Rebecca Arcesati
Die China-Frage
Wie ist die chinesische KI einzuschätzen? Sollten deutsche Unternehmen damit arbeiten? Antworten von Rebecca Arcesati vom Mercator Institute for China Studies.
• Anfang 2025 überraschte das bis dahin weitgehend unbekannte chinesische Start-up Deepseek die Welt: Es präsentierte ein KI-Sprachmodell, das mit denen der amerikanischen Techgiganten mithalten konnte. Dabei sei es mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand und wenig Hardware ausgekommen. In der Folge stürzten die Aktienkurse des Chipentwicklers Nvidia und der US-KI-Konzerne ab.
Kürzlich haben weitere chinesische Start-ups, zum Beispiel Z.AI oder Moonshot AI, ebenfalls konkurrenzfähige Sprachmodelle auf den Markt gebracht und damit den Druck auf die US-Anbieter wie OpenAI, Anthropic und Google noch erhöht – zumal es sich bei den genannten Modellen um Open-Weight-Systeme handelt. Heißt: Ihre sogenannten trainierten Gewichte (die Zahlenwerte, die das Wissen der KI speichern) sind öffentlich zugänglich und lassen sich kostenlos herunterladen. Außerdem bieten die chinesischen KI-Firmen ihre Dienste sowohl für Privatkunden als auch für Unternehmen zu einem Bruchteil des Preises an, den OpenAI und Co verlangen. Hier die Einschätzungen der China-Kennerin Rebecca Arcesati dazu.
brand eins: Frau Arcesati, unlängst brauchte es sechs bis zehn Monate Entwicklungszeit, bis die chinesischen KI-Modelle ähnlich leistungsstark waren wie die der führenden US-Anbieter. Aktuell ist der Rückstand auf vier bis sieben Monate geschrumpft. Sind die Chinesen bald gleichauf?
Rebecca Arcesati: Mit solchen Zeitangaben wäre ich vorsichtig. Es hängt davon ab, was gemessen wird: das Schlussfolgerungsvermögen eines Modells, Programmierung oder Sicherheit. Bei Letzterem haben auch US-Modelle jüngst Schwächen gezeigt. Fest steht: Chinesische Unternehmen haben den Abstand in erstaunlich kurzer Zeit deutlich verringert. Und das unter schwierigen Bedingungen, denn der Zugang zu den leistungsfähigsten Chips ist durch Exportkontrollen der USA stark eingeschränkt.
Das US-Unternehmen Anthropic wirft Deepseek und zwei weiteren chinesischen Anbietern vor, sein KI-Modell Claude millionenfach genutzt zu haben, um die eigenen Modelle zu verbessern. Ist das ein Verstoß gegen das Fair Play?
Distillation ist eine gängige Praxis in der KI-Branche. Dabei nutzt man das Verhalten und die Antworten eines leistungsfähigen Modells, um ein kleineres so zu trainieren. Etwas anderes ist es, wenn die Unternehmen sich über gefälschte Accounts Zugang zu einem Konkurrenzmodell verschaffen und ihm durch gezielte Fragen System-Prompts oder Verhaltensmuster entlocken. Anthropic wirft chinesischen Unternehmen genau das vor.
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