WiSE-Initiative
Der Weg entsteht beim Gehen
Afghanistan ist das einzige Land der Welt, das Frauen den Zugang zu höherer Bildung verbietet. 80 Frauen, die dem Verbot trotzen und mithilfe von US-Entwicklungsgeldern im Oman studierten, standen nach der Wiederwahl Donald Trumps und dessen massiven Haushaltskürzungen vor dem Nichts. Bis die Nachricht von ihrem Schicksal die richtigen Leute in Deutschland erreichte.
• Wie oft liest man die Nachrichten und denkt: Das müsste man ändern. Und dann gibt es diese Geschichten, in denen jemand die Nachrichten liest und sagt: Das ändere ich.
Das hier ist so eine Geschichte.
Sie beginnt im Februar 2025, in einem Studentinnenwohnheim in Maskat, der Hauptstadt des Oman auf der Arabischen Halbinsel. Dort wohnen 80 Studentinnen, alle zwischen 20 und 31 Jahre alt, junge Frauen mit Bestnoten in Computer-, Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften. Sie sind im Oman, weil sie besonders talentiert sind. Und weil Afghanistan seit der Machtübernahme durch die Taliban 2021 zu einem großen Freiluftgefängnis wurde. Das gilt vor allem für Frauen, die inzwischen nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen. Die Islamisten verbieten seit Mai 2022 Mädchen ab dem zwölften Lebensjahr den Schulbesuch und seit Dezember 2023 jede höhere Bildung für Frauen allgemein.
Die 80 Studentinnen in dem Wohnheim von Maskat haben deshalb ihre Heimat verlassen. Um weiterlernen zu können. Sie wollen programmieren, Unternehmen gründen, Infrastrukturprojekte vorantreiben. Dafür sind sie mithilfe eines Stipendiums der US-Regierung in den Oman gekommen.
Doch am 25. Februar 2025 kurz vor Mitternacht bekommt jede der Studentinnen eine Textnachricht. Ihr Stipendium sei hiermit beendet, heißt es darin knapp, die amerikanischen Projektleiter könnten ihnen nicht weiterhelfen. Sie müssten innerhalb von zwei Wochen den Oman verlassen.
„Ich lag schon im Bett, als die anderen Mädchen plötzlich anfingen zu rufen und zu weinen“, erzählt eine der Studentinnen. „Keine von uns hatte damit gerechnet, wir konnten es nicht glauben.“ Die Frauen wissen, dass ohne den Schutz des Stipendiums eine dunkle Zukunft vor ihnen liegt. Eine beschreibt das so: „Als das Stipendium plötzlich beendet wurde, war die Angst wieder da: zurückkehren zu müssen an einen Ort, an dem es ein Verbrechen ist, ein Mädchen zu sein. An einen Ort, der mich für immer begraben würde.“
Es ist eine der vielen Erschütterungen, die nach der Wiederwahl Donald Trumps durch die Welt geht: In den USA werden die Mittel der Entwicklungshilfebehörde USAID bis zur Handlungsunfähigkeit zusammengekürzt. Das bedeutet das Ende für das Stipendienprogramm – und für den Traum der afghanischen Studentinnen von einem selbstbestimmten Leben in Freiheit. Viele fürchten in Afghanistan nicht nur den Abbruch ihrer Ausbildung, sondern auch Zwangsheiraten und andere Bestrafungen.
Die Projektleiter raten ihnen, mit ihrer Geschichte nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch die Studentinnen wollen nicht tatenlos abwarten. Noch in der Nacht organisieren sie sich in Gruppen, schreiben an Botschaften und Institutionen, von denen sie sich Hilfe erhoffen, posten über ihre Situation in den sozialen Netzwerken. Sie sagen sich, dass sie nichts zu verlieren haben.
Am Weltfrauentag, dem 8. März 2025, erscheint daraufhin auf BBC Online ein kurzer Text mit der Überschrift: „Afghanische Frauen, die vor den Taliban geflohen sind, um im Ausland zu studieren, stehen nach Kürzungen der USAID vor einer drohenden Rückkehr.“
Britta Buchholz sitzt an diesem Samstagabend in Mannheim zu Hause auf dem Sofa. Die Ingenieurin arbeitet in leitender Position in einem Energietechnikkonzern und ist seit 2023 die erste weibliche Vorsitzende der Energietechnischen Gesellschaft (ETG) im Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE). Sie weiß zum einen um die Herausforderungen einer Karriere in männerdominierten Branchen. Und sie hadert zum anderen seit Jahren mit dem Fachkräftemangel. Ihr Credo: „Junge Menschen müssen Elektrotechnik studieren, um die Welt zu retten“ – das wüssten die meisten von ihnen nur noch nicht. „Wir müssen die Energiewende schaffen, um den Klimawandel aufzuhalten. Dafür müssen wir das Ausbautempo der elektrischen Energieinfrastruktur beschleunigen und die Kapazität verdreifachen. Dafür haben wir zu wenig Fachkräfte – und darunter viel zu wenige Frauen!“
„Diese Frauen dürfen nicht verschwinden“
Als Buchholz also die Nachricht vom Schicksal der jungen Studentinnen liest, fragt sie sich zweierlei: Wie viele Menschen außer mir lesen diese Nachricht und sind in der Position, konkret zu helfen? Und: Könnte diese Situation vielleicht auch eine Chance sein?
Noch am Abend verifiziert sie die Meldung über private Kanäle und beginnt am nächsten Tag, in ihrem beruflichen Netzwerk – dem VDE – auszukundschaften, ob auch andere diese Chance sehen. Sie ruft bei Vorständen im Energiesektor an, bei Professorinnen und Professoren, schreibt an die Deutsche Botschaft in Maskat. „Der erste Impuls war, dafür zu sorgen, dass diese Frauen nicht verschwinden können, dass wir nach ihnen fragen“, sagt Buchholz. „Und der zweite: eine Möglichkeit zu suchen, wie wir diese Talente nach Deutschland holen können.“ Die Schwierigkeit: Wer als Ausländer in Deutschland studieren möchte, muss über zertifizierte Sprachkenntnisse in Deutsch und für internationale Studiengänge auch in Englisch verfügen, einen Finanzierungsnachweis für ein Jahr in der Höhe von 11.904 Euro erbringen und einen Studienplatz haben. Nichts davon lässt sich in wenigen Wochen auftreiben.
Trotz der schwierigen Ausgangslage trifft Buchholz’ Anfrage auf offene Ohren. Auch dort, wo man das nicht vermutet hätte: in Unternehmen, von denen viele an kritischer Infrastruktur arbeiten, an Hochschulen und in Behörden. Buchholz’ Verbündete gehen dabei Risiken ein und oft bis an die Grenzen ihrer Befugnisse. Darum wollen fast alle von ihnen nicht genannt werden.
Das hat auch mit den komplizierten afghanisch-deutschen Beziehungen zu tun. In Deutschland gibt es derzeit keine politische Mehrheit dafür, Menschen aus Afghanistan aufzunehmen. Nicht einmal, wenn es sich um sogenannte Ortskräfte handelt, die für die Ziele der Bundesregierung ihr Leben riskiert haben. Hunderte dieser Menschen, die zum deutschen Einsatz in Afghanistan beigetragen haben oder als besonders gefährdet gelten, sitzen weiterhin in Afghanistan und Pakistan fest – in ihrer Heimat drohen ihnen drakonische Strafen und der Tod. Sie können nicht ausreisen, weil Deutschland seine Zusage, sie aufzunehmen, nicht einhält.
Die Studentinnen, um deren Schicksal sich im März 2025 eine Initiative zu organisieren beginnt, sind die glücklichen Ausnahmen. Sie sollen nach Deutschland kommen, weil sie bereits für das US-Stipendium eine Bestenauswahl und eine Sicherheitsprüfung durchlaufen haben. Damit bekommen sie eine Chance, die den übrigen rund 20 Millionen Frauen in Afghanistan, ihren Müttern, Tanten, Schwestern, Freundinnen, verwehrt bleibt.
Ende März 2025 wird die Ausreise der Studentinnen aufgeschoben, sie müssen den Oman nun erst Ende Juni verlassen. In der Zwischenzeit kommt es zu ersten Treffen zwischen einzelnen Studentinnen und Unterstützern im Oman. Dazu zählt Simone Lotter, eine Lektorin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Die Initiative agiert vorsichtig, solange sie den Frauen keine Zusagen machen kann. Britta Buchholz sagt: „Wir mussten vorgehen wie beim Klettern. Man geht ein Stück voran, sichert sich ab, klettert weiter.“
Die Initiative tastet sich voran und bekommt schließlich einen Namen: Wise (Women in STEM and Economics), also Frauen in MINT-Fächern und Wirtschaft. Immer mehr Unternehmen und Hochschulen schließen sich an. Tilman Enders, zu dem Zeitpunkt Leiter der Deutschen Botschaft in Maskat, berät die Initiative in Visumsfragen.
Dann stößt Mahmood Nisar hinzu. Der Politikwissenschaftler leitet in der internationalen Zusammenarbeit komplexe gemeinsame Projekte verschiedener Akteure aus Unternehmen, Zivilgesellschaft und dem Staat, etwa für das Auswärtige Amt und die Entwicklungsbank KfW, auch in Afghanistan. „Zu sehen, wie all diese Arbeit und die Erfolge in kürzester Zeit zunichtegemacht wurden, das schmerzt“, sagt Nisar in Bezug auf die Machtübernahme der Taliban. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass das in meiner Lebenszeit passieren würde.“ Die Wise-Initiative ist für ihn, selbst aus Afghanistan, auch eine Chance gegen die eigene Ohnmacht.
Anfang Mai 2025 fliegen Buchholz und Nisar in den Oman. Sie wollen die Studentinnen kennenlernen, mit ihnen die Optionen ausloten. Die Frauen binnen weniger Wochen nach Deutschland zu bringen ist kaum zu schaffen. „Aber wir sagten uns: Der Weg entsteht beim Gehen“, sagt Buchholz.
Das Treffen findet in einem Seminarraum statt – derselbe, in dem einige der afghanischen Studentinnen bei ihrer Ankunft im Oman ihr erstes Treffen mit der Hochschulverwaltung hatten. Ein Raum wie ein Symbol für ihre Situation: zurück zum Anfang. Die Beteiligten erinnern sich noch gut an das Treffen, der Raum ist erfüllt von leisen Gesprächen, alle nehmen Platz auf grünen und schwarzen Drehstühlen, die im Kreis angeordnet sind. Einige Studentinnen haben ihre Zeugnisse und Zertifikate dabei, alle sind angespannt. Der einzige Mann im Raum ist Mahmood Nisar. Er moderiert das Treffen, stellt die Initiative vor, sagt, sie seien hier, um die Situation der Frauen besser zu verstehen und ihre Fragen zu sammeln.
Wieder ein neuer Anfang – aber ohne Versprechen
Razia Rahimi ist eine der Anwesenden. Die 22-Jährige studiert Bauingenieurwesen und hat, als einzige der 80 Studentinnen, ihren Ehemann dabei, einen Maschinenbauingenieur, und ihre zweijährige Tochter. Sie hat Angst, deshalb für die Initiative nicht förderfähig zu sein. „Habe ich auch eine Chance?“, fragt sie in der Runde. Britta Buchholz, so erzählt es Rahimi später, habe sie angesehen, gelächelt und sich Notizen gemacht. „Dieses Lächeln veränderte etwas in mir“, sagt Rahimi. Das erste Mal seit Monaten habe sie sich nicht wie ein Problem gefühlt, sondern wie ein Mensch, dem jemand zuhört.
„Wir wollten den Frauen vermitteln, dass wir ihre Talente schätzen, dass wir an sie glauben“, sagt Buchholz, „und gleichzeitig mussten wir rüberbringen, dass wir noch nicht genau wissen, wie wir ihnen helfen können. Dass wir es aber versuchen werden.“ Vielen Studentinnen fällt es schwer, erneut Vertrauen zu fassen. Sie sehnen sich nach Sicherheit. Und doch, viele schildern Monate später, dass sie gerade das überzeugt habe: dass Buchholz und Nisar ihnen keine Versprechungen machen. Es war wieder nur ein Anfang. Aber ein glaubhafter.
Buchholz empfand es damals so, als spräche sie vor einer Gruppe Ertrinkender und müsse dabei professionell und gefasst wirken. Die Gefühle, die eigene Reaktion auf die Verzweiflung der Frauen, sagt sie, „die spart man sich fürs Hotelzimmer“.
Nach dem Treffen startet die Initiative durch. Die Deutsche Botschaft im Oman findet einen Visaprozess, der die besondere Situation der Afghaninnen berücksichtigt: Die meisten können nicht direkt an deutschen Hochschulen studieren. Stattdessen sollen die Frauen ihre Karrieren in Deutschland mit studienvorbereitenden Praktika beginnen. Und zwar in jenen Unternehmen und Forschungsinstituten, die diese Initiative angestoßen haben. Die vorangegangene Sicherheitsüberprüfung ermöglicht es, dass die Afghaninnen auch in Unternehmen arbeiten können, die für kritische Infrastruktur zuständig sind.
Der Plan: Die einjährigen Vollzeitpraktika versorgen die Afghaninnen mit einem Mindesteinkommen, das für das Visum relevant ist. Anschließend bewerben sich die Frauen regulär auf einen Studienplatz in Deutschland.
Mit dieser Aussicht schreiben die Studentinnen im Oman ihre Bewerbungen. Unterstützt werden sie dabei von Mahmood Nisar und seinem sechsköpfigen Team von The Collective Fund. Es unterstützt die jungen Frauen im Bewerbungsprozess bei Sprach- und Integrationskursen und anderen Fragen, die sie bewegen. Denn der Druck auf sie ist weiterhin hoch. Nur wenn die Unternehmen und Hochschulen sie annehmen, Verwendung für ihre Talente haben, dürfen sie nach Deutschland kommen.
Das klingt hart. Aber es ist der Kern der Initiative: Die Frauen kommen nicht aus humanitären Gründen, sondern weil sie potenzielle Fachkräfte für eine Branche sind, die dringend auf sie angewiesen ist.
Am 30. Juni 2025 läuft ihre Frist für den Aufenthalt im Oman ab. Eigentlich müssen die Studentinnen nun ausreisen. Doch ein neuerliches Umlenken der US-Behörden bewahrt sie davor. Die Studentinnen werden vor die Wahl gestellt: nun doch mit der Förderung bis zum Ende ihres Studiums im Oman zu bleiben – oder mit der neuen Initiative nach Deutschland zu gehen.
Es ist eine lebensverändernde Entscheidung für die jungen Frauen. Und für viele von ihnen ist es neu, überhaupt Entscheidungen allein und für sich selbst zu treffen. Mehr als die Hälfte wählen den Weg nach Deutschland. Weil sie kein Vertrauen mehr in die Unterstützung aus den USA haben. Weil ihre Zukunft im Oman ungewiss ist. Und weil Britta Buchholz und Mahmood Nisar ihnen nichts versprochen haben, aber gemeinsam mit ihnen aufgebrochen sind.
Eine der 44, die sich für Deutschland entschieden haben, ist Razia Rahimi, die junge Mutter aus der nordafghanischen Provinz Kapisa. Eine zierliche Frau mit hüftlangen, dunklen Haaren und einem schüchternen Lächeln. Heute ist sie Praktikantin in einem Energietechnikkonzern in Mannheim, ein imposanter Altbau mit offenen Großraumbüros voller geschäftiger Menschen, die an der Energiewende arbeiten. Auch diese Firma will nicht genannt werden.
Rahimi ist seit November 2025 in Mannheim. Sie sagt, ihr gefalle die Arbeit in dem internationalen Team. Es sei ihr Traum gewesen, Ingenieurin zu werden, auf großen Baustellen zu arbeiten. „Ich fand es immer schade, dass nur Männer in diesem Feld tätig sind“, sagt sie. Zurzeit arbeitet sie sich in einen Großauftrag ein: eine Übertragungslösung für die Hochspannungs-Gleichstrom-Verbindung zwischen dem Norden und dem Süden des Landes – ein System, das große Mengen an erneuerbarer Energie an bis zu fünf Millionen Haushalte übertragen soll.
Es mache sie glücklich, an einer großen Vision mitarbeiten dürfen, sagt Rahimi: „Ich will mit meiner Arbeit etwas verändern.“ Als sei das, was sie erreicht hat – Afghanistan und ihre Familie zu verlassen, gegen alle Widerstände zu studieren, als junge Mutter, in einer fremden Kultur Fuß zu fassen, und dann auch noch im Ingenieurswesen –, nicht schon Veränderung genug.
Manchmal kommen Rahimi während des Interviews die Tränen. Aber meist vor Rührung. Wenn sie erzählt, wie sie ihren Praktikumsvertrag unterschrieben hat, ihr Ticket in die Freiheit. Oder wie sie mit ihrer Familie am Frankfurter Flughafen landete und das Wise-Team sie mit Geschenken für ihre kleine Tochter begrüßte. „Alles ist in so kurzer Zeit geschehen“, sagt sie. Trotzdem fühle sie sich hier schon zu Hause. Britta Buchholz, die Frau, deren Lächeln ihr damals Mut gegeben hat, ist mittlerweile ihre Kollegin.
„Ich weiß, dass wir es schaffen können“
Die Rückmeldungen aus den Firmen und Hochschulen seien überaus positiv, sagt Mahmood Nisar. Eine der wenigen, die direkt mit dem Studium beginnen konnte, einem englischsprachigen Master in Business Administration an der Hochschule Reutlingen, ist Toba Amini. Ihr Rechtsprofessor Markus Conrads ist beim Besuch in Reutlingen voll des Lobes: „Das sind Inhalte, an denen manche Studenten schon in ihrer Muttersprache scheitern. Toba meistert sie in kürzester Zeit.“ „Ich mag Recht“, erwidert die Studentin etwas verschämt und fügt hinzu: „Wir haben so gekämpft für unser Studium, natürlich geben wir dafür nun alles.“
Die 32-Jährige sagt, sie wolle später eine Führungskraft werden. Und wirkt dabei so klar und souverän, als sei sie es längst. Täglich besucht Toba Amini ihre Kurse, meist zwischen 8 und 17 Uhr. Neben dem Studium lernt sie Deutsch und besucht Sprachcafés, um das Erlernte anzuwenden. Abends unterrichtet sie ihre Schwestern in Afghanistan per Videocall, „damit sie wenigstens ein bisschen lernen können“. Deutschland, sagt Amini, fordere viel Leistung von ihr und den anderen Studentinnen. „Aber ich achte nicht darauf, wie schwer es ist. Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Dass wir es schaffen können.“
Ihr Leben in Deutschland, es soll trotz allem so normal wie möglich sein. Dafür arbeitet das Team von The Collective Fund rund um Mahmood Nisar. Es war seine Bedingung für die Mitarbeit bei der Initiative, dass die Frauen bis zum Antritt ihrer ersten Arbeitsstelle nach dem Abschluss begleitet werden: „Damit sie eine echte Chance haben, anzukommen.“
In den vergangenen Monaten haben sie dafür zahlreiche Hürden genommen, von endlos scheinenden Abstimmungen über visarelevante Formulierungen in Praktikumsverträgen bis zur Wohnungssuche, die mit einem afghanischen Nachnamen schier unmöglich war. Hilfe in fachlichen Fragen erhalten die Studentinnen von engagierten Kolleginnen und Kollegen aus der Initiative sowie aus den Netzwerken des Branchenverbands VDE.
Die Frauen sollen nun durch ein eng gewebtes Netz aus Unterstützern getragen werden. Bisher wurde die Initiative durch Einzelspenden finanziert, vor allem von Privatpersonen (wie etwa von jener Dame, die besonderen Wert auf Anonymität legt und 50.000 Euro für das Studium einer jungen Frau spendete), in Einzelfällen von einer Stiftung. Die Zeit der Praktika ist damit überwiegend finanziert. Doch bevor die Frauen selbst gutes Geld verdienen werden, sind sie auf weitere Hilfe angewiesen. Für die Zeit, in der sie studieren und keine privaten Einnahmen haben, benötigt die Initiative nach eigenen Kalkulationen noch rund vier Millionen Euro, für Stipendien und die Fortführung der Integrations- und Sprachkurse.
„Hier sind wir eine Familie“
Der Weg der Frauen ist bei all der Unterstützung noch immer nicht leicht: Wie schnell sie Deutsch lernen, wird für viele der begabten Studentinnen zum Nadelöhr ihrer Karriere. Denn vor allem die unterbesetzten ingeneurwissenschaftlichen Studiengänge sind in Deutschland nur selten international ausgerichtet. Selbst die brillanteste Studentin kann am Verständnis deutscher Bauauflagen und Fachtermini wie „Amplitudenmodulationsverfahren“ scheitern.
Doch die Frauen sind wild entschlossen, sich weder von den Taliban noch von deutschen Kofferwörtern aufhalten zu lassen und ihr neues Zuhause gut zu finden. „Wir lieben es“, sagt Nabila Bahrami, und Aisha Hakimi nickt zustimmend. Die beiden sind 23 Jahre alt, haben sich in Maskat angefreundet und leben seit Oktober 2025 zusammen in Oldenburg. Freudig zählt Bahrami auf, was ihr an Deutschland gefällt: das Wetter, schön kalt. Ihre Vermieter, ein älteres Ehepaar, sehr lieb. Die Arbeit am Forschungsinstitut Offis – Institut für Informatik in Oldenburg, sehr spannend. Die Unterstützung durch die Volkswagen-Stiftung, sehr großzügig. Die schüchternere Aisha Hakimi erzählt, sie hätten beide Medizin studiert in Afghanistan, ihr Eltern hätten das für sie entschieden. Aber als sie im Oman selbst die Wahl hatten, wechselten beide in die Informatik. Bahrami will als Softwareentwicklerin arbeiten, Hakimi begeistert sich für KI-Anwendungen. Bei Offis in Oldenburg programmieren sie Apps für Home-Energy-Management-Systeme.
Trotz ihrer jugendlichen Begeisterung für all das Neue, wiegt das, was sie zurücklassen mussten, schwer. Bahrami telefoniert täglich mit ihrer Familie in Masar-e Scharif im Norden Afghanistans. „Und hier sind wir eine Familie“, sagt sie mit Blick auf ihre Freundin. Aisha Hakimi hat nur sehr wenig Kontakt zu ihren Eltern und Geschwistern, die im äußersten Nordosten Afghanistans in der Provinz Badachschan leben und nur selten Strom haben. Ohne Elektrizität kein Internet, keine Verbindung in die Freiheit. Anschaulicher kann man die Bedeutung ihres Studienfaches und der modernen Elektrotechnik kaum beschreiben. „Wir wollen die Stimme der afghanischen Mädchen und Frauen sein“, sagt Aisha Hakimi leise, aber mit Nachdruck.
Anfang März 2026 sind die letzten der 44 Frauen in Deutschland angekommen. Das Wise-Team und viele ihrer Kameradinnen haben sie am Flughafen abgeholt. Sie sollen sich willkommen fühlen, sagen die Studentinnen, die schon länger im Land sind. Sie werden gebraucht, sagen die, die ihre Einreise ermöglicht haben. ---
Fehlende Fachkräfte
Für die Energiewende braucht es Sonne, Wind und Wasser – und Fachkräfte, die die neuen dezentralen Energiesysteme und -speicher aufbauen und betreuen.
Doch ausgerechnet in diesem Schlüsselbereich für Energiewende, Digitalisierung und künstliche Intelligenz fehlt es an Personal. Laut Analysen des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) und dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung bleiben in der Energie- und Elektrotechnik Zehntausende Stellen unbesetzt, in der Bauelektrik sind rechnerisch sogar acht von zehn Stellen unbesetzt.
Das Studium der Elektro- und Informationstechnik ist anspruchsvoll, die Studienabbruchquote liegt seit Jahren bei mehr als 50 Prozent, und der Nachwuchs reicht bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken.
Nur rund ein Fünftel der Studienanfänger in der Elektrotechnik sind weiblich. Der Frauenanteil in der Elektrotechnik ist unter den internationalen Studentinnen und Studenten doppelt so hoch.
Der Anteil internationaler Studentinnen und Studenten in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen stieg von 15 Prozent im Jahr 2010 auf 33 Prozent im Jahr 2023. Die meisten von ihnen kommen aktuell aus Indien, gefolgt von China.