Rabea Weihser
Geschäftsmodell Selbstzweifel
Eine neue Generation von Apps will Attraktivität objektiv messen. Aber wer bestimmt, was wir schön finden? Was hat das mit Geld und Macht zu tun? Und was zum Teufel sind „Jägeraugen“?
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 08/2026.
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• Als ich für den Wehrdienst gemustert wurde, verliebte ich mich in die junge Ärztin, die meinen Hörtest durchführte. Ich war so hin und weg, dass ich mir – strategisch in Sachen Wehrdienst eher unklug – besonders große Mühe gab, ein gutes Gehör unter Beweis zu stellen. Ihre Frage traf mich umso härter: „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, sich die Ohren chirurgisch anlegen zu lassen?“ Mit hochrotem Kopf und schwer verunsichert schlich ich in den nächsten Untersuchungsraum.
Ich hatte meine Ohren vorher nie als besonders abweichend von irgendwelchen Schönheitsidealen wahrgenommen. Mit einem Mal war das anders. Ich bekam eine erste Ahnung von einer mittlerweile gut belegten Erkenntnis: Attraktivität lohnt sich. Wer als schön wahrgenommen wird, hat es im Schnitt leichter bei der Partnersuche. Wird eher befördert. Verdient mehr Geld. Bekommt leichter Dinge verziehen. Alles empirisch untersucht. Es kann sich also lohnen, sich damit auseinanderzusetzen, was eine Gesellschaft als attraktiv empfindet. Und sich diesem Ideal dann so gut es geht anzunähern.
Die Stimme der schönen Ärztin hallte lange in meinem Jungmännerkopf nach. Heute könnte mein 18-jähriges Ich sofort eine App herunterladen, die verspricht, die eigene Attraktivität zu bewerten – und sie zu steigern. „Looksmaxxing“ nennt sich dieser Trend. Er hat inzwischen Influencer hervorgebracht, laut denen ein Leben als Mann ohne markanten Kieferknochen zwar möglich, aber sinnlos ist.
Einstiegsdroge für diese Welt sind Apps wie Umax, Looksmax AI, Ratebyfresh oder Looxup. Im Grunde funktionieren sie alle gleich. Ich lade ein Selfie von vorn und eines schräg von der Seite hoch, die App sagt, wie schön und vor allem wie maskulin ich sei. Bewertet werden Kriterien wie Wangenknochen, Kieferausprägung oder Hautqualität.
Schnell gleitet das alles ins Pseudowissenschaftliche ab. Mir wird etwa bescheinigt, ich hätte eine „neutrale Canthal-Neigung“, soll heißen: Der Winkel zwischen meinem inneren und äußeren Augenwinkel ist gerade. Und ich hätte „Hunter Eyes“, Jägeraugen, meine Augen kennzeichneten mich also als Raubtier, nicht als Beute. Noch lustiger wird es, als ich dasselbe Bild in mehreren dieser Apps hochlade und vollkommen unterschiedliche Ergebnisse erhalte. Mal bin ich eine 9,1 auf einer Zehnerskala, mal nur eine 5,8.
Allen Apps gemeinsam ist das Geschäftsmodell: Damit man überhaupt eine Auswertung bekommt, muss man ein kostenpflichtiges Abo für drei bis acht Euro pro Woche abschließen. Für Einmalzahlungen in derselben Größenordnung kann man sich KI-Bilder erstellen lassen, die einen als eine Zehn von Zehn zeigen oder mit einer Frisur, die einem angeblich besser stünde.
Damit die Kunden bei der Abo-Stange bleiben, wird ein wöchentlicher Check-in vereinbart. Prinzip: Ich soll jeden Tag 20-mal meine Zungenspitze zur Nase strecken und möglichst viel auf irgendwas herumkauen, damit mein Kiefer markanter wird. Und nächste Woche wiederkommen und mich gegen Bezahlung erneut bewerten lassen. Denn vielleicht schaffe ich es von einer 9,1 ja auf eine 9,6. Oder zumindest von einer 5,8 auf eine 6,4.
Alle Apps liefern am Ende eine Zahl, die es nach oben zu treiben gilt. So als lasse sich Schönheit auf eine einzige Metrik eindampfen.
Augenbrauen und der Affe in uns
Rabea Weihser hält wenig von dieser Weltsicht. Das wird schnell deutlich, als ich sie anrufe. Weihser hat mit „Wie wir so schön wurden“ ein Buch über das menschliche Gesicht geschrieben, und sie besteht auf einer Unterscheidung zwischen Attraktivität und Schönheit. Attraktivität sei tatsächlich bis zu einem gewissen Grad messbar, es gehe um körperliche Merkmale, die wirklich oft schon an einem Porträtfoto ablesbar seien. Verhältnis Oberlippe zu Unterlippe, Augenabstand, goldener Schnitt. Allerdings: Um zu begreifen, ob ein Mensch schön sei, müsse man ihn in Bewegung sehen, vor allem im Umgang mit anderen. Eine Zahl unter einem Selfie erfasst davon nichts.
Weihser widerspricht den Rating-Apps in einem weiteren Punkt. Diese behaupten teilweise explizit, Menschen könnten ihre eigene Attraktivität nicht beurteilen und bräuchten deshalb dringend eine objektive Einschätzung von außen. Weihser sagt: „Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen im Allgemeinen ganz gut darin sind, einzuschätzen, wie attraktiv sie auf andere wirken.“
Wie entstehen die Kriterien für das, was wir attraktiv finden oder nicht? Wie viel von unserem Geschmack ist Natur, wie viel Erziehung? Weihser hält beides für Kräfte, die ununterbrochen gegeneinander arbeiten. „Kultur ist alles, was Menschen sich ausgedacht haben, um zivilisierter zusammenzuleben“, sagt sie, „Natur das, was aus uns spricht, wenn wir gar nicht nachdenken. Und je stärker eine Gesellschaft sich zivilisiert, desto mehr überlagert das kulturelle Konstrukt die biologische Grundausstattung.“
Ganz verschwinde diese Grundausstattung aber nicht. Wir seien immer noch Menschenaffen, deren Gehirn darauf getrimmt sei, ein fremdes Gesicht in Sekundenbruchteilen einzuordnen: Freund oder Feind, gesund oder krank. Ein symmetrisches Gesicht war über Jahrtausende ein Hinweis auf Gesundheit, eine glatte, straffe Haut signalisierte Jugend und Fruchtbarkeit. Dass wir solche Merkmale bis heute attraktiv finden, ist der Teil des Affen in uns.
Über diese biologische Schicht legt sich die Mode, und an kaum etwas lässt diese sich so gut ablesen wie an Augenbrauen. Weihser erzählt von einem Experiment aus den Neunzigerjahren, in dem Versuchspersonen berühmte Gesichter deutlich schlechter erkannten, wenn man auf den Fotos die Augenbrauen entfernte. Interessanterweise sogar schlechter, als wenn die Augen fehlten.
Die Brauen sind ein wichtiger Orientierungspunkt, an dem das Gehirn ein Gesicht festmacht. Buschige Augenbrauen gelten als Zeichen von Gesundheit und Fruchtbarkeit. Trotzdem wurde die hauchdünne, hohe Mondsichelbraue immer wieder zum Schönheitssymbol. Ein modisches Statement, das der Biologie zuwider- läuft. Und als Kim Kardashian sich als eine der Ersten im Medienmainstream die Brauen blondierte, sickerte der Trend in Form passender Produkte in kürzester Zeit bis hinunter in die Drogerien.
Mode hat immer auch mit Macht zu tun. Wer Trends setzen kann, hat Macht. Weihser veranschaulicht das mit einem aktuellen Beispiel. Im Trump-Kader seien viele Frauen – von der Ministerin bis zur Pressesprecherin – auffällig ähnlich stark geschminkt, mit aufgespritzten Lippen und durch Botox geglätteter Mimik. Das viele Geld, das in dieses Aussehen fließt, wird selbst zum Statussymbol, zum sichtbaren Beleg dafür, einer bestimmten Gruppe anzugehören und sich von einer anderen abzusetzen. In diesem Fall vom linksliberalen Milieu der USA, das Barbie-Look und Schönheits-OPs tendenziell skeptisch sieht.
Aufstand statt Diät
Wie politisch Schönheit sein kann, beschreibt auch die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner von der Universität Wien, die das Buch „Riot, don’t diet!“ geschrieben hat – Aufstand statt Diät. Der Titel leuchtet mir ein: Solange Frauen sich darauf konzentrieren, Schönheitsideale zu erreichen, haben sie weniger Kapazität für politisches Engagement. Ästhetische Normen, argumentiert Lechner, hätten zudem über Jahrhunderte hinweg dazu gedient, ganze Menschengruppen abzuwerten, bis hin zur Rassenideologie.
Die kurze Phase der Bodypositivity hingegen, die alles als schön deklarierte, steht derzeit unter Druck. „Wenn man die roten Teppiche der vergangenen Monate betrachtet, dann liegt der Fokus ganz klar auf jungen, weißen, schlanken Körpern“, so Lechner gegenüber der »Süddeutschen Zeitung«. Dafür verantwortlich sei – neben den boomenden Abnehmspritzen – der Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen: „Die Vorstellung vom einzig richtigen Frauenkörper verschwimmt hier mit der vom einzig richtigen Frauenleben.“
Auch ich habe bei den Ratschlägen, die mir die Face-Rating-Apps geben, das Gefühl: Da wird eine Welt beschworen aus harten, dominanten Kerlen (mit mächtigen Kiefern) und fürsorglichen, zurückhaltenden Frauen. Eine Welt, von der wir längst glaubten, sie hinter uns gelassen zu haben.
Wird Schönheit also immer normierter? Jein. Eine Auswertung von fast 800.000 Datensätzen aus 25 Jahren Modeindustrie zeigt einerseits: Die Models sind in der Zeit vielfältiger geworden. Mehr Hautfarben, vielfältigere Herkunft. Doch der durchschnittliche Körpertyp ist nahezu unverändert geblieben und weicht weiterhin stark vom Durchschnitt der Normalbevölkerung ab. Ein bisschen Diversität an der Oberfläche also, aber letztlich sehr stabile Schönheitsnormen. Wie stabil, zeigt eine Untersuchung von »Vogue Business«: 97,6 Prozent der Models auf den Laufstegen in Paris, New York, Mailand und London trugen dort Kleidergröße 34 bis 36. Die deutsche Durchschnittsfrau ist 1,66 Meter groß, wiegt knapp 70 Kilogramm und trägt eher Größe 42 bis 44.
Manche Schönheitsmoden ändern sich im Laufe der Dekaden: Bis ins späte 19. Jahrhundert galt gebräunte Haut als Merkmal der Feldarbeit und damit der Armut. Erst in den 1920er-Jahren erklärte Coco Chanel Bräune zum Zeichen von Luxus. Und in der Gegenwart? „Heute meiden die Wohlhabenden die Sonne, aus berechtigter Angst vor Hautalterung“, sagt Rabea Weihser. „Da Bräune im Westen aber immer noch ein ästhetisches Ideal ist, greifen sie halt zum Selbstbräuner.“ In weiten Teilen Asiens gelte hingegen helle Haut als vornehm – ein Trend, der womöglich nach und nach seinen Weg nach Europa findet (mehr zu Schönheitsidealen in Korea auf Seite 70).
Was bei der Bräune ein Jahrhundert gedauert hat, geht inzwischen deutlich schneller. In den vergangenen 15 Jahren, sagt Weihser, habe sich unser Schönheitsempfinden so stark verändert wie nie zuvor. Der Grund seien die sozialen Medien, in denen sich kaum jemand so zeige, wie er wirklich aussieht. 2019 prägte die Autorin Jia Tolentino im »New Yorker« den Begriff vom „Instagram-Face“, einem über alle Plattformen hinweg präsenten Gesicht, das auf Kim Kardashian und Kylie Jenner zurückgeht und seither millionenfach kopiert wird.
Weihser zählt die Merkmale auf: lange, leicht gewellte Haare, makellose, leicht gebräunte Haut, sorgfältig gezogene Brauen, große, etwas schräg stehende Augen, eine kleine Nase, hohe Wangenknochen, volle, konturierte Lippen, ein kleines Kinn, dazu der an Kim Kardashian orientierte Körper mit schmaler Taille und ausladenden Rundungen. Ein Wesen, so Weihser, zusammengesetzt aus den Versatzstücken verschiedenster Ethnien, „ein Wolpertinger“.
Bemerkenswert ist, wie flächendeckend sich ebendieser Gesichtstyp im Netz verbreitet hat. Dort gibt es zwar auch viel mehr Möglichkeiten für Normabweichler, einander zu finden. Doch diese optische Vielfalt bleibt in den Sub-Subkulturen stecken, während die Algorithmen den Mainstream noch verstärken: Wer etwas anklickt, bekommt mehr von dem Gleichen gezeigt. Und die Content-Creator richten sich bei ihren Inhalten nach dem, was besonders viel geklickt wird.
Die Folgen beschreibt der Psychologe Claus-Christian Carbon von der Universität Bamberg so: Wer über längere Zeit stark veränderte Gesichter betrachtet, etwa solche mit deutlich vergrößerten Lippen, dessen Empfinden verschiebt sich in diese Richtung. Normale Lippen wirken plötzlich schmal. Laut Carbon können schon wenige Minuten der Betrachtung diesen Effekt auslösen, und er halte wochenlang an. Die Beauty-Filter würden danach gar nicht mehr wahrgenommen, sagt Carbon: „Dann erscheinen nicht mehr die Filter unnormal, sondern alles andere.“
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Der Siegeszug von „Bold Glamour“
Einer der raffiniertesten Schönheitsfilter ist vermutlich der „Bold Glamour“-Filter auf Tiktok. Er schönt ein Gesicht derart realistisch, dass die Veränderung kaum zu erkennen ist. „Bold Glamour“, 2023 veröffentlicht, wurde allein im ersten Monat nach seiner Veröffentlichung 16 Millionen Mal benutzt.
Einer Umfrage der Marke Dove zufolge hatten 80 Prozent der Mädchen bis zu ihrem 13. Lebensjahr bereits Filter oder Bildbearbeitung eingesetzt, um ihr Aussehen auf Fotos zu verändern. Das gefilterte Ich wird für immer mehr junge Menschen zu der ersten Version ihrer selbst, der das ungefilterte Ich hinterherläuft.
Eine Möglichkeit, diese beiden Ichs stärker zur Deckung zu bringen, sind Schönheitsoperationen. Um sie ist in der Vergangenheit die Diskussion entbrannt, ob sie eher Ausdruck von Selbstbestimmung oder von gesellschaftlichem Druck seien. Weihser ist in dieser Frage zwiegespalten. Eine wirklich freie Entscheidung hält sie kaum für möglich, wenn wir uns den fremden Blick erst einmal zu eigen gemacht haben. „Das meiste, was wir mit unserem Aussehen anstellen, tun wir für andere“, sagt sie. „Weil wir gelernt haben, dass höhere Attraktivität sich auszahlt.“
Zugleich warnt sie davor, vorschnell zu verurteilen. „Letztlich sind Wünsche nach körperlicher Veränderung und Optimierung fast immer mit einem Passing-Wunsch verbunden, also der Hoffnung, dass wir dann zu einer anderen sozialen Gruppe gehören, die mehr Privilegien hat.“ Eine Sichtweise, die einen gleich ein wenig milder stimmt. Sowohl der Influencerin gegenüber, die vor lauter Botox kein richtiges Lächeln mehr hinbekommt, als auch gegenüber den sogenannten Chads, die mit Kiefergymnastik und Vermessungs-Apps männlicher wirken wollen.
Das Kurioseste an diesem „Looksmaxxing“ ist vielleicht, dass es aus einer digitalen Subkultur stammt, in der Frauen nur als Feindbilder vorkommen: der sogenannten Incel-Szene, in der sich Männer sammeln, die unfreiwillig keinen Sex oder keine Beziehung haben und daran den Frauen und dem Feminismus die Schuld geben.
„Männer denken sich in dieser Incel-Szene aus, wie der perfekte Mann auszusehen hat, ohne je eine Frau gefragt zu haben“, sagt Weihser. Das merke man auch daran, dass Frauen ganz andere Vorstellungen von einem attraktiven Mann haben, als es viele Männer annehmen. „Lässt man in Studien die männlichen Merkmale eines Durchschnittsgesichts hoch- oder runterregeln, finden Frauen im Schnitt eine moderate Ausprägung am attraktivsten“, sagt Weihser. „Männer gehen hingegen davon aus, dass das Maximum gefragt sei.“
In meiner Jugend reichte die beiläufige Bemerkung einer Ärztin, um bei mir einen Zweifel zu säen, der noch ein paar Jahre nachwirkte. Die Jungs und jungen Männer, die heute ihren Kiefer trainieren und sich von einer App benoten lassen, müssen auf keinen solchen Zufall mehr warten. Ihr Selbstzweifel wird auf Knopfdruck immer wieder neu gesät. Eine ganze Branche lebt davon, dass junge Männer sich nie fertig fühlen. Mädchen und junge Frauen leben unter diesem Druck schon seit Jahrhunderten. Dass es jetzt auch die Männer erwischt, sollte da kein Trost sein.
Meine Ohren sind übrigens bis heute unverändert. Von den verschiedenen Rating-Apps hat sie keine einzige beanstandet.
„Wer als Zehn von Zehn geboren wird, hat es schwer“
Rabea Weihser hat eine „Biografie des Gesichts“ geschrieben. Sie stellt unter anderem die Frage: Sollten schöne Menschen mehr Steuern zahlen?
brand eins: Frau Weihser, eine These aus Ihrem Buch lautet: Sehr schöne Menschen sind nicht zu beneiden. Wieso?
Rabea Weihser: Den Gedanken habe ich vom Ästhetikforscher Winfried Menninghaus übernommen, und er leuchtet mir ein. Wer mit großer Attraktivität gesegnet ist, hat es vielleicht besonders schwer, einen guten Charakter zu entwickeln. So jemand erlebt ständig, dass er nur für sein Äußeres bewertet wird, und genießt so viele soziale Vorteile, dass sich fast automatisch Unsicherheiten und Minderwertigkeitsgefühle einschleichen.
Je schöner ein Mensch, desto stärker muss eigentlich der Charakter sein, damit er nicht völlig am Rad dreht. Menschen, die als Zehn von Zehn geboren werden, haben es richtig schwer, glücklich zu werden. Oder eine innere Schönheit zu entwickeln.
Was verstehen Sie darunter?
Beim wirklich schönen Menschen lassen sich äußere Attraktivität und innere Schönheit gar nicht trennen. Ich finde ein Bild dafür sehr anschaulich: Ein schöner Mensch ist einer, von dem wir möchten, dass all unsere Freunde ihn auch kennenlernen, weil wir ihn für eine Bereicherung halten und mögen, wie er auf die Welt und auf andere Menschen blickt. Und seien wir ehrlich: Wie oft trifft man jemanden mit so einem Charakter, der dann auch noch besonders attraktiv ist? Das ist superselten.
Laut Ihrem Buch resultieren viele Schönheitsideale aus der Technikgeschichte. Ihr liebstes Beispiel?
Der kleine, dunkle Herzmund der Stummfilmstars der Zwanzigerjahre. Damals gab es nur Schwarz-Weiß-Film, und der konnte echte Farben kaum übersetzen. Rot wurde immer als Schwarz abgebildet.
Max Factor – geboren als Maksymilian Faktorowicz, ein polnischer Immigrant in Hollywood – war am Set Maskenbildner. Er dachte sich: Wenn wir die Farbe sowieso nicht hinkriegen, nehme ich gleich Schwarz. Und wenn wir nicht den ganzen Mund ausmalen können, weil die Fettfarbe unter den heißen Scheinwerfern wegschmilzt, dann betonen wir eben nur das, was wirklich zählt: das Lippenherz. Der Legende nach hat er dann die Daumen in schwarze Pomade gedrückt und in die Mitte des Mundes gesetzt. Fertig war der Herzmund von Clara Bow und anderen Stummfilmstars.
Aus diesem Zusammenspiel von technischen Zwängen und der Frage, welche Rolle Frauen spielen sollen, sind viele Schönheitsideale entstanden.
Warum jagt heute ein ästhetischer Trend den nächsten?
Weil zu dem menschlichen Wunsch nach Verwandlung der Kapitalismus kommt, der in wahnsinniger Geschwindigkeit neue Reize setzt und ständig neue Defizite erfindet, die sich nur mit dem passenden Produkt ausmerzen lassen. Das hat sich in den vergangenen 30 Jahren enorm beschleunigt. Das ist im Grunde Fast Fashion im Kosmetikbereich.
Hinzu kommt, dass Menschen das Vorher-Nachher lieben, dieses Verwandlungstheater. Mit den Tutorials auf Youtube und Tiktok ging das richtig los: Man hat das Gefühl, man kann der Verwandlung zuschauen und sie sofort an sich selbst anwenden; man muss nur die Produkte kaufen und Zeit investieren. So entsteht eine Verkaufs- und Suchtspirale.
Face-Rating-Apps versprechen, Schönheit ganz objektiv zu vermessen. Sie lehnen das grundsätzlich ab. Warum so kompromisslos?
Weil ich das Vermessen von Menschen unheimlich finde. Solche Schablonen gibt es ja schon lange, die berühmteste ist die Phi-Maske des Gesichtschirurgen Stephen Marquardt. Er hat ein Gitternetz über attraktive Gesichter gelegt und behauptet, es passe auf jedes schöne Gesicht. Dabei hatte er einfach ein paar Modelgesichter genommen, und das waren ausschließlich europäische.
Solche Vorlagen sind also immer auch rassistisch. Diese Gesichtsvermessung dient im Grunde nur dazu, Services zu verkaufen oder Menschen zu denunzieren. Letztlich sind wir da nicht mehr weit entfernt von der Schädelvermessung der Dreißigerjahre. Diese Nähe muss man sehen, sobald wir anfangen, Menschen zu vermessen.
Was müsste sich ändern, damit wir gesünder mit Schönheit umgehen?
Wir sollten unseren Lookismus in den Griff bekommen. Der erste Blick, diese unterschwellige Bewertung, prägt unsere Wahrnehmung. Aber als zivilisierte Menschen sollten wir in der Lage sein, diesen Impuls zu hinterfragen. Das ist für mich Kultiviertheit.
Dass Menschen sich vergleichen, ist normal und wichtig für soziale Gefüge. Aber sie sollten sich nicht aufgrund ihres Aussehens vergleichen, sondern aufgrund ihrer Talente, Worte, Werte, Taten. Das fängt schon damit an, dass man Kinder nicht ständig fürs Aussehen loben sollte. Wenn man einem Mädchen immer wieder sagt, wie süß es in einem Kleid aussieht, schreibt sich ein, dass Attraktivität Teil eines Belohnungssystems ist. Je früher das beginnt, desto tiefer geht es.
Und die radikalste Idee in Ihrem Buch?
Eine echte Utopie, vielleicht auch ein bisschen bescheuert, aber denken wir sie mal durch. Es gibt das „Pretty Privilege“, das ist vielfach bewiesen: Wer besser aussieht, hat große soziale und auch finanzielle Vorteile.
Müsste es nicht eigentlich eine Luxussteuer auf Schönheit geben, weil sie einem so viel ermöglicht? ---
Rabea Weihser, geboren 1981 in Norddeutschland, studierte Musikwissenschaft und Betriebswirtschaft in Hamburg und Wien. Sie arbeitete als Redakteurin bei »Zeit Online« und leitete dort ab 2014 das Kulturressort. 2021 wurde sie Kulturdirektorin beim Basketball-Bundesligisten Alba Berlin. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin. Im Februar 2025 erschien ihr Sachbuch „Wie wir so schön wurden. Eine Biografie des Gesichts“ (Diogenes). Seit September 2025 ist sie Gastgeberin des monatlichen „Schönheitssalons“ in der Berliner Urania.





