Die Waschmaschine der Wissensarbeiter
KI verspricht, uns viele Aufgaben abzunehmen. Es könnte aber auch ganz anders kommen.
• Wenn Sie eine wirklich überraschende Äußerung provozieren wollen, unterhalten Sie sich mit einem libertären Techinvestoren in den USA über die Zukunft der Arbeit. Selbst hartgesottene Anhänger des freien Marktes plädieren nämlich plötzlich für eine staatliche Umverteilungspolitik. Die Logik dahinter ist beunruhigend: Da künstliche Intelligenz die menschliche Arbeit bald vollständig ersetzen könne, müsse der Staat einspringen, um die überflüssig gewordenen Beschäftigten zu alimentieren.
Es ist die Ironie der Effizienz: Man baut eine Maschine, die den Menschen ersetzt, und muss sich im selben Atemzug um dessen Existenz sorgen. Diese Idee ist keineswegs neu, sondern ein Klassiker der Wirtschaftsgeschichte. Im Jahr 1867 warnte Karl Marx in seinem Hauptwerk davor, dass neue Techniken die Arbeiter notwendigerweise verdrängen würden. 1930 prophezeite der Ökonom John Maynard Keynes „technologische Arbeitslosigkeit“ als Krankheit der Zukunft.
Solche Abgesänge auf die menschliche Arbeit klingen heute aktueller denn je, wenn zum Beispiel Dario Amodei, Chef der Firma Anthropic hinter dem Chatbot Claude, eine „schmerzhafte Disruption“ des Arbeitsmarktes voraussagt.
Doch womöglich kommt es ganz anders, und die KI beschert uns nicht weniger, sondern mehr Arbeit.
KI-Pingpong ist nicht unbedingt effizient
Meine Urgroßmutter, die im Jahr 1904 geboren wurde und fast ein ganzes Jahrhundert miterlebte, hätte über die heutige Angst vor dem Ende der Arbeit nur milde gelächelt. Sie erfuhr hautnah das „More Work for Mother“-Phänomen, das die Historikerin Ruth Schwartz Cowan in den Achtzigerjahren untersuchte. Eigentlich sollte die Einführung von Waschmaschinen, Staubsaugern und Geschirrspülmaschinen die Hausarbeit drastisch reduzieren. Doch das Gegenteil geschah: Die Standards für Sauberkeit stiegen dadurch so weit, dass die gewonnene Zeit aufgefressen wurde. Früher wusch man die Bettwäsche einmal im Monat, weil es ein Kraftakt war. Heute wäscht man sie wöchentlich, weil es die Maschine erledigt.
Dieses Phänomen ist in der Ökonomie als Rebound-Effekt bekannt: Effizienzsteigerungen sorgen dafür, dass die Kosten zum Beispiel für eine Dienstleistung derart sinken, dass die Nachfrage danach überproportional ansteigt.
Kein Zeitgewinn also. Meine Urgroßmutter war über die Jahrzehnte immer gleich lange im Haushalt beschäftigt, nur dass der reiner wurde. KI ist, um in der Analogie zu bleiben, heute die Waschmaschine des Wissensarbeiters. Wir gewinnen durch sie keine zusätzliche Freizeit, sondern nutzen die neue Effizienz dazu, mehr und (scheinbar) bessere Ergebnisse zu erzielen. Wenn die Softwarefirmen versprechen, dass ihre Tools perfekte Präsentationen erstellen, sinkt nicht unsere Arbeitszeit. Stattdessen steigt der Anspruch an Qualität und Quantität der Folien. Am Ende verbringen wir genauso viel Zeit mit dem Prompt-Pingpong wie früher mit dem manuellen Erstellen von Präsentationen.
Man nennt dieses Phänomen auch Parkinsons Gesetz, benannt nach dem britischen Historiker Cyril Northcote Parkinson, der schon in den Fünfzigerjahren feststellte, dass Arbeit sich in dem Maße ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Wenn uns eine Technik doppelt so effizient macht, dann gehen wir nicht nach der Hälfte des Tages nach Hause, sondern arbeiten doppelt so viel ab.
Im Extremfall könnte KI zu etwas führen, das Ökonomen als „Administrative Sludge“ bezeichnen, wörtlich übersetzt: Verwaltungsschlamm. Wann immer ich für Projekte zum Einsatz der Technik in Firmen bin, drehen sich die Diskussionen nicht darum, Grundlegendes zu verändern, sondern das bestehende Geschäft auszuweiten. Da geht es dann zum Beispiel darum, Sitzungen mit KI zu protokollieren und Compliance-Checklisten, Berichte sowie E-Mails automatisch zu erstellen. Da all das kaum noch Mühe macht, wuchert der Verwaltungsaufwand.
Das treibt bizarre Blüten: Ich habe Unternehmen erlebt, in denen Probleme erfunden wurden, bloß damit KI sie lösen kann. Oder man erzeugt mithilfe der Technik riesige Textmengen, die von Menschen (oder deren KI) durchgearbeitet und zusammengefasst werden müssen.
Nicht zu gewinnen: der Wettlauf mit der Maschine
KI könnte also nicht Jobs vernichten, sondern die Muße. Wissenschaftlich ist gut belegt, dass neue Technik bislang weder Arbeit noch Märkte abgeschafft, sondern ausgeweitet hat. Als das Programm Excel in den Achtzigerjahren die Buchhaltung veränderte, fielen zwar Hunderttausende Buchhalterstellen weg. Aber gleichzeitig entstanden mehr als eine Million neue Stellen für Rechnungsprüferinnen und Finanzanalysten.
Ähnliches ist in der Medizin zu beobachten: Seit Jahren wird behauptet, dass Radiologen durch KI-Diagnostik überflüssig werden. Tatsächlich wächst die Zahl der ausgeschriebenen Radiologenstellen in Deutschland fast doppelt so schnell wie in anderen Fachbereichen. Der Grund dafür: Weil die Diagnostik durch KI schneller und präziser wird, fordern Mediziner heute häufiger entsprechende Bilder an als früher. Die Technik steigert die Nachfrage, sodass es am Ende wieder den Menschen braucht, der die Ergebnisse in einen therapeutischen Gesamtkontext einordnet.
Solange eine neue Technik die menschliche Arbeit nicht komplett übernimmt – und KI ist davon noch ein gutes Stück entfernt –, bleibt also mehr als genug zu tun. An den Schnittstellen entstehen neue Ideen, Jobs und Arbeit. KI könnte also langfristig für mehr Beschäftigung sorgen – aber auch den Anspruch an uns erhöhen.
Die Automatisierung kognitiver Prozesse hat einen hohen Preis: Durch den ständigen Wechsel zwischen verschiedenen KI-Systemen und das Wegrationalisieren von mentalen Pausen könnten Wissensarbeiter in einen Zustand permanenter Erschöpfung geraten. Wer früher noch Einfluss auf den Arbeitsrhythmus nehmen konnte, wird heute einem ununterbrochenen Strom von KI-Entscheidungen ausgesetzt. Die daraus resultierende mentale Überlastung, auch AI Brain Fry genannt, ist die Quittung für den Versuch, unser Gehirn mit der Geschwindigkeit einer Maschine Schritt halten zu lassen.
Das wäre die tatsächliche ironische Wendung: Nicht nur, dass uns KI am Ende keine Zeit einspart – wir werden durch industrielle Wissensarbeit gestresst und verleitet, digitalen Bullshit zu produzieren.
Von der Uroma zu lernen, heißt Gelassenheit lernen
Über Jahrzehnte wurde den Menschen beigebracht, sich an Maschinen anzupassen. Nun gibt es welche, die uns geistige Tätigkeiten abnehmen: schnell, effizient und berechenbar. Gut so! Denn genau darin liegt die eigentliche Chance zur Befreiung: Dann stehen wir nicht vor dem Ende der Arbeit, sondern vor dem Ende einer mechanistischen Ausbeutung.
Wir haben jetzt die Chance, uns auf das zu konzentrieren, was Menschen wirklich können: abschweifen, Unnötiges weglassen, frei denken und uns entspannen, um Zusammenhänge zu verstehen. Das ist auch deshalb vernünftig, weil automatisierbare geistige Tätigkeiten künftig kaum noch Kosten verursachen werden. Die Zukunft gehört daher nicht den Optimierern und Normierern, sondern den empathischen Sinnsuchern.
Meine Urgroßmutter hat nach diesem Prinzip gelebt. Trotz ihrer harten körperlichen Arbeit besaß sie eine Form von innerer Ruhe, die uns heute völlig abhandengekommen ist. Sie definierte sich nicht durch die Zahl gewaschener Laken, sondern durch ihre Bedeutung für die Familie.
Das ist die eigentliche Lektion der KI: Sie nimmt uns die Ausrede, dass wir keine Zeit für das Wesentliche hätten. Und das sind Dinge, die kein Algorithmus beherrscht. KI ist ein Test, ob wir unsere tatsächlichen Fähigkeiten erkennen.
Es ist also kein Ende der Arbeit in Sicht – aber vielleicht der Anfang einer Arbeit, die diesen Namen wirklich verdient. ---
Henning Beck, 42, ist Neurowissenschaftler, Biochemiker und Autor. Er ist regelmäßig in den USA und berichtet über die aktuellen Trends der Techszene.