Mai Thi Nguyen-Kim

Mai Thi Nguyen-Kim ist 32 Jahre alt, promovierte Chemikerin und eine der erfolgreichsten deutschen Youtuberinnen mit dem Thema Wissenschaft. Ihr Kanal „maiLab” hat fast 800.000 Abonnenten. Jüngst veröffentlichte sie dort ein Erklärvideo über die Covid-19-Pandemie, das mehr als fünf Millionen Mal angesehen wurde. 

Ein Gespräch über die Vermittlung von komplexen Sachverhalten.





brand eins: Frau Nguyen-Kim, Sie haben schon im November 2019 in einem Video über Grippeviren über die Möglichkeit einer Pandemie gesprochen. Im Rückblick ist das fast unheimlich, oder?

Mai Thi Nguyen-Kim: Jeder, der sich mit dem Thema befasst hat, wusste, dass das eigentlich nur eine Frage der Zeit war. Es gibt so viele Viren, die in Tieren fröhlich vor sich hinmutieren – und es immer wieder schaffen, auf den Menschen überzuspringen.  

Wie unterscheidet sich das Coronavirus SARS-CoV-2 von früheren Erregern?

Wenn ein Virus schnell zum Tode führt wie Ebola oder die Vogelgrippe, breitet es sich weniger aus. Die Kranken sterben, bevor sie den Erreger weitergeben können. Bei Covid-19 führen gerade die vielen milden Verläufe dazu, dass es sich schneller verbreitet. Derartige Krankheiten sind perfekte Kandidaten für eine Pandemie.

Ihr Youtube-Kanal, auf dem Sie naturwissenschaftliche Themen vermitteln, hat inzwischen fast 800.000 Abonnenten. Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Ich produziere die Videos mit einem kleinen Team aus drei Leuten, zwei von uns sind promovierte Wissenschaftler. Im Grunde verfahren wir so wie damals an der Universität: Wir arbeiten uns in die Forschung ein und schauen uns die Studien, die es zu dem Thema gibt, sehr gründlich an. 

In Ihren Videos erklären Sie ausführlich chemische Formeln oder den Peer-Review-Prozess wissenschaftlicher Publikationen. Wie erklären Sie sich, dass sich das so viele anschauen? 

In den sozialen Medien funktioniert alles, was einen von anderen abhebt. Viele schaffen das mit Zuspitzung und Empörung – wir mit wissenschaftlicher Tiefe.


Ihre Zuschauer scheinen ziemlich viel Geduld zu haben. Hat diese Grenzen?

Falls ja, bin ich bis jetzt noch nicht an sie gestoßen. Einmal haben wir einen Beitrag über Betrug in der Wissenschaft gemacht. Wir wollten unseren Zuschauern erklären, wie der wissenschaftliche Publikationsprozess abläuft. Das ist total trocken. Aber es ist auch relevant – gerade wenn es darum geht, wie Großkonzerne oder Regierungen sich Studien kaufen, die zu ihrem Produkt oder ihrem Weltbild passen. Unsere Grundregel ist: Alles was relevant ist, ist auch interessant. Das Video zu diesem Thema war länger als 20 Minuten und wurde trotzdem 300.000 Mal geklickt.


Wissen Sie inzwischen, was gut ankommen wird?

Je länger wir für die Recherche gebraucht haben, desto besser kommt es an. Je mehr Details wir präsentieren, je tiefer wir gehen, desto besser. Die Leute sind regelrecht besessen von Fakten. Viele fragen sofort nach Quellen, die wir deshalb auch detailliert unter unseren Videobeschreibungen auflisten.

 

Handelt es sich bei Ihrem Kanal lediglich um eine Nische im Netz – einen kleinen Ausschnitt, der besser funktioniert als der Rest?

Wenn man sich unsere Aufrufzahlen anschaut, dann ist es doch mehr als das: Immer wieder haben wir Videos, die mehr als eine Million Zuschauer haben. Selbst die schlechter laufenden haben mehrere hunderttausend Klicks. 


Wie erklären Sie sich das Interesse an wissenschaftlicher Aufklärungsarbeit?

Heutzutage werden wir mit sehr vielen widersprüchlichen Informationen konfrontiert. Gerade wenn man sich online schlau machen möchte, findet man oft konträre Positionen zum selben Thema. Manchmal sind sich sogar die Wissenschaftler, die dazu forschen, uneinig. Und zurück bleibt das frustrierende Gefühl: Man wird wohl nie herausfinden, was stimmt. Wir ordnen diese Widersprüche ein.


Wissenschaftlicher Fachjargon ist oft schwer zu verstehen. 

Fachjargon wird benutzt, um komplizierte Dinge möglichst präzise auszudrücken.


Wieso fällt es vielen Forschern und Forscherinnen so schwer, mit einem breiten Publikum zu kommunizieren?

Viele sind nicht bereit dazu, vereinfachte Aussagen zu machen. Sie haben regelrecht Angst davor. Diejenigen, die gerne vor der Kamera stehen, neigen gelegentlich zu Thesen, die mehr persönliche Meinung sind als fundierte Information. Das ist aber eine Minderheit. Nur weil jemand viel in den Medien ist, handelt es sich nicht automatisch um die beste Fachstimme. 

Hinzu kommt ein Phänomen, das Sozialpsychologen den „Fluch des Wissens“ nennen. Viele Wissenschaftler können sich in diejenigen, die sich auf ihrem Fachgebiet nicht so gut auskennen, schwer hineinversetzen. Wieso ist das so?

Es gibt eine komische Angewohnheit von Forschern, die auch ich kenne: Man möchte gerne zeigen, wie viel Zeit man im Labor investiert hat, wie sehr man gelitten hat – und dann sind die Vorträge komplett überladen. Was viele nicht verstehen ist, dass sie so ihre Zeit verschwenden. Man muss vom Publikum her denken. Sonst kann man es auch ganz sein lassen – und lieber die Zeit im Labor verbringen. --

Die Wissenschaftlerin, Journalistin und Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim ist in Heppenheim aufgewachsen, hat Chemie studiert und an der Universität Potsdam über „Physikalische Hydrogele auf Polyurethan-Basis“ promoviert. Für Forschungsaufenthalte war sie unter anderem in Harvard. Ihr Wissenschafts-Kanal auf Youtube ist einer der populärsten in Deutschland und wird von Funk, dem gemeinsamen Jugendkanal von ARD und ZDF, produziert. Sie hat außerdem ein Sachbuch geschrieben („Komisch, alles chemisch“), das seit November 2019 auf der Spiegel-Bestsellerliste steht.