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Mo Asumang

Mo Asumang wurde bekannt als Fernsehmoderatorin einer Erotiksendung. Heute ist sie Filmemacherin und engagiert sich gegen Rassismus und Antisemitismus. Sie geht dabei weiter als die meisten – dahin, wo es wehtut.



Das Bild zeigt Mo Asumang, die vor einem Backsteingebäude mit Graffiti steht. Sie trägt einen langen schwarzen Mantel und eine Brille und befindet sich auf einer Kopfsteinpflasterstraße.

• Mo Asumang sitzt in einem ARD-Fernsehstudio, die Redaktion des Politmagazins „Kontraste“ spielt ihr ein Hasslied der rechtsextremen Band White Aryan Rebels vor. „Mit der Lizenz zum Töten ziehen wir dann durch das Land, dann wird alles Kranke erschlagen und niedergebrannt.“ Dann folgt die Zeile: „Die Kugel ist für dich, Mo Asumang!“ Der Sänger ist Lars Burmeister, ein vorbestrafter und gewalttätiger Neonazi.

Damals, vor mehr als 20 Jahren, ist Asumang mit Ende 30 gerade aus dem Job ausgeschieden, der sie im ganzen Land bekannt gemacht hat. Jeden Mittwoch moderierte sie die Erotiksendung „Liebe Sünde“ vor bis zu drei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern auf Prosieben, als erste afrodeutsche Moderatorin im deutschen Fernsehen. Sie wird zu Galas und Filmpremieren eingeladen, fliegt erster Klasse, Fremde bitten sie um Autogramme.

Was für eine Karriere für eine Frau, die im Kinderheim und in Pflegefamilien aufgewachsen ist. Mo Asumang hat sich hochgearbeitet, es mit Nebenjobs in die Berliner Filmwelt geschafft, ist auf dem Gipfel ihrer Bekanntheit – und dann überwältigt sie noch im Studio die Angst.

Denn die von Lars Burmeister angedrohte Kugel könnte sie überall treffen. In ihrer Wohnung, auf der Straße. Bis heute guckt sie als Erstes in den Kofferraum, wenn sie ein Auto mietet, und in einem Hotelzimmer unters Bett.

Nach dem Vorfall hat sie sich für die Offensive entschieden. Seit mehr als 20 Jahren sucht Mo Asumang den Dialog mit Rechtsextremen. Sie begibt sich in die Mitte derer, die sie hassen und sie bedrohen, trotz der damit verbundenen Gefahr. Warum tut sie sich das an?

sagt Mo Asumang über die Zeit nach der Morddrohung. 

Bepöbelt und gewürgt

Ein Treffen in einem Café am Berliner Alexanderplatz. Mo Asumang wird im Juni 63 Jahre alt. Aus ihrem Afro ist ein Kurzhaarschnitt geworden, sie trägt eine kantige schwarze Brille und einen schwarzen Blazer, keine hautengen Kleider mehr wie in den Neunzigern als Moderatorin der Erotiksendung. Sie köpft nachts auch keine Champagnerflaschen mehr mit einem Säbel in einer eigenen Bar ohne Genehmigung in Berlin-Mitte. Zwar läuft sie noch immer über rote Teppiche, aber weniger um Autogramme zu verteilen als Flyer für ihren Verein Mo Lab.

„Ich habe mich sehr machtlos gefühlt“, sagt Asumang über die Zeit nach der Morddrohung. „Aber ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, mich mit Nazis zu treffen, wenn ich nicht schon so viel rassistische Gewalt erfahren hätte.“ Ihr Studium in Berlin hatte sie vor allem als Taxifahrerin finanziert. Ein rassistisch pöbelnder Fahrgast schlug ihren Kopf mehrfach aufs Autodach, als sie anhielt, seine Tür öffnete und ihn bat, auszusteigen, ein anderer hielt ihr eine Pistole an die Stirn. In der Straßenbahn würgte ein Mann sie so lange, dass sie um ihr Leben fürchtete.

Sie steht all das durch, aber mit der öffentlichen Morddrohung gegen sie ändert sich etwas. Für ein paar Monate versteckt sie sich. Dann trifft sie einen ungewöhnlichen Entschluss. Sie will mit Rechtsextremisten sprechen, will sie kennenlernen, um nicht länger Opfer zu bleiben und andere über sie urteilen zu lassen. „Anfangs war das eine Ego-Nummer“, sagt Asumang, „ich wollte raus aus der Angst und wieder ich selbst sein, selbstbewusst wissen, wer ich bin. Ich habe mir gesagt: Deutschland ist wie eine Großfamilie. Und die Neonazis sind dann eben Brüder und Schwestern. Ich will, dass diese Großfamilie weiter besteht, also sollte ich mal mit ihnen sprechen.“

Durch die bodentiefen Fenster des Cafés hinter ihr sieht man den Fernsehturm. Der Alexanderplatz ist für sie ein besonderer Ort. Hier war sie am 8. Mai 2005 erstmals bei einer Neonazi-Demo. 3.000 grölende Leute. Sie wollte wissen, warum die sie hassen. Geh zurück nach Afrika! Dabei war sie doch Deutsche. Was sollte sie in Afrika?

Mo Asumang suchte auch lange nach Lars Burmeister, dem Verfasser des Hassliedes. Sie fuhr sogar zu dem Motorradklub, in dem er sich an jenem Tag aufhalten sollte, und fragte nach ihm. Er kam nicht raus.

Sie hofft, dass Rassisten sich durch Gespräche mit Menschen, die sie als Feindbilder sehen, ändern. „Aber mir war klar, sie werden niemals auf mich zugehen, deshalb musste ich den ersten Schritt tun.“ Den Austausch mit Andersdenkenden zu fördern ist zu ihrem Lebensthema geworden. „Der weltweite Rechtsruck ist eines der bedrohlichsten Themen. Ich habe das Gefühl, viele Menschen merken gerade, dass Brandmauern allein uns nicht weiterbringen und dass Dialog der Weg sein könnte. Aber warum sucht keiner das Gespräch? Weil es einfacher ist, ‚Nazis raus!‘ zu sagen.“

Ihr Handy klingelt. Ständig. Zweieinhalb Monate im Jahr macht sie Pause, sonst ist sie jede Woche drei bis vier Tage lang unterwegs, meistens mit dem Zug, und schleppt Koffer mit Papier, Post-its und Stiften durch die Gänge. Sie veranstaltet Workshops, häufig an Schulen, oder sogenannte Motzbuden und hält Vorträge in Deutschland, ab und zu auch in den USA. Außerdem ist sie Gastprofessorin an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und unter anderem Vorstandsmitglied der Initiative Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Asumang arbeitet an einer digitalen Plattform zur Stärkung von Minderheiten und trifft sich regelmäßig mit anderen Engagierten.

„Das ist der Nachteil“, sagt sie, „dass das alles ziemlich viel ist.“ Zum Ausgleich fährt sie Fahrrad, kocht und überlegt, Salons zu veranstalten, weil sie so wenig Zeit für ihre Freunde hat und auf diese Weise viele auf einmal sehen könnte. In einem ihrer Filme sagte sie mal, dass sie immer eine große Sehnsucht nach einer Familie hatte. Ob sie nun selbst eine hat, darüber spricht sie nicht. Rechtsextreme bedrohen sie noch immer, heute auf Social Media.

Asumang nippt an ihrem Ingwertee. Sie fastet gerade mal wieder. Es ist Tag vier von sieben. „Ich mache das auch, um meine Willenskraft neu zu überprüfen. Wenn man so eine Arbeit macht wie ich, braucht man viel Willenskraft.“

Sie wählt sehr genau aus, was sie an Privatem erzählt. Aus Sicherheitsgründen und weil sie mittlerweile darauf achtet, wie viel über ihre öffentliche Rolle hinaus über sie bekannt wird.

Grillen zirpen, es ist dunkel. Die Kamera zeigt Asumang im Sommerkleid in einem abgelegenen Waldstück in Virginia, ihr gegenüber ein Mann in Ku-Klux-Klan-Uniform, von seinem Gesicht sind nur die Augen zu sehen.

„Was passiert in dieser Zeremonie?“, fragt sie ihn.

„Wir zünden ein Kreuz an.“

„Warum?“

„Für Jesus Christus, der aus der Dunkelheit ins Licht ging.“

„Jesus liebt auch die Schwarzen.“

Der Mann nickt und sagt dann:

„Muss ich das dann auch?“

Die Szene stammt aus Asumangs Dokumentarfilm „Die Arier“ (2014). Wie „Roots Germania“ (2007) wurde er für den Grimme-Preis nominiert. In beiden Filmen sucht Mo Asumang den Austausch mit Rechtsextremen. Ku-Klux-Klan-Mitglieder, NPD-Funktionäre, Neonazis. „Ich habe ‚Die Arier‘ 2014 gesehen“, sagt die Filmemacherin Doris Dörrie. „Es hat mich umgehauen, mit welchem Mut, mit welcher Gelassenheit sie sich immer wieder diesen furchtbaren rassistischen Angriffen aussetzt. Das fand ich phänomenal, bewundernswert und habe das so noch nie erlebt.“

Die Filme illustrieren, wie Asumang in den Gesprächen vorgeht. „Die Hater wollen eine Wut-und-Hass-Spirale in Gang setzen, weil sie sich im Hass und in der Wut wohl und sicher fühlen“, sagt sie. „Deswegen provozieren sie dich. Wenn du freundlich bleibst, fallen sie um.“ Um gesellschaftlich etwas zu verändern, brächten Gespräche mit extrem rechten Berufspolitikern nichts. „Aber für jene, die solche Parteien wählen, habe ich Empathie.“ In der Politik brauche es Brandmauern, auf der Straße Demos und die Antifa, im Alltag mehr Dialog.

Der Ku-Klux-Klan-Mann aus dem Film hat ein Maschinengewehr in seinem Pick-up liegen, Mo Asumangs Waffe sind ihre Fragen.

Sie sagt, ihr gehe es nicht primär darum, die Meinung des Gegenübers zu beeinflussen, sondern sich bei Diskriminierung überhaupt erst mal in die Lage zu bringen, trotzdem ein Gespräch zu führen, ohne wütend oder sprachlos zu werden. „Aber wenn im Gespräch ein verbindender Moment entsteht, weil beide sich öffnen, ist Wandel möglich.“

Einmal hat sie sich mit einem Bild ihrer weißen Mutter über das rechtsextreme Flirtportal Odin Kontaktanzeigen mit einem selbst ernannten „strammen Nationalisten“ verabredet. Frank, tätowiert, mit Glatze und Dobermann. Der sagte ihr bei einem Treffen, dass er kein Problem habe, „’ne Partnerschaft mit ’ner Farbigen einzugehen“. Die Hautfarbe allein sage ja nichts über den Menschen aus, außerdem habe es „im Reich“ auch Schwarze gegeben.

Das Bild zeigt ein Magazin-Cover mit einem lebhaften Design, auf dem verschiedene bunte Lego-Steine in einer Stadtlandschaft angeordnet sind. Auf dem Cover ist ein auffälliger schwarzer Kreis zu sehen, in dem in weißer Schrift „Jetzt bestellen!“ steht, was darauf hindeutet, dass das Magazin ein Bestseller ist. Das Magazin scheint sich auf ein bestimmtes Thema im Zusammenhang mit Lego-Steinen zu konzentrieren, und das Gesamtdesign sowie das Layout lassen auf eine optisch ansprechende und fesselnde Publikation schließen.
Mo Asumang steht breitbeinig vor einem modernen Gebäude mit markanter Architektur. Sie  trägt eine graue Jacke und eine schwarze Hose.

Mo Asumang am Alex: ein Ort, der eine besondere Bedeutung für sie hat

Kein großer Plan, dafür viele Zufälle

Mo Asumang sucht in ihren Filmen das Extreme, auf die Gespräche bereitet sie sich selten vor. Ihr ganzes Leben ist von Zufällen, Neugier und mutigen Experimenten geprägt. Oft bestimmen Begegnungen in ihrem Taxi den weiteren Weg. Der Berliner Fotograf Joachim Gern macht ein Foto von ihr, mit Zigarette am Auto. Daraufhin engagiert ein Fernsehproduzent sie für eine Doku über Taxifahrer in Berlin. Es folgt ihre erste Rolle im Fernsehen: Im Taxi interviewt sie Opernstars auf dem Weg zum Auftritt. Das sieht ein Caster, der eine Moderatorin für die Erotiksendung „Liebe Sünde“ sucht. „Ich musste zwei Moderationen vorbereiten und ein Interview mit einem Pornodarsteller“, sagt sie. „Das habe ich 1-a gemacht, ohne rot zu werden.“

Eigentlich wollte Mo Asumang eine berühmte Opernsängerin werden. Aber weil sie so viele Nächte durchgefeiert habe, sagt sie, hätte es nur für Blues gereicht.

Ein Jahr, bevor Prosieben die Sendung „Liebe Sünde“ einstellt, überredet eine Freundin Asumang, eine Bar zu eröffnen. Die Seven Lounge in Berlin-Mitte: darin ein selbst geschweißtes Bett (Asumang hat mal einen Schweißerkurs gemacht), schicke Möbel, Cocktails. „Die Hütte war immer krachend voll, oft waren mehr Journalisten, Fotografen und Kameraleute als Gäste drin.“ Aber wenn sie etwas bereue, sagt sie, dann diese fünf Jahre. Tag und Nacht das Handy an, 200.000 Euro investiert, das gesamte Ersparte weg. „Viele dort haben gekokst ohne Ende, die Kasse war immer leer. Ich wurde die ganze Zeit beklaut.“

Asumang wirkt bescheiden, ist allerdings auch gerne die Erste. Die erste afrodeutsche Moderatorin, die Erste mit solchen Filmen, die Erste mit allgemein zugänglichen Motzbuden. „Man braucht ja Highlights im Leben“, erklärt sie.

Sie bewirbt sich noch einmal als Fernsehmoderatorin. Sorry, sagt der Programmdirektor, aber auf ihrer Stirn stünden nun drei Buchstaben: Sex. Mo Asumang stürzt sich daraufhin in den Austausch mit Rassisten und verlagert ihr Talent, Menschen mit Fragen aus der Reserve zu locken, von der Bühne ins echte Leben. Anders als gedacht lässt sie das neue Thema nicht mehr los. Pegida, AfD. Die rechte Bewegung wird immer mächtiger.

So findet sie ihre neue Rolle. Die Rolle ihres Lebens.


„Die Hater wollen eine Wut-und-Hass-Spirale in Gang setzen, weil sie sich im Hass und in der Wut wohl und sicher fühlen. Deswegen provozieren sie dich. Wenn du freundlich bleibst, fallen sie um.“

Wie spricht man mit Rassisten?

Ein paar Wochen nach dem Treffen in Berlin sitzt Asumang in Trainingsjacke in einem Klassenzimmer der Integrierten Gesamtschule Lüneburg im Stadtteil Kaltenmoor, einem armen Viertel. Neben ihr ihre Co-Trainerin Jana Gladbach, vor ihnen Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren, Lehrkräfte, ein Arbeitsloser, ein geflüchteter Afghane, eine pensionierte Lehrerin, ein Montessori-Pädagoge. Die „Dialogbotschafter:innen“-Workshops ihres Vereins Mo Lab sind kostenlos und offen für alle.

Rechtsextreme Vorfälle an Schulen nehmen überall zu, in Niedersachsen hat sich die Zahl von 2023 bis 2024 mehr als verdoppelt. Mo Asumang gibt seit mehr als zehn Jahren Workshops an Schulen, an manchen braucht sie inzwischen Polizeischutz.

„In Schulen trauen sich Rassisten heute, alles zu sagen. Junge Menschen haben die Macht, das zu ändern, deswegen arbeite ich so gerne mit ihnen“, sagt sie. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Workshops sollen lernen, auf Beleidigungen gelassen zu reagieren und mit Aggressoren sprechen zu können. Dazu sehen sie am Anfang eine Fassung des Films „Die Arier“ und analysieren, wie Mo Asumang in ihren Gesprächen vorgeht.

Es gibt mittlerweile viele Leute, die sie in ihrem Verein unterstützen, aber im Zentrum steht nach wie vor sie. Es ist ihr Lebensthema, dank dem sie nach wie vor in der Öffentlichkeit steht, nur eben in einer neuen Rolle.

„Bei meiner ersten Nazi-Demo“, sagt Asumang in die Runde, „hatte ich so viel Angst, dass ich mich fast übergeben hätte. Ich habe mir gesagt, ich bin eine Dampfwalze, gepanzert aus Metall und rolle langsam weiter. Mir kann keiner was anhaben.“ Innere Bilder sollen auch den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihrer Workshops helfen, Verletzendes an sich abprallen lassen.

„‚Die Arier‘ ist ein zeitloser Film, er kommt gut an bei den Schülerinnen und Schülern und ist ein guter Impuls, um über Faschismus, Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus zu sprechen“, sagt Sanem Kleff, die langjährige Leiterin von Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage. Manche Workshops organisiert Asumang in Kooperation mit der Initiative. „Mo hat ein Ohr für alle“, sagt sie, „auch für Schüler, die provozieren wollen. Sie lässt sich aber nicht provozieren und geht sehr ernsthaft darauf ein, was sie sagen und warum. Nur so können wir wirklich mit ihnen ins Gespräch kommen.“

Die 16-jährige Schülerin Deliman Haueri, die mit ihrer jesidischen Familie aus dem Irak geflohen ist, erlebt im Schulalltag oft Rassismus. Sie sagt über die Übungen: „Ich wollte anfangs sofort zurückargumentieren oder -beleidigen. Jetzt fühle ich mich ruhiger.“

Christopher Sorge steht auf einem Feld vor einem bewölkten Himmel; er trägt eine graue Weste und blaue Jeans.

Christoph Sorge war früher Neonazi, heute gibt er armen und geflüchteten Kindern Nachhilfe

Ein Ex-Nazi wird zum Freund

Die Realität ist gerade nicht nur für Mo Asumang ernüchternd. Menschenfeindliche Einstellungen nehmen weltweit zu. Doris Dörrie sagt: „Wir weißen Menschen können nicht im Ansatz verstehen, was das bedeutet, wenn es keine Normalität gibt, niemals einen Zustand der kompletten Entspannung außer Haus.“ Asumang geben die Begegnungen mit Menschen Kraft, weiterzumachen. Schüler, die Rassismus erleben und sich nach ihren Workshops weniger hilflos fühlen, Menschen, die ihre radikalen Meinungen ändern. So wie der ehemalige Neonazi Christoph Sorge, mit dem sie inzwischen befreundet ist.

Sorge wuchs in Dresden auf, hatte in der Schule Probleme mit Lesen und Schreiben, gehörte nie richtig dazu. Als er neun Jahre war, gab ein Kumpel ihm das handgeschriebene Tagebuch eines Wehrmachtssoldaten und überzeugten Nationalsozialisten. „Das war ein erfolgreicher Kämpfer mit vielen Auszeichnungen, seine Tapferkeit bis zum Schluss fand ich beeindruckend“, sagt der heute 39-Jährige. „Es hat mich motiviert, das Gekrakel zu entschlüsseln.“ Mit dem Tagebuch brachte er sich Lesen und Schreiben bei.

Mit 14 Jahren schloss Christoph Sorge sich einem freien Neonazinetzwerk an. Dort blieb er zwölf Jahre lang und rekrutierte Kinder und Jugendliche, die Probleme in der Schule oder in der Familie hatten. Damals kümmerte ihn nicht, wie kaputt sie waren: „Wenn sie unbrauchbar geworden sind, aus psychischen Gründen oder weil sie im Knast gelandet sind, war uns das egal. Es ging nur darum, die Bewegung voranzutreiben.“

Anfang 2012 begann Sorge, sich von der Gruppe zu distanzieren. Für die anderen war klar, dass politische Feinde sterben müssen, er wollte niemanden töten. Ende des Jahres lernte er Mo Asumang kennen. Sie suchte für „Die Arier“ einen Neonazi, der überlegt, auszusteigen, und fand ihn über einen kleinen Verein, der dabei hilft. „Ich habe schnell gemerkt, dass Mo vor und hinter der Kamera dieselbe ist. Ihre offene und menschliche Art hat mich motiviert, mich ihr gegenüber zu öffnen“, sagt Christoph Sorge. „Wir waren einfach zwei Menschen mit gewissen Erfahrungen, die sich ausgetauscht haben. Die Begegnung mit ihr hat dazu geführt, dass ich die Energie entwickelt habe, mit dem Verein den Ausstieg anzugehen.“

Sorge zog weg aus Dresden, sein ideologischer Ausstieg dauerte sieben Jahre. Mittlerweile gibt er armen und geflüchteten Kindern Nachhilfe und klärt in Schulen über Rechtsextremismus auf. „Ich bin kein Linker, ich bin kein Grüner, ich bin sehr konservativ. Aber ich stehe mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes.“

Es gibt noch einen anderen Menschen in Mo Asumangs Leben mit einem bemerkenswerten Gesinnungswandel: ihre Großmutter Charlotte Henschke. Sie war Stenotypistin bei der Waffen-SS. Als ihre Tochter ihr mitteilte, dass sie eine schwarze Enkelin bekomme, kündigte sie an, sich umzubringen. Doch sobald sie das Baby zum ersten Mal in den Armen hielt, war alles vergessen. Sie kümmerte sich mehr um ihre Enkelin als deren Eltern. Sagte jemand das N-Wort zu dem Mädchen, erwiderte sie: „Du Kalkeimer!“

„Sie war mein Fels in der Brandung“, sagt Asumang.

Erst nach dem Tod ihrer Großmutter hat sie von deren SS-Vergangenheit erfahren. Hätte sie das als Jugendliche gewusst, hätte sie den Kontakt zu ihr abgebrochen. Nazis raus! So hat sie früher auch gedacht. Da wusste sie noch nicht, dass Rassisten sich ändern können. ---

Mo Asumang

Leben
Sie ist fünf Wochen alt, als ihre Mutter sie in ein Kinderheim gibt, später wächst sie bei wechselnden Pflegeeltern auf. Die Wochenenden verbringt sie vor allem bei ihrer deutschen Großmutter. Ihr ghanaischer Vater zieht nach England. Asumang studiert visuelle Kommunikation in Kassel und klassischen Gesang in Berlin. Dort lebt sie seit 1986. Geld verdient sie als Professorin, Moderatorin, Schauspielerin, Synchronsprecherin, mit Regie und Bühnenauftritten.

Wirken
Sie setzt sich ehrenamtlich in diversen Vorständen und Ämtern gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus ein, 2019 erhält sie dafür das Bundesverdienstkreuz. Mit ihrem Verein Mo Lab fördert sie mit ihrem Kompagnon Frank Labitzke seit 2021 den Austausch mit Andersdenkenden: mit Dialogtraining-Workshops, mit Motz- buden (Veranstaltungen für offenen Meinungsaustausch), Mampf & Motz (das Gleiche mit Kochen). Seit 2025 finanziert die Robert Bosch Stiftung eineinhalb Stellen, Fördergelder für spezielle Projekte kommen von der Initiative Project Together sowie den Bundesländern Hessen und Thüringen. Asumang hofft zudem auf Unterstützung von Unternehmen.

Gesellschaftliche Polarisierung
„Für Dialoge brauchen wir eine bestimmte Grundlage. In der Demokratie ist das die Idee, wir halten zusammen“, sagt Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Doch dieses Fundament bröckelt. „Die Bedingungen für Dialoge sind brüchig geworden, im digitalen Raum existieren sie oft gar nicht.“ Es gibt viele Initiativen in Deutschland, die etwas gegen die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung tun – meist mit Aufklärung, um mit Feindbildern aufzuräumen, oder mit Begegnungen wie Asumang. Über ihren Ansatz sagt Zick: „Radikalisierung fängt an mit Beschwerden und Ungerechtigkeitsgefühlen. Die Wut wird stärker, dann folgt die Abgrenzung. Den Erfolg ihrer Intervention macht es aus, dass sie nicht Ideologien auseinandernimmt, sondern Menschen in den ersten Stufen von Radikalisierung emotional konfrontiert.“

Wie spricht man mit Rechtsextremisten?
Das internationale Violence Prevention Network betreibt seit 2004 Präventions- und Deradikalisierungsarbeit. Ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will, sagt: „Bei denen, die schon straffällig geworden sind, gibt es oft einen hohen Leidensdruck und eine intrinsische Motivation, etwas zu ändern. Anfangs geht es in meiner Arbeit darum, gegenseitiges Vertrauen herzustellen. Dann folgt ein Reflexionsprozess. In dem Prozess suchen wir auch nach möglichen Widersprüchen zum Weltbild in der eigenen Biografie. Ein Beispiel: Die Person verachtet Frauen – aber bewundert die starke Mutter. So lässt sich die Ideologie aufbrechen. Zuzuhören und nachzufragen ist wichtig, aber auch menschenverachtende Äußerungen als solche zu benennen.“