Zusammenhalten in der Corona-Krise

Lieferdienste profitieren davon, dass gerade sehr viele Menschen daheim bleiben. Das Start-up Flaschenpost aus Münster liefert Getränke und andere Produkte – auch Klopapier. Weil die Zahl der Bestellungen so stark gestiegen ist, will Stephen Weich, der Geschäftsführer, sich nun Personal von anderen Unternehmen leihen. Wie er sich das vorstellt, erzählt er hier.





„Vor ein paar Tagen haben wir mit Andreas Pinkwart, dem nordrhein-westfälischen Wirtschaftsminister, und ein paar Start-ups darüber gesprochen, was wir am dringendsten brauchen, um die Krise zu überstehen. In sehr vielen Industrien stehen Firmenchefs vor existenziellen Problemen: Reisen wurden abgesagt, Cafés und Restaurants mussten schließen, und auch für Unternehmer im B2B-Bereich ist die Situation dramatisch, weil sie viele Geschäftskunden verloren haben.

Unsere Firma gibt es seit 2016, inzwischen liefern wir in mehr als 125 Städten in Deutschland. Die Zahl der Bestellungen ist in den vergangenen zwei Wochen teilweise um mehr als 50 Prozent gestiegen. Derzeit haben wir um die 6000 Mitarbeiter, aber wir brauchen sehr schnell 500 und mittelfristig bis zu 1000 weitere, um mit den Lieferungen hinterherzukommen.

In dem Gespräch waren wir uns einig, dass wir uns auch gegenseitig unter die Arme greifen wollen. Uns fehlen Mitarbeiter – andere haben gerade viele, die nichts zu tun haben. Wir sind mit einigen Firmen im Gespräch, darunter ein Start-up, drei Mittelständler und ein Dax-Konzern, die uns Beschäftigten leihen wollen. Unsere Juristen arbeiten daran, wie das rechtlich funktionieren könnte. Vermutlich per Arbeitnehmerüberlassung, denn bei uns sind alle fest angestellt.

Wir sehen uns als Grundversorger. Neben Getränken kann man bei uns auch Produkte wie Müsli, Nudeln, Konserven, Wasch- oder Putzmittel bestellen. Unser Lieferzeitfenster von zwei Stunden können wir bei diesem hohen Aufkommen aber nicht immer einhalten. An manchen Standorten haben wir es auf 180 Minuten erhöht. Und manche Produkte, wie Drogerieartikel werden nicht mehr ganz so schnell nachgeliefert. Zudem wird die Lieferung aufwändiger: Unsere Fahrer klingeln jetzt und stellen die Kisten mit Getränken oder die Lebensmittel vor die Tür, der Kunde quittiert mündlich, dass er sie erhalten hat und bezahlt per Paypal oder Lastschrift. So können wir Kontakte vermeiden.

Wir finden es wichtig, dass wir einander unterstützen. Ich hoffe, dass noch viele weitere Ideen entstehen, um sich gegenseitig zu helfen.” -

Die Idee des Mitarbeitertauschs findet aktuell immer mehr Anhänger. McDonald’s-Mitarbeiter etwa helfen zur Zeit bei Aldi aus. Der Discounter sucht Personal, um den enormen Kundenansturm zu bewältigen, beim Fastfood-Konzern hingegen ist wegen des eingeschränkten Restaurantbetriebs gerade wenig zu tun.

Schon nach der Weltwirtschaftskrise 2007/2008 haben wir über Mitarbeitertausch als Alternative zu Kurzarbeit und Entlassungen berichtet (brand eins 03/2009 „Raum für Ideen”).