Transformation
Was würde Batman tun?
Wie geht erfolgreiche Transformation? Fünf Thesen.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 04/2026.
Diese Kollektion kann kostenlos gelesen werden dank
Alpha Innovation x NOI TechparkRadikale Innovation braucht mehr als gute Ideen. Sie braucht Methode. Alpha Innovation hilft Unternehmen, aus Zukunftssignalen neue Chancen, tragfähige Konzepte und klare Entscheidungen abzuleiten.
1. Es gibt keine Neuanfänge.
Im Frühjahr 2022 war er vom Erdboden verschwunden, der 23 Stockwerke hohe Büroturm, der ganz in der Nähe von brand eins in Hamburg-Bahrenfeld gestanden und die Zentrale des Kreditversicherers Euler Hermes beherbergt hatte. 40 Jahre lang war der „Weiße Riese“ mit der geschwungenen Fassade ein Wahrzeichen gewesen. Darum und des Klimaschutzes wegen sprachen sich viele Leute gegen einen Abriss aus, als Euler Hermes das Gebäude nicht weiter nutzen wollte.
Für den Projektentwickler Quantum, der das Grundstück erwarb, um darauf teure Wohnhäuser zu bauen, kam ein Erhalt der Bausubstanz aber nicht infrage. Eine Umwandlung in Wohnungen hätte massive Eingriffe in die Trägerstruktur erfordert, um eine geeignete Raumaufteilung mit ausreichend Licht herzustellen. Und nicht zuletzt war die Neubebauung des Grundstücks lukrativer. Der Abriss war, so gesehen, ein Befreiungsschlag.
Noch einmal ganz von vorne anfangen: Könnte das nicht auch bei der öffentlichen Verwaltung, dem Schulsystem oder dem Sozialstaat ein probates Mittel sein?
Also alles eindampfen und neu machen für die digitale, von künstlicher Intelligenz geprägte, alternde Gesellschaft von heute?
Klingt attraktiv, funktioniert aber nicht. Denn für Menschen, Organisationen und Gesellschaften gibt es keinen Neuanfang im eigentlichen Sinne des Wortes. Weil Menschen und soziale Systeme eine Vergangenheit haben, von der sie abhängen. Wissen, Werte, Einstellungen, Methoden und Ziele, die wir uns irgendwann angeeignet haben, wirken fort.
Beispiel Schule: Würde man sie heute erfinden, käme man vermutlich nicht auf die Idee, vermeintlich talentierte Schülerinnen und Schüler in eine gesonderte Einrichtung zu schicken – denn für individualisiertes Lernen hätte man ja moderne Lehrmethoden und zunehmend auch KI. Aber da Schule hierzulande eine Geschichte hat, in der das Gymnasium eine besondere Rolle spielt, könnte man sie nicht abschaffen, ohne dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung auf die Barrikaden ginge.
2. Gesellschaften sind träge.
Selbst in Zeiten, die Menschen als krassen Umbruch empfinden, bleibt vieles beim Alten. Für den 8. Mai 1945, den Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, wurde häufig der Begriff Stunde null verwendet, weil der Zusammenbruch des NS-Staates einen Neuanfang in Deutschland ermöglichen sollte.
Bei Historikern stieß der Begriff jedoch bald auf Kritik angesichts vieler Kontinuitäten. So waren öffentliche Ämter in der jungen Bundesrepublik Deutschland häufig mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt worden. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer rechtfertigte das mit dem Argument, man könne „doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens an den leitenden Stellen Leute hat, die von der Geschichte von früher etwas verstehen“.
Der Soziologe Armin Nassehi, Autor eines Buchs über Transformationen, erklärt solche Kontinuitäten mit der Trägheit moderner Gesellschaften, in denen bewährte Praktiken erhalten blieben. Bewährt heiße nicht, dass sie gut oder richtig seien, sondern dass man damit durch den Alltag gekommen ist. „Ohne diese Trägheit wären wir total überfordert.“ Sie sorge für Stabilität.
Die Trägheit ist Nassehi zufolge auch das Ergebnis vieler gesellschaftlicher Teilsysteme, die alle ihre eigenen, mit starken Beharrungskräften verbundenen Logiken haben und Rufen nach Veränderung widerstehen. Für die Lösung des Klimaproblems zum Beispiel reiche es nicht, wenn die Wissenschaft auf die Dringlichkeit hinweist. „Die Wirtschaft fragt: Zahlt sich das aus? Das Recht pocht darauf, dass Gesetze eingehalten werden. Und damit die Politik entsprechend reagiert, muss man damit Wahlen gewinnen können.“ Die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Logiken erschwert Veränderungen – das ist der Preis der Stabilität.
3. Wer etwas verändern will, muss sich anpassen.
Typisch für unsere Zeit ist, dass sich der öffentliche Diskurs wenig um das Machbare schert. Statt sich in die Niederungen der Sachebene zu begeben, führt man in den sozialen Medien lieber Wertedebatten, mit denen sich gegensätzliche Lager lediglich ihrer Überzeugungen versichern. Solche Kulturkämpfe sind Ersatzhandlungen, die echte Veränderungen verhindern.
Laut Nassehi hat sich der öffentliche Diskurs von den alltäglichen Leben der meisten Menschen entkoppelt. Wer aber Transformationen in Gang setzen wolle, müsse beim Bestehenden ansetzen und anschlussfähig sein für die verschiedenen Logiken der gesellschaftlichen Teilsysteme. Wandel gelinge nicht durch große Gesten, sondern durch sanftes Umsteuern. Als Beispiel nennt er die Veränderung der Geschlechterrollen ab Mitte der Sechzigerjahre.
Entscheidend dafür seien nicht die politischen Appelle der Frauenbewegung gewesen, sondern die wirtschaftliche Realität: Die Erwerbsarbeit von Frauen habe sich im Alltag bewährt und sei zur neuen Routine geworden.
Entscheidend dafür waren Unternehmen, die für den wachsenden Dienstleistungssektor großen Bedarf an Fachkräften hatten. Nachdem die alte Rollenverteilung für viele, auch konservative Paare unattraktiv geworden war, wurde die neue formal abgesichert – durch eine Gesetzesreform im Jahr 1977, die Frauen unter anderem das Recht einräumte, auch ohne Zustimmung ihrer Ehemänner berufstätig zu sein. Zum Wandel kam es also schrittweise durch unzählige Alltagsentscheidungen in Familien und Unternehmen. Die Forderung nach einem radikalen Bruch mit den Verhältnissen habe laut Nassehi dagegen wenig Aussicht auf Erfolg.
Das weiß auch Andreas Dinkelmeyer, seit 16 Jahren Kampagnenleiter bei der gemeinnützigen Tierschutzorganisation International Fund for Animal Welfare. Sein aktuelles Ziel: den stark gestiegenen Unterwasserlärm zu reduzieren. Am liebsten würde er die Reedereien dazu verdonnern, ihre Schiffe so auszustatten, dass sie deutlich weniger Lärm verursachen, denn der stresst die Fische, erschwert die Orientierung von Walen und führt allgemein zu Entwicklungsstörungen bei Meerestieren.
Weil ihm aber klar ist, dass die Unternehmen massiven Widerstand gegen zusätzliche Kosten beim Bau oder für die Nachrüstung ihrer Schiffe leisten würden, hat Dinkelmeyer eine andere Strategie gewählt. Eine, die sich an die Systemlogiken anpasst: Die Reedereien sollen ihre Schiffe nur etwas langsamer fahren lassen, 75 Prozent ihrer Höchstgeschwindigkeit. Denn das, so belegt er mit einer Studie, würde die Lärmbelastung sofort um 40 Prozent reduzieren. Den Unternehmen rechnet Dinkelmeyer zudem vor, dass sie durch den geringeren Treibstoffverbrauch sogar Kosten sparten.
Er weiß, dass er einen langen Atem braucht, um eine weltweit verbindliche Lärmschutzregelung zu erreichen. Immerhin zeigten sich einige Reedereien offen dafür, die Geschwindigkeit ihrer Schiffe zu drosseln. Und die EU habe sich, so Dinkelmeyer, zu Grenzen für den Unterwasserlärm bekannt – „sie müssen jetzt von den einzelnen Ländern noch definiert werden“.
Radikal neu denken, statt nur zu optimieren
Mit der im NOI Techpark in Bozen entwickelten Methode Alpha Innovation lernen Unternehmen, über das Bestehende hinauszudenken, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und daraus neue Chancen abzuleiten. Das Ziel: nicht kontinuierliche Optimierung, sondern radikale Innovation. Der Weg dahin: ein dreistufiger, faktenbasierter Prozess, der Zukunftssignale in tragfähige Konzepte und strategische Entscheidungen übersetzt.
4. Erfolg findet Nachahmer.
So zäh sie meist beginnen, können Veränderungsprozesse aber auch eine erstaunliche Dynamik entwickeln – dann nämlich, wenn das Neue nicht als Bedrohung wahrgenommen wird, sondern als Chance. Plötzlich verschwinden Widerstände, die systemische Trägheit weicht einer Aufbruchstimmung.
In seinem Monumentalwerk über die Weltgeschichte des Kapitalismus beschreibt der Historiker Sven Beckert, wie die Karibikinsel Barbados im 17. Jahrhundert zum Prototyp dieser Gesellschaftsform wurde. Kaufleute, die Geld mit dem Ziel investierten, mehr daraus zu machen, hatte es weltweit schon Jahrhunderte zuvor gegeben. Aber diese frühen Kapitalisten blieben lange eine Randerscheinung und hatten mit allerlei Widerständen zu kämpfen: unter anderem mit Bauern, die Landwirtschaft mit dem Zweck der Selbstversorgung betrieben, oder Feudalherren, deren Wohlstand auf Abgaben, Pachten und Frondiensten ihrer Untertanen basierte.
Auf Barbados gab es diese Widerstände nicht. Als um das Jahr 1630 die ersten englischen Siedler dort von Bord gingen, war die Insel dicht bewaldet und unbewohnt. Binnen weniger Jahrzehnte wurde sie zu einem der am stärksten kommerzialisierten Orte der Welt. Die Siedler kauften Land, konzentrierten sich ganz auf die Produktion von Zucker und erzielten mit dem Verkauf sagenhafte Renditen von 40 bis 50 Prozent pro Jahr.
Das war nur mit skrupelloser Ausbeutung möglich. Beckert macht klar, dass die Geschichte des Kapitalismus nicht ohne die Geschichte der Sklaverei zu erzählen ist.
Barbardos steht aber auch für ein Modell, das Schule machte. Zum ersten Mal in der Geschichte kontrollierten Kapitalbesitzer die Produktion in großem Umfang und richteten eine ganze Gesellschaft darauf aus, Ware für den Weltmarkt zu produzieren. Der wirtschaftliche Erfolg führte dazu, dass dieses Modell fortan kopiert wurde und auch europäische Eliten dessen Nutzen für ihre Macht erkannten.
So befeuerte eine kleine Insel die weltweite kapitalistische Revolution und kann heute auch Unternehmen als Lehrstück für Transformation dienen. Weil Firmen aber keine unbewohnten Inseln sind, scheitern 70 Prozent der Change-Prozesse – da die von oben verordneten Veränderungen als Bedrohung wahrgenommen werden.
Viel klüger wäre es, den Wandel in einer Nische gedeihen zu lassen. Statt etwa die umfassende KI-Transformation auszurufen, könnte man einem Team die Möglichkeit geben, mit verschiedenen Tools zu experimentieren. Sobald KI von dieser Gruppe als Entlastung wahrgenommen wird, werden andere Teams die Arbeitsweise übernehmen – so wie das Erfolgsmodell von Barbados kopiert wurde und eine Eigendynamik in Gang setzte.
5. Radikale Ideen sind unverzichtbar.
Die Nation, der Achtstundentag, Reisen zum Mond, die Ehe für alle – vieles, was heute Realität ist, geht auf Ideen zurück, die früher als verrückt oder radikal galten. Und auch wenn die Vordenkerinnen und Vordenker Abwehrreaktionen auslösten, haben sie doch das Terrain vorbereitet, auf dem später – in kleinen Schritten und meist anders als ursprünglich geplant – ihre Ideen umgesetzt wurden. In diesem Sinne hatte die Frauenbewegung durchaus Anteil an der Veränderung von Geschlechterrollen, räumt auch Armin Nassehi ein, der Kritiker der großen Geste.
Das Nachdenken über radikale Veränderung hilft außerdem bei der Analyse der gegenwärtigen Lage. Was käme heraus, wenn wir unser Unternehmen noch einmal neu gründen könnten? Wie sähe dein Stadtviertel aus, wenn du es frei gestalten dürftest? Was würde Batman für ein besseres Deutschland tun?
Die Zukunftsforscherin Florence Gaub hält Utopien für enorm wichtig, gerade in Krisenzeiten. Sie schützten uns vor dem Gefühl der Ohnmacht. Nur wer eine Vorstellung von einer guten Zukunft habe, wisse, worauf er hinarbeite. Um echte Orientierung für unser Handeln zu bieten, dürfe es sich allerdings nicht um reines Wunschdenken handeln, sondern müsse mögliche Hindernisse und die Bedürfnisse realer Menschen einbeziehen.
Ein gutes Beispiel ist der Italiener Enrico Piaggio. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg stieg er in die Geschäftsführung der Familienfirma ein, die seit 1916 im Flugzeugbau tätig gewesen war. Eine schwierige Zeit, denn die Alliierten hatten im Krieg die Fabriken zerstört und verboten Piaggio, weiterhin Flugzeuge zu bauen.
Da kam Enrico Piaggio auf die Idee eines neuen Gefährts. Die Straßen in Italien waren schlecht, die Bevölkerung verarmt. Ein billiges, einfaches Fortbewegungsmittel sollte es also werden, eines, das auch Frauen in Röcken bequem nutzen konnten. Piaggio beauftragte den Luftfahrtingenieur Corradino D’Ascanio mit einem Entwurf – und so wurde die Vespa erfunden. Deren Design brach mit fast jeder Konvention des Motorradbaus und enthielt stattdessen viele Elemente aus dem Flugzeugbau. So konnte Piaggio etliche Restbestände aus seiner stillgelegten Produktion für den neuen Motorroller verwenden.
Die Vespa wurde schnell zum Verkaufsschlager und ist ein Beispiel für eine Idee, die radikal und verrückt war und zugleich anschlussfähig an die Gegebenheiten des Unternehmens. Der perfekte Mix für eine erfolgreiche Transformation. ---
Weiterführende Links von Alpha Innovation x NOI Techpark
Anzeige
Mehr Distanz statt mehr Tempo
Unternehmen optimieren schneller denn je – und riskieren trotzdem, morgen nicht mehr relevant zu sein. Petra Seppi vom NOI Techpark erklärt, warum radikale Innovation mehr Distanz braucht und wie Alpha Innovation dabei hilft.
Anzeige
Alpha Innovation Retreat: Ein Deep Dive
Abseits des Tagesgeschäfts arbeiten Teams im Alpha Innovation Retreat an neuen Perspektiven, tragfähigen Konzepten und klaren Entscheidungen für den nächsten Schritt. Immersive Erlebnisse helfen, gewohnte Denkmuster zu verlassen.
Anzeige
Alpha Innovation Live – am 9.9.2026 in Bozen
Wie müssen Unternehmen organisiert sein, damit radikale Innovation möglich wird? Alpha Innovation Live bringt am 9. September 2026 Führungskräfte und Innovationsverantwortliche zusammen – mit Impulsen zu Struktur, Kultur, Führung und KI.




