August Weckermann
Die Sonne melken
In der Industrie klagt man gern über zu hohe Energiekosten. Ein Mittelständler aus dem Hochschwarzwald tut lieber etwas dagegen.
Drei mit Weitblick: die beiden Gesch.ftsführer Karl Josef Duttlinger und Sohn David Duttlinger sowie Jens Schuler, Leiter des Umweltmanagements bei August Weckermann (von links)
Kreislaufwirtschaft: Die Solarmodule (oben) erzeugen Strom. Überschüssige Energie wird genutzt, um in der Elektrolyseanlage grünen Wasserstoff herzustellen. Der kann bei Bedarf wieder in Strom verwandelt werden
• Jens Schuler ist derzeit sehr gefragt, denn ihm ist zusammen mit seinem Arbeitgeber etwas gelungen, was in diesen Krisenzeiten als Vorbild taugen könnte: Energieautarkie. „Ich bekomme beinahe täglich Anfragen und Besuchswünsche“, sagt der Leiter des Umweltmanagements bei der August Weckermann KG. Man verlange daher mittlerweile schon einen Unkostenbeitrag.
Um zu der Firma zu gelangen, die so viel Interesse weckt, muss man kurz hinter Donaueschingen über immer engere und kurvige Straßen durch den dunklen Schwarzwald fahren. Auf 1.000 Meter dann aber plötzlich grüne Wiesen und eine weite Sicht über die Hochebene Baar bis zur Schweizer Alpenkette am heute dunstigen Horizont. Hier oben befinden sich eine große Produktionshalle und ein separates Verwaltungsgebäude, auf den Dächern Solarmodule. Auch hinter der Halle glitzern Photovoltaikpaneele. Die Sonne scheint nicht nur heute reichlich, das ist ein Standortvorteil.
Der Stammsitz des Unternehmens im nahen Eisenbacher Tal ist eher schattig. Der Mittelständler mit rund 150 Beschäftigten gehört zu jenen Hidden Champions, die für den Schwarzwald typisch sind. Die Firma wurde im späten 19. Jahrhundert gegründet, wuchs mit der Uhrenindustrie und ist heute gut im Geschäft mit Dreh- und Frästeilen sowie feinwerktechnischen Komponenten. Weckermann ist Spezialist fürs Diamantieren: Ein diamantbesetztes Werkzeug trägt extrem dünne Schichten von Metalloberflächen ab und glättet sie. Diese Vorarbeit ermöglicht eine optimale Verchromung. Das schätzen Kunden wie Hansgrohe, Montblanc und anspruchsvolle Hi-Fi-Anlagenbauer. Es läuft so gut bei Weckermann, dass man 2024 Teile der Produktion hinauf in den Ortsteil Oberbränd verlegt hat.
Neue Technik vor alten Bäumen: Elektrolyseanlage im Gegenlicht
Arbeitete sich in der Firma hoch: Jens Schuler
Feinschliff: eine Diamentiermaschine in der Werkhalle
Blank poliert: Teile nach der Bearbeitung
Selbstversorgung macht unabhängig
Das Besondere hier sind große, zylindrische Wasserstofftanks sowie drei Container. Einer für die Batterien, die elektrische Energie speichern. Einer für den Elektrolyseur, der aus aufbereitetem Regenwasser und Solarstrom grünen Wasserstoff erzeugt. Und einer für die Brennstoffzellen, die aus Wasserstoff wieder Strom machen. Das sind die sichtbaren Elemente der Energiewende bei Weckermann. „Wir streben eine elektrische Autarkie von 90 Prozent an“, sagt Schuler. Über das Jahr gerechnet, wohlgemerkt, nicht nur an den Sonnentagen.
Und auch mit der Wärme gehen sie hier clever um. Weckermanns spezielle Fräs- und Drehmaschinen werden mit Strom betrieben und produzieren Abwärme. Damit die nicht verpufft wie in vielen Betrieben, leiten Wärmetauscher sie zu einer Wärmepumpe, die die Temperatur so erhöht, dass damit der Wärmebedarf des Neubaus gedeckt werden kann. Der Überschuss wird in der Löschwasserzisterne zwischengespeichert.
Am anspruchsvollsten und innovativsten ist aber die Selbstversorgung mit Strom. Schuler ist das Mastermind hinter dem Projekt. Bevor er dazu kommt, es vorzustellen, führt er einmal durch die Produktionshalle und vergisst dabei nicht, allerlei diamantierte Objekte zu zeigen – von filigranen Kleinteilen bis zu großflächigen Hi-Fi-Fronten. Der 35-Jährige stieg 2014 als Elektriker ins Unternehmen ein, bildete sich zunächst zum Techniker und dann per Fernstudium zum Wirtschaftsingenieur weiter. Ein Praktiker ist er geblieben. Er weiß genau, wie die Energie bei Weckermann fließt, ob der Elektrolyseur gerade arbeitet, wie viel Wasserstoff die Tanks füllen und ob er die Photovoltaikanlage heute zur Mittagszeit abregeln sollte, um beim Einspeisen ins Netz negative Strompreise, also Strafgebühren, zu vermeiden.
Das System, das das möglich macht – die mit zahlreichen Leitungen verbundenen Tanks und Container, eingerahmt von PV-Modulen –, hat Schuler in den vergangenen fünf Jahren erarbeitet. „Das war schon eine intensive Zeit“, sagt er rückblickend, auch weil er parallel Nachwuchs bekam.
Der Ingenieur ist stolz auf seine Anlage, trägt das aber nicht nach außen, sondern bleibt sachlich und verschweigt die Unwägbarkeiten nicht. Zum Beispiel die Frage, ob sich die Brennstoffzelle und der Elektrolyseur im Dauerbetrieb bewähren werden. Da Weckermann zu den Pionieren bei der industriellen Energiewende zählt, gibt es derzeit noch wenige Erfahrungswerte.
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe Schönheit