Derrick Keens, Natasha A. Kelly, Günther Krabbenhöft, Eugen Wassiliwizky, Clara Lösel und Balea Scarleg
Was ist schön?
Sechs Menschen, sechs Antworten.
Fotografie: Hanna Lenz
Derrick (genannt Del) Keens, 58,
ist Inhaber der Agentur Misfit Models, die er vom schleswig-holsteinischen Fitzen aus managt. Der Brite war Paketbote in London, als ihn vor rund 30 Jahren der Modefotograf David Sims auf der Straße entdeckte. So begann Keens’ Modelkarriere. Er wurde für Kampagnen von Marken wie Calvin Klein, Renault und Levis gebucht, weil er mit seinen Tränensäcken, Segelohren und schiefen Zähnen sehr eigen aussah. Vermarktet wurde er von einer Agentur namens Ugly Models.
Im Jahr 2006 zog Keens wegen einer Frau nach Deutschland, bekam hier allerdings keine Engagements. Er fand nicht einmal eine Agentur, die Typen wie ihn vermittelte. Also gründete er selbst eine. Heute führt er mehrere Hundert Models in seiner Kartei – von Personen mit Prothesen oder Albinismus bis zu Kleinwüchsigen ist alles vertreten, was aus der Norm fällt.
„Schönheit interessiert mich nicht. Ich bin ein Individuum. Ich versuche aus meinem Leben das Beste zu machen. Botox, die neueste Mode, operierte Nasen, das ist nicht das Leben. Das ist der Spleen langweiliger Menschen, die zu viel Geld haben und das dafür ausgeben, irgendwelchen Idealen zu entsprechen.
Manche Leute werten mich wegen meines Aussehens ab. Die setzen sich im Bus nicht auf den Platz neben mir, weil sie denken, dass ich ein Idiot bin, dem sie lieber nicht zu nahe kommen wollen. Als ich einmal ein Casting in Düsseldorf hatte und in einem schicken Hotel untergebracht war, wurde ich vom Personal angesprochen: was ich hier zu suchen hätte. Die hatten das Gefühl, dass ich da nicht hingehöre, nur wegen meines Aussehens. Es läuft fast immer so: Erst wollen die Leute nichts mit mir zu tun haben. Und wenn sie erfahren, wer ich bin und was ich mache, wollen sie immer mehr wissen. Dann sind sie fasziniert von mir.“
Fotografie: Sebastian Lock
Natasha A. Kelly, 52,
ist Professorin für Global African Arts und wissenschaftliche Leiterin des Iwalewahauses, einem Zentrum für zeitgenössische afrikanische Kunst, an der Universität Bayreuth. In eurozentrischer Perspektive gilt afrikanische Kunst oft als primitiv, Schwarze Körper werden klischeehaft mit Exotik, Wildheit und Hypersexualität assoziiert. Kelly, die karibische Vorfahren hat, setzt dem eine andere Erzählung entgegen.
Eines ihrer bekanntesten Projekte ist eine Reaktion auf das im Jahr 1911 entstandene Gemälde „Schlafende Milli“ des expressionistischen Malers Ernst Ludwig Kirchner. Die Hintergründe des Werks wurden von Kunsthistorikern detailliert analysiert, nur die Schwarze Frau, die Kirchner Modell stand, blieb weitgehend unerforscht. Kelly begab sich auf Recherche und dokumentierte ihre Ergebnisse in einer Installation an der Kunsthalle Bremen, die heute Teil der Dauerausstellung ist.
„Die allgemeine Vorstellung von Schönheit spiegelt die bestehenden Machtverhältnisse wider. Seit Jahrhunderten ist das europäische Ideal vorherrschend. Weiße Haut, glatte Haare und bestimmte Gesichtsproportionen werden mit Reinheit, Wohlstand und Wert verknüpft.
Seit der Kolonialzeit fühlen sich Schwarze Menschen verpflichtet, sich diesem Ideal anzupassen. Wer ihm am nächsten kommt, erhält Privilegien. Wer stark abweicht, erleidet Gewalt. Bis heute wird dieses europäische Schönheitsideal durch Medien, Kultur, die Mode- und die Kosmetikindustrie vertreten. Es hat auch mich geprägt. Ich bin als Schwarzes Mädchen in Deutschland groß geworden. In der Pubertät fand ich mich hässlich, wegen meines dunklen Hauttons, meiner breiten Nase und weil meine Haare nach oben statt nach unten wachsen. Ich habe meine african Features verdammt und mir die Haare chemisch geglättet. Erst als ich mich im Studium mit meinen afrodiasporischen Wurzeln beschäftigte, begann ich, mein Mindset zu verändern. Ich habe dann meine Haare abrasiert, um sie neu wachsen zu lassen, nach oben, wie es ihrer Natur entspricht. Meine Haare, meine Haut, meine Nase – heute weiß ich, das bin alles ich. Und ich finde mich genau richtig so.“
Fotografie: Marzena Skubatz
Günther Krabbenhöft, 81,
träumte als Jugendlicher davon, Designer zu werden. Sein Vater aber hatte andere Vorstellungen, und so wurde er Koch. In der niedersächsischen Provinz, in der er aufwuchs, hatte Krabbenhöft lange das Gefühl, nicht dazuzugehören. 1968 zog er nach Berlin, wo er heiratete und Vater einer Tochter wurde, bevor er mit 35 sein homosexuelles Coming-out hatte. Heute ist er in der Hauptstadt als Stilikone bekannt, die dem Alter trotzt und ausgiebig in Technoklubs wie dem Berghain tanzt. Auf der Straße wird er nahezu täglich für seine auffallend elegante Kleidung von jungen Leuten gefeiert.
„Ich liebe das Schöne. Ich kann nicht erklären, was es ausmacht. Ich merke nur, dass es mich berührt. Oft ist es ein Detail, ein Lächeln oder eine bestimmte Art der Bewegung.
Viele junge Menschen lassen sich heute operieren, um makellos zu sein. Makellosigkeit ist für mich nicht das Wesen von Schönheit. Ich verstehe aber, dass man einem Ideal nacheifert. Das tue ich auch. Die Hollywoodstars im Kino der Fünfziger- und Sechzigerjahre haben es mir angetan. Leute wie Cary Grant oder Clark Gable, die hatten Klasse und haben mich inspiriert. Ich trage nicht immer Anzug, aber stilvoll soll es sein. Das tut mir einfach gut.
Das ist auch der Grund, warum ich nach dem Aufstehen so gerne in den Morgenmantel schlüpfe, den ich mir habe schneidern lassen. Ein Prachtstück, blau mit silberfarbenen Ornamenten, der Kragen und die Manschetten aus Samt. Wenn ich damit in der Frühe auf dem Balkon stehe, tief einatme und die Stille genieße, feiere ich das Leben. Dann fühle ich mich so stimmig und schön, wie ich es in meiner ganzen Jugend nicht getan habe.“
Fotografie: Michael Hudler
Eugen Wassiliwizky, 41,
arbeitet als Neuropsychologe am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. Er ist Hauptautor einer Studie, die im Mai dieses Jahres erschienen ist und großes Aufsehen erregt hat. Demnach werden die Gesichter von Frauen weltweit als attraktiver bewertet als die Gesichter von Männern. Mehr als 28.000 Menschen nahmen an der Untersuchung teil und bewerteten dabei fast 17.000 Porträts, die ihnen auf dem Bildschirm angezeigt wurden.
„Die Tatsache, dass Frauen von beiden Geschlechtern und über alle Kulturen, Altersklassen und sexuelle Orientierungen hinweg als attraktiver bewertet werden, spricht dafür, dass Attraktivität zumindest teilweise auf biologischen Faktoren beruht. Drei dieser Faktoren kennen wir aus früherer Forschung. Erstens das Alter. Je älter ein Gesicht, desto geringer wird seine Attraktivität bewertet. Zweitens die Durchschnittlichkeit. Bildet man aus 100 Porträts ein Durchschnittsgesicht, wird dieses als überdurchschnittlich attraktiv wahrgenommen. Je stärker ein einzelnes Gesicht von diesem Durchschnitt abweicht, desto geringer fällt seine Bewertung aus. Der dritte Faktor ist die sogenannte strukturelle Geschlechtstypikalität. Frauen mit typisch weiblichen Zügen, zum Beispiel einem eher ovalen Gesicht und großen Augen, gelten als überdurchschnittlich attraktiv, ebenso Männer mit typisch männlichen Merkmalen, etwa einer eher rechteckigen Gesichtsform und einem breiten Kinn. Das sind stabile Faktoren, denen man sich nicht entziehen kann. Sie allein können Attraktivität jedoch nicht vollständig erklären. Es muss weitere Faktoren geben, die wir bislang nicht kennen.“
Fotografie: Luise Blumstengel
Clara Lösel, 27,
bezeichnet sich als Poetry-Artist und wurde bekannt, als sie im November 2023 begann, 100 Tage lang jeden Tag ein Gedicht auf Instagram zu posten. Sie schreibt unter anderem über Liebeskummer, mentale Gesundheit, Selbstzweifel und ungesunde Schönheitsideale. Mit ihrem Gedicht „Federleichter Körper“, in dem es ums Kalorienzählen und um Mobbing geht, hat sie in den sozialen Medien ein Millionenpublikum erreicht. Sie gibt sich bewusst verletzlich und sendet die Botschaft: Du bist damit nicht allein. Im Oktober erscheint ihr zweites Buch mit dem Titel „Ich dachte, sowas fühl nur ich“. Im Oktober 2026 und im Mai / Juni 2027 geht sie damit auf Livetour.
„Ich hasse unsere Schönheitsideale, trotzdem kann ich mich nicht von ihnen frei machen. Ich bin leider nicht immun gegen die Wirkung der perfekt bearbeiteten Bilder, mit denen wir jeden Tag auf Social Media konfrontiert werden. Ich weiß zwar, dass kein Mensch wirklich so aussieht. Aber das hilft leider nicht, die Bilder üben trotzdem Druck aus.
Als Jugendliche hatte ich mehr Themen mit meinem Körper. Inzwischen bin ich mehr confident. Ich versuche auch, ein Stück weit gegen das Schönheitsdiktat anzuarbeiten. Ich habe mich auf Social Media schon mit Pickeln gezeigt, ungeschminkt, weinend. Es gibt aber auch heute noch Tage, da fällt es mir superschwer, ein Video von mir zu drehen, weil ich nicht in mein Gesicht schauen mag.
Ich liebe meinen Job. Aber es geht dabei sehr viel um mich, und zu viel Ich-Zentriertheit tut keinem Menschen gut. Darum fühle ich mich auch so wohl, wenn ich zum Beispiel für mein Ehrenamt ins Altersheim komme und mich mit den Menschen dort beschäftige. Da ist es egal, wie ich aussehe. Und es wird auch nicht alles an mir kommentiert. Da bin ich richtig happy.“
Fotografie: Marzena Skubatz
Balea Scarleg (BÜRGERLICH Maria Spallek), 36,
gestaltet ihren Körper immer wieder neu und lässt dabei kaum eine Partie aus. Neben zahlreichen Tattoos und Piercings hat sie derzeit einen durch die Injektion von Tinte schwarz gefärbten Augapfel, eine gespaltene Zunge, keine Ohrläppchen mehr, operierte Brüste, gefärbte Haare und mehrere Brandings und Cuttings an den Beinen. Beruflich war die Berlinerin als Teamleiterin in einem Callcenter tätig, bevor sie in die Erotikbranche wechselte – als Pornodarstellerin und Escortdame.
„Äußere Merkmale, von denen ich pauschal sagen könnte, dass sie für mich Schönheit ausmachen, gibt es nicht. Das mag paradox klingen, weil ich ständig Eingriffe an meinem Körper machen lasse. Aber dabei geht es nicht darum, einem Schönheitsideal nachzueifern.
Mein Aussehen langweilt mich schnell. Ich bin impulsiv, und wenn ich Lust auf was Neues habe, setze ich es sofort um. In meiner Wohnung genauso wie an meinem Körper. Zuletzt habe ich mir Augenbrauen tätowieren lassen. Ich habe vor Schmerzen geweint, wie immer beim Tätowieren. Aber ich ziehe das durch, weil ich weiß, dass mir gerade die Veränderungen, die mir viel abverlangen, die größte Freude bereiten. Ich finde Menschen schön, denen man anmerkt, dass sie sich um sich kümmern und ein gutes Team mit ihrem Körper bilden.“ ---
