brand eins Podcast
Lars Neth
Wenn es um "den Kapitalismus" geht, regieren schnell die Gefühle. Warum ist der Begriff so negativ behaftet? Lars Neth, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie der Universität Tübingen, appeliert an die Vernunft.
Kapitalismus? Das ist alles, was heute schlecht läuft: soziale Ungleichheit und Ausbeutung, die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, und die Umweltzerstörung. Der Begriff ist eine Art Sammelbecken für all die Probleme, die in einem System mit Privateigentum entstehen.
"Kapitalismus ist nicht der Name eines Systems, sondern der einer Kritik"
... sagt Lars Neth, der die Geschichte und Verwendung des Begriffs Kapitalismus untersucht. Das Wort polarisiert. Und es vereint zwei Aspekte, die gar nicht zwingend zusammen gehören: die Ungleichheit und den freie Markt.
"Man kann eine Klassengesellschaft und Ungleichheit ablehnen, ohne freie Märkte in Frage zu stellen."
Neth plädiert daher dafür, beide Aspekte zu trennen, um zu einer ausgewogenen Kapitalismuskritik zu kommen. Ungleichheit könne man auch kritisieren, ohne gleich das Privateigentum abzuschaffen. Einen ungezügelten Turbokapitalismus gebe es ohnehin nicht mehr. Die Vereinigten Staaten, die oft als Vertreter eines besonders unsozialen Kapitalismus gesehen werden, haben zum Beispiel bereits in den frühen Sechzigerjahren eine öffentlich finanzierte, weiterführende Schulbildung für alle eingeführt. Solche staatlichen Eingriffe kosten zwar viel Geld, aber machen Individuen in vieler Hinsicht freier – ganz zu schweigen von der enormen positiven Auswirkung von Bildung auf wirtschaftliche Produktivität. Es ist also durchaus sinnvoll, in manchen Bereichen mit staatlicher Regulierung einzugreifen. Bildung, Gesundheit oder Wasserversorgung sind Grundbedürfnisse, die Neth nicht allein dem freien Markt überlassen würde.
"Der Markt regelt auf keinen Fall alles. Es gibt gute Gründe dafür, nicht alle Grundbedürfnisse vom Markt bereitstellen zu lassen."
Podcast Timeline:
[00:00] Begrüßung
[01:30] Lars Neth: Warum der Begriff Kapitalismus negativ behaftet ist
[05:47] Neth fordert eine vernünftigere Debatte
[09:26] Der Begriff im Wahlkampf
[11:36] Was der Markt nicht regelt
[13:36] Neue alte Formen des Kapitalismus?
[15:40] Das größte Missverständnis
[17:52] Eine liberale Kritik
[22:36] Verabschiedung