Wie ergeht es in der Corona-Krise ...

… Stefan Ruppaner, Schulleiter in Wutöschingen?

Als seiner Realschule die Schließung drohte, wagte er die Flucht nach vorne, schaffte vom Klassenzimmer bis zu den Klassenarbeiten alles ab – und dachte Schule nochmal ganz neu. Heute gehört Ruppaners Alemannenschule in Wutöschingen zu den besten des Landes. Über das eigensinnige Schulkonzept berichteten wir im Januar.





In dieser Reihe fragen wir Unternehmer und andere Menschen, über die wir in der Vergangenheit berichtet haben, wie sie mit der Corona-Krise umgehen. Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und wie wollen sie diese bewältigen? 

Stefan Ruppaner

brand eins: Herr Ruppaner, wie geht's in Zeiten der Pandemie?

Stefan Ruppaner: Gut, die Situation ist für uns sehr gechillt. Schüler und Lehrer sind zu Hause, aber wir arbeiten trotzdem wie gewohnt weiter. Wir haben schon vor mehr als fünf Jahren ein digitales Lernsystem eingeführt, das erweist sich jetzt als Glücksfall.

Wie funktioniert das?

Das System hat zwei Bereiche. Zum einen arbeiten wir mit DiLer, kurz für Digitale Lernplattform, Schüler und Lehrer haben das Programm auf dem iPad. Dort sind Aufgaben, Lernvideos, Noten für den Musikunterricht und noch viel mehr hinterlegt. Schülerinnen und Schüler können den Lehrern Aufgaben schicken und bekommen sie korrigiert zurück. Die Mitglieder der Bläsergruppe zum Beispiel spielen jetzt alleine zu Hause, sind aber verbunden und können einander hören. Ich höre zu, verfolge, ob sie richtig spielen und mache Anmerkungen. Auch die Kommunikation mit den Eltern läuft über die Plattform – übrigens eine Open Source Software, die sich jeder kostenlos runterladen kann. Der Programmiercode ist offen, man kann das System also individuell anpassen.

Und der zweite Bereich?

Das ist Talkie, eine Messenger-App für abhörsichere Videoanrufe. Darüber unterhalten sich zwei oder mehrere Schüler und sehen sich dabei. Wenn ein Schüler im Home-Office zu erkennen gibt, dass er gerade ansprechbar ist, kann ich mit ihm reden. Der Austausch ist intensiver als sonst, denn normalerweise unterhalte ich mich mit mehreren Schülern am Tisch.

Wollen sich andere das System abschauen?

Bildungspolitiker werden gerade auf uns aufmerksam, wir hatten schon Anfragen.

Wie strukturiert sind ihre Schüler im Home-Office?

Das klappt gut. Wir haben ein System, in dem sie unterschiedlich eingestuft werden: Neustarter bekommen noch nicht so viele Freiheiten, Durchstarter haben sich schon Vertrauen erworben und dürfen sich etwa aussuchen, wo im Schulgebäude sie lernen. Lern-Profis dürfen auch mal Home-Office machen. Jetzt sind quasi alle Schüler befördert worden.--

Stefan Ruppaner ist Leiter der Alemannenschule im badischen Wutöschingen. Statt auf Frontalunterricht setzt Ruppaner auf digitales Lernen, Selbstmotivation und Eigenverantwortung. Mit diesem Konzept gewann er 2019 den Deutschen Schulpreis (brand eins 01/2020 „Schule machen“).