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Das Bild zeigt eine Strandszene mit einem großen, kreisförmigen Loch im Sand, das möglicherweise durch Erosion oder ein vergrabenes Objekt entstanden ist. Der Strand ist mit Sand bedeckt, und im Hintergrund sind die Wellen des Meeres zu sehen. Der Himmel ist mit Wolken bedeckt.

Küstenerosion

Überall auf der Welt frisst das Meer die Strände auf. Ein französisches Start-up will das stoppen.


Das Bild zeigt einen felsigen Strand mit einem grünen Surfbrett, das unter einem bewölkten Himmel im Sand liegt. Der Strand befindet sich in der Nähe eines Hügels mit Häusern und Bäumen.

Früher Felder, heute Abbruchkante: Le Moulin de la Rive in der Bretagne ist einer von vielen Orten in Frankreich, an denen das Meer durch Küstenerosion die Strände verschlingt

• Vor 80 Jahren betrieben die Menschen hier, in Le Moulin de la Rive, einer kleinen Siedlung an der nördlichen Küste der Bretagne, noch Landwirtschaft. In Nicole Paturels Kindheit weideten Kühe nahe des Strandes, die Felder waren voller Artischocken. „Das ist alles passé“, sagt die 80-Jährige und blickt aus dem Fenster Richtung Meer. Auf ihrem Küchentisch liegen alte Fotos von der Bucht von Le Moulin de la Rive. Paturel ist hier aufgewachsen. Direkt hinter ihrem Garten beginnt heute die Düne. Sand statt Erde. In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Felder vom Meer „aufgegessen“, sagt sie. Und jetzt sind die Häuser dran. Ein bisschen weiter die Küstenstraße hoch haben die Bewohner die Klippe schon mit Beton gestärkt, damit ihre Grundstücke nicht hinunterrutschen. „Bei einer Nachbarin musste schon der Garten dran glauben“, sagt Paturel.

Erosion entsteht dann, wenn Wellen und Strömungen mehr Sediment, meistens Sand, abtragen als neu anlagern. In Frankreich ist fast ein Viertel der 20.000 Kilometer langen Küste davon betroffen. Auf 650 Kilometern wird sie stetig weniger, auf 270 Kilometern sogar um einen halben Meter pro Jahr. Das ist umso problematischer, weil die Bevölkerungsdichte am Meer zweieinhalbmal so hoch ist wie im Landesinneren. Auch für den Tourismus des meistbesuchten Staates der Welt ist das keine gute Nachricht.

Das französische Umweltministerium hat kürzlich ausgerechnet, dass mehr als 450.000 Häuser bis Ende des Jahrhunderts unbewohnbar werden könnten. Der Schaden würde sich bis dahin auf fast 100 Milliarden Euro belaufen.

Ein Mann steht an einem Sandstrand und trägt eine rote Mütze, eine blaue Jacke und eine blaue Jeans. Er lächelt und schaut direkt in die Kamera. Der Strand ist felsig, und im Hintergrund ist das Meer zu sehen.

Olivier Bourdin

Das Bild zeigt eine Gruppe von Menschen, die an einem Sandstrand stehen, mit verschiedenen Ausrüstungsgegenständen und einer Schubkarre in der Nähe.

Am Plage des Sables Blancs: Olivier Bourdin und sein Team bei der Arbeit

Künstliche Sandbänke

Eine Bucht weiter, in Locquirec, am Plage des Sables Blancs, steht Olivier Bourdin im frischen Herbstwind. Hinter der Düne lugen ein paar Schieferdächer hervor. Der Mittfünfziger ist Ingenieur und Co-Gründer des französischen Start-ups Wavetech. Er will die Erosion mit einer speziellen Erfindung aufhalten. Fachmännisch beäugt er die auf einer Plane ausgebreiteten Instrumente. Alles ist bereit für den Test. Mit großen aufblasbaren Luftkissen, die er in zwei bis fünf Metern Tiefe und bis zu einhundert Meter vom Strand entfernt im Sand verbuddelt, erzeugt er künstliche Sandbänke. Diese lassen sich – je nach Stärke der Strömung – erhöhen oder absenken, um die Verteilung des Sands zu steuern. Dabei werde dann kontinuierlich Sand an den Strand gespült und ein Puffer aufgebaut, sagt Bourdin. Sensoren am Kissen ermitteln Werte zu Strömung und Gezeiten und funken ihm die Werte digital zu. Stimmt der Zeitpunkt, pumpt er das mit einem Unterwasserkabel versehene Kissen per Kompressor am Strand auf. Ins Ökosystem greife Wavetech damit nicht ein, sagt Bourdin. „Sandbänke formieren sich natürlich. Mit unseren Luftkissen schaffen wir nur neue Sandbänke am richtigen Ort, wo sie nützlich sind und den Sand Richtung Ufer transportieren.“

Nicolas Le Dantec ist Wissenschaftler am europäischen Meeresinstitut der Universität Brest und erforscht seit Jahren Küstenerosionen, besonders in der Bretagne. Seiner Ansicht nach kann die Entwicklung des Start-ups lediglich helfen, etwas Zeit zu gewinnen. „Ich zweifle daran, dass ein technisches System sich gegen natürliche Küstendynamiken durchsetzen kann“, sagt er. Denn die Entwicklung der Küstenlinie hänge von der verfügbaren Sedimentmenge ab. Sprich: Mit Sand bewege sich die Küste, ohne ihn verschwinde sie. Es gebe jedoch bereits zu wenig Sediment – und die Technik werde kein neues erzeugen.

Olivier Bourdin glaubt dennoch an sein Produkt. Er wirkt auch nicht wie jemand, der aus dem Bauch heraus Entscheidungen trifft. Er hat diverse Firmen gegründet und verkauft, lebte zuletzt zwischen London und Bordeaux. Für Geld steht er morgens nicht mehr auf. Zum Surfen allerdings schon. Doch ohne Strand kein Surfen. „Geld brauche ich nicht mehr, aber meinen Strand, den will ich behalten“, sagt er und lacht.

Vor ein paar Jahren stand er mit seinem Surfbrett in der südenglischen Grafschaft Cornwall und fragte sich, ob man Sandbänke nicht künstlich erzeugen könne. „Vor uns hat das noch keiner untersucht.“ Die ersten Tests machte er am Imperial College in London. Es folgten finanzielle Unterstützung durch Friends and Family, Fördergelder aus Großbritannien, Frankreich und von der EU. In fünf Jahren gaben seine drei Co-Gründer und er etwa 600.000 Euro aus.

„In Zukunft wollen wir unsere Technik an Wasserbauunternehmen auf der ganzen Welt verkaufen, die die Anlagen dann auch betreiben“, sagt Mitgründer Javier Gonzalez Helly. Er ist 54 Jahre alt und hat in seiner Laufbahn verschiedene Fintechs und KI-Firmen an den Start gebracht. Auch er ist bei Wavetech aus voller Überzeugung. Das Unternehmen will künftig nur noch die Software überwachen. Denn das Ziel ist es, das Aufblasen und das Entleeren der künstlichen Sandbänke mithilfe von KI zu automatisieren.

Auch Strom sollen die Kissen in fünf bis zehn Jahren erzeugen können. Denn ihr Material lädt sich elektrisch auf, wenn auf dieses etwa durch den Wellengang Druck ausgeübt wird. „Davon könnten Offshore-Plattformen oder Inseln, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind, aber auch die Kommunen an den Küsten profitieren“, sagt Gonzalez Helly.

Ein Mann in einer schwarzen Jacke läuft an einem Sandstrand entlang, im Hintergrund sind das Meer und der bewölkte Himmel zu sehen.

Javier G. Helly, einer der vier Gründer.

Das Bild zeigt eine Strandszene mit drei gelben Stangen, die aus dem nassen Sand nahe der Wasserkante herausragen.

Messlatten am Strand zeigen an, ob die verbuddelten Kissen die Sand-Erosion aufhalten

Sand ist keine Lösung

Für die Kommunen wird die Küstenerosion zunehmend zum Problem. Am Atlantik musste neben Geschäften bereits ein ganzer Apartmentkomplex schließen, am Mittelmeer liegen 25 Prozent des größten Feuchtgebiets Frankreichs, die Camargue, unter dem Meeresspiegel. Viele Kommunen versuchen sich mit Wellenbrechern oder Aufschüttungen vor den hungrigen Wellen zu schützen. Doch das ist teuer. In Frankreich kostet der Kubikmeter Sand etwa zehn Euro.

Die Wiederaufschüttung von Stränden ist auch schlecht für die Umwelt. Denn das Sediment wird meist offshore, also in dem Lebensraum von Korallen und Plankton, entnommen. Dabei wird auch im Meeresboden gebundenes Kohlendioxid freigesetzt. 2010 rechnete die Internationale Vereinigung der Baggerunternehmen aus, dass für die Wiederherstellung eines 250 Meter breiten und einen Kilometer langen Strandes – je nachdem, ob der Sand offshore oder im Bergbau abgebaut wird – etwa 1.445 Tonnen CO2 beziehungsweise 11.000 Tonnen CO2 emittiert werden. Das entspräche ungefähr 380 oder 2.900 Hin- und Rückflügen Frankfurt – New York. „Mit dem Klimawandel und dem Anstieg des Meeresspiegels wird die Erosion noch verstärkt“, sagt der Wissenschaftler Nicolas Le Dantec.

Das Produkt von Wavetech ist billiger und umweltfreundlicher als das Aufschütten. Das vier mal zwei Meter große Luftkissen aufzublasen benötigt etwa so viel Energie, wie ein Toaster für eine Scheibe Brot braucht. Den Proof of Concept hat das Team schon vor vier Jahren in einem Wasserkanal erbracht. Auch chinesische Wissenschaftler haben die Machbarkeit des Ansatzes in einer Untersuchung bestätigt. Mit Tests, wie hier am Strand in Locquirec, entwickeln die Gründer ihre Erfindung weiter. Damit diese möglichst bald zum Einsatz kommt, suchen sie eine Partnerkommune. Kostenpunkt: mehrere Zehntausend Euro. Zur weiteren Finanzierung hat das Team in den vergangenen Wochen ein Crowdfunding gestartet. ---