Nageldesign
Der Preis der schönen Hände
Das Geschäft mit dem Nageldesign boomt. Die Sonnenseite ist ein wachsendes Gewerbe ohne Nachwuchssorgen – die Schattenseite Schwarzarbeit und Ausbeutung.
• Ob mit Farben, kleinen Zeichnungen, Glitzer oder Perlen verziert: Kunstvoll bearbeitete Fingernägel sind en vogue. Es gibt Instagram-Accounts, die sich ausschließlich den Nägeln bekannter Sängerinnen widmen. Und Nail Artists, die selbst zu Stars geworden sind. Für die Rapperin Shirin David müssen „die Nägel länger als die Shorts“ sein, ihre Kollegin Ikkimel erhebt sie zur Grundlage eines gelungenen Lebens. Und die Nägel der Sängerin Lil’ Kim sind sogar im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt.
Was ist das für ein Geschäft, das hierzulande trotz der schlechten Wirtschaftslage weiterwächst? Und warum werfen Zoll und Bundeskriminalamt ein so strenges Auge auf die Branche?
Der Markt
Ein Nagelstudio in der Hamburger Innenstadt. Von draußen drückt ungemütliche Kälte rein, die Tür steht sperrangelweit offen. Anders wäre der Gestank nach Lösungsmitteln wohl kaum zu ertragen. Die sieben Frauen und zwei Männer, die hier arbeiten, scheinen daran gewöhnt zu sein. Schweigend bearbeiten sie die Hände der Kundinnen, die währenddessen auf ihre Smartphones starren. Außer dem Surren der Schleifmaschinen, mit denen die Nägel angeraut und alte Schichten abgetragen werden, ist nichts zu hören. Auf die Frage, wie die Behandlung genau abläuft und was man bei Shellac-Nägeln (siehe Seite 82) beachten muss, antwortet der Nageldesigner nicht. Stattdessen schaut er hilfesuchend zu einer Frau am Tresen, womöglich die Inhaberin. Sie scheint die Einzige zu sein, die ein bisschen Deutsch spricht. Aber auch sie sagt nur, dass Shellac-Nägel haltbar seien, und lädt ein, für die Behandlung Platz zu nehmen. Es ist nicht die einzige Auffälligkeit dieses Salons: Die Maniküre mit dem Auftragen des Shellac in Naturfarbe, die den Nageldesigner fast eine Stunde beschäftigt, kostet hier lediglich 35 Euro. Und bezahlen kann man nur in bar.
Rund 16 Milliarden Euro, so groß soll der weltweite Umsatz mit Nagellack dieses Jahr werden. Und künftig weiterwachsen. Die führenden Hersteller sind die L’Oréal Group, Coty, Estée Lauder Companies, Revlon und Shiseido. Der Markt profitiert vom Lipstick-Effekt, dem zufolge Menschen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten auf teure Anschaffungen wie Autos oder Fernreisen verzichten, sich als Ausgleich jedoch erschwinglichere Luxusgüter wie etwa Kosmetikprodukte oder Wellnessbehandlungen gönnen.
An harte Zahlen zum Nagelstudiogewerbe zu kommen ist fast unmöglich. In den Statistiken der Verbände und Handelskammern werden Nagel- und Kosmetiksalons meist zusammen ausgewiesen. Vor zehn Jahren waren rund 50.000 solcher Salons beim Zentralverband des Deutschen Handwerks gemeldet. Ende 2023 waren es knapp 75.000. Allein in Hamburg sind derzeit 653 Kosmetiksalons registriert, die laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2024 rund 75 Millionen Euro Umsatz erwirtschafteten. Da es keine staatlich anerkannte und einheitliche Ausbildung für Nageldesigner gibt, ist die Eröffnung des eigenen Salons nur einen Gewerbescheinantrag entfernt. Der Verband der Nageldesigner Deutschland schätzt, dass es hierzulande rund 60.000 Studios gibt.
Die Gründerin des Verbands, Terri Malon, 66, ist seit mehr als 35 Jahren in der Branche. „Ich bin der Dinosaurier der Industrie“, sagt sie. „Mich können Sie nachts anrufen, und ich bete Ihnen ohne nachzudenken die Arbeitsstättenverordnung runter.“ Früher führte Malon sieben Salons, mittlerweile schult sie Studiobetreiber darin, die Vorgaben der Behörden einzuhalten.
Als sie in den Achtzigerjahren erstmals Nageldesign in Deutschland anbieten wollte – sie hatte davor in den USA eine Ausbildung zum Nail Artist absolviert –, habe es hier noch nicht mal das Material dafür gegeben. „Der Friseurgroßhandel hat mir damals geantwortet, so was führten sie nur zu Fasching.“ Also importierte Malon das Material aus den USA. Inzwischen hat Deutschland aber aufgeholt. „Wir gehen von sechs Millionen Kundinnen aus, die sich regelmäßig ihre Nägel machen lassen“, sagt Malon. „Ich bekomme oft Anfragen von Salons, die Mitarbeiter suchen. In Deutschland könnte ich derzeit sicherlich 6.000 Nageldesigner sofort vermitteln.“
Wenn man den Mindestlohn ansetzte, so Terri Malon, verdiene ein Nageldesigner in Vollzeit einen Bruttolohn von rund 2.480 Euro. Viele selbstständige Nageldesigner arbeiteten allerdings 50 bis 60 Wochenstunden und kämen damit auf ein Nettoeinkommen von rund 4.500 Euro. Im Salon seien die meisten von ihnen lediglich auf Mindestlohnbasis angestellt, jedoch zusätzlich am Umsatz beteiligt, erklärt Malon. Die Materialkosten schätzt sie monatlich auf rund 20 Prozent des Umsatzes, hinzu kommen für die Betreiber noch Miete, Nebenkosten und Versicherungen. Ein Mitglied ihres Verbandes setze mit seinen beiden Salons (insgesamt sieben Angestellte, davon drei Midijobber) in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg 35.000 Euro pro Monat um. Effizient geführte Studios, so erfährt man bei Terri Malon, können offensichtlich ein sehr einträgliches Geschäft sein.
35 Euro für eine Shellac-Neuanlage, wie es in der Innenstadt Hamburgs angeboten wird, sind in vielen Großstädten ein üblicher Preis. Doch er sollte stutzig machen.
Einen seriösen Salon erkenne man nicht nur an perfekten Nägeln, sagt Elisabeth Lipinski, auch sauber müsse er sein. Die Inhaberin eines kleinen Nagelstudios in Reinbek, einem Vorort von Hamburg, sagt, dass gute Anbieter mit professionellen Abluftsystemen, Masken, Einmalfeilen, Desinfektionsmittel und hochwertigen Materialien arbeiten. Das schlage sich auch im Preis nieder, sagt Lipinski. Eine Shellac-Neuanlage koste mindestens 45, eher 50 Euro.
2019 kündigte die Einzelhandelskauffrau ihren Job bei Aldi, investierte rund 10.000 Euro und eröffnete damit ihr Studio. Heute hat sie 90 Stammkundinnen zwischen 28 und 85 Jahren und eine Warteliste. Ihr durchschnittliches Nettoeinkommen liegt bei rund 4.500 Euro im Monat.
Die Pandemie hat das Gewerbe grundlegend verändert. Bis dahin gab es überwiegend kleine Studios, geführt von Einzelunternehmerinnen wie Lipinski, die Terminkundinnen bedienten. Nach den verordneten Schließungen hätten viele der kleinen Salons nicht mehr aufgemacht, sagt Terri Malon. In diese Lücke sei dann die vietnamesische Community gestoßen, mit großen Salons in Innenstadtlage, die sich an Laufkundschaft richten. Malon schätzt den Anteil vietnamesisch geführter Salons heute auf 80 Prozent. Sie warnt aber vor Vorurteilen. Weit über die Hälfte der Mitglieder in ihrem Verband seien Vietnamesen, die arbeiteten hart und ehrlich. Doch der Wandel öffne auch die Tür zum Missbrauch. „Regelmäßig professionell gemachte Nägel kosten 1.000 Euro im Jahr“, sagt sie. „Wenn man sich das nicht leisten kann, sollte man das nicht machen. Sonst unterstützt man womöglich ausbeuterische Strukturen.“
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