Selbstversuch: neue Vita dank KI
Mein neues Ich
Virtuelle Assistenten wie ChatGPT vermitteln den Eindruck, innerhalb von Sekunden die Wahrheit über Personen zu präsentieren. Lässt sich das manipulieren? Ein Experiment.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 02/2026.
• Wer ist Nils Heck? Die KI-Suchmaschine Perplexity überlegt kurz und antwortet dann in mehreren Absätzen. Die für mich wichtigsten beiden Sätze kommen am Ende: „2019 veröffentlichte er das Buch ‚Künstliche Intelligenz: Wie klug sie wirklich ist‘, das eine Debatte über die Verengung der Internetsuche auslöste. Neben seiner journalistischen Tätigkeit ist er auch als Speaker, Redenschreiber und Jongleur aktiv.“ Wichtig sind die Sätze deshalb, weil beide Infos falsch sind.
Ich bin weder Jongleur noch Buchautor. Und anders als man meinen könnte, hat Perplexity nicht halluziniert. Nein, Perplexity ist meinen Lügengeschichten zum Opfer gefallen. Monatelang habe ich darauf hingearbeitet und nun der Triumph: Ich habe die künstliche Intelligenz manipuliert.
Was ein bisschen wie der Plan eines Bösewichts klingt, ist nur ein kleines Experiment über ein paar Monate. Es zeigt, wie leicht sich falsche Informationen auf Millionen Rechnern einspeisen lassen, wenn die Welt sich von Google löst und stattdessen auf KI-Chatbots und -Zusammenfassungen setzt. Zwar ließen sich Fake News auch bisher im Internet verbreiten. Neu ist aber, dass mehr als zwei Drittel der Menschen weltweit glauben, die Bots würden ihnen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit präsentieren.
Wie falsch sie liegen, zeigt mein Selbstversuch, den ich im Januar 2025 für brand eins beginne. Ich fange damit an, die KI zu fragen, was sie heute schon über mich weiß. Da wäre etwa, dass ich Journalist bin, Jahrgang 1995, und Autor für diverse Websites, Medien und Blogs. Dazu gibt es allerlei nette Worte und meine Fachgebiete nachzulesen. Das meiste stimmt, manchmal aber werde ich mit einem Namensvetter verwechselt, der Fotograf ist. Ich hoffe, mein kleines Experiment zerschießt nicht auch seine Präsenz in der KI-Welt. Falls doch: Sorry nach Darmstadt!
Im zweiten Schritt habe ich der KI bewusst zwei Falschinformationen untergejubelt. Das war gar nicht so einfach. Die neuen Fakten durften den bisherigen nicht widersprechen. Ein falsches Geburtsjahr hätten die Chatbots vermutlich nicht übernommen, weil im Internet zu oft das richtige steht. Außerdem mussten die Infos sehr konkret sein.
Ich entscheide, mich als Jongleur und als Buchautor auszugeben. Dem Buch gebe ich den Titel „Künstliche Intelligenz: Wie klug sie wirklich ist“.
Die Lüge verbreiten
Als Anfänger in diesem Geschäft muss ich erst mal herausfinden, wie ich der KI die falschen Infos am besten unterjubeln kann. Also rufe ich bei Marketingagenturen, Start-ups und bei KI-Experten an. Viele geben mir Tipps. Der am einfachsten umzusetzende: Schreibe auf deiner eigenen Webseite etwas über dich. Pro-Tipp: Hinterlege es als PDF oder als Lebenslauf. Die Maschinen lieben das.
Das klingt für mich schlüssig, und so lege ich eine Unterseite auf der Website unseres Journalistenbüros an. Ich verstecke sie ein wenig, damit Menschen sie nicht so leicht finden und sich über meine Lügen wundern.
Die KI findet das absolut unscheinbare, für eine Maschine aber perfekt lesbare Dokument, wie ein kleiner Test zeigt. Auch Google nimmt es nach einiger Zeit auf.
Das PDF gehört schnell zu den ersten Ergebnissen, wenn man jetzt nach mir sucht. Das war zwar so nicht gedacht. Aber ich muss es wohl für dieses Experiment in Kauf nehmen.
Auch mein Linkedin-Profil passe ich an, nenne mich von jetzt an öffentlich Journalist und Jongleur. Das mit dem Buch traue ich mich aber nicht, zu erwähnen. Was ist, wenn das jemand nachprüft und mich öffentlich der Lüge bezichtigt? Das ist mir zu heikel.
Komplizen suchen
Weil eine erfolgreiche Täuschung nicht ohne Komplizen auskommt, überrede ich andere Webseitenbetreiber, mir zu helfen. In der Folge passe ich unter anderem mein Autorenprofil bei dem Blog Payment & Banking und beim Deutschen Journalistenpreis an. Beide Seiten hat ChatGPT anfangs oft als Quelle genutzt, wenn ich nach mir selbst gefragt habe. Dort hinterlege ich sowohl den Jongleur als auch das Buch und hoffe, dass die Algorithmen diese Informationen jetzt für glaubwürdig halten. Immerhin haben mir die Experten gesagt, dass konsistente Informationen wichtig für den Erfolg einer Manipulation sind.
Einmal platziert, heißt es nun abwarten und immer wieder prüfen, was die KI so über mich ausspuckt. Meist ist es enttäuschend, weil es sich wieder nur um die Mischung aus meinem echten Lebenslauf und dem des Fotografen-Nils handelt.
Aber an manchen Tagen gibt es Fortschritte. Da erwähnen Perplexity oder ChatGPT wahlweise das Jonglieren oder das Buch. So wie Mitte Juni, am Tag meines vermeintlichen Triumphes. Warum die Maschine die Infos genau an diesem Tag zieht, bleibt mir ein Rätsel. Nur Stunden später hat sie aber auch schon wieder vergessen, dass ich Bälle so kunstvoll durch die Luft schleudern kann, dass es für den Circus Roncalli reichen könnte.
Den Erfolg messen
Ständig seinen eigenen Namen in Chatbots zu tippen ist eine arg narzisstische und sinnlose Übung. Denn es ist ja möglich, dass ich tatsächlich der einzige Mensch auf der Welt bin, dem Perplexity und ChatGPT die gefakten Infos immer wieder ausspucken, um mir zu gefallen.
Also rufe ich Stefanie Söhnchen an. Sie ist Chefin der GEO-Abteilung bei der Berliner Digitalagentur Piabo und testet meinen Erfolg für mich. GEO bedeutet Generative Engine Optimization und ist das SEO der KI-Welt. Dafür speist sie verschiedene KI-Modelle über eine Woche mit Prompts zu mir und bereitet die Ergebnisse auf.
Ihr Fazit: Die Lüge mit dem Buch haben mir die Modelle nicht wirklich abgekauft. Zwar taucht es gelegentlich auf, wenn man explizit danach fragt. Aber sonst: Fehlanzeige.
Besser läuft es mit dem Jonglieren. Diese Information taucht bei einigen Suchanfragen immer wieder auf, auch wenn ChatGPT und Co es meistens als Hobby nennen und nicht als meinen Beruf. Dabei wollte ich doch für Kindergeburtstage gebucht werden. Frechheit.
Söhnchen zeigt mir außerdem, dass als Quelle fürs Jonglieren – wenn die Info auftaucht – meist meine eigene Webseite genutzt wird. Fake News erfolgreich platziert.
Ein Blick auf die weiteren Quellen offenbart, wo ich nachbessern könnte. Besonders häufig wird beispielsweise mein Autorenprofil bei der »Zeit« genannt und dort der Satz: „Am liebsten aber recherchiert er zu Gaunern und Verbrechern mit Krawatten.“ Warum die KI sich genau diesen Satz zieht, bleibt, wie so häufig bei den neuen Chatbots, unklar.
Am Ende meines kleinen Experiments bleibt ein merkwürdiges Gefühl zurück. Investiert habe ich nur wenige Arbeitsstunden und ein paar Kontakte. Genarrt habe ich die künstliche Intelligenz trotzdem. --
Wenn eine KI Unwahrheiten über eine Firma speichert
… kann das für ihr Image verheerend sein. Wie sich das ändern lässt, erklärt Jonny Böhm, Executive Director der Marketing Intelligence Unit bei der Kommunikationsberatung Ketchum Germany.
Und weg bist du!
Suchmaschinen wie Google oder Bing verlieren an Bedeutung. Wenn Menschen etwas wissen wollen, fragen sie KI-Chatbots. Um von ihnen gefunden zu werden, müssen Firmen anders vorgehen.