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Modulare Bildung

Die Uni oder den Beruf wechseln, ohne von vorn anfangen zu müssen? Schritt halten mit den sich rasant ändernden Anforderungen der Arbeitswelt? Modulare Bildung macht es möglich. Ein Statusbericht.



Die Illustration zeigt einen Mann, der neben einer Skelettfigur steht, die einen Ball und einen Laptop in den Händen hält. Die Skelettfigur trägt eine Krawatte und hat einen Gips an einem Bein.

• Es gibt hübsche Metaphern für die Modularisierung der Bildung. Kritiker benutzen die des Häppchens: früher Fünf-Gänge-Menü, heute Buffet. Das bestehe zwar aus guten Einzelkomponenten, reiche allerdings nicht an die fein aufeinander abgestimmte klassische pädagogische Gesamtkomposition heran.

Andere sprechen von Bausteinen: Man lerne heute am besten nach dem Lego-Prinzip. Bedeutet: Wo man anfängt, ist egal. Man legt sich nicht fest auf einen linearen Bildungsweg, sondern bleibt flexibel, ergänzt passende Bausteine, ändert die Richtung. Nur so könne man den sich verändernden Anforderungen der Berufswelt gerecht werden.

Elke Katharina Wittich ist eher im Team Lego – was womöglich auch an ihrer eigenen Biografie liegt. Im Laufe ihres Berufslebens hat sie sich stetig weitergebildet. Sie ist Geisteswissenschaftlerin, hat über den Architekten Karl Friedrich Schinkel promoviert, eine Museumslaufbahn eingeschlagen, ist dann an die Universität gewechselt, hatte eine Professur für Theorie und Geschichte der Architektur und war als Gründungspräsidentin einer privaten Hochschule im Hochschulmanagement tätig. Nun leitet sie die Zentrale Einrichtung für Weiterbildung der Leibniz-Universität Hannover. Sie habe eine volle Woche, sagt sie. Eine Gruppe ukrainischer Hochschulleute ist zu Besuch, mit denen sie an der Internationalisierung von Bildungswegen arbeitet. Aber für ein Gespräch über Modularisierung nimmt sie sich die Zeit.

I. Modularisierung vollzogen: die Hochschulen

Im Jahr 1999 beschlossen die europäischen Bildungsminister in der italienischen Stadt Bologna eine Vereinheitlichung von Studiengängen und -abschlüssen. Danach wurden, auch in Deutschland, das Bachelor- und das Masterstudium eingeführt, als Ersatz für die meisten Magister- und Diplom-Studiengänge. Die eigentliche Veränderung lag dabei in der Modularisierung des Lehrprogramms: Aus einem linearen wurde ein Baukastensystem.

Für Elke Katharina Wittich ist der Prozess aber keineswegs abgeschlossen. Sie sagt, sie wolle „immer ausprobieren und Pioniersachen machen“. Man müsse ein Erfolgsmodell wie die modularisierte Bildung weiterdenken.

Und worin liegt deren Erfolg? „Es war ein Pfeiler der Bologna-Reform, die Studiengänge so aufzubauen, dass die Mobilität der jungen Menschen innerhalb von Europa gefördert wird.“ Das habe funktioniert, weil Studiengänge nun aus einzelnen Bausteinen mit klar definierten Lernzielen bestehen. „Einzelne Module eines Studiengangs sind dadurch anerkennbar – egal, ob ich es in Spanien gemacht habe, in Norwegen oder in Deutschland.“ Man muss also nicht sein gesamtes Studium an der Heimatuniverstät absolvieren, sondern kann einzelne Module im europäischen Ausland belegen, ohne Zeit zu verlieren. So weit jedenfalls die Theorie.

Die einzelnen Bausteine lassen sich außerdem beliebig kombinieren, mit der Folge, dass jede Studentin und jeder Student das Studium je nach Vorliebe oder nach beruflicher Spezialisierung erweitern kann. Wenn sich Berufe verändern, können neue Module in den entsprechenden Studiengang eingebaut werden.

Wittich schlägt einen weiten Bogen zur Elisabethkirche in Berlin. An ihr könne man sehen, dass der stadtbildprägende Architekt Karl Friedrich Schinkel schon im 19. Jahrhundert modular gedacht habe. Von der Breite der Kirchenfenster bis zu den Arkadenbögen passe jedes Element genau in den Bauplan. „Module sind – und das ist in der Architektur nicht anders als in der Bildung – per se flexibel, weil sie klein sind und genau die Funktion erfüllen, die sie erfüllen sollen.“ Ein modulares System sei allerdings nur dann gut, wenn seine Einzelteile auch wirklich präzise zueinanderpassten. „Das ist anspruchsvoll.“

Wie steht es damit an den Universitäten? María Machuca, Studiengangskoordinatorin der Philologischen Fakultät der Autonomen Universität Barcelona, und Paul Hempel, Koordinator am Institut für Ethnologie der LMU München, sehen Vor- und Nachteile. Hempel sagt: „Das frühere System war schon sehr reformbedürftig. Wenn in den Kulturwissenschaften Leute nach der Zwischenprüfung das Studium aufgaben, galten sie einfach als Studienabbrecher. Heute hätten die einen Bachelor.“ Nicht ideal findet er allerdings die Verschulung des Studiums. Weil jede Modulprüfung in die Endnote einfließe, gebe es ständigen Notendruck. Und nicht nur die Studentinnen und Studenten stünden unter Prüfungsdruck. Die Inhalte seines Fachs in vermeintlich rechtssichere Satzungen zu packen und dabei „immer restriktiver“ werdenden Vorgaben zu genügen, sei kompliziert. Er sieht die Freiheit der Lehre eingeschränkt. Wenn mehrere Lehrveranstaltungen zu einem Modul mit gemeinsamen Lernzielen gebündelt werden, steigere das den Koordinationsbedarf. Aber: „Lehrende sind Einzelkämpfer“, sagt Hempel. „Viele gehen von ihren Forschungsinteressen aus.“

María Machuca schreibt aus Barcelona per Mail, die Einführung von Modulen und eines gemeinsamen Bewertungssystems habe die europäischen Unis kompatibler gemacht. Da zu den Ideen der Bologna-Reform gehörte, die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen zu erhöhen, werde effektiver studiert, auf ein definiertes Ziel hin. Jedes Modul habe ganz klare Lernziele. Die Studentinnen und Studenten wüssten also exakt, wo sie Fortschritte machen und wo sie Schwierigkeiten haben.

Allerdings nähmen sie ihr Studium bisweilen als fragmentiert wahr, so Machuca. In geisteswissenschaftlichen Fächern, etwa in den Literaturwissenschaften, werde Wissen aber nicht modular, sondern kumulativ aufgebaut. Es wachse also kontinuierlich und lasse sich nicht in Bausteine zerlegen. In der Linguistik könne die Modularisierung dazu führen, dass Morphologie, Phonologie und Syntax wie voneinander trennbare Elemente der Grammatik betrachtet werden, obwohl sie zusammengehören. Das ist der Grund dafür, dass manche Geisteswissenschaftler sich schwerer mit der Modularisierung tun als etwa Informatiker.

Hier schließt eine Kritik des Züricher Erziehungswissenschaftlers Philipp Gonon an, der sich viele Jahre lang mit dem Für und Wider der Modularisierung beschäftigt hat. Lebensläufe werden vielschichtiger, Bildung, die nach dem Bausteinsystem organisiert ist, stehe im Dienst der Durchlässigkeit und Differenzierung, argumentierte er schon in den Nullerjahren. Gleichzeitig, sagt er nun, gehe vielleicht tatsächlich eine kritische oder übergreifende Perspektive verloren, wenn das Studium in kleinen Einheiten mit klar definierten Lernzielen gedacht werde. „Man kann daher nicht nur als 100-prozentigen Gewinn sehen, was durch Modularisierungen passiert.“

Hinzu kommt: Universitäten sind autonome Gebilde. Wer in Paris ein Modul Philosophie studiert, kann es nicht zwangsläufig für seinen Philosophie-Master in Ulm anrechnen lassen, etwa weil es nicht zu den Ulmer Lernzielen passt. Die durch die Modularisierung geförderte Mobilität der Studentinnen und Studenten ist in der Praxis dann doch nicht immer so einfach wie von den Initiatoren der Bologna-Reform gedacht. „Jede Hochschule hat das Recht, die Anerkennung von Leistungen selbst zu organisieren“, sagt Elke Katharina Wittich, die Leiterin des Hannoveraner Weiterbildungszentrums. „Ich erlebe, dass wir in Deutschland damit viel zu streng sind. Es könnte viel freier sein.“

Das Bild zeigt einen Stapel aus drei Büchern mit bunten Einbänden, die jeweils mit einem Lesezeichen und einer Markierungsfahne versehen sind.

„Module sind per se flexibel, weil sie klein sind und genau die Funktion erfüllen, die sie erfüllen sollen.“
Elke Katharina Wittich

II. Modularisierung im Werden: die berufliche Bildung

In der Berufsbildung ist die Modularisierung noch nicht so weit fortgeschritten. Man habe das Wort bis vor wenigen Jahren kaum aussprechen dürfen, wollte man nicht signalisieren, dass man das ganze System infrage stellt, sagt die Soziologin Heike Solga. Sie ist am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung Direktorin der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt, und sie sagt: „Unsere Berufsausbildung ist super, aber sie ist auch starr.“

Im Schnitt dauert sie drei Jahre und ist häufig noch mit der Vorstellung verbunden, dass die Absolventen dann ausgelernt hätten. Aber, so Solga, „wenn wir uns die jetzigen Entwicklungen anschauen, wird es künftig etliche Leute geben, die ihren Beruf im Verlauf ihres Arbeitslebens wechseln müssen.“ Deshalb sei modulares lebenslanges Weiterlernen sinnvoll: Welcher Berufstätige könne sich denn mit 35 oder 40 eine weitere dreijährige Ausbildung leisten? Bilde man modularisiert aus, ginge es meist viel schneller. Denn dann kann man auf dem aufbauen, was man schon gelernt hat, und muss nicht noch mal von vorne anfangen. Ein Versicherungskaufmann könne sich zum Beispiel die Wirtschaftsmathematik, die er in seiner Ausbildung gelernt hat, anrechnen lassen, wenn er zum Buchhalter umsatteln will. Für Quereinsteiger und für Berufswechsler wäre diese Flexibilität hilfreich.

Es gibt allerdings die Sorge, dass die Modularisierung die Ausbildung letztlich verengt. Dass das System dann einen Kfz-Mechatroniker produziert, der sich mit Motoren auskennt, aber vom Auspuff nichts versteht, weil er nicht breit qualifiziert wurde. „Die Befürchtung ist eine ähnliche wie früher an der Universität“, sagt Heike Solga – dass viele nicht ganzheitlich ausgebildet würden, „weil ein Unternehmen sagt: Ich will, dass meine Leute nur drei spezielle Module machen, und der Rest ist nicht wichtig.“

Elke Katharina Wittich von der Universität Hannover teilt diese Sorge. „Das würde unser Bildungssystem auf die Dauer unterwandern“, sagt sie. „Es gibt die Angst, dass wir zunehmend Leute haben, die Micro-Credentials gemacht haben, aber keine richtige Berufsausbildung.“ Das sei nicht der Sinn der Modularisierung. Es gehe um „Upskilling“.

Micro-Credentials, auch Micro-Degrees genannt, sind die neueste Entwicklung: kleine standardisierte und kombinierbare Bildungsbausteine. Die EU-Kommission sieht darin eine Antwort auf Herausforderungen wie Digitalisierung, Klimawandel oder künstliche Intelligenz und eine sich permanent verändernde Arbeitswelt. Die Mini-Zertifikate sollen beim lebenslangen Lernen helfen.

Wittich sagt, dass sie sich für die wissenschaftliche Weiterbildung entschieden hat, weil es bei dem Thema einen großen Bedarf gibt – und die Chance, die Gesellschaft voranzubringen. „Wir haben im Moment die Aufgabe, Leute aus dem Maschinenbau, also akademisch qualifizierte Ingenieure, umzuschulen auf andere Felder, Richtung Erneuerbare oder KI“, erklärt sie. Es gebe Leute, die mit 40 oder 50 Jahren „gerade ihr Berufsethos verlieren, Leute, die immer stolz waren auf ihren Verbrennermotor, der nun zunehmend verdrängt wird“. Sollen die noch einmal bei null anfangen? Schon das Wort Umschulung klinge nach Scheitern. Eine Alternative könnten spezielle Micro-Degrees sein, durch die diese Menschen gezielt lernen, was sie für eine andere Tätigkeit brauchen.

III. Modularisierung denkbar: die Schule

Sie könne sich auch eine Modularisierung der Vor- und Grundschule vorstellen, sagt Wittich. „Dass es eine Reform braucht, steht außer Zweifel. Das geht nicht so weiter, dass wir viele Schulabbrecher produzieren, weil wir nicht in der Lage sind, unser Schulwesen umzubauen.“ Ihr Vorschlag: die Kinder nicht der Schule anpassen, sondern umgekehrt.

Kinder wüchsen unter sehr unterschiedlichen Bildungsbedingungen auf. „Deswegen wäre es sinnvoll, für jede Gruppe einzeln zu denken, welche Module sie brauchen, um in jedem Abschnitt an das Etappenziel zu kommen.“ Einige Kinder würden länger zur Schule gehen, andere kürzer. „Wir brauchen verschiedene Lernpfade für verschiedene Gruppen. Und das geht ohne Modularisierung nicht.“

Das ist eine neue Idee, um etwas gegen die deutsche Bildungsmisere zu tun. Ob sie Aussicht auf Erfolg hat, weiß Wittich nicht. Aber eines sei sicher: „Wir müssen wirklich ein bisschen flexibler werden im Denken.“ ---


„Unsere Berufsausbildung ist super, aber sie ist auch starr.“
Heike Solga

Bildung in Zahlen

Anteil der Studentinnen und Studenten in Deutschland, in Prozent,
… die gemäß den Zielen der Bologna-Reform Auslandserfahrungen sammeln sollen: 50
… die tatsächlich Auslandserfahrungen sammeln: 23

Anteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland, in Prozent, … die sich laut den Zielen der EU jedes Jahr weiterbilden müssten: 65
… die zwischen 25 und 64 Jahre alt sind und aktuell eine Weiterbildung planen: 51

Anteil internationaler Studentinnen und Studenten an deutschen Hochschulen im Wintersemester 2024/25, in Prozent: 14

Anzahl internationaler Studentinnen und Studenten an deutschen Hochschulen im Wintersemester 2024/25: 402.000

Anteil der Studiengänge in Deutschland, die zum Abschluss Bachelor oder Master führen, im Wintersemester 2025/26, in Prozent: 92

Anteil der englischsprachigen Studiengänge in Deutschland im Wintersemester 2025/26, in Prozent: 11