Wahnsinnig schön
Affenhoden und Arsen – eine kleine Kulturgeschichte des Schönheitswahns.
• Krankheit, Alter, Tod und Regen im Urlaub – manche Dinge im Leben lassen sich einfach nicht ändern. Seit Urzeiten nestelt der Mensch daher im Dienste der Schönheit an sich selbst herum, um wenigstens etwas in der Welt zu bewirken. Ob faultierlange Fingernägel, Lippen wie Walkadaver oder eine wie mit dem Bajonett gezogene Haarlinie vor lichtem Hinterland: Ein bisschen spinnen wir wohl alle, wenn’s um das Äußere geht. Doch erhellender als der Griff an die eigene Mang-Nase ist noch der Blick auf die anderen: historische Selbstgeißelungen im Zeichen der Schönheit. Oder was man dafür hielt.
Zu den ältesten Techniken zählt das Modellieren der Zähne. Erste Funde aus der Toskana sind gut 13.000 Jahre alt, wobei der genaue Nutzen nicht überliefert ist. Sicher ist, der Zahntrend ging um die ganze Welt. In Taiwan zog man jahrtausendelang gesunde Zähne, da gezielte Lücken im Gebiss als schick galten. Die Maya bohrten ihren Kindern Löcher in die Zähne, um kostbare Jadesteine einzulassen. Daran erinnern heutige Zahnglitzersteinchen, die zwar weniger kostbar sind, dafür aber dank moderner Klebemittel schonender aufgebracht werden können. Um Ansehen geht es in beiden Fällen. Ebenso wie bei den Wikingern, die sich mit Eisenfeilen waagerechte Rillen in die Frontzähne frästen, um cool voreinander zu wirken. Ein Brauch, den heute mancher Provinzakademiker aufleben lässt, indem er sich pünktlich zum Umzug in die Hauptstadt goldene Zahnverblendungen (Grillz) aufsteckt, so als hätte er die Hauer im Straßenkampf verloren. Hat er aber nicht. Und echtes Gold ist es auch nicht.
Noch nicht wieder in Mode gekommen ist hingegen das Schädelformen. Oder besser: das Schädelverformen. Dabei wird der Kopf eines Säuglings durch strammes Wickeln, teils mit Holzlatten, auf Lebenszeit deformiert. Die Technik war so beliebt, dass sie auf fast allen Kontinenten praktiziert wurde. Die ersten Funde sind gut 12.000 Jahre alt und wurden in den Provinzen Jilin und Savona ausgegraben. Der eine Fundort liegt im äußersten Nordosten Chinas, der andere an der italienischen Palmenriviera. Unwahrscheinlich, dass die beiden verformten Neolithiker im gleichen Fußballklub gespielt haben. Entsprechend variiert die Zielform regional. Den Maya etwa galt ein Kopf in Form eines Maiskolbens als Zeichen edler Abstammung. Dementsprechend ambitioniert wurde dort gewickelt, bisweilen starb das Kind dabei. Untergegangen ist diese Zivilisation zwar aus anderen Gründen, aber geholfen hat die Sache vermutlich auch nicht. Heute ist diese Praxis weitestgehend ausgestorben.
Foto: © Igor Kovalchuk /Alamy Stock Photo
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