Keine Musik mehr für Generationen
AI killed the Spotify Star
Nichts lieben Menschen mehr als sich selbst. Dass künstliche Intelligenz unsere Egozentrik bedient, hat ungeahnte Folgen.
Henning Beck, 42,
ist Neurowissenschaftler, Biochemiker und Autor. Er ist regelmäßig in den USA und berichtet über die aktuellen Trends der Tech-Szene.
• Vor einigen Monaten stand ich in einem der berühmtesten Viertel San Franciscos: in Haight-Ashbury, der Wiege der Hippie-Kultur. Hier begann, was in die Kulturrevolution der späten Sechzigerjahre mündete. Vor allem musikalisch. Ich stand neben den Häusern, in denen Janis Joplin und die Bandmitglieder von Jefferson Airplane lebten, die mit ihrem Sound die Gegenkultur des Summer of Love prägten. Heute sind die Straßen voller Retro-Shops, in denen man Schlaghosen kaufen kann und Songs von Grateful Dead zu hören sind.
Wie sich die Zeiten ändern! Heutige Protestbewegungen singen keine Lieder mehr. Bei Kundgebungen der Bewegung Fridays for Future wurden Parolen skandiert, es wurde gebrüllt, aber nicht gesungen. Dagegen erzeugten so gut wie alle früheren Protestbewegungen ein Zusammengehörigkeitsgefühl durch gemeinsame Lieder: gegen das Waldsterben, für den Frieden, gegen die Atomkraft, für die friedliche Revolution von 1989. Die Mauer wäre vermutlich auch ohne David Hasselhoff und die Scorpions gefallen – aber weniger schön.
Was ist passiert, dass Musik heute nicht mehr die identitätsstiftende Kraft von früher hat? Wer Radio hört, merkt die Veränderung. Dort laufen die größten Hits der Sechziger, Siebziger, Achtziger, Neunziger und dann noch irgendwas von heute. Seit dem Jahrtausendwechsel kamen erst Social Media und dann Streaming, und damit änderte sich die Art, wie Menschen Musik konsumieren. Früher hörten alle mehr oder weniger die gleichen Lieder. Heute hat jede Kleingruppe ihre eigene Playlist auf den Ohren. Früher konnte ein Klang Generationen prägen. Heute hat jeder Schulhof einen anderen angesagten Rapper.
Dass es noch popkulturelle Singularitäten wie Taylor Swift gibt, widerspricht diesem Trend nicht. Im Gegenteil: Ihre Musik vermittelt genau die notwendige Beliebigkeit, um in viele Richtungen maximal anschlussfähig zu sein, ohne ein genreprägendes Vermächtnis zu hinterlassen.
Zwar gab es auch schon in den Achtzigern popkulturelle Gruppen: Punker, Popper, New Wave. Doch heute sind sie viel kleinteiliger geworden. Gemeinsam mit dem Musikstreaminganbieter Deezer und der Cornell University in Ithaca wertete eine Forschergruppe des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik im Juni 2025 die Streamingdaten von 2,5 Millionen Nutzern aus Frankreich, aus Brasilien und Deutschland aus. Ergebnis der 250 Millionen Hörprotokolle: In den Großstädten unterscheiden sich die Playlists immer weiter voneinander. Der Musikgeschmack ist fragmentierter denn je. Deshalb wird es in 20 Jahren vermutlich keine Retro-Shows über die 2010er-Jahre geben. Es fehlen die epochenprägenden Sounds.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Sichtbarkeit in Zeiten von KI