02 – Führung, Verantwortung und das Märchen von der Augenhöhe
Ein Austausch zwischen den langjährigen Kollegen Wolf Lotter (Autor) und Gabriele Fischer (Chefredakteurin) über den Fortschritt und was ihn behindert.
Fotovorlagen für die Zeichnungen: © André Hemstedt & Tine Reimer; © Katharina Lotter, 2021
Wolf Lotter: Gabriele, warum ist Führung eigentlich immer noch ein so heißes Thema?
Gabriele Fischer: Ich denke, es gibt in der Gesellschaft eine große Sehnsucht danach, dass es da oben jemand hinkriegt. Das Interesse am Thema hat aber wohl auch mit der Enttäuschung und Überforderung von Menschen in Organisationen zu tun.
Wolf: Oben oder unten?
Gabriele: Sowohl als auch. Wenn der Laden nicht läuft, hat die Führung versagt – das ist für die Belegschaft entlastend. Gleichzeitig führt das aber zu einer dauerhaften Überforderung der Führungskräfte. Sie können nicht für alles verantwortlich und zuständig sein, was in einer komplexen Organisation passiert.
Wolf: Vielleicht sind Führungskräfte heute gerade deshalb oft überfordert, weil die Geführten paradoxe Erwartungen haben, nach dem Motto: „Erledige alles für mich, trage die Last, aber lass mich ansonsten in Ruhe das machen, was mir gefällt.“ Sie erwarten eine Art Komfortzonen-Leadership.
Gabriele: Es ist erst mal nichts Falsches daran, wenn die Leute Freiheiten fordern. Problematisch sind die, die sich ungern führen lassen wollen – aber sofort den Verantwortlichen suchen, wenn etwas schiefgelaufen ist.
Wolf: Dafür könnte auch die bei Politikern und Chefs gleichermaßen beliebte Botschaft mitverantwortlich sein: Ich kümmere mich um euch! Man gibt den Menschen das Gefühl, sie seien für die großen und schwierigen Entscheidungen nicht zuständig.
Gabriele: Hast du eine Idee, woher diese Haltung kommt?
Wolf: Eine Ahnung: Ein Soziologe hat einmal gesagt, er würde gern das Erstaunen im Gesicht des ersten Menschen sehen, dem ein anderer die Macht zu Füßen gelegt hat – ohne Not.
Gabriele: Ein schönes Bild.
Wolf: Macht heißt in der Praxis, entscheiden zu dürfen. Es gibt Leute, die haben Angst davor. Deshalb geben sie das Recht auf Entscheidung – und damit oft genug die Selbstbestimmung – ab. Andere greifen nach dieser Macht, weil sie damit etwas anfangen können. Das alles passt gut in die Stammesgesellschaft, die heute wieder aufblüht. Zur Moderne, zur Demokratie mit ihren für sich selbst verantwortlichen Menschen passt das nicht.
Gabriele: Und auch nicht zu modernen Unternehmen, in denen Wissen und Kreativität zählen. Die Wissensarbeiter wissen laut dem Managementvordenker Peter F. Drucker mehr über ihre Arbeit als ihr Chef.
Wolf: Und sie sind auch für mehr verantwortlich. Anders gesagt: Wer will, dass es besser wird, muss die Dinge selbst in die Hand nehmen.
Gabriele: Das ist allerdings bislang in den wenigsten Unternehmen Realität. Noch nicht einmal in den großen Techfirmen wie Apple oder Google, die lange als Hort der Freiheit für ihre Beschäftigten galten. Wenn sich aber hierarchische Systeme selbst dort so stabil halten, müssen beide Seiten etwas davon haben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden entlastet. Aber was haben die Führungskräfte davon? Fühlen sie sich allmächtig?
Wolf: Einige sicher. Manche inszenieren sich als Fürsten, andere geben den Kumpel, der gern auf Augenhöhe mit den Beschäftigten redet. Bis das Unternehmen in eine Krise gerät.
Gabriele: Dann sagen die, die das mit der Augenhöhe sowieso nie geglaubt haben: „Moment mal, das haben wir nicht gemeinsam verbockt – du als Chefin bist diejenige, die entscheidet! Also bist auch du verantwortlich.“
Wolf: Vielleicht könnte mehr echte Projektverantwortung etwas ändern. Ich kenne das aus der Kommunalpolitik: In ihrer Gemeinde kennen sich die Leute aus – wenn der Bürgermeister Mist baut, fliegt das schnell auf. Aber als Bürgerin kennst du auch die Sachzwänge und weißt, dass Schuldzuweisungen allein zu kurz greifen. Du musst dich also konstruktiv am politischen Prozess beteiligen, wenn du etwas ändern willst. Wäre das nicht ein Schritt nach vorn: eine Verantwortungsdemokratie, die man auch versteht?
Gabriele: Ich bin nicht sicher, ob das Modell auch für die Wirtschaft taugt. In Konzernen werden Hierarchien oft mit Geld zementiert. Wenn ein Vorstand das 40- oder 50-Fache eines Beschäftigten verdient, ist damit auch ein Anspruch verbunden.
Wolf: Ich finde es grundsätzlich richtig, dass jemand, der den Kopf hinhält, mehr verdient. Gleichheit ist, wenn es um Leistung geht, kontraproduktiv.
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Wer mehr Geld hat, hat mehr Möglichkeiten und kann leichter Nein sagen.
Gabriele: Allerdings zementiert die massive finanzielle Abgrenzung der Führungsriege dieses ungute Gefühl: „Die da oben, wir da unten.“
Wolf: Das ist ja auch so. Wer mehr Geld hat, hat mehr Möglichkeiten, mehr Freiheiten, kann leichter Nein sagen. Das kann zu Unabhängigkeit und dem Mut zu unternehmerischer Entscheidung führen. Problematisch ist, dass heute vor allem Topmanager die Chance auf diese Unabhängigkeit haben, weil sie hoch abgesichert sind.
Gabriele: Da sind wir wieder bei der Verantwortlichkeit. Der Mittelmanager wird gefeuert, wenn er etwas falsch entscheidet. Der Topmanager wird mit fünf Jahren Abfindung abgelöst. In wie vielen Fällen wurde schlechtes Management wirklich bestraft?
Wolf: In sehr wenigen. Das liegt auch an den Managerhaftpflichtversicherungen, die den Schaden übernehmen, wenn Führungskräfte etwas verbockt haben. Diese Absicherung ist einerseits verständlich, weil niemand den Job machen würde, wenn er mit seinem Privatvermögen für Milliardenschäden haften müsste. Andererseits führt es zu dem, was der Autor Nassim Nicholas Taleb als fehlendes „Skin in the Game“ beschreibt – es geht nicht um die eigene Haut. Das unterscheidet leitende Angestellte von Unternehmern. Und sie sind es auch, die gerne nach der Politik oder Subventionen rufen, wenn es nicht gut läuft.
Gabriele: Wer geht heutzutage überhaupt noch Risiken ein?
Wolf: Jeder, der weiß, dass er mehr gewinnen als verlieren kann – und der sicher sein kann, nicht ins Bodenlose zu fallen. Risikobereitschaft braucht Grundsicherheit. Wer weiß, dass ein Fehler existenzbedrohend wäre, wird sich wegducken.
Gabriele: Wieso sollten Beschäftigte dann Verantwortung übernehmen?
Wolf: Programme zu Intrapreneurship haben jedenfalls nichts gebracht. Irgendwer hat das Kapital, und irgendwer hat den Hut auf. Und auch wenn der Hut eingedrückt wird, weil die Wirtschaftskrise zuschlägt, ist es immer noch ein Hut. Die anderen haben nicht mal eine Mütze.
Gabriele: Die aktuelle Situation macht es nicht leichter. Durch die notwendige Transformation werden viele Leute vor die Tür gesetzt, und die hoffen vor allem auf Versorgung.
Wolf: Risikobereitschaft ist nur zu haben, wenn einen die Veränderung nicht umbringt – und genau das ist in Krisen und in Transformationszeiten selten der Fall. Wichtig wäre die Botschaft: Egal, wie es kommt, wir lassen dich nicht hängen. Damit meine ich nicht den Rundumschutz vor jeglicher Veränderung, sondern die Gewissheit, dass man nicht ins Bodenlose fällt. Eine Fehlerkultur muss materiell unterfüttert sein.
Gabriele: Aber wir wissen beide: Eine Grundsicherung oder auch eine kleine Rente können diese Sicherheit nicht bieten. Die Lebenshaltungskosten sind so aus dem Ruder gelaufen, dass Risikofreude zum Luxus geworden ist.
Wolf: So ist es. Deshalb wäre die vorrangige Aufgabe: diese Grundsicherheit wieder herzustellen. Sonst bleibt der Ruf nach Eigenverantwortung für viele leider nur eine hohle Phrase. Wir reden seit drei, vier Jahrzehnten über die Reform der Sozialsysteme, und es ist nichts geschehen. Warum? Weil es immer nur um Verlust und Gewinn geht statt um ein verlässliches System. Und weil sich die politische Führung nichts zutraut.
Gabriele: Was also tun?
Wolf: Wenn der Fisch von Kopf bis Flosse stinkt, kannst du ihn nicht mehr einbalsamieren. Da hilft statt einem Weiter nur ein radikaler Neuanfang, Der kommt durch Einsicht zustande oder Not. Ich bin für Einsicht. ---
