Sprechstunde
06 – Was soll das, Alter?
Ein Austausch zwischen den langjährigen Kollegen Wolf Lotter (Autor) und Gabriele Fischer (Chefredakteurin) über den Fortschritt und was ihn behindert.
Die demografische Entwicklung macht Menschen jenseits der 60 zu einer mächtigen Bevölkerungsgruppe. Was ist daran schlecht?
Fotovorlagen für die Zeichnungen: © André Hemstedt & Tine Reimer; © Katharina Lotter, 2021
Gabriele Fischer: Ein junger Gründer sagte mir kürzlich, das Einzige, was ihm für die Zukunft wirklich Sorgen mache, sei die Demografie. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen: Die sei lediglich bedrohlich, solange uns zum Alter nicht mehr einfalle als Rente und Pflegeversicherung.
Wolf Lotter: Die Entwicklung kennen wir seit gut 40 Jahren. Da kommt die Sorge sowieso zu spät.
Gabriele: Wir hätten viel früher damit anfangen müssen, die Älteren und die Alten als einen aktiven Teil der Gesellschaft zu begreifen. Wir pflegen – im Leben und in der Kommunikation – das Vorurteil, sie seien nicht mehr innovativ und zu nichts mehr nütze. Das ist ökonomisch wie menschlich schwachsinnig.
Wolf: Es war schon immer ein Irrglaube, dass Alte keine Ideen hätten oder nicht innovativ seien. Der Wirtschaftshistoriker David S. Landes hat eindrucksvoll beschrieben, was die Erfindung der Brille im Mittelalter auslöste: Plötzlich konnten erfahrene Handwerker, Gelehrte und Mönche über 40 deutlich länger arbeiten, auch nachdem ihre Sehkraft nachließ. Dieser Umstand hat maßgeblich zum Aufbruch der Renaissance und der Moderne geführt. Dass wir heute so alt werden, ist eine großartige Errungenschaft. Aber die Vorstellung vom Abbau – auch der geistigen Fähigkeiten – hält sich.
Gabriele: Du denkst, das steckt hinter dem Jugendwahn?
Wolf: Der Jugend entschuldigen wir alles, denn sie ist unsere Zukunft. Das stützt den Irrglauben, man habe in den Sechzigern im Arbeitsprozess nichts mehr verloren. Wenn Menschen wirklich Erfahrung gesammelt haben, sortiert man sie aus.
Gabriele: Ich fürchte, junge Menschen sehen das komplett anders. Sie fühlen sich von den Alten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dominiert, und inzwischen nützt ihnen ihre Jugend auch auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr viel: Sofern sie sich nicht für ein Handwerk entscheiden, nimmt ihnen die künstliche Intelligenz gerade die Einstiegsjobs.
Wolf: Mag sein, dass es schon mal leichter war, jung zu sein. Aber gerade wenn so viel umbricht und neu aufgebaut werden muss, wäre es doch klug, auch auf die Erfahrung und die Ideen der Älteren zu setzen.
Gabriele: Viele große Komponisten und Dichter haben ihre absoluten Meisterwerke im hohen Alter geschaffen. Der Ökonom David Galenson hat untersucht, in welchem Alter Menschen kreativ sind, und unterscheidet zwei Typen: Conceptual Innovators, die jung einen Geistesblitz haben, wie Albert Einstein oder Pablo Picasso. Und Experimental Innovators, die durch jahrzehntelanges Ausprobieren, Verwerfen und Reifen erst im Alter ihre Meisterwerke schaffen, wie Warren Buffett oder Virginia Woolf.
Wolf: Aber wenn du die Leute auf der Straße fragst, behaupten die meisten das Gegenteil. Nehmen wir Wolfgang Amadeus Mozart: Er starb 1791, mit 35 Jahren, was damals schon nicht mehr blutjung war. Alles, was wir heute hören, seine Meisterwerke, entstand in seinem letzten Lebensjahrzehnt. Trotzdem wird der Mythos des ewigen Wunderkinds aufrechterhalten.
Gabriele: Die meisten Techhelden haben ihre Unternehmen tatsächlich in ihren Zwanzigern oder früher gegründet. Galenson hat auch dazu eine Theorie: Demnach zeichnen sich die jungen Gründer von Bill Gates (gründete Microsoft mit 19) bis zum KI-Pionier Ilya Sutskever (er war 25, als er mit Alex Krizhevsky und Geoffrey Hinton ein neuronales Netz entwickelte) dadurch aus, dass sie ein Problem sehen, eine radikal neue Idee haben und diese sofort in die Tat umsetzen. Sie müssen nicht 30 Jahre lang Erfahrung sammeln, weil sie in einer völlig neuen Disziplin arbeiten, in der alte Regeln nicht gelten.
Wolf: Es gibt noch einen Grund, warum vor allem Medien und werbungtreibende Wirtschaft so massiv auf junge Leute setzen – die kaufen schneller und weniger überlegt, und das ist seit jeher das Fundament der Konsumgesellschaft. Das hat zu einer Menge Probleme geführt: geringe Qualität, Hypes, gefolgt von Preisverfall. Alles Entwicklungen, die zumindest unserem Standort schaden, der früher für Solidität bekannt war. Aber es geht ja nicht um Jung gegen Alt, sondern darum, sich auf den Wert des Könnens zu verständigen.
Gabriele: Ich bin überzeugt, dass wir unser Gemeinwesen nur retten können, wenn wir alle Generationen aktivieren. Die Alten sind nicht das Problem des Sozialstaates, sondern sein Pfund. Es würde uns unglaublich weiterbringen, wenn Jung und Alt in einer neuen Form kooperierten. Die Alten sind keine Last, sie sind eine Stütze. Sie können Dinge tun und denken, für die einem jungen Menschen schlicht die Erfahrung fehlt. Wir beiden Älteren haben einiges geschafft und müssen uns nicht mehr beweisen – das gibt doch eine enorme Freiheit, noch einmal völlig neue Dinge auszuprobieren! Am besten, gemeinsam mit jungen Leuten.
Wolf: Ich komme mit jungen Leuten gut klar, auch weil meine Themen wie Veränderung und Wissensökonomie dort auf offenere Ohren stoßen. Etablierte und Alte missverstehen jeden Wunsch nach Veränderung gern als Kritik an sich selbst. Gleichzeitig lassen sich junge Leute von billigen Konsum- und Politiktricks leichter reinlegen. Jung sieht dann alt aus. Aber das ist kein Naturgesetz. Eine meiner Lieblingszeilen aus der Popkultur ist von Bob Dylan, aus seinem Lied „My Back Pages“. Darin reflektiert er über sein jüngeres Ich und sagt: „I was so much older then, I’m younger than that now.“ Geht mir auch so. Er hat das übrigens mit Mitte 20 geschrieben. Was heißt: Es gibt kluge und dumme Leute, in jedem Alter. Generationenkonflikte sind Quatsch.
Gabriele: Aber die Jungen sind auch zu Recht genervt, wenn 80-Jährige die Welt beherrschen und politische Spitzenämter auch hierzulande bevorzugt mit Leuten um die 50 besetzt werden.
Wolf: Wohl wahr. Umgekehrt könnten sich Junge fragen, ob der Unfug, dass die Rentner so viel Geld kriegen, stimmt. Der Durchschnitt liegt bei 1.200 Euro, für die Menschen bis zu 45 Jahre lang eingezahlt haben. Beim Rentenniveau, also dem Verhältnis der Rente zum letzten Nettoeinkommen, liegt Deutschland europaweit im unteren Drittel – Beamte selbstverständlich ausgenommen. Ob die Rente mit 70 daran etwas ändert? Ich frage mich: Wie soll das gehen, bis 70 zu arbeiten, wenn den Älteren schon zehn Jahre vorher nichts mehr zugetraut wird?
Gabriele: Wir müssten den gesamten Arbeitszyklus neu konfigurieren. Wenn klar wäre: Okay, du scheidest vielleicht mit 55 aus deinem alten, festgefahrenen Job aus, aber du bekommst ein Transformationsgeld – oder eine echte Aktivrente, die Alte nicht zurück in ihre ungeliebten alten Jobs zwingt, sondern sie ermutigt, etwas völlig Neues zu gründen oder zu tun. Dann könnte Alter auch bedeuten: Chance zum Neuanfang. Wie viele 50-Jährige habe ich erlebt, die 30 Jahre im selben Unternehmen waren, die Panik vor der Entlassung hatten – und fünf Jahre nach ihrem Ausscheiden erzählten, es sei die beste Zeit ihres Lebens, weil sie endlich etwas ganz Neues, etwas Eigenes aufgebaut hätten.
Wolf: Die entscheidende Frage am Ende des Arbeitslebens ist doch immer: Hast du dein Leben gelebt? Oder gehörte es einem anderen? Wer leichtfertig mit seiner Selbstbestimmung umgeht, zahlt die Rechnung später mit Verbitterung.
Gabriele: Wir müssen altersfreundlicher werden. Alter ist eigentlich eine geile Zeit.
Wolf: Aber wer sich nichts zutraut, alles mitmacht, sieht alt aus. Egal, aus welchem Jahrgang. ---
