Immerloo Schuldenvrij
Raus aus den Miesen
Immerloo in Arnheim ist eines der ärmsten Viertel in den Niederlanden. Und Schauplatz eines einmaligen Programms: 50 Familien sollen dort die Schulden abgenommen werden. Ein Sozialexperiment mit Folgen.
• Willem Meijer besaß ein kleines Unternehmen mit stabilem Umsatz. Dann kam die Coronapandemie. Von jetzt auf gleich hatte er keine Kunden mehr. Auch in den Niederlanden gab es Coronahilfen, aber Meijer ging trotzdem pleite und verlor die Kontrolle über seine Finanzen und über sein Leben. Er wollte für seine Frau und die beiden Kinder stark sein, aber die Schulden fraßen ihn innerlich auf. Jedes Mal, wenn es an der Tür klingelte, hatte er Angst, es könnte ein Gerichtsvollzieher sein. Er war in einer Abwärtsspirale gefangen und fand keinen Ausweg. Aus Scham erzählte er niemandem von seiner Lage.
Meijer heißt eigentlich anders. Und obwohl die Schulden sein Leben nicht mehr bestimmen: Die Scham ist geblieben. Weshalb er auch kaum etwas Persönliches von sich selbst preisgeben möchte. Willem Meijer lebt in Immerloo, einem Vorort von Arnheim und einem der ärmsten Stadtteile in den Niederlanden. Dort hatte im Frühjahr 2024 der damalige sozialdemokratische Stadtrat Mark Lauriks, zuständig für Wohlfahrt und lebenswerte Nachbarschaften, die Idee, bis zu 50 Familien ihre Schulden abzunehmen. Sie sollten bei dem Neuanfang außerdem von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern begleitet werden.
Immerloo Schuldenvrij, so der Name des Programms, sorgte für viel Aufsehen, sogar die englische Tageszeitung »The Guardian« schickte einen Reporter in die Vorortsiedlung. In den Niederlanden berichtete sowieso fast jede Zeitung und jeder Fernsehsender über den Plan. Lauriks überzeugte drei altehrwürdige Arnheimer Bürgerstiftungen, das Experiment zu unterstützen, indem sie einen Fonds mit 700.000 Euro ausstatteten, der die Schulden der Familien ablöst.
Als Willem Meijer von dem Programm hörte, wagte er den Schritt und sprach eine Sozialarbeiterin an. Es war eine Erleichterung, endlich offen über seine Lage zu reden. Er fasste neuen Mut, dass sich wirklich etwas ändern könnte. Es dauerte Monate, aber am Ende war er raus aus den Miesen. Immerloo Schuldenvrij erzielte einen Vergleich mit den Gläubigern. Meijer war seine Schulden, von denen er geglaubt hatte, sie würden ihn sein Leben lang belasten, auf einen Schlag los.
Mit der Umsetzung von Schuldenvrij ist die Agentur De Wijkmakers („Die Stadtteilmacher“) beauftragt. Für sie arbeitet Victor de Kok als Koordinator. Der junge Mann, der früher einmal als Journalist tätig war, sitzt in einem schmucklosen Raum in einem Gemeindezentrum am Rand der Siedlung. Schulden seien wie ein Morast, aus dem man – wie Willem Meijer – allein nicht mehr herauskommt, sagt de Kok. Und es gibt selten nur einen einzigen Grund dafür.
Bei vielen Menschen seien der Verlust des Jobs oder eine Krankheit der Auslöser. Dann würden sich schnell unbezahlte Rechnungen stapeln, Kredite könnten nicht mehr bedient werden. Besonders gefährdet seien alleinstehende Mütter, die es häufig bewundernswert lange schafften, ihre Kinder und sich selbst mit schlecht bezahlter Arbeit über Wasser zu halten. Eine kaputte Waschmaschine oder eine hohe Arztrechnung könne sie schon in die Schuldenspirale führen. Viele Haushalte in Immerloo haben keine Rücklagen, um Einkommensschwankungen zu kompensieren.
Die Geschichten, die de Kok von seiner Arbeit erzählt, haben eine Gemeinsamkeit: Sie handeln vom Kontrollverlust. Die Menschen wüssten nicht, welches ihrer Probleme sie zuerst lösen sollten. Sie seien meist dermaßen erschöpft, dass sie sich aufgäben. Die Sozialarbeiter, die für De Wijkmakers arbeiten, finden in den Wohnungen oft Schubladen mit nicht geöffneten Briefen der Inkassobüros, Banken, Versicherungen und der kommunalen Gas-, Wasser- oder Stromanbieter.
Neuanfang nach einem langen Niedergang
Victor de Kok freut sich, dass er mit seiner Arbeit etwas für die Menschen in Immerloo tun kann. Er fühlt sich dem Viertel verbunden, weil seine Eltern in den Achtzigerjahren in einem der zwölf Stockwerke hohen Wohnblöcke gelebt haben. Für den Versuch, Menschen ihre Schulden abzunehmen und damit auch etwas für die Nachbarschaft zu tun, sei Immerloo der richtige Ort.
Auslöser dafür, dass die Verantwortlichen in der Stadt Arnheim beschlossen, etwas für die Siedlung mit ihren knapp 650 Haushalten zu tun, war ein tragisches Ereignis: Ein Vater und sein Sohn waren in einem defekten Fahrstuhl erstickt, nachdem Jugendliche in einer Wohnung einen Brand ausgelöst hatten. Die Menschen klagten, den Politikern im Rathaus sei der Rasen im Arnheimer Sonsbeek-Park wichtiger als ihre Leben. Daraufhin begann die Stadt, gegen Vermüllung und Vandalismus vorzugehen, renovierte einen Wohnblock nach dem anderen und investierte in Kindergärten und Schulen. Seit Jahren erhält die Grundschule Het Mozaïek Auszeichnungen für besonderes Engagement im Unterricht.
Immerloo sieht heute ordentlich, fast adrett aus. Die Wohnblöcke mit ihren neuen farbigen Geländern vor den Balkonen stehen zwischen Grünanlagen mit gestutzten Hecken und sauber geschnittenen Bäumen. „Die Armut versteckt sich hinter den Türen“, sagt de Kok. „Dort leben oft vier, fünf Menschen in einem Zimmer, es gibt keine Möbel und keinen Kühlschrank.“ In Immerloo verdienen die Menschen im Durchschnitt pro Jahr 15.200 Euro brutto. Viele beziehen Sozialhilfe oder haben schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs. In der gesamten Stadt Arnheim ist der Durchschnittsverdienst mit 31.300 Euro mehr als doppelt so hoch. Landesweit liegt er bei rund 47.000 Euro.
Insgesamt sei die Zahl der Menschen, die in Armut leben, in den vergangenen Jahren im Land gesunken, sagt Nadja Jungmann, Professorin an der juristischen Fakultät der Universität von Amsterdam, die sich mit Überschuldung befasst. „Nach Corona hatten wir eine hohe Inflation. Eine Sozialstaatskommission hat dann beschlossen, sowohl Sozialhilfe und Kindergeld als auch den Mindestlohn zu erhöhen. Das hat viele Menschen über die absolute Armutsschwelle gehoben.“
Die Fachleute rechneten damit, dass die Zahl der überschuldeten Menschen, die ihre Kredite nicht bedienen können, ebenfalls sinken würde, doch das ist nicht passiert. Neun Prozent der 8,7 Millionen Haushalte in den Niederlanden gelten als überschuldet. Seit Jahren schon schwankt die Zahl zwischen 700.000 und 800.000 Haushalten. „Bei uns sind Schulden ein hartnäckiges Problem“, sagt Jungmann. „Aber immerhin wird seit ein paar Jahren darüber gestritten, woran das liegt und wie wir es ändern können.“
In der protestantischen Kaufmannsgesellschaft der Niederlande galt über Jahrhunderte Sparsamkeit als sittliches Ideal. „Schuld“ und „Schulden“ haben im Niederländischen wie auch im Deutschen denselben Wortstamm. Anders als in der englischsprachigen Welt hat das Wort „Schulden“ eine moralische Note. „Das hat lange beeinflusst, wie wir über Schulden gedacht haben“, sagt Robert Vonk von der Universität Utrecht, der die gesellschaftlichen Folgen von Überschuldung erforscht. „Es galt die Devise, auf die Schuldner Druck auszuüben, denn sie hatten etwas Falsches getan.“ Hilfe gab es kaum. Es dauerte manchmal 15 Jahre oder länger, bis überschuldete Menschen einen Vergleich mit ihren Gläubigern erreichen konnten.
Diese Härte zeigte sich auch in der sogenannten Kindergeldaffäre. Zwischen 2005 und 2019 beschuldigte die niederländische Steuerbehörde fälschlicherweise Zehntausende Eltern des Sozialbetrugs. An die 26.000 Familien mussten Kinderbetreuungszuschüsse zurückzahlen, die sie angeblich zu viel bekommen hatten. Dafür mussten sie meist Kredite aufnehmen. Viele der Betroffenen waren aufgrund ihrer Herkunft oder einer doppelten Staatsbürgerschaft von den Steuerbehörden gezielt ins Visier genommen worden. Der Staat stürzte diese Menschen nicht nur in Schulden, er entpuppte sich außerdem als knallharter Gläubiger.
Der Grund war ein damals geltendes Gesetz. Es besagte: Wer bei der Sozialhilfe lügt, hat kein Recht auf Entschuldung. Obwohl die zu Unrecht eingeforderten Summen vielen Familien zum Teil zurückerstattet wurden, hatten die Betroffenen ohne eigenes Verschulden harte Jahre hinter sich. Die skandalöse Doppelrolle des Staates, Verursacher der Schulden und beinharter Eintreiber zu sein, kostete am Ende einer zähen Aufarbeitung 2021 den damaligen Ministerpräsidenten Mark Rutte das Amt.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Radikal denken