Sprechstunde
05 – Transformationsgeld
Die KI wird die Routinearbeit vollständig ersetzen. Das kann ein Gewinn sein, wenn wir unser Sozialsystem darauf einstellen.
Ein Austausch zwischen den langjährigen Kollegen Wolf Lotter (Autor) und Gabriele Fischer (Chefredakteurin) über den Fortschritt und was ihn behindert.
Fotovorlagen für die Zeichnungen: © André Hemstedt & Tine Reimer; © Katharina Lotter, 2021
Gabriele Fischer: Ich fange mal mit dem Begriff an, bei dem alle gleich die Nerven verlieren: Grundeinkommen!
Wolf Lotter: Gut, da gibt es nur zwei Meinungen: furchtbar oder famos.
Gabriele: Was nur zeigt, dass das Konzept nie richtig verstanden wurde. Deswegen wurden auch immer die falschen Aspekte diskutiert. Aber jetzt, da die künstliche Intelligenz offensichtlich das Geschäft der Digitalisierung zu Ende bringen will, sollten wir dringend anfangen, ernsthaft darüber zu sprechen.
Wolf: Dann lass uns zuerst einmal die Begriffe klären. Künstliche Intelligenz ist nichts weiter als der nächste Schritt in der Automatisierung und ein nützliches Werkzeug zur Erledigung von Arbeitsroutinen. Das Problem dabei: Die meisten Leute machen genau solche Routinearbeit. Jetzt zwingt uns das Werkzeug KI dazu, ziemlich schnell umzulernen. Dafür braucht es Übergänge. Der Bundesdigitalminister Karsten Wildberger hat sich vor diesem Hintergrund für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen. Das ist ziemlich schlau, auch wenn viele in seinem politischen Umfeld jetzt Schnappatmung haben.
Gabriele: Damit sind wir bei der ursprünglichen Idee für das Grundeinkommen. Es ging nie darum, Nichtstun zu fördern; es ging darum, den Übergang so zu gestalten, dass jemand, der keine Erwerbsarbeit findet, finanziell abgesichert ist. Gleichzeitig war mit dem Grundeinkommen die Botschaft verbunden: Du bist und bleibst Teil dieser Gesellschaft, und wir helfen dir, neu anzufangen. Das brauchen wir heute dringender als je zuvor!
Wolf: Die Philosophin Hannah Arendt hat uns in ihrem Werk „Vita activa“ schon Ende der Fünfzigerjahre gesagt, dass wir eine Arbeitsgesellschaft sind, der die klassische Arbeit ausgeht, die sich aber auf nichts anderes versteht. Damals entstand auch der Begriff der Wissensarbeit. Noch später, 1986, beschrieb der Soziologe Ralf Dahrendorf mitten in den anhaltenden Krisen der Siebziger- und Achtzigerjahre mit der Massenarbeitslosigkeit und dem Niedergang der Industrie das Modell vom garantierten Mindesteinkommen, das wir uns bei brand eins seit mehr als 25 Jahren zu eigen gemacht haben. Dahrendorf war keiner, der mehr Knete vom Staat für mehr Konsum wollte; er wollte die Krisen ohne Verelendung und soziale Unruhen überstehen. Wir haben durch technischen Fortschritt die Routinearbeit der Industriegesellschaft abgeschafft, heute ersetzt KI die Routinen im Büro. Und jetzt stehen wir da und haben kein politisches, soziales oder kulturelles Konzept dafür.
Gabriele: Bei brand eins sind wir nach wie vor überzeugt: Es gibt eine folgerichtige Entwicklung, wenn man die Arbeit von Maschinen machen lässt – und das Grundeinkommen ist in Wirklichkeit ein Transformationsgeld.
Wolf: Es geht darum, die Systeme an die Wirklichkeit anzupassen. Aber sowohl der Begriff Grundeinkommen als auch die Transformation sind ideologisch aufgeladen und einseitig besetzt. Dabei geht es schlichtweg darum, die Realität zu akzeptieren: Wenn die alte Arbeit ausstirbt, müssen wir neue finden und die Suche organisieren.
Gabriele: Doch leider dreht sich die Debatte immer nur ums Geld – nie um die Frage, was es bewirken kann und soll.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Modular denken