Zusammenhalten in der Corona-Krise

Das Netzwerk nutzen

Was macht man als selbstständiger Personalberater, wenn binnen weniger Wochen fast alle Aufträge storniert werden? Man kontaktiert frühere Kontakte. Protokoll eines Blitz-Erfolgs.





Die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer fragen sich gerade, wie es weitergehen kann. Manche versuchen, sich gegenseitig zu unterstützen – und überlegen: Wie können wir das, was wir haben, nutzen, um gemeinsam durch die Krise zu kommen? 

Franz-Josef Nuß

• Franz-Josef Nuß ist seit fast 30 Jahren Personalberater. Seit 2008 berät und vermittelt seine Firma Stein12 Führungskräfte. Das Geschäft lief gut, dann kam der Virus. Im Februar zeigten sich erste Auswirkungen, im März radierte die Stornierungswelle das Auftragsbuch leer. Nuß meldete Kurzarbeit an. Er nennt seine Situation „katastrophal“ und dennoch „viel besser als bei den meisten anderen“. Seit zwei Wochen sitzt der 62-Jährige nun alleine im Firmensitz im beschaulichen Chiemgau in Oberbayern.

Um in der Untätigkeit nicht verrückt zu werden, oder: um sich von der Weltlage nicht in die Tatenlosigkeit verbannen zu lassen, klemmt er sich ans Telefon. Kontakte hat er über die Jahre genug gesammelt, einige Klienten begleitet er seit Jahrzehnten. Er will wissen, wie es ihnen geht, manchmal auch nur ein wenig quatschen. Und plötzlich geht ihm auf, dass sein Adressbuch auch in Krisenzeiten von Wert sein kann.

Dienstag, 24.3.20, 6:58 Uhr:
→ Franz-Josef Nuß ruft bei einem alten Bekannten an, einer Führungskraft, dessen Firma unter anderem Sitzheizungen und Airbags für die Automobilindustrie fertigt. Wie es dem Unternehmen mit einem guten Dutzend Standorten auf der ganzen Welt geht, kann er sich ausmalen. Sein Bekannter bestätigt: Alle Werke führen runter, Tausende Mitarbeiter seien betroffen. Aber: Das Team halte zusammen und plane, an den vollautomatischen Strick-Anlagen Atemschutzmasken herzustellen. Aus ethischen Gründen und um die Firma zu retten. Aber wie kann sich ein Automobilzulieferer in wenigen Tagen in einen Produzenten von Medizinprodukten verwandeln? Der Gesprächspartner braucht dringend Rat aus der Medizintechnik – zu praktischen Fragen der Produktion, zu den Zertifizierungen des Ausgangsmaterials und des Endprodukts. 

Nuß geht im Kopf seine Kontakte durch, erbittet sich Bedenkzeit und beendet das Gespräch so, wie er gerade die meisten Gespräche beendet: „Halten Sie durch.” 

8:00 Uhr: → Nuß ruft in der Firma eines Medizintechnik-Experten an, mit dem er zuletzt vor drei Jahren Kontakt hatte. Die Person arbeitet inzwischen woanders, doch Nuß findet eine private Handynummer mit ausländischer Vorwahl in seinen Akten und spricht auf den Anrufbeantworter.  

8:42 Uhr: ← Die Führungskraft bittet Nuß per Sprachnachricht um Kontakte zu Menschen mit Medizintechnik-Expertise.

9:03 Uhr: → Nuß teilt ihm mit, wie er den Medizintechnik-Experten erreichen kann.

9:30 Uhr: ← Die Führungskraft meldet, dass seine Techniker und der Medizintechnik-Experte bereits im Austausch sind. 

10:45 Uhr: → Nuß schreibt der Führungskraft, dass er eine Idee für einen Abnehmer habe, Details später. 

16:44 Uhr: ← Der Medizintechnik-Experte nennt Nuß viele weitere mögliche Kontakte, auch von Behörden. Nuß leitet sie sofort an die Führungskraft weiter.

Mittwoch, 25.3.20, 7:57 Uhr: → Nuß schickt der Führungskraft die Kontaktdaten eines Einkäufers mit einem „sehr hohem Bedarf an Atemschutzmasken“. 

9:42 Uhr: ← Die Führungskraft meldet, dass bereits Gespräche mit dem Einkäufer geführt werden.

10:35 Uhr: ← Die Führungskraft schreibt, dass die Lieferung an den Einkäufer beschlossen wurde.

10:45 Uhr: → Nuß schickt ein 👍 

14:36 Uhr: ← Die Führungskraft teilt mit, dass seine Techniker mit dem Einkäufer bereits an den Details arbeiten.  

19:53 Uhr: ← Die Führungskraft schickt ein Foto des Prototyps.  

Donnerstag, 26.3.20, 12:27 Uhr: ← Ein weiterer Einkäufer aus der Industrie meldet sich auf eine Anfrage von Nuß vom Vortag. Der Einkäufer hat ebenfalls enormen Bedarf und sogar schon eine „taskforce Schutzmasken“ initiiert.

13:59 Uhr: ← Die Führungskraft hat Interesse an diesem zweiten Einkäufer.

14:17 Uhr: → Nuß schickt der Führungskraft dessen Kontaktdaten.

20:30 Uhr: ← Die Führungskraft kündigt an, „Ende nächster Woche“ 200.000 Atemschutzmasken pro Tag herzustellen. In den folgenden Wochen solle die Produktion an zwei Standorten auf je 800.000 pro Tag steigen. Damit könnten die Maschinen seiner Firma weiter betrieben werden.

„Es ging mir selten so gut wie in diesem Moment“, sagt Nuß. Keiner seiner Kontakte hätte je nach Geld gefragt, als er seine Zeit, seine Kontakte und sein Wissen teilte. „Solche Erlebnisse treiben mich sowas von nach oben“, sagt Nuß, der auch in den kommenden Wochen allein die Stellung halten wird in seiner Firma, einer ehemaligen Weberei im Chiemgau. Bewaffnet nur mit ein paar Telefonen und einem vollen Adressbuch.  -