KI-Kolumne: Superintelligenz
Der Tanz ums digitale Kalb
Was steckt hinter der Verheißung einer Superintelligenz?
Henning Beck, 42,
ist Neurowissenschaftler, Biochemiker und Autor. Er ist regelmäßig in den USA und berichtet über die aktuellen Trends der Techszene.
• Wann immer ich für Veranstaltungen in den USA bin, habe ich zunehmend das Gefühl, weniger an einer Debatte über Technik teilzunehmen als an einer über Theologie. Während man früher über die wirtschaftlichen Möglichkeiten von KI diskutierte, stehen heute immer öfter religiöse Ideen im Fokus: Vom ewigen Leben bis zur Apokalypse ist durch eine übermenschliche KI angeblich alles möglich. Wer einwendet, dass technische Entwicklungen selten so gradlinig verlaufen wie kühn prognostiziert, wird mitunter betrachtet wie ein Ketzer.
Was jahrzehntelang der Stoff für Science-Fiction war, erscheint nun als ernsthafte Erwartung. Und das nicht bei Außenseitern, sondern bei Informatikern, Unternehmern und Investoren, allesamt geschult im rationalen Denken. Die Rhetorik hat etwas Spirituelles angenommen. Denn es geht nicht mehr nur um Erfindungen. Es geht um Offenbarung.
Mithilfe der KI „werden wir gottähnlicher“, sagte der nie um eine gewagte Prognose verlegene Autor und Google-Entwickler Ray Kurzweil schon vor Jahren voraus. Eine Idee, die in der Techelite des Silicon Valleys prominente Anhänger findet. So bekennen sich die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin zur Idee einer den Menschen übertreffenden KI. Eine Vorstellung, die auch der OpenAI-Chef Sam Altman nicht müde wird zu betonen („Es ist möglich, dass wir eine Superintelligenz in wenigen Tausend Tagen haben“).
Eine Superintelligenz passt nicht nur perfekt zum Anspruch des allwissenden Göttlichen, sondern ermöglicht außerdem die Überwindung der menschlichen Fehlbarkeit. Elon Musk hat mit Neuralink sogleich das passende Unternehmen mitgegründet, das auch am Upload des menschlichen Geistes in die digitale Unsterblichkeit arbeiten soll.
In den monotheistischen Religionen gibt es die Theodizee-Frage: Warum lässt Gott – obwohl er doch allmächtig ist – Leid zu? In den KI-Debatten will man die fantasierte Allmacht der Technik schon mal vorab zähmen, damit sie sich nicht gegen uns richtet. Das KI-Unternehmen Anthropic hat auf 84 Seiten eine eigene „Claude’s Constitution“ definiert, um den Chatbot mit einem starken und menschenfreundlichen Charakter zu versehen.
Und auch die Erwartung eines göttlichen Eingreifens am Ende der Geschichte fehlt nicht in den KI-Debatten. Die Ankunft der allwissenden künstlichen Intelligenz soll nämlich bald bevorstehen. Laut einer Umfrage unter 2.778 KI-Experten wird mit der Singularität (dem Punkt, an dem KI den Menschen kognitiv übertrifft und ihm uneinholbar enteilt) im Mittel um das Jahr 2047 gerechnet.
Ob uns dann das Paradies blüht oder die Unterwerfung der Menschheit, wird noch diskutiert.
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe Radikal denken