01 – Home oder Office?
Ein Austausch zwischen den langjährigen Kollegen Wolf Lotter (Autor) und Gabriele Fischer (Chefredakteurin) über den Fortschritt und was ihn behindert.
Seit der Pandemie ist das Büro nicht mehr der bevorzugte Arbeitsort. Ist das ein Fortschritt?
Fotovorlagen für die Zeichnungen: © André Hemstedt & Tine Reimer; © Katharina Lotter, 2021
Gabriele Fischer: Lieber Wolf, du warst, als du als Redakteur bei uns gearbeitet hast, eher ein Büroflüchtling. Dass das Homeoffice seit der Coronapandemie gewonnen zu haben scheint, müsste dir gefallen, oder?
Wolf Lotter: Nein. Denn wir fallen von einem starren Muster, der 40-Stunden-Präsenzwoche, direkt ins nächste – nur dass es jetzt „hybrid“ heißt: „Wir machen zwei Tage Office, drei Tage Homeoffice.“ Oder: „Eins zu vier.“ Aber komplexe soziale Gefüge lassen sich nicht in starre Formeln pressen.
Gabriele: Was wäre die Alternative?
Wolf: Vielleicht müssen wir einen Rat des Management-Vordenkers Reinhard Sprenger beherzigen: radikaler, also gründlicher denken. Was wäre, wenn wir in Projekten dächten statt in Anwesenheitszeiten? Was ist die Aufgabe, und welche Organisation, welchen Ort brauchen wir dafür?
Gabriele: Lässt sich das so leicht bestimmen? Ich verhalte mich doch an jedem Ort anders: Wenn ich im Büro Probleme mit einem Text habe, gehe ich nach nebenan und bespreche mich mit einem Kollegen. Anrufen würde ich ihn deshalb eher nicht.
Wolf: Wir brauchen eine Inventur der Arbeitsorganisation. Was brauche ich wo? Wenn ich mich zum Beispiel konzentrieren muss, wenn ich innovativ sein will – dann brauche ich Ruhe.
Gabriele: So weit waren wir bei brand eins schon vor der Pandemie.
Wolf: Wohl kein Großraumbüro der Welt hat je einen großen Gedanken hervorgebracht – aber für die Reibung, für das Hinterfragen, da brauche ich die anderen. Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat das im 19. Jahrhundert bereits mit seiner Stachelschwein-Parabel beschrieben: Wenn diese sich zu nahe kommen, stechen sie sich an den Stacheln ihrer Nachbarn. Aber wenn sie zu weit weg voneinander sind, dann frieren sie. Man muss die Mitte finden. Und die hängt vom Kontext ab.
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Gabriele: Hat die KI Stachelschwein-Qualität?
Wolf: Nein, dafür wird sie nie schlau genug sein. KI ist brillant im Abarbeiten von Routinen. Aber dieses vage Gefühl, dass an einer Geschichte etwas faul ist, obwohl die Fakten scheinbar stimmen – das ist natürliche Intelligenz des Menschen. Und die braucht jemanden, der sie anregt. Das findet selten im Homeoffice statt, wenn man mit sich und dem Bildschirm allein ist.
Gabriele: Ich bin nicht sicher, ob sich Wissensarbeit – und darüber reden wir – so sauber sortieren lässt.
Wolf: Das wäre auch wieder Arbeit, die aber leider liegen bleibt. Wir erleben gerade einen starken Backlash: Heute wollen viele Manager wieder Ordnung, klare Regeln – und viele Chefs wollen ihre Schäflein wieder kontrollieren. Das ist rückständig.
Gabriele: Vielleicht haben sie zu viele Enttäuschungen erlebt?
Wolf: Vielleicht können sie sich auch nur nicht mehr daran erinnern, wie nervig es früher war. In vielen Unternehmen versucht man die alte Präsenzkultur wiederherzustellen. Und bald geht man wieder ins Büro, um gesehen zu werden, um dort zu sein, wo vermeintlich die Macht ist.
Gabriele: Das ist die alte Illusion: Sitzt die Kollegin im Nachbarzimmer, hat der Chef das trügerische Gefühl, sie arbeite. Sie könnte genauso gut Tetris spielen oder ihren nächsten Urlaub buchen, aber vermeintlich ist sie unter Kontrolle. Wenn diese Kollegin aber zu Hause ist, wird der Chef unruhig – Anwesenheit wird immer noch oft mit Leistung gleichgesetzt.
Wolf: Der Chef sitzt der Angestellten aber oft auch im Homeoffice im Kopf und auf der Schulter.
Gabriele: Die alte Arbeitskultur steckt tief in unseren Köpfen, auch in deinem und meinem. Erinnere dich: Früher haben wir manchmal darüber geredet, dass wir uns nicht trauen, freizumachen, obwohl wir mit unserer Arbeit fertig sind.
Wolf: Das schlechte Gewissen des Freiberuflers …
Gabriele: … das auch die Führungskraft kennt. Vielleicht haben das alle Wissensarbeiter, das Gefühl, nicht zeigen zu können, was man geschafft hat. Wenn ich den ganzen Tag die Mailbox leere, ist was Sichtbares passiert. Wenn ich nur dasitze und denke – was ja mein eigentlicher Job als Chefredakteurin ist –, dann fühlt sich das nicht wie Arbeit an. Denken fühlt sich an wie Nichtstun.
Wolf: Ja, die Kultur ist ein zähes Luder. Aber jetzt kommt die KI und nimmt uns die Routinen und Gewohnheiten ab, die E-Mails, die Tabellen, das Abarbeiten. Alles, was uns bisher das Gefühl gegeben hat, produktiv zu sein, macht jetzt die Maschine. Und was bleibt für uns? Das Denken. Der Management-Lehrer Peter F. Drucker hat das schon vor 70 Jahren gesagt: „Fangt endlich an, das zu tun, was Automaten nicht können.“ Aber davor drücken sich wahnsinnig viele.
Gabriele: Ich glaube, wir sind es einfach nicht gewohnt, dass Denken als vollwertige Arbeit anerkannt wird. Wenn du zu Hause auf dem Sofa sitzt und an die Decke starrst, sieht das für deine Familie, für deinen Partner und vor allem für dich selbst nicht nach Arbeit aus.
Wolf: Dazu passt, dass Europa nach wie vor kein politisches Programm für Wissensarbeit hat. In China hingegen gibt es eine klare Ansage der Regierung: Wir sind heute eine Industriegesellschaft, aber 2035 sind wir eine Wissensökonomie, führend in Technik und Wissenschaft. Hierzulande veranstalten wir einen Autogipfel nach dem anderen – aber hast du schon mal von einem Hirngipfel gehört?
Gabriele: Wir haben nie aufgehört, uns als Industriegesellschaft zu sehen.
Wolf: Aber was hat Europa früher groß gemacht? Kreativität, Wissen, Erfindergeist. Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung: Wer nicht schwitzt, hat nichts getan und keinen Lohn verdient.
Gabriele: Kein Wunder, dass das Homeoffice als Hort für Drückeberger gilt.
Wolf: Ich habe neulich mit einem Gewerkschafter über Homeoffice und flexible Arbeit diskutiert. Sein Argument, das ich inzwischen den politischen Trick nenne: „Ja, Herr Lotter, das mag für Sie gelten. Aber die Supermarktkassiererin kann das nicht.“
Gabriele: Hat der Mann nicht recht?
Wolf: Ich sehe dahinter vielmehr ein Interesse. Wenn alle das Gleiche tun – nämlich um 8 Uhr zur Arbeit fahren und um 17 Uhr heimkommen –, kann man sie wunderbar verwalten. Man kann Tarifverträge machen, Pendlerpauschalen berechnen. Individualität und Selbstbestimmung sind der Feind der Bürokratie.
Gabriele: Es wäre zweifellos ökonomischer, die Vielfalt zu nutzen. Der eine arbeitet besser morgens, der andere nachts, der eine im Homeoffice, der andere im Büro. Aber die Ökonomie kommt auch bei der Vielfalt zu kurz. Als Unternehmerin – die ich ja auch bin – muss ich mich mit einer banalen Realität abfinden: Wenn ich flexible Arbeit ermögliche, stehen die Büroräume rund die Hälfte der Zeit leer.
Wolf: Das ist nicht gut.
Gabriele: Montag bis Mittwoch ist bei uns volles Haus – Donnerstag und Freitag könnten wir die Räume untervermieten. Wenn man den Leuten die Wahl lässt, ist erstaunlicherweise am Freitag kaum jemand da.
Wolf: Das Wochenende beginnt halt im Kopf schon am Donnerstagabend.
Gabriele: Das heißt, man zahlt Miete für Leerstand.
Wolf: Ist das nicht eher ein Problem unserer Raumkonzepte? Vielleicht brauchen wir mehr flexible Flächen.
Gabriele: Das klingt logisch, aber auch flexible Flächen stehen leer. Reinhard Sprenger hat in einem brand eins Essay im Jahr 2000 geschrieben: „Menschen arbeiten nicht in Firmen. Sie arbeiten in Nachbarschaften.“ Vielleicht ist das ein Weg: nicht in Räumen zu denken, sondern in Beziehungen.
Wolf: Abseits der Räume werden wir uns entscheiden müssen: Wollen wir erwachsene Arbeitsbeziehungen, in denen das Ergebnis zählt? Oder wollen wir zurück in den Kindergarten, wo die Anwesenheit kontrolliert wird und wir Fleißkärtchen fürs Abrackern bekommen? ---
