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Das Bild zeigt ein verfallenes mehrstöckiges Gebäude mit einem großen Loch in der Mitte, umgeben von üppiger Vegetation und einem Feld mit roten Blumen im Vordergrund.
Das durchschossene Verwaltungsgebäude im Zentrum von Mykolajiw

Wiederaufbau von Mykolajiw

Die ukrainische Stadt Mykolajiw macht sich mitten im Krieg auf den Weg in die Zukunft. Ein einmaliges Wiederaufbauprojekt dank Hilfe aus Dänemark.


• Überall aufgeplatzter Asphalt, die Farben des hoch aufragenden Schornsteins sind verblichen, aus den maroden Fassaden des Kraftwerks von Mykolajiw sprießen Zweige. Symbole des Verfalls – und des Überlebenswillens. Seit 1939 versorgt das Blockheizkraftwerk die Stadt im Süden der Ukraine mit Strom und Fernwärme. Einst war es ein Aushängeschild stalinistischer Ingenieurskunst, auf den Pfeilern am Eingang prangten Hammer und Sichel. Doch nun zerstören die Erben der Sowjetunion das Kraftwerk.

Seit der Vollinvasion vor rund vier Jahren greift Russland die Ukraine unerbittlich an und nimmt vor allem im Herbst und Winter die Infrastruktur ins Visier. Drohnen und Raketen setzen im Kraftwerk von Mykolajiw Turbinenhallen und Kontrollräume in Brand. Dann erstarrt die Stadt: Heizungen bleiben kalt, Straßenbahnen und Fabriken stehen still. Die Bewohner behelfen sich mit Kerzen, Decken, Dieselgeneratoren.

Nach jedem Angriff rückt das Team um Anatolij Strelnykow zur Reparatur aus. „Was sollen wir sonst machen?“, fragt er rhetorisch. „Einfach niederknien und warten, bis wir sterben?“ Der 35-jährige Ingenieur hat Maschinenbau studiert, arbeitete lange Jahre in der Rüstungsindustrie, und seit 2023 versucht er, vom Kraftwerk zu retten, was zu retten ist.

Seit zweieinhalb Jahren hat Strelnykow einen starken Helfer an der Seite: Dänemark. Dank der Unterstützung des Landes kann er die Energieversorgung zukunftsfest machen. So produziert nicht mehr allein der zentrale Block Strom und Wärme: Zusätzlich übernehmen mobile Einheiten Teile der Versorgung, Solaranlagen und Speicher helfen, die Großanlagen wieder in Gang zu bringen.

Solche kleinen dezentralen Einheiten lassen sich schneller ersetzen und wieder hochfahren – mitten im Krieg, keine 60 Kilometer von der Front entfernt. Doch auch das alte Kraftwerk wird noch gebraucht. Und so flackern dort grelle Lichtblitze von Schweißgeräten zwischen aufeinandergestapelten Rohren, Kräne hieven Stahlplatten über das Gelände, aus dem Kesselhaus ertönen schwere Hammerschläge. Innen ist ein Gewirr aus Rohren, Ventilen und Metallleitern zu sehen, die vereinzelte Neonleuchten in ein milchiges Licht tauchen.

Das Bild zeigt Torrild Hansen, der vor einer Wand steht, auf der ein großes rotes, rundes Emblem mit einer Krone und einem Wappen zu sehen ist. Der Mann schaut auf sein Handy, das er in der Hand hält. Im Hintergrund sind mehrere Flaggen zu sehen, darunter die dänische Flagge, die auf der linken Seite des Bildes zu erkennen ist

Verbindungsmann: Jakob Torrild Hansen in der Außenstelle der dänischen Botschaft

Das Bild zeigt eine Gruppe von Arbeitern in einer Fabrikumgebung, wobei eine Person gerade an einer großen Maschine arbeitet. Die Arbeiter tragen Schutzhelme und Sicherheitsausrüstung, was auf ein professionelles Arbeitsumfeld hindeutet.

Im Dauereinsatz: Anatolij Strelnykow und seine Kollegen bei Reparaturarbeiten im städtischen Kraftwerk

Die Stadt soll funktionieren – trotz aller Angriffe

Zwischen tellergroßen Ventilrädern und klobigen Schaltschränken leuchten die Gehäuse neuer Pumpen, draußen glänzen zwischen alten Leitungen aluminiumbeschichtete Rohre, am Rande des weitläufigen Geländes recken sich Solarpaneele Richtung Sonne. Strelnykow und seine Kollegen arbeiten an der Infrastruktur, damit Mykolajiw sich wieder aufrichten kann. Es ist ein Vorzeigeprojekt des größten Wiederaufbauprogramms in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Ukraine braucht einer gemeinsamen Schätzung von Weltbank, EU und Uno aus dem Februar zufolge mehr als 580 Milliarden Dollar – berücksichtigt sind dabei nur die Kriegsschäden bis Ende 2025.

Doch ein Waffenstillstand ist nicht in Sicht, und die Wirtschaft der Ukraine liegt am Boden. Das Land wird den Wiederaufbau allein niemals stemmen können. Deshalb veranlassen Geberländer regelmäßig milliardenschwere Hilfszahlungen. Allein um den Sold für die Soldaten, Beamtengehälter und Renten bezahlen zu können, braucht Kyjiw rund fünf Milliarden Euro an Zuschüssen. Monatlich. Es ist zudem ein offenes Geheimnis, dass durch Korruption regelmäßig Geld in dunkle Kanäle sickert. Über den Rest der internationalen Hilfen entscheiden Ministerien – so zentral wie bürokratisch.

In Mykolajiw läuft alles partnerschaftlich und vor Ort. Die Entscheidungen fallen dort, wo auch gebaut, repariert und geplant wird. Den Anstoß dazu gab der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, als er im März 2022 vor dem Parlament in Kopenhagen um Hilfe für die schwer kriegsbeschädigte Großstadt bat. Sein Wunsch wurde erhört. Dänemark hilft der Ukraine wie andere Länder auch über UN-Organisationen, Entwicklungsbanken und Hilfswerke – und seit Januar 2024 ganz direkt in Mykolajiw. Dort gibt es nun eine offizielle Außenstelle der Botschaft mit fünf Angestellten, einem Foto des dänischen Königspaars, zwei feuerwehrroten Fahrrädern und einer wandgroßen Karte der Provinz Mykolajiw.

„Natürlich wünschen wir der Ukraine Frieden“, sagt Jakob Torrild Hansen, der dänische Leiter des Wiederaufbauprogramms und der Verbindungsmann zwischen seiner Heimat und den lokalen Behörden. „Aber wir gehen davon aus, dass Russland auch in den nächsten Jahren angreifen wird. Wir wollen sicherstellen, dass Mykolajiw trotzdem weiter funktioniert.“ Der 32-Jährige zeigt auf der Wandkarte die bisherigen Ergebnisse der Partnerschaft. Sein Zeigefinger springt dabei über das ganze Stadtgebiet: Erneuerung des Wassernetzes, Reparatur von Wohnblöcken, Wiederaufbau des historischen Schulgebäudes des Arkas-Lyzeums. Und auch im Umland entstehen Solaranlagen, Windräder und Pumpstationen.

„Unser Fokus liegt auf der kritischen Infrastruktur“, sagt Hansen, also auf Wasser, Energie und dem öffentlichen Nahverkehr. „Wir wollen, dass Stadt und Region sich in Zukunft wieder eigenständig und zuverlässig mit Wasser und Strom versorgen können – trotz aller Angriffe.“

Das Ziel sei ein langfristiger Aufbau, sagt Hansen. Dazu benötigen Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser, Fabriken und landwirtschaftliche Betriebe konstant Strom und Wärme, die Menschen müssen verlässlich mit Bus und Bahn zur Arbeit kommen. „Dies sind die Grundvoraussetzungen, damit die Region funktionieren kann. Wer möchte hier sonst leben?“ Ohne eine stabile Infrastruktur, so Hansen, würde Mykolajiw ausbluten – genau wie der russische Präsident Putin es wolle.

Auch andere Länder und Organisationen unterstützen die Region am Schwarzen Meer, aber Dänemark geht mit seiner Außenstelle weiter, ist in Mykolajiw der größte Geldgeber und engste Partner. 375 Millionen Euro stellt das Land mit seinem Ukraine Transition Programme bis 2028 zur Verfügung, davon fließen sechzig Prozent, 225 Millionen Euro, dorthin.

Die sind bitter nötig. Die Großstadt stand zu Beginn des Angriffskriegs am Abgrund. Immer wieder versuchten die russischen Truppen, sie einzunehmen, umzingelten sie fast vollständig, Panzer drangen ins Zentrum vor. Erst nach Monaten heftiger Kämpfe konnten ukrainische Soldaten Stadt und Region wieder befreien.

Mehr als 40 Prozent der Wohnhäuser in Mykolajiw waren kriegsbeschädigt, Universitäten oder Schulen zerbombt, und auf ihrem Rückzug sprengten russische Einheiten gezielt die Wasserversorgung. Fast die Hälfte der 470.000 Einwohner hatte die Stadt verlassen, ganze Viertel lagen in gespenstischer Leere und Dunkelheit, fast ohne Strom, dafür mit braunem, stinkendem Wasser aus den Hähnen und unter regelmäßigem Raketenbeschuss.

Heute leben wieder fast so viele Menschen hier wie zu Friedenszeiten. Viele kamen als Binnenflüchtlinge aus der nahen Frontstadt Cherson, noch mehr planen ihre Zukunft in der Stadt. Weil sie eine Perspektive bietet – trotz aller Angriffe. Wiederaufbau bedeutet hier nicht die bloße Wiederherstellung des Status quo von vor dem Krieg. Vielmehr soll es mit Mykolajiw vorangehen, in neue, bessere Zeiten.

Das Bild zeigt eine Stadtansicht mit einem großen, mehrstöckigen Gebäude, das über zahlreiche Fenster und Balkone verfügt. Im Vordergrund sind auf dem Dach des Gebäudes Sonnenkollektoren zu sehen,
Das Bild zeigt eine lebhafte Straßenszene mit Menschen, die an Tischen im Freien sitzen, und einem Imbisswagen im Hintergrund. Eine Frau mit einer grünen Mütze geht an einem Mann vorbei, der ein Tablett mit einem Getränk in der Hand hält.

Eine Straßenszene: Solarenergie macht die Stadt widerstandsfähiger

Ein Versuchslabor fürs gesamte Land

So werden überall in der Stadt und der Region, auf den Dächern von Krankenhäusern oder neben Feldern, Solaranlagen und Windräder installiert. Schulen und Kindergärten bekommen Schutzräume, und an mehr als 200 Brunnenanlagen in Stadtvierteln, die noch keine neuen Leitungen erhalten haben, können die Bewohner gratis Trinkwasser abzapfen. Selbst wenn die russischen Drohnen und Raketen einen Treffer landen, bricht dank der Dezentralisierung die Versorgung mit Strom oder Wasser nicht vollständig zusammen.

Der Wiederaufbau macht aber auch die Probleme deutlich, vor denen das ganze Land seit Jahrzehnten steht. Die Stadt sei marode, sagt Hansen, habe zu wenig in die Substanz investiert. „Pumpen, Rohre, Heizungen – alles ist in einem schlechten Zustand.“ Viel zu lange habe man hier nicht an Energieeffizienz gedacht. „Sobald wir hier Pumpen wechseln oder neue Trafos einbauen, sinken die Energieverluste um fast achtzig Prozent wegen der neuen Geräte“, sagt der Däne.

Mykolajiw ist daher nicht nur eine Baustelle, sondern ein Versuchslabor: Gelingt hier der Umbau, könnte daraus das Modell für andere ukrainische Städte werden.

Dänemark gibt Geld, die meisten Aufträge gehen an lokale Unternehmen. So soll die regionale Wirtschaft stabilisiert werden – so gut es bei regelmäßigen Mobilisierungswellen durch die Armee eben geht. Hansen betont, dass seine Heimat keine kommerziellen Interessen verfolge. „Wir wollen, dass die Ukraine überlebt und Erfolg hat, mit einer laufenden Wirtschaft und Arbeit für die Menschen.“ Irgendwann einmal werden vielleicht auch dänische Unternehmen hier Aufträge bekommen und investieren. Aber das sei Zukunftsmusik.

Dmytro Falco steht in einer Tür und blickt auf eine Stadtlandschaft, die durch das Fenster zu sehen ist. Die Stadtlandschaft besteht aus hohen Gebäuden und einem Platz mit Menschen.

Der Counterpart von Hansen: Dmytro Falko, Sekretär des Stadtrats

Das Bild zeigt zwei Kinder, die auf einem verrosteten Militärpanzer stehen, vor einer Landschaft mit Bäumen und Gebäuden im Hintergrund..
Daneben ist ein Mann zu sehen.

Bis ins Zentrum stießen die russischen Panzer vor – jetzt dienen sie als Spielgeräte

Die Menschen reagieren mit schicksalsergebenem Trotz

Die Straßencafés und Restaurants der Stadt sind gut gefüllt, aus den Außenlautsprechern erklingt Jazz. Unter den Platanen an der Soborna-Flaniermeile im Zentrum verkaufen die Händler Zuckerwatte und Souvenirs. In den Seitenstraßen fahren Jugendliche mit Elektrorollern um die Wette.

Den Krieg erkennt man auf den zweiten Blick: Da sind die Spanplatten in den Fensterrahmen, Propagandaplakate der Armee, die vielen jungen Männer mit den zugenähten T-Shirt-Ärmeln.

Trotzdem sucht hier, wenn mehrmals täglich die Sirenen aufheulen, kaum jemand die Schutzräume auf. Über der Stadt liegen ein schicksalsergebener Trotz und die Hoffnung, dass Drohnen und Raketen vor allem auf militärische Einrichtungen niedergehen werden – Mykolajiw gilt als Umschlagplatz für die südlichen Frontabschnitte. Oft genug trügt diese Hoffnung. Doch am nächsten Tag sind die Cafés wieder voll, die Geschäfte wieder offen, und die Menschen gehen ihrem Alltag nach.

Den Platz am Ende der Soborna rahmen Rathaus und Verwaltungsgebäude, ein achtgeschossiger Klotz aus hellem Beton und Fensterreihen. Nach einem Raketentreffer im März 2022 prangt in dessen Mitte ein kugelrundes Loch, kompletter Durchschuss. Neben dem Hochhaus am Bürgersteig aufgereiht rosten russische Panzer und andere Militärfahrzeuge. Symbole des Widerstands und eines Neuanfangs.

Es ist nicht der erste. Seit ihrer Gründung im Jahr 1788 bestimmte der Schiffbau Leben und Arbeit der Hafenstadt am Zusammenfluss von Südlichem Bug und Inhul. Zu Sowjetzeiten zählte Mykolajiw zu den „verbotenen Städten“. Kein Ausländer durfte die Gegend betreten – militärisches Sperrgebiet. Hier baute man Flugzeugträger, U-Boote und Zerstörer, hier hatte die Schwarzmeerflotte einen wichtigen Stützpunkt. Mykolajiw lebte vom und für den Schiffbau, ganze Viertel entstanden in der Nähe der Fabriken. Damit war es nach dem Zerfall der UdSSR vorbei.

Die Stadtoberen besannen sich auf Logistik, ließen weitere Silos errichten und nutzten die Lage am Wasser für den Export. Fast 40 Prozent aller Ausfuhren der Ukraine liefen über Mykolajiw, das galt besonders für Pflanzenöl, Weizen, Tomaten. Nun liegen die Speicher in Trümmern, der untere Flussabschnitt ist vermint, die Häfen blockiert. Und damit die Wirtschaft.

„Bereits vor Beginn der Angriffe war uns klar, dass sich Mykolajiw verändern muss“, sagt Dmytro Falko, Sekretär des Stadtrats. Es gebe kaum öffentliche Plätze, die Versorgung der Plattenbauten sei ineffizient, der Nahverkehr veraltet. „Nach den Angriffen der Russen standen wir vor den Ruinen und beschlossen, unsere Stadt besser zu machen als vor dem Krieg.“

Building back better, so heißt dieser Masterplan zur Stadtentwicklung, eine schuhkartongroße Vision auf Hochglanzpapier, die schwer wie ein Ziegelstein auf Falkos Schreibtisch liegt, gemeinsam entworfen mit den Vereinten Nationen.

Der 44-Jährige koordiniert die Arbeit des Rats und hat einen Sitz im Planungskomitee der Stadt, wo er regelmäßig auf Hansen trifft. In vielen Punkten sind sich die Dänen und die Stadtregierung einig, und die Ukrainer haben stets ein Vetorecht. Außerdem versucht man, mit Gewerbeparks, Steuernachlässen und beschleunigten Genehmigungsverfahren Investoren anzulocken. Doch das gestaltet sich schwierig: „Die Blockade der Häfen trifft uns besonders schwer“, so Falko. Es gibt kaum noch Großindustrie, hauptsächlich sorgen Kleinunternehmen wie etwa Cafés oder Restaurants für Steuereinnahmen. Die schwinden allerdings, während die Kosten weiter steigen. „Unser Budget weist ein Minus von 20 Prozent aus. Wir brauchen daher Unterstützung von der Regierung in Kyjiw oder aus dem Ausland.“

Regelmäßig empfängt Dmytro Falko Unternehmer in der Stadt, fast alle versprechen Investitionen – nach Kriegsende. Oder zumindest nach einem verlässlichen Waffenstillstand. „Warum sollte jemand hier auch seine Zentrale aufbauen, wenn eine Shahed-Drohne sie jederzeit zerstören kann?“, fragt Falko. Dennoch will er nicht nachlassen. „Wir brauchen internationale Unterstützung, können jedoch nicht allein auf sie setzen. Es gibt Grenzen.“ Sonst, sagt Falko, werde Mykolajiw abhängig von den Finanzspritzen. Daher sei unternehmerische Initiative notwendig, auch mit Blick auf einen EU-Beitritt der Ukraine. „Der Staat wird sich aus vielen Bereichen zurückziehen müssen“, sagt Falko, es brauche mehr Wettbewerb und weniger Kontrolle. „Wir müssen erwachsen werden.“

Für Hansen verlangt der Umbau der Stadt vor allem: Geduld. „Es wird noch dauern, bis alle Großprojekte umgesetzt sind“, sagt er, „aber wir sind auch auf eine lange Unterstützung eingestellt.“ Erfolgreich sei seine Arbeit, wenn die Menschen in zehn Jahren weiterhin in Mykolajiw leben und arbeiten – selbst wenn der Krieg dann noch immer nicht vorbei sein sollte. Die Stadt stehe für eine Ukraine, die auch unter Beschuss funktioniert.

Der Ingenieur Anatolij Strelnykow denkt ebenfalls längst weiter als nur bis zum nächsten Winter. Früher hat er repariert, was die russischen Raketen zerstört hatten. Heute plant er Jahre voraus: Wo müssen neue Leitungen verlaufen? Welche Reserven braucht die Stadt?

Er geht langsam über das Kraftwerksgelände, sein Blick schweift über alte Rohre und neue Anlagen. Schließlich bleibt er unter einer neuen, silbern glänzenden Fernwärmeleitung stehen. Aufrecht. Wie die Stadt. ---

Die Kosten des Wiederaufbaus

Die fünfte Schadensanalyse von Weltbank, ukrainischer Regierung, EU-Kommission und UN beziffert den Bedarf von 2026 bis 2035 auf knapp 588 Milliarden Dollar – also fast das Dreifache des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts von 2025. .

Dänemark hat bis August 2026 rund 11,4 Milliarden Euro für die Ukraine bereitgestellt: 10,3 Milliarden für das Militär, 1,1 Milliarden für zivile Projekte. Für den Wiederaufbau der Stadt und Provinz Mykolajiw wies das Außenministerium im Mai 2026 rund 274 Millionen Euro aus.

Was bislang dort fertigestellt wurde:

— Schutzräume: drei an Schulen sowie ein Strahlenschutzraum.

— Wohnen: 59 Mehrfamilienhäuser für mehr als 1.000 Haushalte wurden repariert.

— Wasser: 50 Umkehrosmose-Anlagen und zwei Belüftungssysteme zur Trinkwasseraufbereitung sowie 83 Pumpen. Der Danish Refugee Council lieferte rund 24 Kilometer korrosionsbeständige Rohre.

— Energie und Wärme: 13 mobile Heizstationen, 27 Energieprojekte an öffentlichen Einrichtungen der Region, darunter Solaranlagen und Speicher für Sozial- und Gesundheitseinrichtungen sowie Wasserbetriebe.

— Bildung und öffentliche Gebäude: Gesichert oder wieder nutzbar gemacht wurden unter anderem das historische Arkas-Lyzeum und ein Wohnheim der Nationalen Universität für Agrarwissenschaft für rund 600 Studentinnen und Studenten.

Literatur zum Thema:

Die Ukraine widersteht dem Aggressor auch dank rasanter technischer Fortschritte auf vielen Gebieten. Was sich von dem Land lernen lässt, schildert die langjährige Osteuropa-Korrespondentin Mareike Müller in ihrem neuen Buch: „Die Zukunft erfinden – mitten im Krieg“, Finanzbuch-Verlag, 288 Seiten, 22 Euro.