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Neurabody

Fast jeder zehnte Mensch weltweit hat Rückenprobleme. Ein Start-up aus Seoul verspricht eine Lösung.



Das Bild zeigt einen schwarzen, strukturierten Sitz mit einem weißen Logo auf der rechten Seite, der auf einer weißen Fläche platziert ist.

• Als William Choi die Idee zu seiner Firma kam, hatte seine Frau so starke Rückenschmerzen, dass sie im Rollstuhl sitzen musste. Das war im Jahr 2022. „Wir sitzen viel zu viel, das muss man doch irgendwie in den Griff kriegen“, sagte sich der gebürtige US-Amerikaner koreanischer Herkunft.

Also las er sich ein. Laut der Weltgesundheitsorganisation haben weltweit 619 Millionen Menschen Schmerzen im unteren Rücken, Tendenz stark steigend. Rückenweh ist der häufigste Grund für Fehltage. Und Choi fand heraus, dass pro Jahr allein in den USA mehr als 130 Milliarden Dollar zur Linderung dieses Leidens ausgegeben werden – von Liegematten bis Massagestühlen.

„Akupunktur und ergonomische Sessel helfen oft“, sagt Choi in seinem kleinen Büro am Rande Seouls. Aber, fügt er mit einem verschämten Lächeln hinzu, um die Schmerzen dauerhaft loszuwerden, müsse man parallel Sport oder Dehnübungen machen und den Lebensstil ändern. „Und wer macht das schon wirklich?“

Choi ist sich sicher, dafür eine Lösung gefunden zu haben. Um sie vorzuführen, richtet er sich von seinem Stuhl auf und holt eine schwarze Sitzschale unter seinem Po hervor. „Wenn du das hier regelmäßig benutzt, wirst du deine Haltung anpassen, ohne es zu merken.“

Neurabody heißt das Start-up, das er vor vier Jahren in der südkoreanischen Hauptstadt gegründet hat. Die Sitzschale hat er Neurasit genannt, sie unterstützt das Becken, damit die Wirbelsäule sich gut positioniert. Der geschwungene Rand schiebt den Rücken subtil in eine aufrechte Haltung. „So wollen wir ein aktives Sitzen unterstützen“, sagt Choi hörbar stolz.

Sein zweites Produkt ist ein per Gurt unterm T-Shirt tragbarer Sensor namens Neurasense. Beide Produkte sammeln Daten zur Körperhaltung, die in eine App gespeist werden. Diese gibt Handlungsanweisungen, überprüft, welche Übungen gemacht werden, und vergibt Punkte.

Ein geborener Gründer

Das Interesse an der Idee ist groß. Der japanische IT-Konzern NEC gehört zu den Investoren. Bis jetzt hat das Start-up mit acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (vor allem KI-Experten und Betriebswirte) rund zwei Millionen Dollar eingesammelt, eine weitere Million könnte bald folgen. Die Firma hat Deals mit dem luxemburgischen Medizintechnikunternehmen Hospilux, dem südkoreanischen Versicherer DB Insurance und dem Elektronikriesen Samsung. Man konzentriere sich aufs B2B-Geschäft, so Choi. Da sei die Zahlungsbereitschaft höher.

Die Sitzschale kostet 399 Euro, der Sensorgurt 98 Euro. Die Basisversion der App ist kostenlos, Zusatzfunktionen gibt es im kostenpflichtigen Abo. Für Firmen, die ihrer Belegschaft etwas Gutes tun wollen, gibt es eigene Angebote. „Es haben ja nicht nur die Menschen selbst ein Interesse daran, gesund zu sein, sondern auch deren Arbeitgeber oder Versicherer“, sagt William Choi.

Er spricht wie einer, der weiß, dass sein Unternehmen Erfolg haben wird – dabei wurde bisher nur eine erste Charge mit 300 Sitzschalen probehalber verkauft. Die sei immerhin sofort ausverkauft gewesen, sagt der Gründer. Weitere 1.500 Einheiten werden gerade produziert, Ende 2027 will er schwarze Zahlen schreiben. Während smarte Sitze zumindest in Prototypform auch schon anderswo entwickelt wurden, sei Neurabody der erste Betrieb, dessen Angebot Sitz, Sensorik und App umfasst.

Seine Zuversicht nimmt Choi, der an der US-Westküste als Sohn koreanischer Eltern aufwuchs, auch aus seiner Herkunft. „Meine Eltern und Großeltern waren Unternehmer. Am Küchentisch haben wir immer über Business geredet.“ Nach einer Station beim Beratungskonzern PwC arbeitete Choi zunächst für eine Immobilienagentur, dann gründete er Backjoy in Südkorea mit, eine Firma mit mehreren ergonomischen Gesundheitsprodukten im Angebot. Chois Idee, smarte Produkte herzustellen, fand dort aber keinen Anklang. Also machte er sich selbstständig: „Gründen wollte ich sowieso immer.“ Und wegen der Rückenleiden in seiner Familie zögerte er nicht lang.

Das Bild zeigt einen Mann mit Bart und weißem Hemd, der lächelt und zur Seite blickt. Er trägt ein dunkles Sakko und scheint sich im Freien zu befinden. Der Hintergrund ist unscharf.

Hat immerhin schon seine eigenen Schmerzen gelindert: der Gründer William Choi


„70 Prozent sagen, die Schmerzen haben sich reduziert.“

Die Erfindung hat sich schon bezahlt gemacht

Kann sich Neurabody etablieren? Wolfgang Herzberg, ein orthopädischer Chirurg aus Hamburg, der jahrelang am Rücken operiert hat, ist zuversichtlich: „Da das Produkt die Selbstkontrolle anspricht, hat es das Potenzial, schlechte Gewohnheiten zu verändern.“ Zudem habe der Ansatz weder Nebenwirkungen noch Kontraindikationen, im Gegensatz zu den oft verschriebenen Schmerzmitteln.

Um jedoch ausreichend Daten zu erhalten, sollte man möglichst immer auf der Sitzschale sitzen, sie also stets mit sich tragen. Nicht jeder wird das wollen. Aber Choi bleibt zuversichtlich: „90 Prozent unserer Testnutzer sind zufrieden und wollen unser Produkt weiternutzen. 70 Prozent sagen, die Schmerzen haben sich reduziert.“

Und falls Neurabody doch keine Gewinne abwerfen sollte, hat es seinem Gründer trotzdem geholfen. „Ich habe dadurch erfahren, dass meine rechte Rückenseite schwächer ist als die linke.“ Beim Sitzen habe er immer seine Beine überschlagen und sich nach links gebeugt. „So bin ich Schmerzen ausgewichen, ohne es zu merken.“ Nach einer Ermahnung und einigen Übungen aus der App sitze er schon etwas gesünder es zuvor. ---