Arbeiten auf der Demenzstation
„Ich hatte es vergessen, zu denken“
(Zitat einer Demenzkranken)
Als ich mich dazu entschloss, als Betreuungskraft in einer Demenzstation zu arbeiten, war ich eine Anfängerin im Pflegebusiness. Zwei Jahre in einem auf Effizienz getrimmten System, das die Würde seiner Klienten bewahren soll, haben mich herausgefordert.
• Ich wusste fast gar nichts. Was genau genommen gut passt, wenn man sieben Stunden am Tag mit Menschen verbringt, die sich nicht mehr daran erinnern, wie die Butter auf die Brötchenhälfte kommt. Die fragen, was sie mit einer Zahnbürste anfangen sollen. Die im Tagesraum ungeniert die Hosen runterlassen, um in den Abfalleimer zu pinkeln. Die protestieren: „Soll ich in diesem Scheißhotel verhungern?!“ – obwohl sie vor zehn Sekunden die Bratensoße von ihrem Teller geleckt haben.
Im Fachjargon einer Demenzstation hieße es: „Interaktionsprozesse werden kognitiv und moralisch renormalisiert.“ Auf dem Flurfunk klingt das so: „Ständig tickt hier jemand aus!“ Sucht sein Zimmer und verdächtigt das Personal, heimlich die Schilder ausgetauscht zu haben. Behauptet, unfreiwillig an diesem Ort festgehalten zu werden. „Ich will sofort nach Hause!“
Es wird herzzerreißend geschluchzt, weil das Heimweh unermesslich ist. Es wird gestritten, weil der spärlich bekleidete Herr die Seniorinnen in der Sofagruppe bedrängt, weil er etwas menschliche Nähe sucht. Ölbilder werden abgehängt und in der Toilettenschüssel versenkt, Schuhe entwendet, Zimmer umgeräumt, Betten okkupiert.
Eine Betreuungskraft, wenn sie denn zur Stelle ist, kann in solchen Situationen den handelnden Personen Orientierung geben, indem sie tröstet, schlichtet, ordnet. Die Kommunikation mit kognitiv eingeschränkten Menschen ist nicht immer eindeutig. Im Anfangsstadium haben demenziell erkrankte Menschen Wortfindungsstörungen. Wenn sie in die nächsten Phasen der Krankheit hinübergleiten und in ein Pflegeheim umziehen, weil es zu Hause nicht mehr geht, wollen die Wörter gar nicht mehr gehorchen. Oft zeigen Demenzkranke ein für uns unlogisches, merkwürdiges Verhalten. Die Herausforderung besteht darin, das Gefühl hinter dem Verhalten zu erkennen. Das Miteinander ist also recht komplex: Wenn sich fünf bis zwölf kognitiv stark eingeschränkte Menschen in einem Raum aufhalten, kann es bedeuten, dass Harmonie herrscht oder eben heilloses Durcheinander.
„Wer warten kann, kann alles.“
(Zitat eines Patienten auf der Demenzstation)
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Er ist Teil unserer Ausgabe Radikal denken