Haat
Kurier ohne Grenzen
Im arabisch geprägten Norden Israels gibt es oft weder Straßennamen noch Hausnummern. Früher konnte eine Pizzalieferung dort drei Stunden dauern. Ein Google-Mitarbeiter wollte nicht so lange warten – und gründete einen Kurierdienst, der das Problem mit Technologie löst. Heute ist Haat ein Erfolgs-Start-up, das Juden, Moslems und Christen verbindet.
Lieferziel Bundesrepublik: Haat-Chef Hasan Abasi vor dem deutschen Konsulat in Haifa
• Umm al-Fahm ist mit 60.000 Einwohnern das Zentrum des arabischen Dreiecks, einer Region in Nordisrael entlang der Grenze zum Westjordanland. In der Stadt leben fast ausschließlich Angehörige der arabischstämmigen Minderheit. Der Hügelkamm, auf dem Umm al-Fahm liegt, ist dicht bebaut mit verschachtelten Wohnhäusern. Ortsfremde orientieren sich notgedrungen an den Minaretten der Moscheen. Denn trotz der nicht geringen Einwohnerzahl haben die meisten Straßen der Stadt weder Namen noch gibt es Hausnummern.
Ungeachtet dieses Handicaps können die Menschen dort seit fünf Jahren problemlos Pizza und einige andere Waren nach Hause bestellen. Zu verdanken ist das den 5.000 Kurieren des israelischen Lieferservices Haat.
Moment mal, ein Lieferdienst, der ohne Straßennamen und Hausnummern zu seinen Kundinnen und Kunden findet – wie funktioniert das?
Die Geschichte beginnt 2018 und geht so: Der junge Google-Mitarbeiter Hasan Abasi kehrt aus Zürich zurück in seine Heimatstadt und will Pizza bestellen. Er stellt fest, dass keines der 200 Restaurants im Umkreis von 25 Kilometern einen Internetauftritt hat. Als nach drei Stunden endlich ein Kurier auftaucht, muss Abasi ihn per Telefon zu seinem Haus lotsen und erst mal Bargeld auftreiben, weil der Mann keine Kartenzahlung akzeptiert.
Abasi verspricht seiner Frau, eine bessere Lösung zu finden. Der Sohn arabischer Eltern aus der Mittelschicht wuchs in einer mehrheitlich muslimischen Stadt auf. Seine Eltern schickten ihn auf eine christliche Schule in Haifa. Dort war er der Moslem mit dem komischen arabischen Dialekt, der im Hebräischen hinterherhinkte, im Englischen sowieso. Doch Abasi fand eine Sprache, die sich um kulturelle Differenzen nicht schert – die Mathematik: „Darin war ich der Beste.“
Seine Eltern hatten sich gewünscht, dass er Medizin studiert. „Der arabische Traum“, sagt Abasi. Als er Interesse an Computern bekundete, drehte der Vater ihm den Geldhahn zu – heute betrachtet Abasi das als Geschenk. Mit Nachhilfe und McDonald’s-Schichten finanzierte er in Haifa sein Studium am renommierten Technion, bot sich als Dozent an und unterrichtete mit nur 19 Jahren in brüchigem Hebräisch ältere Studierende. Noch im ersten Studienjahr warb ihn Intel an, nach seinem Master ging er zu IBM und dann nach Zürich zu Google. Zurück in Haifa arbeitete er weiter bei dem Konzern und promovierte nebenbei. Und dann gab er all das auf. Wieder schimpfte der Vater: „Um Pizza auszuliefern?“
Tatsächlich hatte Abasi, als er 2018 mit seiner Frau nach Umm al-Fahm zurückkehrte, weder den Plan, einen Lieferdienst zu gründen, noch wollte er seine Karriere aufgeben. Sie seien müde junge Eltern gewesen, die sich nach der Unterstützung ihrer Familien sehnten, sagt er. Seine Frau studierte noch und war zum zweiten Mal schwanger. Er fühlte sich eigentlich wohl bei Google. Nur mit den langwierigen internen Abläufen dort habe er sich schwergetan.
Bei Google in Zürich hatte er zu den „Next Billion Users“ gearbeitet: Menschen, meist aus Schwellenländern, die den Anschluss an die digitale Welt suchen. In seiner Heimatstadt saß er nun selbst inmitten dieser Zielgruppe.
Zum einen gibt es in Umm al-Fahm keine Straßennamen und keine Hausnummern. Zum anderen wollen die Kundinnen und Kunden dort meist bar bezahlen. Entweder, weil sie nur über Bargeld verfügen, oder weil sie als Muslime aus religiösen Gründen Zahlungen auf Kredit ablehnen. Über Haat kann man deswegen heute selbst digitale Dienste wie das Netflix-Abo in bar bezahlen.
Haat-Motorroller
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