Schönheitsbehandlungen
Unter die Haut
Nach dem Hautkrebs-Screening noch Botox gegen die Zornesfalten spritzen – bei Dermatologen verschwimmt die Grenze zwischen Medizin und Ästhetik.
• Das Gift kommt in winzigen Dosen. Injiziert wird es mit einer hauchdünnen Nadel, zwischen die Augenbrauen und darüber. Schauen Sie noch mal streng, heißt es dann, und locker lassen! Danach dringt das Botolinumtoxin langsam in den Muskel. Es hemmt die Übertragung von Nervenimpulsen, entspannt den Muskel, lähmt ihn. Die Haut darüber knautscht nicht mehr. Vier Tage später ist die Zornesfalte weg.
„Botox ist schneller als der Anwalt“, sagt Tanja Fischer, 55. Die Fachärztin für Dermatologie kommt aus der Hautkrebsforschung. Sie leitet ein Haut- und Laserzentrum, gegründet vor mehr als 20 Jahren, als man im Sommer von „gesunder Bräune“ sprach und Hautkrebs-Screening noch keine Kassenleistung war. Vier Standorte in Berlin und Potsdam, 30 Ärztinnen und Ärzte, mehr als 100 Angestellte. Hautkrebs ist weiterhin ihr Schwerpunkt, 20 Prozent ihres Praxisalltags aber dienen der Schönheit. Mittels Botox, Hyaluron und Laserbehandlungen.
Volle Lippen, definierte Konturen, faltenfreies Gesicht: Immer mehr Menschen wollen ihr Aussehen durch minimalinvasive Verfahren verbessern und dafür vor allem den Alterungsprozess der Haut aufhalten, zumindest ein bisschen. Spritzen, lasern, liften – Hautärzte behandeln längst nicht mehr nur Akne, Schuppenflechte und Hautkrebs, sondern bedienen immer öfter die ästhetischen Wünsche ihrer Kundinnen und Kunden.
Die Haut ist das größte und schwerste Organ des Menschen. Sie ist Schutzschicht gegen Krankheiten, Regulatorin bei Hitze und Kälte, Zeugnis von Alter und Lifestyle. Rote Flecken vor Aufregung, Lachfalten an den Augen, Dehnungsstreifen nach der Schwangerschaft: Die Haut gilt als Spiegelbild der Seele und der körperlichen Verfassung.
Und irgendwann wirft sie sich in Falten. Vom 25. Lebensjahr an verliert die Haut an Spannkraft. Sie leiert aus, sagt Fischer. Und das mache viel mit der Psyche, mit dem Selbstwertgefühl.
Fischer bearbeitet die Haut ihrer Patienten mit einem Laser, entfernt rote Flecken, braune Flecken. Es sei, sagt sie, als würde man mit einem Bimsstein drübergehen. Die Hitze des Lasers soll die hauteigene Kollagenproduktion ankurbeln. Großflächig und intensiv angewandt heißt das: „Sie schwellen an wie ein Ballon, sind zehn Tage blutig und krustig“, sagt Fischer. Hinterher seien Hautkrebsvorstufen weg, die Haut straff und das Gesicht zehn Jahre jünger.
Die Ärztin profitiert von der wachsenden Nachfrage nach Schönheitsbehandlungen. Lasern ist nur das eine. Hyaluronfiller, sogenannte Biostimulatoren und Botox sind das andere. Vor allem Botox. Diese Behandlung ist die beliebteste. Im Jahr 2024 gab es laut der International Society of Aesthetic Plastic Surgery (ISAPS) in Deutschland mehr als 361.000 Botox- und knapp 222.000 Hyaluron-Behandlungen. Nur zehn Jahre zuvor waren es rund 130.000 Botox- und mehr als 96.000 Hyaluron-Behandlungen.
Auch auf Social Media zeigt sich der Trend. „Hi, ich bin Doktor Emi, ich bin Dermatologin, und ich werde ständig gefragt, was ich tue, um so strahlende Haut zu bekommen“, sagt Emi Arpa in einem Instagram-Video. Sie trägt Jeans und Shirt, die Haare glatt, die Haut makellos. Sie schaut die Mineralwasserflasche in ihrer Hand an und verrät ihr Beauty-Geheimnis: „Botox, Filler, CO2-Laser, Radiofrequenz-Needling, Hydrafacial, noch ein paar andere chemische Peelings und … natürlich Wasser!“
Arpa, 36, ist wahrscheinlich Deutschlands bekannteste Hautärztin, soziale Medien sind ihre Bühne. Dr. Emi nennt sie sich dort, und: not your ordinary dermatologist. Mehr als 670.000 Follower hat sie auf Instagram, eine Praxis in Berlin, eine eigene Hautpflegemarke, 60 Angestellte. Der Jahresumsatz: siebenstellig. Genauso selbstverständlich wie die Fachärztin für Dermatologie online darüber spricht, warum der Lichtschutzfaktor wichtig ist, warum die Darmgesundheit der Haut hilft und Kürbiskernöl gegen Haarausfall, erklärt sie auch, wie man die Nasolabialfalte zwischen Nasenflügel und Mundwinkel unterspritzt.
In einem Video sieht man sie im Arztkittel in ihrer Praxis, im Behandlungszimmer wartet eine Patientin auf ihre Unterspritzung, und in einem anderen Posting schreibt Arpa: „Ich liebe Botox“. Sie bringt beides zusammen: medizinische Fachbegriffe, wissenschaftliche Evidenz und „Ich als Hautärztin empfehle …“ einerseits, morgendliche Pflegeroutine, die Vorteile des Lasers und die richtigen Einstichstellen fürs Botox andererseits.
Auf Presseanfragen gibt Arpa nicht viel preis. Anfänglich sei sie belächelt worden, für Social Media, ihr Auftreten dort. Heute sähen Kollegen, dass Aufklärung in den sozialen Medien einen Mehrwert biete und Ästhetik ein anspruchsvolles medizinisches Fachgebiet sei.
Wo hört Medizin auf, fängt Schönheit an? Die Grenzen sind fließend. Beispiel Alterswarze. Die Dermatologin klärt, ob es sich um Hautkrebs handelt, gibt Entwarnung. Das ist der medizinische Teil. Der Patient möchte die Warze trotzdem nicht behalten, lässt sie herausschneiden. Hier beginnt die ästhetische Dermatologie.
Oder Botox: In den Siebzigerjahren erstmals gegen Muskelzuckungen und Lidkrämpfe gespritzt, kann es außerdem bei Zähneknirschen, Migräne, bei Spastiken oder übermäßigem Schwitzen helfen.
Dermatologen seien nicht nur Experten für Hautkrankheiten, sondern auch für gesunde Haut und Ästhetik, sagt Julia Welzel, ehemalige Präsidentin der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und Direktorin der Klinik für Dermatologie am Uniklinikum Augsburg. Schönheitsbehandlungen seien bei den Hautärzten in guten Händen. Diese Nebentätigkeiten dürften jedoch nicht auf Kosten der Versorgung hautkranker Patienten gehen, so Wenzel.
Medizin und Ästhetik gehen für sie Hand in Hand: Tanja Fischer
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