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Die Sehnsucht nach Gleichgewicht

Joseph Franz hat ein Unternehmen für Naturkosmetik aufgebaut. Seine Kinder gingen lieber ins Ausland. Und sind nun doch alle wieder da und übernehmen den Betrieb. Ganz ohne Druck. Oder gerade deswegen?



Ein älterer Mann mit grauen Haaren und Brille steht in einem üppigen Garten, lächelt und blickt direkt in die Kamera. Der Garten ist voller grüner Pflanzen und Bäume, was eine ruhige und friedliche Atmosphäre schafft. Im Hintergrund ist ein Gebäude zu sehen, möglicherweise ein Haus oder ein zum Garten gehörendes Gebäude. Der Mann trägt einen blauen Pullover und eine khakifarbene Hose, die sich gut in die natürliche Umgebung einfügen.
Firmengründer und Pflanzenliebhaber Joseph Franz

brand eins: Eigentlich wollte ich dieses Gespräch in eurem Garten führen, aber es regnet. Der Garten ist etwas ganz Besonderes.

Lena Franz: Der Garten ist schon da, solange ich mich erinnern kann. Schon lange bevor hier das Firmengebäude stand. Hier war ein riesengroßer Apfelbaum und meine Schaukel. Es gab den Gemüsegarten meiner Mutter und später den Kräutergarten meines Vaters. Entweder war meine Mutter beim Jäten oder mein Vater beim Pflanzen anbauen. Wir sind eigentlich immer mit diesem „Man baut selbst an, was man konsumiert", aufgewachsen.

Dein Vater hat aus dem Kräutergarten ein Geschäftsmodell gemacht und ein Unternehmen gegründet. 

Ja, Team Dr. Joseph. Wir sind ein Familienunternehmen aus Südtirol und wir produzieren und entwickeln seit mittlerweile vierzig Jahren Naturkosmetik und ganzheitliche Behandlungsmethoden.

Und dass du heute hier sitzt und mit mir redest, das ist eigentlich Zufall, denn du wolltest mit dem Unternehmen eigentlich gar nicht so viel zu tun haben. 

Das würde ich so nicht sagen. Es war nur irgendwie nicht so auf meinem Radar. Ich habe Theater-, Film- und Medienwissenschaften und Philosophie in Wien studiert, habe aber nebenbei auch Texte für das Unternehmen geschrieben. Das war aber eher ein kleiner Nebenjob. Für mich war auch nie klar, dass ich nach Südtirol zurückkehre. Das war eher eine Aneinanderreihung von Zufällen.

Welche?

Ich wollte eigentlich meine Masterarbeit schreiben. Aber nicht mehr in Wien. Südtirol war eigentlich eine Zwischenstation auf dem Weg nach Lissabon. Ich habe ich mir dann aber gedacht: hier bin ich weniger abgelenkt. Und dann kam Corona und ich durfte nicht mehr weg. Und retrospektiv war das eine Fügung des Schicksals und ich bin froh, dass es so gekommen ist.

Du hast zwei Brüder, die Architektur und Marketing studiert haben. Und ihr habt euch alle wieder hier zusammengefunden – ganz ohne Druck deines Vaters. War das der Trick? Ein subtiles Lenken?
Ich glaube nicht, dass irgendeine Intention dahinter stand. Diese Nachfolge war vor zehn Jahren kein Thema. Ich konnte mich natürlich immer schon mit den Werten des Unternehmens identifizieren. Ich meine, ich bin damit aufgewachsen. Mir wurde es in die Wiege gelegt. Und man merkt vielleicht erst später, was man da eigentlich hat. Was man als selbstverständlich erachtet hat, obwohl es nicht selbstverständlich ist. Dass man weiß, was ganzheitliches Denken ist, warum es sinnvoll ist, ein Unternehmen nachhaltig aufzubauen. Warum es wichtig ist, nicht nur zu nehmen, sondern auch zurückzugeben. Das war für mich ganz lange etwas, das ich überhaupt nicht infrage gestellt habe, weil es mir einfach beigebracht wurde. Dadurch bin ich eher unbewusst wieder ins Unternehmen zurückgezogen worden. Aber meine Eltern, haben immer gesagt: „Ihr könnt machen, was ihr wollt. Niemand ist gezwungen, ins Unternehmen einzusteigen.“

 

 

Dein Vater zieht sich seit fünf Jahren schrittweise zurück und übergibt euch immer Verantwortung. Läuft das reibungslos? 
Reibungslos wäre zu viel gesagt.

Wir wollen nicht lügen. 

Nein, wir wollen nicht lügen. Es ist klar, ein Familienunternehmen ist immer eine Herausforderung. Und dass ein Familienunternehmen komplett reibungslos funktioniert – oder überhaupt ein Unternehmen reibungslos funktioniert – ist illusorisch. Aber Reibung ist nicht unbedingt negativ. Reibung lässt einen kurz innehalten, seine eigenen Perspektiven und Meinungen hinterfragen, und dann neu auszurichten. Wir sind immer sehr direkt in unserer Kommunikation, so dass Konflikte schnell angesprochen und ausdiskutiert werden. Und dann sind sie vom Tisch.

Durch Familie entsteht Vertrauen. Aber auch Emotionen, die im Geschäftsleben besser nichts zu suchen haben. Nun wohnt ihr sogar fast alle in einem Haus. Man sieht sich zwangsläufig die ganze Zeit. Ich stelle mir das schwierig vor. 

Ich glaube auch, eine der größten Herausforderungen in einem Familienunternehmen ist, auf professioneller Ebene zu arbeiten und die emotionalen, familiären Rollenverteilungen nicht zu sehr mit einfließen zu lassen. Aber es ist eine Utopie, sich komplett von der Familienrolle zu lösen und nur Business zu machen. Das wäre auch schade. Denn dieses Vertrauensverhältnis ist ja gut. Und bisher will niemand von uns aussteigen. Das ist doch Beweis genug, dass es funktioniert.

Ihr habt sehr klare Aufgabenteilungen. Hilft das? 

Auf jeden Fall. Wir haben unsere eigenen Verantwortungsbereiche. Aber wir tauschen uns trotzdem aus, holen Feedback ein, besprechen Strategie und Vision des Unternehmens.

 

Ihr habt einen Slogan: Ihr wollt die Nummer zwei sein. Denn die Nummer eins ist die Natur selbst. Ich kenne viele Leute, gerade in der Stadt, die Natur nahezu glorifizieren – meist solche, die eher wenig mit der Natur zu tun haben. 

Natur hat nichts Moralisches. Sie ist per se weder gut noch schlecht. Aber es gibt eine Sehnsucht nach Natur. Ich meine, das ist evolutionsbiologisch so. Das städtische Umfeld bringt Geschwindigkeit, Lärm und Reizüberflutung. Unser Nervensystems ist permanent überlastet. Natur hat da einen positiven, ausgleichenden Einfluss auf uns. Es gibt zum Beispiel in Japan das sogenannte Waldbaden. Das ist ein Ritual, bei dem man einfach den Wald genießt. Es senkt nachweislich den Cortisolspiegel, die Herzfrequenz wird verlangsamt, der Blutdruck gesenkt. 

Interessant ist auch, dass das menschliche Auge bei der Farbe Grün die meisten unterschiedlichen Farbtöne und Nuancen erkennen kann. Das hat damit zu tun, dass der Mensch sich früher in der Natur aufgehalten hat und orientieren musste. Unterschiedliche Grün-Nuancen bedeuteten Schatten oder Wasserquellen oder Nahrung oder Sicherheit. Vielleicht kommt daher diese Glorifizierung der Natur. Eine Sehnsucht nach Gleichgewicht. 

Trotzdem, wenn ich durch die Natur laufe und mir irgendwas ins Gesicht schmiere, bekomme ich zu 90 Prozent eine Allergie. 
Die Natur hat natürlich auch sehr scharfe Waffen. Es gibt hochtoxische Stoffe. Schließlich ist Natur auch ein Kampf um Überleben. Daher steht Naturkosmetik unter sehr strengen Auflagen. Was darf rein? Und vor allem, was darf nicht rein? In der konventionellen Kosmetik gibt es eine einseitige Liste an Stoffen, die nicht zugelassen sind. In der Naturkosmetik ist diese Liste eher dreihundert Seiten lang. --

Das ausführliche Interview können Sie ab dem 17.6. in unserem brand eins Podcast hören.