkt stimmen.

Natürlich. Ich kann nichts einbinden oder auch nur ein ‚sponsored by’ ans Ende eines Videos setzen, wenn ich eine Sache nicht wirklich gut finde. Abgesehen davon hat die Community ein wahnsinnig feines Gespür dafür, ob du hinter etwas wirklich stehst oder ob du dich verkauft hast. – Flo

Viele Leute glauben, junge Leute seien dumm und bekommen nichts mit. Das sehen Youtuber anders: Wir gehen davon aus, dass die Community schlau ist. Ich glaube, meine Community ist awesome! Deswegen diskutiere ich lieber einmal zu oft die Dinge aus und erkläre mich gerne noch einmal. – Marie

Inzwischen gibt es auch Blogs, die unabhängig wirken, aber von Unternehmen bezahlt ­werden, was allerdings erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. Existieren Youtube-Kanäle, die wie Spaßprojekte aussehen, aber von Unternehmen kommen?

Es gibt natürlich Kanäle von Unternehmen, die dort eigene Inhalte zeigen, aber das ist dann ganz offensichtlich. Die Art von Kanal, von der du sprichst, würde ­ vielleicht das eine oder andere Netzwerk gerne machen, aber das scheitert an den Unternehmen: Denen ist immer ganz wichtig, genannt zu werden. – Marie

Die verstehen gar nicht, wie das alles funktioniert. – Flo

Ich bekomme oft Konzepte, denen man anmerkt, dass jemand sehr viel Arbeit investiert hat – und die sind so schlecht! Das tut mir immer leid. Aber ich kann das nicht an andere Leute weiterleiten, schon gar nicht mit meinem Namen. Das sind Sachen, die für niemanden infrage kommen. – Marie

Das liegt auch daran, dass die meisten Unternehmen und Agenturen bisher mit Medien gearbeitet haben, die Einbahnstraßen sind, wo man nur sehr begrenzt eine Wahl hat und in denen es kein Feedback gibt. Bei Youtube bekomme ich 30 Sekunden, nachdem ich ein Video eingestellt habe, Kommentare. Und diese unzähligen Kommentare helfen mir, mich weiterzuentwickeln und zu sehen, was die Leute wirklich interessiert. – Flo

Das wäre natürlich auch für die Unternehmen gut. Es wird so viel Geld dafür ausgegeben, Kampagnen vorab über Marktforschung zu testen – und hier hast du das automatisch mit drin. Wenn du damit arbeitest, könntest du zu Kampagnen kommen,die sich Leute gerne anschauen, weil sie die Inhalte interessieren. – Marie

Für die Entwicklung von Produkten wäre das auch nicht schlecht.

Na klar. Wenn ich etwas produziere, will ich doch wissen, ob es den Leuten gefällt. Und da hilft es mir nicht, wenn ich die ganze Zeit brülle: „Das ist so geil! Das ist so geil! Das ist so geil!“ – Marie

War das mit ein Grund für die Gründung eures Verein 301+? Und worum geht es da?

Wir wollten in einer Szene, die gerade viel über Wachstum, Reichweite und Zahlen spricht, einen Raum schaffen, in dem über Inhalte gesprochen wird, über Verantwortung und Gemeinschaft, über Innovationen, bei denen es nicht nur um Geld geht. Wir sagen: Man kann Leute auch vernetzen, ohne dafür die Hand aufzuhalten. Und das Feedback ist gerade in dieser Phase, in der esviel um Monetarisierung geht, sehr positiv. – Marie

Firmen, die sich innerhalb solcher Prozesse auf neue Formen einlassen, könnten vermutlich nicht nur für ihre Produkte werben, sondern auch viel für ihre Reputation tun.

Wenn ein Youtuber, der an seine Sachen glaubt, mit einer Firma zusammenarbeitet, die an ihre Produkte glaubt, werden die Leute das sicher gut finden. Aber man muss dafür mutig sein. Man muss scheitern können, weil man weiß, dass Scheitern unfassbar sexy ist. Und man muss Macht aufgeben können.Aber es wird niemand darum herumkommen, sich auf das Neue einzulassen. – Marie

Das ist nicht die Zukunft – das ist die Lage. Es geht auch nicht um die junge Zielgruppe – die tut nur, was früher oder später alle tun werden. Und das wird alles demokratisieren. Weil alle stets eine Wahl haben werden. Wen aber werden die Menschen wählen? Genau: diejenigen, die ihnen zuhören und daraus etwas machen, was die Menschen wirklich wollen.

Ist dies das Ende des Marketings? Natürlich nicht. Die Menschen wollen auch das zweite Produkt, die übergestülpte bunte Welt der Zusatzleistungen. Eine leckere Pizza ist gut, aber eine leckere Pizza, die auch noch nachhaltig produziert wurde oder hehre Ziele außerhalb des Kühlregals verfolgt, ist noch viel besser. Und Product-Placements? Sind super! Flo erzählte von einem unabhängigen Computer-Tester, der zum Testen der Computer geplacte Spiele nimmt. Prima: Ich erfahre, ob ein neuer Rechner wirklich hält, was er verspricht – und bekomme auch noch ein neues Spiel zu sehen, das mich vielleicht interessiert.

Goldene Zeiten fürs Marketing. Wenn. Tja, wenn der Sender zum Kommunikator wird. LeFloid liest alle Tausende und Abertausende Kommentare, die er bekommt, und nimmt sie ernst. Das dürfte zu seinem Erfolg erheblich beigetragen haben. Und daraus könnte man ­etwas lernen. Das Ergebnis wäre ein Dialog. Er sollte fürs Marketing eigentlich kein Problem sein. Schließlich ist es Teil der Kommunikationsbranche. //

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