LAP Coffee
Zu heiß gekocht
Was die Aufregung um LAP Coffee über den Zeitgeist verrät.
• An manchen Tagen bildet sich vor einzelnen Filialen eine mehrere Hundert Meter lange Schlange, und wenn sie es dann endlich reingeschafft haben, machen so einige Menschen sofort ein Foto ihres tiefblauen Kaffeebechers und posten es – als handele es sich um eine persönliche Auszeichnung.
Die vor drei Jahren von einem Berliner Start-up gegründete, schnell wachsende Kaffeehauskette LAP Coffee ist zum Hype geworden. 26 Filialen hat sie heute, 18 davon in Berlin, sechs in München, zwei in Hamburg. Das Konzept: billige Trendgetränke, schnell zubereitet auf kleinem Raum in angesagten Stadtvierteln. Ein Cappuccino kostet 2,50 Euro, ein Flat White 3 Euro, ein Matcha Latte 4 Euro. Kampfpreise, für die LAP Coffee von vielen jungen Leuten gefeiert wird.
Die Kette zieht aber auch Kritik und sogar Wut auf sich. In Berlin wurden Ende Oktober die Schaufenster mehrerer Filialen mit roter Farbe und Boykottaufrufen beschmiert. Auf Instagram gibt es einen Account namens „Resist LAP“ und auf der linken Plattform Indymedia eine Kampagne, die sich „LAP Coffee Scheisse“ nennt. Die Kette, so der Vorwurf, sorge für Gentrifizierung und Plastikmüll – und sei darauf aus, mit Dumpingpreisen die inhabergeführten Cafés aus den Kiezen zu verdrängen.
Wie erklärt sich diese Aufregung? Ob Prenzlauer Berg in Berlin, München-Schwabing oder Hamburgs Schanzenviertel – LAP Coffee lässt sich bevorzugt dort nieder, wo der Kommerz sowieso längst zu Hause ist. Warum bekommt das Unternehmen dort mehr Gegenwind als die Fast-Fashion-Marke Weekday oder die von Investoren finanzierte Bäckerkette Zeit für Brot? Und standen die schicken inhabergeführten Cafés mit ihren teuren Latte macchiatos, deren Verdrängung die Protestler fürchten, nicht am Anfang der Gentrifizierung der einst billigen Viertel?
Dass LAP Coffee binnen anderthalb Jahren auf den drei Kilometern zwischen der Rosenthaler Straße 62 in Berlin-Mitte und dem Bahnhof Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg sieben Filialen eröffnete, mag sich dort wie eine Invasion angefühlt haben. Die Wut auf die Kette hat aber noch andere Gründe. So lassen auf Linkedin auch mehrere Marketingspezialisten, Beraterinnen und Eventmanager kein gutes Haar an dem Kaffeehaus. „Erinnert mich irgendwie an McDonald’s“, schreibt einer. Häufig ist von „seelenlos“ die Rede. Will man diese Aversion verstehen, muss man auf die Gründer, das Marketing, die Barista-Kultur und die Wucht von Social Media schauen.
Becherstapel auf dem Vollautomaten: Das Konzept ist auf den schnellen Außer-Haus-Verkauf ausgerichtet
Fühlt sich zu Unrecht angefeindet: Ralph Hage, einer der Geschäftsführer
Die Gründer
Die Firma hinter der Marke heißt Micro Retail Technologies und hat rund 20 Angestellte. Bekannter als der Name sind die Geschäftsführer: Ralph Hage und Tonalli Arreola. Hage war früher bei Delivery Hero tätig und gründete 2021 Yababa, einen Lieferservice für türkische und arabische Lebensmittel, der zwei Jahre später Insolvenz anmeldete. Arreola arbeitete für den US-Fahrrad- und Rollervermieter Lime und den Berliner Lebensmittel-Lieferservice Flink. Eine klassische Start-up-Vorgeschichte also. Mehrere Kritiker der Kaffeehauskette hegen den Verdacht, dass LAP Coffee ein Marktmonopol anstrebe. Manche vermuten, dass der Exit bereits eingeplant sei. Ob Ankerkraut oder Ben & Jerry’s – erfolgreiche Gründungen wurden eben schon oft an Konzerne verkauft. Außerdem dürfte das Gebaren der Silicon-Valley-Giganten, ihr Streben nach einem Monopol und ihre Unterstützung von US-Präsident Donald Trump am Image der Start-up-Welt gekratzt haben.
Aber die Haltung zu dem Unternehmen ist auch in der Gründerszene uneinheitlich. Leo Ginsburg, Chef des gleichnamigen Onlinemagazins, verteidigt LAP Coffee, ebenso Christian Miele, ein Spross der Waschmaschinendynastie, der heute als Risikokapitalinvestor tätig ist. Zu den Kritikern dagegen gehört ein Sales-Manager, der LAP Coffee in einem Kommentar auf Linkedin mit Lieferando, Wolt, Uber und Netflix vergleicht: „Sie beginnen damit, alles billig und leicht zugänglich zu machen, nicht um den Kunden zu dienen, sondern um die traditionelle Konkurrenz auszuhungern. Sobald die Konkurrenz weg ist, steigen die Preise, die Qualität lässt nach, und das Benutzererlebnis mündet in Mittelmäßigkeit.“
„Blödsinn“, sagt Ralph Hage, der Mitgründer von LAP Coffee. Man merkt ihm beim Treffen Anfang Dezember in Berlin an, dass ihm die Anfeindungen zusetzen. Mehrmals betont der jugendlich wirkende 37-Jährige, dass man kein Budget für Werbung in den Medien habe und auch keine Influencer bezahle – als sei er ein normaler Cafébetreiber. Dabei stehen hinter LAP Coffee diverse Geldgeber: Insight Partners und Origins Fund aus den USA, Roundtable aus Frankreich, HV Capital aus München, Food Labs aus Berlin und Business Angels wie Diana zur Löwen, die als Influencerin reich wurde und heute in Start-ups investiert.
Die Höhe des eingesammelten Kapitals will Hage nicht nennen, den Umsatz auch nicht. Wie viele Filialen 2026 eröffnet werden sollen, stehe noch nicht fest, sagt er. Dann will er seine Unternehmung ins rechte Licht rücken und zeigt Bilder aus seiner Heimat, dem Libanon. Er als kleiner Junge, das tiefblaue Meer und schließlich Menschen, die in den Straßen von Beirut auf Hockern sitzen, Kaffee trinken und plaudern. Dieses alltägliche Ritual verbinde die Leute miteinander. Er habe es nach Berlin bringen wollen, wo sich viele ein Getränk in einem Café gar nicht mehr leisten könnten, sagt Hage. Und ergänzt dann einen Satz, der etwas seltsam klingt aus dem Mund eines Geschäftsmannes, der seit sieben Jahren in der Hauptstadt lebt: „Ich habe diese Orte geschaffen, weil ich als libanesischer Migrant in Deutschland das Verlangen nach Zugehörigkeit hatte.“
Der Eingang zur Filiale in der Rykestraße.
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