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Künstlergruppe Ligna
Die Künstlergruppe Ligna verbindet Stadtgeschichte mit dem Aufstieg und Zerfall der Konsumgesellschaft. Schauplätze sind die gespenstischen Hallen leerstehender Kaufhäuser. Ole Frahm, einer der Gründer von Ligna, berichtet in unserem neuen Podcast.
Die ersten Warenhäuser entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris, London und den USA. Mit ihrer beeindruckenden Vielfalt und günstigen Preisen läuteten sie eine Kulturwende ein: Konsum für alle – mit Produkten aus der ganzen Welt.
In Hamburg riss man nach der Cholera-Epidemie 1892 ein eng bebautes Arbeiterviertel in der Innenstadt nieder und plante eine neue, großzügige Einkaufsstraße mit Geschäften und Büros.
Ich bin immer noch überrascht, mit welcher Radikalität die Hamburger Bürger ihre mittelalterliche Stadt einfach zerstört, abgerissen und durch Großbauten ersetzt haben." (Ole Frahm)
Einer der neuen Prachtbauten war das Klöpperhaus in der Nähe des Hauptbahnhofs, erbaut 1913, seit 1965 Sitz der Warenhauskette Kaufhof - Sinnbild einer damals noch ungetrübten Konsumgesellschaft. Doch der schöne Schein bekam erste Risse. Große Spezialmärkte zogen raus auf die grüne Wiese am Stadtrand. Gebäude in der Innenstadt wurden mehr und mehr zu Spekulationsobjekten, die Mieten stiegen und die 68er Generation stellte den Drang nach ständigem Wachstum in Frage. 1972 verübten Jugendliche einen Brandanschlag auf das Klöpperhaus und drei weitere Kaufhäuser.
Die Niedergang des Warenhauses begann mit dem Niedergang der industriellen Gesellschaft, wie sie sich in der Nachkriegszeit etabliert hatte und Anfang der 70er Jahre an ihre Grenzen stieß.
Heute steht das denkmalgeschützte Haus leer. Im Juli 2020 stellt der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof den Insolvenzvertrag. Seitdem Tristes, symbolisch für die Krise der Innenstädte, die unter Online-Handel und verändertem Konsumverhalten leiden. Früher war mehr Lametta.
Ich fände es total super, wenn Kaufhäuser erhalten blieben, sozusagen als Museum einer bestimmten Epoche.
Die Künstlergruppe Ligna hat ihn symbolisch wieder aufgehängt: den Lametta-Vorhang. Im August 2021 durften Besucher hindurchschlüpfen und die leeren, halbdunklen Hallen des ehemaligen Kaufhauses betreten. Braune Fliesen, herabhängende Stromkabel. Reste des Konsums in Ecken verstreut: Wollknäuel, Baupläne, Neonschriftzüge und eine Disco-Kugel als Hoffnungsschimmer für neues, noch undefiniertes Leben.
In einer einstündigen Audioführung schlüpfen die Besucher in die Rolle von Dieben und Detektiven, Kunden und Kassierer, die erschöpft im fensterlosen Pausenraum sitzen. Eine Utopie sucht man vergebens. Sie zu entwerfen, das bleibt dem Besucher selbst überlassen – und damit uns allen.
Künstlergruppe Ligna / Foto: Tim Desgraupes
Podcast Timeline:
[00:00] Intro und Begrüßung
[01:53] Das ehemalige Klöpper-Haus
[03:00] Vom Kaufhaus zum Kunstraum
[06:13] Anders machen, statt kaputt machen?
[07:55] Gespenster des Konsumismus
[11:40] Zweite Chance für's Kaufhaus?
[13:44] Der Niedergang der Kaufhäuser
[13:20] Das CO2-Problem
[16:04] Kommt die staatliche Regulierung?
[17:08] Stadtentwicklung neu denken
[25:09] Aus der Stadt ins Internet
[27:21] Verabschiedung