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Energiewende

Wie wir einmal weniger heizen wollten

Die Energiewende, so heißt es, ist eine beschlossene Sache. Bis zum Jahr 2020 soll die Emission von Treibhausgasen um 40 Prozent gesenkt werden, bis 2050 sogar um 80 Prozent. Bis dahin sollen außerdem 80 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien kommen. Wie diese Ziele erreicht werden sollen, weiß allerdings kein Mensch. Die öffentliche Diskussion dreht sich gern um dieses oder jenes, das die da oben, Politiker und Konzernchefs, umsetzen sollen: um den Bau von Höchstspannungsleitungen, die großzügige Förderung von Fotovoltaik mit Steuergeldern und den Bau von Windrädern, aber auch um den Erhalt oder sogar den Ausbau bisheriger Formen der Energieerzeugung als Reserve.

Bei all dem wird gern vergessen: Ein knappes Drittel der Energie in Deutschland wird von privaten Haushalten verbraucht – und davon entfallen fast drei Viertel auf den Faktor Heizung. Insgesamt verbraucht der Gebäudesektor hierzulande 40 Prozent der gesamten Energie und stößt fast 20 Prozent der CO2-Emissionen aus. Nun ist aber rund die Hälfte der Immobilien in Privatbesitz – und die wenigsten Eigentümer haben einen Grund, am Status quo durch eine energetische Sanierung und Wärmedämmung etwas zu ändern. Besitzer von Mietshäusern sind entweder in der glücklichen Lage, dass ihre Häuser sich in so begehrten Lagen befinden, dass sich die Mieter darum reißen, egal, ob saniert oder nicht. Oder sie befinden sich in unattraktiven Gegenden – und mit den Mieten, die dort maximal zu erzielen sind, ist keine Energiesanierung machbar. Bei Einfamilienhäusern sieht es ähnlich aus, wenn auch aus anderen Gründen: Ältere Besitzer sehen oft keine Notwendigkeit, ihr Haus noch zu sanieren. Und den jungen Familien fehlt dafür meist das Geld.

Wie also sollen wir bis zum Jahr 2050 beim Heizen 80 Prozent Energie einsparen, um die nationalen Klimaziele zu erreichen? Geht das überhaupt?

Der Wollpulli

Die simpelste Lösung: Wir heizen alle weniger! Das Technologiemodell „Wollpulli“. „Einfach mal runterdrehen und sechs Prozent Heizenergie je Grad sparen.“ Dieser Slogan steht auf einem kleinen Thermometer, das im Rahmen eines Energiesparprojektes verteilt wurde und nun bei uns im Büro hängt. Im Winter wird seine grün oder violett schimmernde Ziffernanzeige tatsächlich viel beachtet – weil sich die Altbauräume so schlecht wärmen lassen, dass man an kalten Tagen selbst bei voll aufgedrehter Heizung und zugeschaltetem Ölradiator auf gerade 18 Grad kommt. Runterdrehen ist bei uns nicht wirklich ein Thema.

Und anderswo? Sind die Verbraucher überhaupt bereit, ihren Energiekonsum zu drosseln? Mit dieser Frage befassten sich in den vergangenen Jahren gleich mehrere Projekte innerhalb eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ins Leben gerufenen Schwerpunktes. Die Ergebnisse sind nicht besonders ermutigend: Obwohl 40 Prozent der Verbraucher glauben, mithilfe von intelligenten Messsystemen („smart metering“) monatlich mehr als fünf bis zehn Euro Stromkosten sparen zu können, würden mehr als 90 Prozent dafür nicht mehr als einen Euro pro Monat zahlen.

Bessere Effekte lassen sich mit finanziellen Anreizen erzielen, beispielsweise beim Stromtarif. Stromkunden wurde eine flexible Rate angeboten: Sie sollten während der nachfrageintensiven Zeit zwischen 10 und 18 Uhr drei Cent mehr zahlen, dafür wurde der Strompreis während der übrigen Stunden um drei Cent gesenkt. Die Testpersonen ließen sich von dem Angebot nicht beeindrucken. Erst als der Preis während der vergünstigten Zeit um fast zehn Cent gesenkt wurde, begannen die Verbraucher ihr Verhalten sichtbar zu ändern: Sie konsumierten 9,8 Prozent weniger Strom als noch im alten Tarif.

Was sich daraus lernen lässt: Verbraucher mögen klare Vorteile für sich erkennen – doch sobald auch nur eine minimale Eigenleistung gefragt ist, macht beim Energiesparen kaum jemand mit. Erst angesichts spürbarer finanzieller Anreize beginnt sich das Nutzungsverhalten zu ändern. Die dann erzielten Effekte sind beachtlich, nur leider: Sie bleiben hinter den Einsparzielen der Energiewende weit zurück.

Effizient und regenerativ: Ein Problemaufriss

Wo Sparen nicht hilft, bleiben nur zwei Wege: effizienter heizen und regenerative Energien verwenden. Mittlerweile gibt es zahlreiche Modellprojekte, die zeigen, wie das funktionieren kann: das Vauban-Viertel in Freiburg im Breisgau, das Beddington Zero Energy Development südlich von London, das Quartier solarCity in Linz oder das Öko-Quartier ZAC de Bonne in Grenoble. Gemeinsam haben diese Projekte, dass hier weite Flächen neu bebaut und/oder große Gebäudekomplexe aus einer Hand saniert wurden. Als Modell für energetische Sanierung taugen sie deshalb kaum: Wir werden unsere Städte in den kommenden Jahrzehnten wohl kaum abreißen, um sie dann nach neuesten Energiestandards wieder aufzubauen.

Ein- und Mehrfamilienhaussiedlungen, Mietshäuser aus der Gründerzeit, denkmalgeschützte Innenstädte – daraus besteht ein Großteil unserer Stadtlandschaft. Doch wie soll man ein Fachwerkhaus oder eine stuckverzierte Gründerzeitfassade dämmen? Und wie bewegt man die Eigentümer dazu, ihre Immobilien energetisch zu sanieren?

Und selbst wenn das gelänge – gelöst wäre das Problem noch nicht. Mit optimiertem Heizen allein ist es schließlich nicht getan. Was nutzt das schönste Passivhaus auf der grünen Wiese, wenn die Besitzer täglich mit dem Pkw zur Arbeit oder zum Einkaufen in die Stadt fahren? Mobilität schlägt mit knapp 30 Prozent des Endenergiekonsums zu Buche – und 60 Prozent des mobilitätsbedingten Energieverbrauches werden durch private Pkw verursacht. Über die Sanierung von Einzelgebäuden hinaus sind deshalb städtebauliche Konzepte gefragt, die einen nicht motorisierten Lebensstil ermöglichen und unterstützen.

Das Quartier

Die bundeseigene Bankengruppe Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die privaten Hauseigentümern günstige Kredite für die energetische Sanierung gewährt, hat im Frühjahr 2012 ein neues Förderprogramm ins Leben gerufen: die „Energetische Quartierssanierung“. Bauliche Maßnahmen werden mit dem Programm nicht finanziert, doch den Kommunen winken hohe fünfstellige Summen, um damit Quartierskonzepte zu erstellen und Bürgerbeteiligung zu organisieren. Das in Bonn ansässige Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung lässt untersuchen, wie sich das neue Förderinstrument der KfW bewährt: Im Rahmen des Forschungsprogramms Experimenteller Wohnungsund Städtebau (ExWoSt) will man anhand einer Handvoll von KfW-geförderten Modellvorhaben herausfinden, wie die energetische Quartierserneuerung funktionieren kann. Mit der Durchführung der Untersuchung wurde das vom Land Hessen und der Stadt Darmstadt getragene Institut Wohnen und Umwelt (IWU) in Darmstadt beauftragt.

Ortstermin Darmstadt

Das IWU befindet sich in einem frisch renovierten Sechzigerjahre-Bau in der Darmstädter Innenstadt. Von der stark befahrenen Durchgangsstraße ist hinter der dicken Verglasung kaum etwas zu hören – das Gebäude ist auf annähernd PassivhausStandard gebracht worden. Zu erkennen ist das auch an den so gar nicht in das modernisierte Interieur passenden Heizkörpern: Sie wurden belassen, weil sie fast nicht mehr gebraucht werden.

Christian von Malottki, ein junger Mann in Jeans und Sakko, bearbeitet beim IWU die Studie „Energieeffiziente Quartiere“. Er hat zum Gespräch auch Gisela Stete geladen, deren Unternehmen „StetePlanung“ neben weiteren Partnern an der Studie beteiligt ist.

Bei der Untersuchung, mit der das IWU beauftragt wurde, erklärt Malottki, geht es im Kern um ein Instrument, mit dem man abschätzen kann, wie die Energiebilanz eines Quartiers durch eine Sanierungsmaßnahme verbessert werden kann. Einige solcher Instrumente gibt es bereits. Das Schweizer Werkzeug „Nachhaltige Quartiere by Sméo“ beispielsweise bilanziert die Nachhaltigkeit von Quartieren insgesamt. Im Gegensatz dazu soll das Rechenmodell des IWU auf die Reduktion von Treibhausgas-Emissionen fokussiert sein. Das ist weniger umfassend, dafür aber konkreter.

Neben der Erstellung eines Rechenmodells geht es bei der Untersuchung auch darum, wie sich konkrete Maßnahmen in den Modellprojekten bewähren. Die Sache mit der Mobilität etwa: Wie bekommt man es hin, dass der private Pkw weniger genutzt wird, vor allem in den Randbezirken, die einen Großteil der Stadtflächen ausmachen?

Die Antwort von Gisela Stete, die den Aspekt Mobilität bearbeitet, fällt ernüchternd aus: Man habe nicht den Ehrgeiz, das Thema Einfamilienhaus-Quartiere im ländlichen Raum als Erstes anzugehen. Zum einen gebe es bei jungen Familien einen deutlichen Trend, in den Städten zu bleiben. Die Autonutzung sei in der Generation der 20bis 30-Jährigen ebenfalls rückläufig. Daneben verweist Gisela Stete auf Anreize im Mobilitätsmanagement wie Jobtickets oder Smartphone-Apps für die Fahrtroutenermittlung im ÖPNV, mit denen die Verkehrsbetriebe ihren Kunden die Nutzung von Bus und Bahn schmackhaft machen wollen. Nicht gerade revolutionär, erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass viele Kommunen in den vergangenen Jahren die Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs erheblich heruntergefahren haben, was zu wahrnehmbaren Verschlechterungen im Angebot geführt hat.

Ein Problem im Quartier ist der ruhende Verkehr, der rechtlich über die Stellplatzsatzung geregelt ist, eine Vorschrift, die auf die Reichsgaragenverordnung von 1939 zurückgeht. Nach ihr sind Bauherren verpflichtet, entsprechend der Nutzfläche eine Mindestanzahl von Stellplätzen zur Verfügung zu stellen. In vielen dicht bebauten Innenstadtbezirken kann diese Verordnung die Aufstockung vorhandener Mehrfamilienhäuser und den Ausbau von Dachgeschossen verhindern, wenn auf den Grundstücken keine Stellplätze nachgewiesen werden können. Von der Verordnung, betont Stete, können Kommunen aber abweichen und tun es auch über die sogenannte Stellplatzeinschränkungssatzung. Das bedeutet, es werden weniger Stellplätze hergestellt, für die vom Bauherrn eine „Ablöse“ zu entrichten ist. Damit kann zum einen der Parkraum gezielt verknappt werden, zum andern können die Gelder aus der Ablöse für die Verbesserung von alternativen Verkehrsangeboten, zum Beispiel im ÖPNV eingesetzt und so deren Nutzung gefördert werden.

Städtebauliche Vorschriften lassen sich auch nutzen, um urbanes Flair zu fördern, sodass die Einwohner in ihrem Viertel bleiben. „Wenn man das Leitbild der kompakten Stadt vor Augen hat, steht auf vielen Grundstücken zu wenig drauf“, erklärt von Malottki. „Doch die Kommunen können den Eigentümern gestatten, ihre Grundstücke dichter zu bebauen – nicht via Einzelantrag und Ausnahmegenehmigung, sondern in einem städtebaulichen Gesamtkonzept.“ Damit würde man zudem einen Anreiz geben, alte Gebäude abzureißen und neue zu bauen – für die dann die aktuelle Energiesparverordnung gilt. Und man würde dem Bauen auf der grünen Wiese entgegenwirken.

Bedarf an neuem Wohnraum gibt es nämlich trotz insgesamt abnehmender Bevölkerung reichlich. Zum einen zieht es immer mehr Menschen aus dem ländlichen Raum in die Ballungsgebiete, zum anderen nimmt die Zahl der Haushalte zu, weil es immer mehr Einzelhaushalte oder auch Alleinerziehende gibt. Gleichzeitig bleiben viele ältere Menschen, nachdem die Kinder aus dem Haus sind, in ihren schlecht isolierten 200-Quadratmeter-Immobilien wohnen. Mit dazu beigetragen hat der Ausbau der Hauspflegedienste.

Auf welche Zielgruppe soll man sich da bei der energetischen Sanierung eigentlich konzentrieren? Eine Milieu-Studie des Europäischen Instituts für Energieforschung zeigt, dass das Heizverhalten von älteren Menschen mit großen Häusern mehr Treibhausgase im Haushalt verursacht als das aller anderen Bevölkerungsgruppen. Die jüngeren Angehörigen des „Etablierten Milieus“ beispielsweise verbrauchen in der Haushaltsführung deutlich weniger Energie. Ihr CO2-Fußabdruck ist dennoch fast fünfmal größer: Er geht vor allem auf das Konto von Flugreisen.

Nein, energieeffizientes Wohnen ist nicht so leicht zu definieren. Wer zu viele Faktoren berücksichtigt, wird schnell handlungsunfähig. Zu enge Grenzen dagegen sorgen für bestenfalls halb gare Lösungen. Christian von Malottki wirft für die Frage der Priorisierung deshalb den Zeitaspekt ein: „Es hilft relativ wenig, sich mit großem Aufwand auf die Zielgruppe der Älteren zu fokussieren, die eventuell gar keinen Kredit mehr bekommen, um ihr Haus energetisch zu ertüchtigen. Wenn wir über einen Zeitraum bis 2050 sprechen, sollten wir uns vielmehr Gedanken darüber machen, was wir im Rahmen eines Generationswechsel in der Immobilie tun.“

Ortstermin Stade-Hahle

Ein Generationswechsel steht bei den Reihenhäusern in StadeHahle an, einem von sechs Quartieren des ExWoSt-Forschungsprogrammes „Energetische Quartierssanierung“. Es ist das einzige Quartier, in dem jener Typ von Bebauung dominiert, der so typisch ist für weite Teile unserer Städte: kleine Reihen-, Einfamilienund Mehrfamilienhäuser aus den Fünfzigerund Sechzigerjahren, die sich zumeist in Privatbesitz befinden. Knapp die Hälfte der Deutschen wohnt im Eigentum, die meisten im Einfamilienhaus.

Im Reisegepäck befindet sich das Ergebnis eines früheren ExWoSt-Forschungsprojektes: der „Handlungsleitfaden zur energetischen Stadterneuerung“, erstellt vom Lehrstuhl für Stadttechnik an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. Er beschreibt, nach welchen Kriterien und anhand welcher Prioritätenliste eine Kommune im Rahmen eines EnergieMasterplans ein Quartier zur energetischen Sanierung auswählen kann. Das zentrale Element ist der sogenannte Energetische Plausibilitäts-Check.

Auf Stade-Hahle angewendet, liefert der Plausibilitäts-Check folgende Anhaltspunkte: Die Bebauung entspricht dem Siedlungstyp 1 mit Einfamilienhäusern und Mehrfamilienhaus-Siedlungen in geringer Dichte, vielleicht auch Typ 2 mit einer etwas höheren Gebäudedichte. Die Immobilien gehören zur Baualtersklasse E (1958–1968) oder F (1969–1978), und in dieser Klasse zu den Gebäudetypen Einfamilienhaus, Reihenhaus und Mehrfamilienhaus. Die Tabellen des Plausibilitäts-Checks liefern Anhaltspunkte, welches Energieund Wärmeversorgungssystem hier effizient betrieben werden kann: Es empfiehlt sich für unsanierte Gebäude eine Versorgung mit Blockheizkraftwerken, also einem Wärmenetz. Für energetisch sanierte Häuser wird eine individuelle Gasheizung empfohlen, wobei die Werte für Häuser, die mit Solaranlagen ausgestattet sind, noch besser ausfallen.

Blockheizkraftwerke, das wird im Handlungsleitfaden immer wieder betont, sind durchaus sinnvoll. Allerdings gilt auch: „Eine Reduktion der Wärmebedarfsdichte kann die Effizienz eines vorhandenen Fernwärmesystems deutlich senken.“ Das bedeutet: Wenn bei der Dämmung einzelner Häuser gespart wird, kann das die Versorgung des Quartiers mit dem gemeinsamen Wärmenetz insgesamt ineffizienter machen. Denn Fernwärme kann nur begrenzt transportiert werden, sie beispielsweise in eine andere Ortschaft zu liefern ist nicht möglich. Für Hahle heißt das: Wenn sich der Ortsteil mit einem Blockheizkraftwerk und einem Fernwärmenetz versorgen lässt, wäre man schlecht beraten, die Reihenhaus-Besitzer zu einer Dämmung ihrer Häuser zu bewegen – auch wenn der Immobilienbestand aus der Zeit zwischen 1950 und 1979 (dem Jahr des Inkrafttretens der ersten Wärmeschutzverordnung) energetisch betrachtet den größten Sanierungsbedarf aufweist. Damit steht Hahle übrigens nicht allein: Drei Viertel der 18,2 Millionen Wohngebäude in Deutschland wurden vor 1979 erbaut.

Die Sache ist kompliziert. Die Siebzigerjahre-Reihenhaussiedlung kommt unsaniert auf einen „Nutzungsenergiebedarf“ von 45 Gigawattstunden, die durch ein Blockheizkraftwerk in der Nähe produziert werden könnten. Beim Blockheizkraftwerk kommt die Kraft-Wärme-Koppelung zum Einsatz: Mit der Energie, die bei der Stromerzeugung sonst als Abwärme in die Umwelt geht, wird nun geheizt. Werden die Häuser saniert, sinkt der Bedarf beim Einsatz individueller Gasheizungen auf 21, in Kombination mit Solaranlagen sogar auf 12 Gigawattstunden. Kann Nicht-Dämmen in Hahle dennoch eine vernünftige Option sein? Die Tatsache, dass die Reihenhäuser relativ klein sind und für um die 100 000 Euro verkauft werden, lässt vermuten, dass die Besitzer für eine umfassende Dämmung ohnehin kein Geld haben. Aber selbst wenn sie es hätten: Ist es möglich, dass 45 Gigawattstunden aus einem Blockheizkraftwerk weniger Treibhausgas produzieren, weil das Kraftwerk zum Beispiel mit regenerativen Energien läuft, als wenn alle Eigentümer ihre Häuser dämmen und anschließend mit Gas heizen?

Es gibt in Stade keine Antworten auf diese Fragen. Der geplante Ortstermin, der vermutlich in einem nicht fassadengedämmten Backsteinbau aus dem 17. Jahrhundert stattgefunden hätte, fällt aus. Die Sachbearbeiterin der Kommune erklärt, es gebe noch nichts zu berichten: Mit den Anwohnern habe bisher niemand gesprochen. Ein energetischer Masterplan für die Stadt, aus dem sich die Dringlichkeit einer Sanierung dieses Quartiers ergäbe, existiere noch nicht, sei aber in Arbeit. Und konkrete Ziele für die Emissions-Reduktion werde man im Zuge eines Konzeptes für die Stadt vermutlich nicht formulieren. Man werde es wohl bei allgemeinen Handlungsempfehlungen belassen.

Ortstermin Marburg

Also geht es weiter nach Marburg, zu einem weiteren ExWoSt-Modellprojekt. Marburg hat als Problemfall eine Siedlung mit Gründerzeitbauten zu bieten – und darüber hinaus einen gesamtstädtischen Energieplan, wie man ihn sich detaillierter nicht wünschen kann. Auf knapp 180 Seiten zeigt das „Integrierte Klimaschutzkonzept“, wie eine Kommune die nationale Klimaschutzstrategie auf lokale Gegebenheiten herunterbrechen und spezifizieren kann. Zudem liegt für die Nordstadt, dem Gegenstand des ExWoSt-Projektes, ein Gutachten der TU Darmstadt vor, in dem ganz konkret verschiedene Ansätze durchgespielt werden, um den Primärenergiebedarf bei Wärme und Strom bis 2015 um mindestens 50 Prozent zu reduzieren.

Das Gutachten vergleicht die verschiedenen Sanierungsoptionen sowie den Einsatz von Fernwärme, Solartechnik, Geothermie, Wasserkraft und anderen Möglichkeiten. Am Ende wird darauf hingewiesen, dass nach der energetischen Analyse eine wirtschaftliche Betrachtung, also eine Kosten-Nutzen-Analyse, immer noch ausstehe. Eine Berechnung, die zeigt, wie sich die verschiedenen Szenarien auf die Verminderung von CO2-Emissionen auswirken, wurde nicht gemacht. Die Frage der politischen und praktischen Durchsetzbarkeit der Maßnahmen wurde im Gutachten nicht einmal gestreift.

Der Ortstermin findet im Rathaus statt, einem im Zentrum der Marburger Altstadt gelegenen Bau aus dem 16. Jahrhundert. Die bunt gesprenkelte gotische Sandsteinfassade wurde um ein Renaissance-Uhrentürmchen erweitert. Dämmung: so gut wie keine. Geheizt wird mit einer Holzpellet-Anlage im Keller. Anwesend bei dem Gespräch sind der leitende Baudirektor, Jürgen Rausch; der Prokurist der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, Matthias Knoche, sowie einer der beiden Bürgermeister von Marburg. Nicht der Oberbürgermeister, sondern der Nur-Bürgermeister. Oder, wie man in Marburg sagt: nicht der große, etwas dickere, sondern der kleine, wuschelige: Franz Kahle.

Womit fängt eine Stadt wie Marburg an, wenn sie ein ehrgeiziges Klimaschutzkonzept in die Tat umsetzen will? Welcher Stadtteil kommt zuerst: der, in dem am meisten Energie verschleudert wird, also vermutlich die historische Altstadt? Oder einer, in dem sich am meisten bewegen lässt, weil viele Immobilien in der Hand einiger weniger Eigentümer sind?

Kahle: Wir schauen zuerst auf die Bebauungsdichte, dann auf Gebäudeklassen. Daran zeigt sich, wo es überhaupt Sinn macht, über gebäudeübergreifende Maßnahmen nachzudenken.

Rausch: Wir haben als Kommune kein energetisches Gesamtkonzept. Die Modellprojekte im Osten, in Lübbenau, Weißenfels oder Naumburg, brauchen Gesamtkonzepte, weil man sich dort darüber Gedanken machen muss, was man mit den bestehenden Fernwärmenetzen macht, wenn sich die Bevölkerung nach und nach verringert.

Wo gibt es in Marburg Fernwärme?

Kahle: Wir haben ein Fernwärmenetz zur Versorgung der Universität, das die Stadtwerke vor 20 Jahren vom Land Hessen übernommen haben. Das ist im Wesentlichen alles.

Rausch: Fernwärme ist ein Thema, wenn es um einen Gesamtplan für eine Kommune geht. Die Gesamtplanung für eine Stadt wie Marburg mit 80 000 Einwohnern würde aber so umfassend ausfallen, dass das Konzept, wenn es fertig ist, schon veraltet wäre. Wir erleben das gerade bei der Umgestaltung unseres Bahnhofs: Alle Planungen, die länger als fünf Jahre zurückliegen und nicht umgesetzt wurden, müssen noch einmal mit der Bevölkerung reflektiert werden. Deshalb halten wir es für sinnvoller, auf der Quartiersebene zu beginnen.

Welche Pläne gibt es für die Nordstadt?

Kahle: Zusammen mit den Stadtwerken haben wir überlegt, ob wir dort, wo ohnehin Fernwärme-Leitungen liegen, in die Vollen gehen können. Aber das vorhandene Netz ist marode. Im Winter kann man das daran erkennen, dass dort, wo die Leitungen verlaufen, nicht gestreut werden muss.
Außerdem gibt es noch ein Problem: Mitte der Neunzigerjahre hat die Kommune Marburg das Fernwärmenetz, mit dem die Universität versorgt wird, vom Land Hessen übernommen. Die notwendigen Investitionen haben wir durch einen Aufschlag auf den Wärmepreis finanziert. Die Folge: Wir sind mit dem Preis auf einem Niveau, auf dem wir neben der Universität keinen Abnehmer finden. Machen wir die Wärme billiger, können wir aber gegenüber dem Land Hessen, das die Heizungsrechnung für die Uni begleichen muss, kaum den für die Finanzierung der Netzsanierung notwendigen Aufschlag rechtfertigen.

Rausch: Bei den Gründerzeithäusern in der Nordstadt könnte man auch in kleineren Netzen denken. Zudem gibt es dort Reihenhäuser aus den Sechzigerjahren, in denen Leitungen durch die Keller gelegt werden könnten. Schon hätte man eine Netzstruktur! Das wäre auch interessant, weil Solaranlagen nicht unbedingt auf die denkmalgeschützten Dächer passen.

Kahle: Praktisch hat daran aber niemand Interesse. Die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt in der Innenstadt ist allein schon wegen der vielen Studenten so hoch, dass man es als Vermieter nicht nötig hat, energetisch zu sanieren, um Wohnraum mit günstigen Nebenkosten anzubieten. Man kriegt hier jede Bude vermietet.

Sie wollen also sagen, Sie haben ein detailliertes Sanierungskonzept für die Nordstadt auf dem Tisch und setzen es nicht um?

Rausch: Na ja, einige Facetten greifen wir auf. Es gibt zum Beispiel eine ingenieurstechnische Betrachtung der Wehranlage im Lahnarm. Da sind wir derzeit mit dem Regierungspräsidenten und den Anliegern am Verhandeln, wie man das auf den Weg bringen kann.

Knoche: Wenn wir Informationen darüber hätten, mit welchen Heizungsanlagen die einzelnen Häuser ausgestattet sind, könnten wir gezielt auf die Eigentümer zugehen und sie beraten. Aber uns fehlen die Daten.

Kahle: Und das derzeitige Instrumentarium reicht nicht aus, um Wärmenetze in der Innenstadt zu realisieren. Das Land Hessen berät gerade über ein Energiezukunftsgesetz. Dort hätte es die Chance gegeben, das Thema Anschlussund Benutzungspflicht von Wärmenetzen auch bei Bestandsimmobilien aufzugreifen. Diese Chance wurde aber vertan. Nach wie vor gibt es Wärmeschutz-Bestimmungen nur für Neubauten. Um die Klimaziele zu realisieren, kommt es aber auf den Gebäudebestand an.
Wir haben zum Beispiel in der Nordstadt eine Turnhalle mitten im Quartier. Wenn man auf deren Dach großflächig Solarthermie installieren würde, könnte man damit die Gründerzeithäuser in der Umgebung zumindest für eine Übergangszeit mit Wärme versorgen. Aber solche Szenarien sind nur sinnvoll, wenn fast jedes Haus in der Straße angeschlossen ist. Sonst ist so ein Wärmenetz schnell unwirtschaftlich.

Abgesehen davon, dass bei Gründerzeithäusern wie in der Marburger Nordstadt eine Fassadenaußendämmung schon wegen des Denkmalschutzes nicht infrage kommt: Kann denn eine Beheizung via Blockheizkraftwerk und Wärmeleitungen in puncto CO2-Effizienz mit Lösungen konkurrieren, bei denen zwar gedämmt, aber mit der Gastherme im Keller geheizt wird?

Kahle: Das kann man nur gesamtgesellschaftlich beantworten. Die höchste Ausbeute an Primärenergie hätte ich, wenn alle Stromerzeugung auch für die Wärmebereitstellung genutzt würde. Das ist aber nur dort möglich, wo ausreichend Abnehmer für die Fernwärme zur Verfügung stehen.

Noch einmal: Gibt es Umstände, unter denen es, was die CO2-Bilanz betrifft, besser wäre, via Fernoder Nahwärme zu heizen, statt zu dämmen und mit Gastherme zu heizen?

Kahle: Wenn ich zehn ungedämmte Häuser habe, die mit einer Brennwerttherme oder einem Nahwärmenetz beheizt werden, ist die CO2-Bilanz vermutlich tatsächlich identisch.

Knoche: Nee, nee!

Rausch: Doch! Zumindest, wenn ich den Gesamtenergiekreislauf der Dämmmaterialien berücksichtige.

Knoche: Gasheizkraft ist ohnehin eine Übergangslösung.

Nur die Kommunen können eine energetische Stadtsanierung überhaupt umsetzen. Sollte man sie verpflichten, sich konkrete Ziele zu setzen, so wie Marburg dies mit seinem Klimaschutzprogramm getan hat?

Kahle: Die Kommunen stärker rannehmen? Da bin ich fast geneigt, patzig zu antworten: Dann müssten auch die Förderprogramme stimmen. Der Markt für Solarthermie zum Beispiel hat nie richtig abgehoben, für Blockheizkraftwerke ist er sogar in die Knie gegangen, weil die Förderung in den vergangenen Jahren
so widersprüchlich war und zeitweise sogar ausgesetzt wurde. Jetzt gibt es wieder Förderung, aber auf einem Niveau, das nur halb so hoch ist wie vor zehn Jahren.

Knoche: Ich hätte es gut gefunden, wenn man neben den verschiedenen KfW-Förderprogrammen für die Sanierung von Einzelgebäuden die Möglichkeit hätte, auch städtische Sanierungsgebiete auszuweisen und Fördergelder für Baumaßnahmen zu bekommen, wenn energetische Defizite vorliegen. Damit könnte man Lösungen entwickeln, die zum jeweiligen Quartier passen.
Wie es jetzt läuft, werden überall nur Wärmedämmsysteme an die Wand geklatscht.

Man könnte auch sagen, es gibt hier ein Henne-Ei-Problem: Solange es nicht sicher ist, dass es Abnehmer für Fernwärme gibt, wird niemand ein neues Blockheizkraftwerk bauen. Andererseits installieren die Eigentümer individuelle Lösungen, solange es keinen Anbieter für Fernwärme gibt. Und wenn das
genug Eigentümer machen, wird damit die Möglichkeit verbaut, in Zukunft ein Wärmenetz zu installieren, denn Fernwärme ist nur wirtschaftlich, wenn viele Abnehmer nahe beieinandersitzen.

Die Frage, wie es möglich ist, den Energiebedarf beim Heizen bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren, wird auch in Marburg nicht beantwortet. Zumal die Kosten und die Motivation der Beteiligten in Marburgs Konzept nicht einmal tangiert wurden. Und dabei zählt die Stadt in Sachen Klimaschutz zu den Vorzeigekommunen. Hängen wir die Latte also etwas tiefer: In welche Richtung müssen wir grundsätzlich gehen, um die Klimaschutzziele zu erreichen?

Ortstermin Berlin

Die Heinrich-Böll-Stiftung befindet sich in einem 2008 bezogenen Neubau, geheizt wird größtenteils mit der Abwärme der Computerserver. Im Sommer sorgt ein Wärmetauscher in den Fensterfronten für die nötige Kühlung. Auf dem Dach befindet sich eine Fotovoltaik-Anlage.

Im großen Konferenzraum wird eine Doppel-Studie vorgestellt. Sie wurde von Mitarbeitern des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft und dem Büro für Stadtplanung und Architektur „plan zwei“ im Auftrag der Stiftung erstellt. Die Autoren sprechen sich für ein neues KfW-Förderprogramm aus, das den Kommunen hilft, in energetischen Problemgebieten Gebäudesanierungen umzusetzen. Gegebenenfalls – das steht nicht im Gutachten, wird aber im Gespräch geäußert – sollen die Kommunen davon entbunden werden, einen Eigenanteil für die Sanierung aufzubringen. Insgesamt wird angestrebt, die Kommunen zu einem federführenden Akteur bei der energetischen Gebäudesanierung zu machen.

Zusätzliche Fördermittel werden als notwendig erachtet: Fünf Milliarden Euro anstelle der gegenwärtigen anderthalb Milliarden. Durchweg, so heißt es, zeigten Studien, dass sich die energetische Sanierung für die Eigentümer nicht rechnet, also eine Finanzierungslücke besteht, die durch Fördergelder geschlossen werden muss. Verschiedene Optionen, um die Erhöhung der Fördermittel zu finanzieren, werden diskutiert. Favorisiert wird ein Modell, bei dem die Großhändler von Erdgas und Heizöl mit einer Umlage belastet werden, die an die Verbraucher weitergegeben wird. Auf einen Vier-Personen-Haushalt käme eine
Mehrbelastung von sechs Euro im Monat zu.

Eine Information am Ende lässt einige Anwesende unruhig werden: „Vergleicht man die gesamten Baukosten und die geschätzten Kosten der Mietsteigerungen nach der traditionellen Modernisierung und der energetischen Sanierung“, sagt Studien-Autor Klaus Habermann-Nieße, „liegt je nach Gebäudetyp die zu
erwartende Mieterhöhung um das 1,5- bis 4-fache höher als die Heizkostenersparnis.“ Dabei sind die künftig steigenden Energiepreise schon eingerechnet. Eine Binsenweisheit: Wo saniert wird, steigen die Mieten. Nur dass in diesem Fall die Sanierung zum Teil mit öffentlichen Mitteln erfolgt. Die Frage ist bloß, wie das sozialverträglich umgesetzt werden soll.

Wichtiger noch aber scheint: Die anstehende Erneuerung wird nur gelingen, wenn nicht jeder auf eigene Faust losmarschiert. Dafür brauchen die Kommunen aber mehr Möglichkeiten, um die Quartierssanierung zu steuern. Helfen würde es wohl, wenn Städte in Problemzonen Sanierungsgebiete ausweisen könnten und Fördergelder für bauliche Maßnahmen bekämen, nicht nur für Konzepte. Außerdem wird man wohl kaum darum herumkommen, auch die Eigentümer von Altbauten in
die Pflicht zu nehmen. Maßnahmen wie ein Anschlusszwang an Wärmenetze mögen zwar drastische Einschnitte in die Rechte der Eigentümer darstellen, aber vielleicht reicht es auch schon, den Hausbesitzern Fernwärme schmackhaft zu machen. Denn eines ist sicher: Mit Dämmen allein ist es auf Dauer nicht getan.

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