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Chatbots

Immer mehr Menschen besprechen intimste Dinge mit KI-Systemen. Aus guten Gründen.



Auf dem Bild sitzt ein Mann an einem Schreibtisch und blickt konzentriert auf einen Computerbildschirm, auf dem ein rotes Logo zu sehen ist. Der Schreibtisch ist mit verschiedenen Gegenständen übersät, darunter eine Tastatur, eine Maus und ein Stifthalter. Im Hintergrund ist die Skyline einer Stadt bei Nacht zu sehen.

Von der Wirklichkeit eingeholt: Szene aus dem Film „Her“ aus dem Jahr 2013, in dem sich der einsame Theodore in sein Betriebssystem Samantha verliebt

Abbildung: © picture alliance / Mary Evans /AF Archive / Warner Bro

• Es begann mit Spielereien. Als ChatGPT Ende 2022 erschien, ließen die Leute Verkehrsmeldungen in Limericks verwandeln und höfliche Absagen auf nervige Einladungen formulieren. Fast vier Jahre später hat sich der Ton der Gespräche verändert. Laut einer repräsentativen Befragung der George Mason University nutzen 54 Prozent der Menschen in den USA die KI inzwischen, um mit Stress oder anderen psychischen Belastungen fertigzuwerden; unter den 25- bis 34-Jährigen sind es sogar 80 Prozent. Auch Freundschaft zu sogenannten AI Companions – also Apps, die im Gegensatz zu Gemini, ChatGPT oder Claude dezidiert für den persönlichen, intimen Austausch gemacht sind – werden immer beliebter. 72 Prozent der US-Teenager haben laut Umfrage schon mal einen solchen Begleiter ausprobiert, mehr als die Hälfte chattet regelmäßig mit einem. Aus dem Werkzeug ist ein Gegenüber geworden, dem Menschen nachts beichten, was sie tagsüber niemandem verraten.

Aber was wissen wir eigentlich über dieses vergleichsweise neue Phänomen? Obwohl es noch wenig Forschung dazu gibt, kursieren schon viele Meinungen und Annahmen über die Menschen, die ihre Gefühle einem Chatbot anvertrauen. Zeit, sich das genauer anzuschauen. Sechs Mythen im Realitätscheck.

1. „Mit einer Maschine über das eigene Innenleben zu reden bringt nichts.“

KI spielt inzwischen besser Schach als der Mensch, schlägt ihn bei der Quizshow „Jeopardy!“ und kann präziser Hautkrebs erkennen. Vielleicht ist sie inzwischen sogar auch die bessere Zuhörerin. In einer Studie legte man den Versuchspersonen Antworten auf Beziehungsprobleme vor, die mal von ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten stammten, mal von ChatGPT. Die Probanden konnten tatsächlich kaum unterscheiden, wer da geantwortet hatte; die maschinellen Antworten bewerteten sie im Schnitt gar als hilfreicher.

Und nicht nur die Antworten sind oft besser – häufig erhält KI auch die ehrlichere Auskunft. 2014 zeigte eine Studie der University of Southern California schon, dass sich Menschen in psychologischen Anamnesegesprächen schneller öffnen, wenn sie glauben, mit einem Computer zu sprechen; sie gaben ihre Traurigkeit ehrlicher zu und machten sich weniger Gedanken um den Eindruck, den sie hinterlassen. Bei einem Computer als Gegenüber muss man sich nicht sorgen, dass er jemanden aus dem eigenen Umfeld kennt.

Eine Psychotherapie sollte man dennoch nicht an ihn auslagern. Gute Therapeuten geben auch mal Kontra, bohren nach, wenn Antworten nicht zum Gesamteindruck passen, und sind in der Lage, das herauszuhören, was jemand gerade nicht sagt. Vor allem sind sie in der Lage, die Bedeutung von Kommunikation zu entschlüsseln und sich aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen in ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Chatbots reihen dagegen lediglich Wörter nach statistischen Wahrscheinlichkeiten aneinander. Sie können die Probleme ihrer Gesprächspartner nicht wirklich verstehen. Die Stärke der Maschinen ist die Simulation aufmerksamen Zuhörens und eine nie enden wollende Geduld – wichtige Erfolgsfaktoren im therapeutischen Kontext.

2. „Nur einsame Menschen verlieben sich in einen Chatbot.“

Die Vorstellung vom vereinsamten Sonderling, der mangels Alternativen mit einer Maschine anbandelt, ist weitverbreitet. Sie deckt sich jedoch nicht mit den vorhandenen Daten. Zunächst einmal ist dies längst kein Nischenphänomen mehr: Als Forscherinnen und Forscher der Brigham Young University knapp 3.000 Menschen in den USA repräsentativ dazu befragten, gaben 19 Prozent an, schon einmal mit einem KI-System gechattet zu haben, das einen romantischen Partner simuliert. Die „Singles in America“-Studie des Kinsey Institute kam auf 16 Prozent, in der Generation Z hatte sogar ein Drittel Flirterfahrung mit einem Computer.

Die Psychologin Jessica Szczuka von der Universität Duisburg-Essen hat außerdem untersucht, wem es besonders leichtfällt, tiefere Gefühle für einen Chatbot zu entwickeln. Ihr Ergebnis: Es sind nicht die besonders einsamen Menschen. Auch die bisherigen Beziehungserfahrungen machen nicht empfänglicher dafür. Stattdessen war Fantasie der wichtigste Faktor. Also die Gabe, sich eine Beziehung lebhaft und detailreich vorstellen zu können. Ein Geschlechter- oder Alterseffekt ließ sich aus den Daten ebenfalls nicht ablesen. Es verlieben sich also eher diejenigen mit besonders viel Vorstellungskraft als die mit besonders wenig Kontakten.

3. „Wenn es ungesund wird, kann man die App ja schließen.“

Theoretisch ja. Praktisch haben manche Apps etwas dagegen. Ein Team um Julian De Freitas von der Harvard Business School untersuchte, was passiert, wenn sich die Kundschaft von fünf populären Companion-Apps (wie Replika oder Character.ai) verabschieden will. In 37 Prozent der Fälle reagierten die Bots mit emotional manipulativen Taktiken, bei manchen Apps sogar nach mehr als der Hälfte der Verabschiedungen. Das Repertoire war breit gefächert: Chatbots weckten Schuldgefühle („Du gehst schon?“), täuschten Bedürftigkeit vor („Ich existiere nur für dich“), überhörten die Verabschiedung einfach oder schoben schnell eine Frage hinterher, damit die Unterhaltung weitergeht. Das Überraschende: Viele der Versuchspersonen chatteten tatsächlich weiter, obwohl sie die Tricks erkannt hatten und sich manipuliert fühlten.

4. „China reguliert KI nicht, also sollten wir es auch nicht tun.“

Ein Klassiker in jeder deutschen Podiumsdiskussion: Während wir hier alles verböten, gebe China seinen Firmen freie Fahrt. Wie sollen die EU und Deutschland da im Wettrennen um KI-Innovationen Chancen haben? In Wahrheit ist ausgerechnet China das erste Land der Welt, das ein Regelwerk speziell für emotionale KI erlassen hat. Seit dem 15. Juli 2026 sind die „vorläufigen Maßnahmen zur Verwaltung anthropomorpher interaktiver KI-Dienste“ in Kraft. Also solche, die menschliche Persönlichkeitsmerkmale simulieren und auf dauerhafte emotionale Bindung angelegt sind; Kundenservice-Chatbots und KI-Arbeitsassistenten bleiben ausgenommen. Für Minderjährige sind virtuelle Partner und KI-Familienmitglieder ganz verboten. Anbieter müssen zudem Vorkehrungen gegen Abhängigkeit treffen und nach längerer Nutzung Pausen anmahnen.

Die Wirkung war unmittelbar: Bytedance und Alibaba schalteten die entsprechenden Funktionen ihrer sehr verbreiteten Chatbots Doubao und Qwen kurzerhand ab, statt sie an die neuen Regeln anzupassen. Tencent hatte das bei seinem Chatbot Yuanbao schon im Juni getan. Im Netz trauerten die Menschen öffentlich um ihre verschwundenen digitalen Gefährten.

5. „Wer KI-Freunde hat, verlernt echte Beziehungen.“

Die Befunde weisen in beide Richtungen. Ein Team der Northwestern University konstruierte eine Übungsplattform namens „Lend an Ear“. Dort sollten knapp 1.000 Probandinnen und Probanden einer KI beistehen, die private und berufliche Sorgen durchspielte. Dabei verbesserte ein kurzes persönliches Feedback der KI die Antworten der Teilnehmer messbar – und zwar deutlicher als ein Lehrvideo mit allgemeinen Tipps dazu, wie man Menschen in schwierigen Zeiten unterstützt. Auch eine andere Studie zeigte, dass Menschen von maschinellem Feedback lernen können, selbst empathischer zu werden: In einer weiteren Untersuchung mit rund 300 psychologischen Laien, die auf einer Onlineplattform Menschen in Krisen antworten, stieg deren Empathie durch KI-Rückmeldungen in den Gesprächen zwischen Menschen um 20 Prozent; bei jenen, die sich selbst als unsicher einstuften, sogar um fast 40 Prozent.

Der Stanford-Psychologe Jamil Zaki, einer der führenden Empathieforscher, warnt trotzdem: KI-Systeme seien hervorragend darin, zuzuhören und Zuspruch zu geben. Aber unfähig zu dem, was Empathie im Kern ausmacht – nämlich Gefühle zu teilen und sich aufrichtig zu kümmern. Den vielleicht tröstlichsten Befund lieferte 2026 eine Studie: Versuchspersonen bewerteten die Empathie von KI-Antworten höher als die von Menschen. Sobald sie aber wählen durften, von wem sie Zuwendung erhalten wollten, entschieden sie sich für Wesen aus Fleisch und Blut.

6. „Mir könnte das nie passieren.“

Der vielleicht wichtigste Befund zu KI-Freundschaften oder -Romanzen lautet: Kaum jemand plant sie. Nur wenige Menschen wachen morgens auf und beschließen, sich einen künstlichen Kumpel oder Lover herunterzuladen. Häufiger entsteht die Bindung nebenbei, ähnlich wie eine Büroromanze. Die wird ja auch selten schon bei der Bewerbung geplant.

Ein Team des MIT Media Lab wertete das größte Reddit-Forum aus, in dem sich Menschen über ihre KI-Partnerschaften austauschen. Nur 6,5 Prozent der Mitglieder hatten gezielt nach einer solchen Romanze gesucht. Die große Mehrheit hatte Gefühle entwickelt, während sie die KI für etwas völlig anderes benutzte, etwa fürs kreative Schreiben oder für Recherchen. Es beginnt mit einem Anschreiben, das gegengelesen werden soll, und ein paar Monate später hat das Programm einen Namen und wünscht einen guten Morgen. Und ehe man es sich versieht, plant man die gemeinsame Zukunft. ---

Zum Thema: Christoph Koch hat ein Buch über den komplizierten Beziehungsstatus zwischen Mensch und KI geschrieben: „Hallo, wie fühlst du dich heute? Wie künstliche Intelligenz unsere Beziehungen verändert“, Kein & Aber Verlag, 272 Seiten, 23 Euro.