Dove
Was heißt schon normal?
Vor rund 20 Jahren veränderte eine Kampagne der Kosmetikmarke Dove das Bild des weiblichen Körpers in der Werbung. Hat sich das ausgezahlt? Und was ist davon geblieben?
Abbildung: © Unilever via picture-alliance / dpa
• Zum Schluss mussten die beiden Frauen die Chefs emotional unter Druck setzen. Sie hatten das Ganze mehr als ein Jahr lang vorbereitet. Hatten in Führungskräfterunden gemeinsam mit der Werbeagentur Ogilvy das Konzept entwickelt. Mit einer weltweiten repräsentativen Studie die zugrunde liegenden Annahmen überprüft.
Aber sie wussten, dass im Board-Meeting nur Männer sitzen würden, die nicht verstünden, worum es eigentlich ging. Es sei denn, man machte es ihnen sehr persönlich deutlich. Also entwickelten Angela Nelissen, damals bei Unilever Markenchefin für Dove in Europa, und Christiane Haasis, damals Leiterin des operativen Marketings des Konzerns in Europa, einen Plan. Beide grinsen sich verschwörerisch an, während sie davon erzählen. Auch mehr als 20 Jahre danach wirken sie, als würde ihnen der Coup noch immer diebische Freude bereiten.
Sie drehten vor der Sitzung heimlich – nur mit den Müttern abgestimmt – Interviews mit Töchtern der Vorstände. Darin erzählten die Mädchen, wie unwohl sie sich in ihrem Körper fühlten. Wie unzureichend, gemessen an gängigen Schönheitsidealen. Und wie sehr sie das belastete. Die Tochter eines Vorstands, damals etwa 13 Jahre alt, sagte: „Ich hasse meine große Nase. Alle in der Familie haben die.“ Der Vater war fassungslos: „Ich wusste das nicht“, soll er gesagt haben. Es heißt, in der Runde seien Tränen geflossen.
Nelissen und Haasis bekamen ihr Go. Kampagne freigegeben, Budget bewilligt. „Real Beauty“ von Dove zeigte ab 2004 erstmals in der Werbung für eine Pflegeserie statt Models echte Frauen – mit all ihren individuellen Proportionen, Rundungen und Kanten. Auf riesigen Plakaten und auf Bussen. In Magazinanzeigen und in TV-Spots. All diese Frauen, so die Botschaft, sind schön. Und du bist es auch.
Das war eine Provokation. Eine, die nachgewirkt hat. Heute stehen in Nike-Shops Schaufensterpuppen in Übergrößen, und Plus-Size-Models wie Ashley Graham zieren das Cover der »Vogue«. Das liegt nicht nur an Dove, aber für die meisten professionellen Beobachter steht fest: Es liegt vor allem an Dove.
Wobei das Schönheitsdiktat auch 20 Jahre nach der Kampagne munter fortlebt; es hat in den Zeiten von Social Media, SkinnyTok, Beauty-Filtern und KI-generierten Avataren nur neue Vehikel bekommen. Es gibt aktuell sogar einen Rückwärtstrend, der sich unter anderem auf den Laufstegen zeigt: Laut einer Analyse der Modenschauen im Herbst / Winter 2026 von »Vogue Business« waren knapp 98 Prozent aller Looks für die Kleidergrößen 32 bis 36 ausgelegt. Auch eine Umfrage von Dove aus dem Jahr 2024 ergab: Fast jede dritte Frau in Deutschland fühlt sich durch Bilder in der Werbung oder auf Social Media unter Druck, ihr Aussehen zu verändern. Selbst dann, wenn sie weiß, dass diese bearbeitet oder KI-erzeugt sind.
Trotz allem steht fest: Die Kampagne hat etwas verändert. Und jetzt erzählen Angela Nelissen und Christiane Haasis – seit 2025 nicht mehr bei Unilever, sondern mit der Markenberatung Beyond the Seen selbstständig – erstmals, wie es dazu kam.
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