Rabea Weihser
Geschäftsmodell Selbstzweifel
Eine neue Generation von Apps will Attraktivität objektiv messen. Aber wer bestimmt, was wir schön finden? Was hat das mit Geld und Macht zu tun? Und was zum Teufel sind „Jägeraugen“?
• Als ich für den Wehrdienst gemustert wurde, verliebte ich mich in die junge Ärztin, die meinen Hörtest durchführte. Ich war so hin und weg, dass ich mir – strategisch in Sachen Wehrdienst eher unklug – besonders große Mühe gab, ein gutes Gehör unter Beweis zu stellen. Ihre Frage traf mich umso härter: „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, sich die Ohren chirurgisch anlegen zu lassen?“ Mit hochrotem Kopf und schwer verunsichert schlich ich in den nächsten Untersuchungsraum.
Ich hatte meine Ohren vorher nie als besonders abweichend von irgendwelchen Schönheitsidealen wahrgenommen. Mit einem Mal war das anders. Ich bekam eine erste Ahnung von einer mittlerweile gut belegten Erkenntnis: Attraktivität lohnt sich. Wer als schön wahrgenommen wird, hat es im Schnitt leichter bei der Partnersuche. Wird eher befördert. Verdient mehr Geld. Bekommt leichter Dinge verziehen. Alles empirisch untersucht. Es kann sich also lohnen, sich damit auseinanderzusetzen, was eine Gesellschaft als attraktiv empfindet. Und sich diesem Ideal dann so gut es geht anzunähern.
Die Stimme der schönen Ärztin hallte lange in meinem Jungmännerkopf nach. Heute könnte mein 18-jähriges Ich sofort eine App herunterladen, die verspricht, die eigene Attraktivität zu bewerten – und sie zu steigern. „Looksmaxxing“ nennt sich dieser Trend. Er hat inzwischen Influencer hervorgebracht, laut denen ein Leben als Mann ohne markanten Kieferknochen zwar möglich, aber sinnlos ist.
Einstiegsdroge für diese Welt sind Apps wie Umax, Looksmax AI, Ratebyfresh oder Looxup. Im Grunde funktionieren sie alle gleich. Ich lade ein Selfie von vorn und eines schräg von der Seite hoch, die App sagt, wie schön und vor allem wie maskulin ich sei. Bewertet werden Kriterien wie Wangenknochen, Kieferausprägung oder Hautqualität.
Schnell gleitet das alles ins Pseudowissenschaftliche ab. Mir wird etwa bescheinigt, ich hätte eine „neutrale Canthal-Neigung“, soll heißen: Der Winkel zwischen meinem inneren und äußeren Augenwinkel ist gerade. Und ich hätte „Hunter Eyes“, Jägeraugen, meine Augen kennzeichneten mich also als Raubtier, nicht als Beute. Noch lustiger wird es, als ich dasselbe Bild in mehreren dieser Apps hochlade und vollkommen unterschiedliche Ergebnisse erhalte. Mal bin ich eine 9,1 auf einer Zehnerskala, mal nur eine 5,8.
Allen Apps gemeinsam ist das Geschäftsmodell: Damit man überhaupt eine Auswertung bekommt, muss man ein kostenpflichtiges Abo für drei bis acht Euro pro Woche abschließen. Für Einmalzahlungen in derselben Größenordnung kann man sich KI-Bilder erstellen lassen, die einen als eine Zehn von Zehn zeigen oder mit einer Frisur, die einem angeblich besser stünde.
Damit die Kunden bei der Abo-Stange bleiben, wird ein wöchentlicher Check-in vereinbart. Prinzip: Ich soll jeden Tag 20-mal meine Zungenspitze zur Nase strecken und möglichst viel auf irgendwas herumkauen, damit mein Kiefer markanter wird. Und nächste Woche wiederkommen und mich gegen Bezahlung erneut bewerten lassen. Denn vielleicht schaffe ich es von einer 9,1 ja auf eine 9,6. Oder zumindest von einer 5,8 auf eine 6,4.
Alle Apps liefern am Ende eine Zahl, die es nach oben zu treiben gilt. So als lasse sich Schönheit auf eine einzige Metrik eindampfen.
Augenbrauen und der Affe in uns
Rabea Weihser hält wenig von dieser Weltsicht. Das wird schnell deutlich, als ich sie anrufe. Weihser hat mit „Wie wir so schön wurden“ ein Buch über das menschliche Gesicht geschrieben, und sie besteht auf einer Unterscheidung zwischen Attraktivität und Schönheit. Attraktivität sei tatsächlich bis zu einem gewissen Grad messbar, es gehe um körperliche Merkmale, die wirklich oft schon an einem Porträtfoto ablesbar seien. Verhältnis Oberlippe zu Unterlippe, Augenabstand, goldener Schnitt. Allerdings: Um zu begreifen, ob ein Mensch schön sei, müsse man ihn in Bewegung sehen, vor allem im Umgang mit anderen. Eine Zahl unter einem Selfie erfasst davon nichts.
Weihser widerspricht den Rating-Apps in einem weiteren Punkt. Diese behaupten teilweise explizit, Menschen könnten ihre eigene Attraktivität nicht beurteilen und bräuchten deshalb dringend eine objektive Einschätzung von außen. Weihser sagt: „Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen im Allgemeinen ganz gut darin sind, einzuschätzen, wie attraktiv sie auf andere wirken.“
Wie entstehen die Kriterien für das, was wir attraktiv finden oder nicht? Wie viel von unserem Geschmack ist Natur, wie viel Erziehung? Weihser hält beides für Kräfte, die ununterbrochen gegeneinander arbeiten. „Kultur ist alles, was Menschen sich ausgedacht haben, um zivilisierter zusammenzuleben“, sagt sie, „Natur das, was aus uns spricht, wenn wir gar nicht nachdenken. Und je stärker eine Gesellschaft sich zivilisiert, desto mehr überlagert das kulturelle Konstrukt die biologische Grundausstattung.“
Ganz verschwinde diese Grundausstattung aber nicht. Wir seien immer noch Menschenaffen, deren Gehirn darauf getrimmt sei, ein fremdes Gesicht in Sekundenbruchteilen einzuordnen: Freund oder Feind, gesund oder krank. Ein symmetrisches Gesicht war über Jahrtausende ein Hinweis auf Gesundheit, eine glatte, straffe Haut signalisierte Jugend und Fruchtbarkeit. Dass wir solche Merkmale bis heute attraktiv finden, ist der Teil des Affen in uns.
Über diese biologische Schicht legt sich die Mode, und an kaum etwas lässt diese sich so gut ablesen wie an Augenbrauen. Weihser erzählt von einem Experiment aus den Neunzigerjahren, in dem Versuchspersonen berühmte Gesichter deutlich schlechter erkannten, wenn man auf den Fotos die Augenbrauen entfernte. Interessanterweise sogar schlechter, als wenn die Augen fehlten.
Die Brauen sind ein wichtiger Orientierungspunkt, an dem das Gehirn ein Gesicht festmacht. Buschige Augenbrauen gelten als Zeichen von Gesundheit und Fruchtbarkeit. Trotzdem wurde die hauchdünne, hohe Mondsichelbraue immer wieder zum Schönheitssymbol. Ein modisches Statement, das der Biologie zuwider- läuft. Und als Kim Kardashian sich als eine der Ersten im Medienmainstream die Brauen blondierte, sickerte der Trend in Form passender Produkte in kürzester Zeit bis hinunter in die Drogerien.
Mode hat immer auch mit Macht zu tun. Wer Trends setzen kann, hat Macht. Weihser veranschaulicht das mit einem aktuellen Beispiel. Im Trump-Kader seien viele Frauen – von der Ministerin bis zur Pressesprecherin – auffällig ähnlich stark geschminkt, mit aufgespritzten Lippen und durch Botox geglätteter Mimik. Das viele Geld, das in dieses Aussehen fließt, wird selbst zum Statussymbol, zum sichtbaren Beleg dafür, einer bestimmten Gruppe anzugehören und sich von einer anderen abzusetzen. In diesem Fall vom linksliberalen Milieu der USA, das Barbie-Look und Schönheits-OPs tendenziell skeptisch sieht.
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