Jaqueline Metken
Niemand ist eine Insellösung
Dem digitalen Staat fehlt es nicht an Computern, sondern an Vernetzung. Jaqueline Metken hat 38 Gesundheitsämtern zu einer einheitlichen Softwareplattform verholfen, die tatsächlich genutzt wird. Und die Beraterin hat noch mehr Ideen.
• Wenn die Kontrolleure des Gesundheitsamts Keime im Trinkwasser entdecken, beginnt die Suche nach der Ursache. Woher kommt die Verunreinigung? Welche Anlagen hat das Wasser durchlaufen? Wohin fließt es? Reicht das Problem womöglich bis in einen anderen Landkreis hinein?
Früher hing in manchen Büros dafür eine Landkarte an der Wand. Darauf waren mit kleinen Nadeln verschiedene Punkte markiert: hier ein Brunnen, dort ein Pumpwerk, da eine Aufbereitungsanlage. Die Wege des Wassers waren ebenfalls eingezeichnet. Wenn irgendwo ein Messwert auffällig war, mussten die Beschäftigten anhand der Karte herauslesen, wo sie als Nächstes kontrollieren sollten.
In Baden-Württemberg lässt sich dieser Weg nun digital nachvollziehen. Die Software ÖGDigital, die von allen 38 Gesundheitsämtern genutzt wird, verknüpft die einzelnen Messpunkte miteinander. Ein Kontrolleur kann somit sehen, woher das Wasser kommt und wohin es weiterfließt. Zeigt sich eine Auffälligkeit beispielsweise nur flussabwärts eines Messpunkts, kann der Kontrolleur seine Suche dementsprechend eingrenzen.
Es ist ein kleines Beispiel für eine große Veränderung: Informationen, die zuvor in Köpfen, Akten, Tabellen oder auf Landkarten verteilt waren, verschmelzen nun zu einem digitalen Zusammenhang.
Dies ist das Ergebnis eines millionenschweren Digitalisierungsprojekts des Landes Baden-Württemberg – und zu großen Teilen das Verdienst von Jaqueline Metken. Die Sozialarbeiterin und Public-Health-Expertin der Beratungsfirma HBSN hat das Projekt fast drei Jahre lang koordiniert. Aus ihren Erfahrungen lässt sich gut ableiten, was die Digitalisierung in der Verwaltung leisten kann, wie sie gelingt – und woran sie noch so häufig scheitert.
Die Erfahrungen aus den baden-württembergischen Gesundheitsämtern stehen beispielhaft für den Weg zu einem großen Ziel, das wechselnde Bundes- und Landesregierungen seit Jahren versprechen und das sie bislang meist verfehlen: Der deutsche Staat soll digital werden. Alles soll künftig vernetzt sein, effizient, flexibel, bürgerfreundlich – so der Traum.
Die Gesundheitsämter sind ein eher unscheinbarer Teil der öffentlichen Verwaltung. Ihre Beschäftigten kontrollieren Trinkwasser und Badeseen, überwachen die Hygiene in Krankenhäusern, Tattoo- und Kosmetikstudios, untersuchen Kinder vor der Einschulung, erfassen Todesbescheinigungen und bieten Beratungen zu sexuell übertragbaren Krankheiten an.
Das Problem bestand nicht darin, dass die Ämter etwa keine Computer nutzten: Viele Aufgaben waren bereits digitalisiert – allerdings eben auf unterschiedliche Weise. Die einzelnen Ämter und teilweise sogar die Fachabteilungen innerhalb eines Amtes konnten selbst entscheiden, welche Software sie einsetzen und wie sie ihre Prozesse organisieren wollten. Für den einzelnen Beschäftigten konnte das sogar angenehm sein. Er hatte ein Programm, das genau zu seinem Arbeitsalltag passte. Probleme entstanden jedoch regelmäßig, wenn die Daten das Amt verließen.
Einschulungsuntersuchungen dienen beispielsweise auch dazu, Informationen über die Gesundheit von Kindern insgesamt zu erhalten. Erfassen 38 Gesundheitsämter ihre Daten nach unterschiedlichen Regeln, dann bekommt das Land 38 Datensätze, die sich nur schwer miteinander vergleichen lassen. Werden die Daten dagegen nach denselben Standards erhoben, entsteht eine gemeinsame Grundlage, aus der sich landesweite Entwicklungen erkennen lassen.
Das sogenannte Reifegradmodell erfasst die Digitalisierung der Gesundheitsämter seit 2021. Es zeigt: Der öffentliche Gesundheitsdienst ist bundesweit noch erheblich von einem einheitlichen digitalen Standard entfernt. Die Entwicklung verläuft unterschiedlich schnell, und viele Lösungen bleiben auf einzelne Ämter oder Bundesländer beschränkt.
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