LinkedIn Algorithmus
Mit KI gegen KI
Linkedin definiert gerade neu, wer auf der Karriereplattform sichtbar wird und warum. Das sorgt für Irritationen.
• Alicia Teltz hatte eigentlich alles. Haus auf dem Land, Tesla in der Einfahrt, einen festen Partner, ein Jahresgehalt von rund 250.000 Dollar. Der Lebenslauf makellos: Stationen bei SAP, Mastercard, Gartner, zuletzt eine Schlüsselrolle als Global Client Executive bei Linkedin. Und doch stellte sich bei ihr ein hartnäckiges Unbehagen ein: das Gefühl, nicht das richtige Leben zu führen.
Mit Mitte 30 zog sie die Reißleine. Sie trennte sich von ihrem langjährigen Freund, verkaufte Haus und Auto und kündigte im Mai 2025 ihren Job bei Linkedin. Ein radikaler Schnitt – persönlich wie beruflich. Und trotzdem wirkt er im Rückblick fast symbolisch. Denn zeitgleich änderte sich auch bei der Plattform, die Teltz über Jahre von innen kannte, ziemlich viel.
Bei 96 Prozent der User ging die Reichweite sehr stark zurück. Ein durchschnittlicher Post, der im Januar 2025 noch 10.000 Views erreichte, kam im Herbst oft nicht einmal auf 3.000. Von früherer Sichtbarkeit blieb kaum etwas übrig. Für viele ein Schock. Im Dezember postete Teltz:
All I want for christmas … is the old Linkedin algorithm back. The one where you didn’t have to sacrifice a goat and dance around a tree for reach.
In der Community war schnell vom Niedergang die Rede, von der größten Zäsur überhaupt. Sicher ist: Linkedin, mit inzwischen 1,3 Milliarden Mitgliedern das weltweit größte berufliche Netzwerk, wird gerade grundlegend umgebaut. Sichtbarkeit entsteht nun nach neuen Regeln – und diese lassen sich schwerer durchschauen denn je.
Sie habe als Mitarbeiterin immer wieder versucht, den Algorithmen hinter Linkedin näherzukommen, sagt Alicia Teltz. Nicht mal in ihrer Position sei das möglich gewesen. Es gibt offizielle Verlautbarungen und vereinzelte Untersuchungen. Aber warum der eine Post viral geht und der andere verpufft, bleibe auch für Beschäftigte der Firma eine Blackbox. Wer Gegenteiliges behaupte, sagt Teltz, „rät, blufft – oder ist mit einem Ingenieur liiert“.
Diese Intransparenz ist kein Versehen. Die Algorithmen sind streng gehütete Geheimnisse, aus Angst, vollständige Transparenz könne Manipulationen begünstigen. Aber wenn sich die Spielregeln so stark ändern wie zuletzt, ohne dass jemand sie erklärt, bleibt verunsicherten Linkedin-Kundinnen und -Kunden nur: zu spekulieren.
Und spekuliert wird viel.
Alicia Teltz blickt mit einer seltenen Doppelperspektive auf das Unternehmen: als ehemalige Insiderin und als Aussteigerin. Von London aus leitet sie als Chairwoman mittlerweile The Hype Department, eine Strategieberatung. Ihrer Kundschaft verspricht sie „unkonventionelle und mutige“ Linkedin-Ratschläge von jemandem, der das Unternehmen von innen kennt. Sentimental ist ihr Blick nicht. Linkedin, sagt sie, sei trotz seiner Mission, Menschen weltweit „produktiver und erfolgreicher“ zu machen, kein Wohltätigkeitsverein. Sondern ein extrem gewinnorientiertes Unternehmen. Der aktuelle Umsatz: mehr als 18 Milliarden Dollar im Jahr.
– Post –
(…) The algorithm is optimised for their business outcomes. (…)
They’ll boost content that ultimately helps them sell more.
Fast alle anderen sozialen Netzwerke leben hauptsächlich von Werbung – Meta Platforms, der Konzern hinter Facebook und Instagram, zu 98 Prozent. Auch Linkedin verkauft Anzeigen, doch der Großteil der Einnahmen stammt aus dem Recruiting-Geschäft. Linkedin bezeichnet sich selbst als den weltweit größten Arbeitsvermittler und gibt an, alle paar Sekunden eine Stelle zu besetzen. Das Unternehmen gibt Personalern die Tools an die Hand, die es ihnen erlauben, in der riesigen Datenbank mithilfe von speziellen Filtern nach geeigneten Kandidaten zu suchen, diese direkt zu kontaktieren und den Einstellungsprozess zu verwalten. Der Preis für das Tool-Abo für größere Personalabteilungen und Headhunter beginnt bei rund 800 Euro pro Monat pro Lizenz.
Auch Jobsuchenden und Vertrieblern verkauft Linkedin kostenpflichtige Premium-Angebote. Die Erlösstruktur erklärt, warum das Unternehmen den Strom von Inhalten, mit dem die Menschen auf der Plattform gefüttert werden, so energisch steuert: Der Feed ist nicht Selbstzweck, sondern Zubringer für die Bezahlpakete. Seit der Übernahme durch Microsoft im Jahr 2016 – einem der bedeutendsten Deals der Techgeschichte – steht Linkedin unter permanentem Wachstumsdruck. Für die Kundinnen und Kunden heißt das: Sichtbarkeit folgt vor allem den strategischen Interessen dieses Megakonzerns.
Das Netzwerk, sagt Teltz, kämpfe nun an zwei Fronten zugleich: um die Aufmerksamkeit der wichtigen jüngeren Generationen Z und Alpha, die ganz anders kommunizieren als die bisherige Klientel. Die sind vor allem an Inhalte gewöhnt, die stark auf ihre Person zugeschnitten sind, und an Videos – doch damit hat Linkedin bisher zwiespältige Erfahrungen gemacht und das Thema zunächst zurückgestellt. Vordringlicher ist die zweite Front: die nie da gewesene Menge an Content, den die künstliche Intelligenz aktuell in die Plattform spült. „Ich blinzele einmal – und plötzlich sind da 4.736.473 neue KI-Posts in meinem Feed“, beschreibt Teltz, was viele ganz ähnlich wahrnehmen. Schätzungen zufolge ist inzwischen jeder zweite längere Beitrag zumindest teilweise maschinell erzeugt. Die Folge, sagt Teltz: „Linkedin wird voller – und leerer zugleich.“
Hier verdichtet sich ein Grundproblem der Plattform: Linkedin lebt nicht von der Verweildauer, die bei anderen Social-Media-Plattformen deutlich höher ist, sondern von Relevanz. Wer auf Linkedin Zeit verbringt, tut das mit Absicht: auf der Suche nach Jobs, Kontakten, Wissen, Chancen. Doch je austauschbarer die Inhalte werden, desto schwerer lässt sich das Gewünschte noch finden. Für Linkedin geht es also um die eigene Daseinsberechtigung.
Darum greift die Plattform so radikal durch wie Teltz kürzlich in ihrem Leben: mit dem wohl größten Eingriff in die Regeln der Reichweitenverteilung seit Bestehen. Was dahintersteht, trägt einen Namen, der eher nach Craftbeer klingt als nach Systemwechsel: 360Brew.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Sichtbarkeit in Zeiten von KI